Regionalhistorische Aspekte
Klaus A.E. Weber
In der Zeit des Römischen Reiches war die kunsthandwerkliche Technik der Glasherstellung aus dem Vorderen Orient auch nach Mitteleuropa gelangt.
Im Mittelalter erfuhr die Glaserzeugung eine neue Blütezeit, vor allem wegen des großen Glasbedarfs von Kirchen und Klöstern.

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
In Folge steigender Bevölkerungszahlen, klimatisch günstiger Bedingungen mit reichen Ernten und technischer Fortschritte entstehen in Deutschland während der Zeit von etwa 1180 bis 1350 zahlreiche Städte.
Hierbei veranlassen auch machtpolitische Gründe Adel und Klerus, Städte zu gründen, da diese als befestigte Orte wirtschaftliche Gewinne durch Handel und Steuern versprachen.
Nach KOCH [7] setzte seit dem 11. und 12. Jahrhundert „ein umfassender Wandel der Herrschaftsstrukturen“ ein, einhergehend mit
So wurde das 12./13. Jahrhundert zur mittelalterlichen Epoche der Herrschaft, Repräsentation und Frömmigkeit, geprägt von Burgen, Rittern, Klöstern, aufkommenden Städten und Rodungssiedlungen.
Kirchen- und Klostergründungen wurden zu sichtbaren Zeichen der geistlichen Macht und Gottesherrschaft.
In jenem Zeitraum erfolgte der epochale „Aufbruch in die Gotik“ [8] mit technischen Innovationen.
⋙ KOCH (2023): Die mittelalterliche Burgen- und Städtepolitik der Reichsabtei Corvey.
⋙ Landes- und historische Regionalentwicklung in Niedersachsen
Regionalherrschaft im Beziehungsdreieck
Bezüglich der Regionalherren im 12. Jahrhundert spricht PARTISCH [15] „gewissermaßen von einem Dreiecksverhältnis“ zwischen
a) den weltlichen lokalen Herrschern
-
Graf Otto von Everstein
- Graf Siegfried IV. von Bomeneburg, (Boyneburg) zugleich Graf von Northeim und ab 1129 auch Graf von Homburg
-
Anmerkung: „Während die Eversteiner als Parteigänger der Staufer galten und in dieser Gegend schon etabliert waren, vertrat Siegfried auf Grund seiner Abstammung die Welfenpartei und musste in unserem Gebiet erst noch Fuß fassen!“[15]
b) der geistig-moralischen Instanz
- Kloster Amelungsborn, das auf die weltliche Herrschaft dieses Raumes ausstrahlte.
Nach STEPHAN [12] war die Glaserzeugung in den waldreichen Landschaften des Weserberglandes „eine wichtige Einnahmequelle für die Grundherren, insbesondere wohl für die Landesherrschaften als Herren großer Teile des Waldes“.
Da im Hochmittelalter die Interessen weltlicher und kirchlicher Grundherrschaften siedlungsprägend waren, ergeben sich hinsichtlich der Gründung und des Betriebs hoch- bis spätmittelalterlicher Waldglashütten im Umfeld des Hellentals soll folgenden Fragen zumindest ansatzweise nachgegangen werden:
-
Welchen Anteil hatten Waldglashütten bei der Erschließung, dem Ausbau und der Intensivierung hiesiger Kulturlandschaftsflächen?
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Wer waren um 1170–1300 die „big player“ als die Waldglashütten im Umfeld des Hellentals gründet und betrieben wurden - und vor etwa 1170 im Solling keine Märkte und Städte vorhanden waren?
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Wer übte in diesem Gebiet die Grundherrschaft mit den wertvollen Holzbeständen aus?
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Wer verfügte über eigenes oder fremdes betriebstechnisches Know-how, Waldglas zu erzeugen oder erzeugen zu lassen?
-
Wer waren die Gründer und Betreiber der Glashütten und wem lieferten sie ihre Glaswaren?
- Waren die hoch- bis spätmittelalterlichen Waldglashütten im Umfeld des Hellentals Klosterglashütten, möglicherweise des in der Nähe gelegenen Klosters Amelungsborn?
Grundsätzlich können hier auch Waldglashütten der nahe gelegenen Mittelgebirge Vogler und Homburgwald in Betracht gezogen werden.
Grundherrschaften und ihre wirtschaftliche, rechtliche und machtpolitische Basis
Zu den Grundherrschaften wichtiger sächsischer Adelsfamilien des 10. bis 12. Jahrhunderts gibt es angaben bei STEPHAN [9].
Als große politische und territoriale „big player“ jener Zeit gelten in der hier betrachteten Sollingregion
-
die Grafen von Everstein
-
die Edelherren von Homburg
- das Zisterzienserkloster Amelungsborn.
Im historischen Kontext mit der Glasverarbeitung in den baubezogenen Klosterwerkstätten des Benediktinerklosters Corvey [2] konnte am Südrand des Sollings auf Königsgrund bereits eine Waldglashütte des 9. Jahrhunderts mit dem Fokus auf der Fertigung von Fensterglas lokalisiert werden.[3]
Die im Jahr 822 in einer Weserschleife auf sächsischem Boden gegründete Reichsabtei verfügte seinerzeit über reiche Besitzungen im Umfeld und Waldrechte im Solling.
Pionierfunktion für den Ausbau von Ackerland
Grundlegende Betrachtungen zur Siedlungsgeschichte und zum Wandel der mittelalterlichen Kulturlandschaft im Oberweserraum finden sich in Veröffentlichungen von STEPHAN [6].
Wie STEPHAN [10] zur hoch- bis spätmittelalterlichen Raumerschließung am Solling exemplarisch ausführt, hatten möglicherweise Glashütten „Pionierfunktionen für den Ausbau des Ackerlandes im Bereich zwischen Nienover, Dankwardessen und Helmwardessen von 1150-1250“.
Des Weiteren führt STEPHAN hierbei aus: „Abgesehen von einigen Bereichen, in denen Glashütten in der Zeit um 1200 Pionierfunktionen für Rodung und Siedlung erfüllten, sind die sich langsam konkret abzeichnenden Glashüttenregionen wichtige Indizien für im 13. Jahrhundert noch verbliebene, mutmaßlich bewußt geschützte Waldgebiete.“
Mit Blick auf die Schwarzwald-Region, einem wichtigen Zentrum der historischen Glasherstellung im Südwesten, führt JENISCH [14] aus, dass weltliche und geistliche Grundherren dort gezielt die Ansiedlung von Glasmachern förderten, „vermutlich um auch um Ackerflächen für eine spätere Besiedlung zu erschließen“.
Waren vor etwa 1170 im Solling keine Märkte und Städte vorhanden, so entwickelte sich während der mittlalterlichen Rodungen im 12.-14. Jahrhundert etwa zeitgleich eine landesherrliche Stadtgründungswelle, insbesondere in Anschluss an landesherrliche Burgen, was letztendlich auch zur verstärkten Nachfrage nach Glaswaren geführt haben dürfte.[1]
Spätestens Ende des 15. Jahrhunderts gelangte Fürstenberg mit seinem ausgedehnten Waldbesitz im Solling in den Besitz der Wolfenbütteler Welfen, wobei sich das Territorium des Amtes Fürstenberg um 1589 u. a. über die Ortschaft Merxhausen am nördlichen Sollingrand erstreckte - und damit auch im Nordsolling das Hellental umfasste.
Zu Gunsten des Amtes Holzminden wurde Mitte des 17. Jahrhunderts das Amt Fürstenberg verkleinert.
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[1] STREICH 1996, S. 37.
[2] STREICH 1996, S. 97-101.
[3] STEPHAN 2020, S. 125.
[5] PETERSEN 2021.
[7] KOCH 2023, S. 122.
[8] PUHLE 2009.
[9] STEPHAN 2010, S. 62-63 Abb. 21.
[10] STEPHAN 2010, S. 68-72.
[12] STEPHAN 2010, S. 133.
[13] DBU 2018, S. 105.
[14] JENISCH 2022, S. 27.
[15] PARTISCH 2005b.