Civitas Corvey - gegründet, untergegangen, vergessen
Klaus A.E. Weber
Im Osten der erstmals in einer Urkunde aus dem Jahr 823 erwähnten Stadt Höxter, die damit zu den ältesten Städten in Norddeutschland zählt, liegt am Westufer der Weser die Stadtwüstung Civitas Corvey (1150-1200 bis 1265).
Die Stadt Höxter tritt im Zusammenhang mit der Gründung der nahegelegenen Reichsabtei Corvey ins Licht der schriftlichen Überlieferung (RABE).
Die Stadtwüstung "Civitas Corvey" ist seit dem 21. Juni 2014 neben dem karolingischen Westwerk des Klosters Corvey UNESCO-Welterbe.
▷ Geschichte von Höxter und Corvey
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Blick aus dem Holzkubus auf die ausgedehnte Stadtwüstung von Corvey
im Hintergrund die beiden Turmspitzen des karolingischen Westwerks
Oktober 2025
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Die Neustadt Corvey
Urbaner Siedlungsschwerpunkt vor den Toren der Reichsabtei Corvey
Im Weserbogen lag südlich des Klosters Corvey die in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von den Äbten Konrad (Abtszeit: 1160–1189) oder Widukind (Abtszeit: 1189–1203/5) [2] des Klosters gegründete Stadt Corvey.
Nach KURTE [3] wird in der Abtszeit von Widukind im Corveyer Güterverzeichnis der „Zins einer neuen Siedlung (nova Villa)“ erwähnt, zugleich auch die Erhebung von Abgaben im „suburbinum“ und in der „civitas“.
Als typische mittelalterliche Neustadtgründung zwischen den Jahren 1150 und 1200 tritt die Stadt Corvey in Konkurrenz zur älteren Stadt Höxter, erstmals 1190 als "nova villa in Corbeia" (Neustadt Corvey) überliefert.
Nach KOCH/KÖNIG/STREICH [4] blieb in Corvey „nach der Verlagerung des urbanen Siedlungsschwerpunktes in die Südhälfte um 1200 die Nordhälfte oder zumindest das nördliche Drittel der 55 ha großen umwallten Fläche weitgehend von Bebauung leer“.
Im Jahr 1255 wird urkundlich über einen Stadtrat und eine Brücke über die Weser berichtet.
Die Stadt Corvey gilt als eine „Boomtown des Mittelalters“ mit rund 2000 Einwohner*innen und 400 Häusern auf einer Fläche von 550 km².
Auf dem städtischen Markt wurde mit Lebensmitteln, wie Feldfrüchte, Handwerksarbeiten und anderen Güter gehandelt.
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Umwallte mittelalterliche Stadt Corvey mit dem befestigten Kloster │ Modell [1]
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Niggenkerken
Die in der Karolingerzeit in unmittelbarer Nähe zum Kloster Corvey im Weserbogen erbaute Kirche Niggenkerken (Nova ecclesia) beheimatet einen Kanonikerstift, mit der Aufgabe betraut, Weltgeistliche für Pfarreien auszubilden.[10]
Niggenkerken hatte Pfarrechte, wie das wichtige Begräbnisrecht.
Das zunächst dem Heiligen Paulus geweihte, wohl mit Männern besetzte Stift wird in den 860er Jahren (um 863) erstmals erwähnt.
Aus dem Norden des Frankenreiches wurden um 863/864 die Gebeine der Heiligen Liutrud (Liutrud von Perthes) in das Wesertal gebracht.
Im 12. und 13. Jahrhundert wird die Kircheninstitution Niggenkerken – nunmehr das Stift Sankt Paulus und Sankt Liutrud - in Folge des Anwachsens der Stadt Corvey in diese eingeschlossen.
Nach der fast völligen Zerstörung der Stadt Corvey im Juli 1265 wird das Corveyer Kanonikerstift St. Paulus im April 1266 (bis 1267) auf Anordnung des Paderborner Bischofs Simon I. zur Lippe an die Pfarrkirche St. Petrus („Petrikirche“) innerhalb von Höxter umgesiedelt (Nova Ecclesia in Huxaria) – unter Mitnahme der Reliquien des Heiligen Paulus und der Heiligen Liutrud.
Hierbei gibt es Probleme mit dem Abt von Corvey, der die Umsiedlung ablehnt.
Heute sind von der ursprünglichen Stiftsanlage im Weserbogen fast keine Überreste mehr erkennbar.

Lage der Kirche "Niggenkerken" in der Stadt Corvey │ Modell [1]
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Bedeutende Handelsstadt des Mittelalters
Die Stadtanlage durchzog im Mittelalter eine von West nach Ost verlaufende, aufwändig gepflasterte Durchgangsstraße für den Fernhandel - der Westfälische Hellweg.
Der Hellweg, der auch zur Stadtentwicklung von Höxter maßgeblich beitrug, bildete mit seinen verschiedenen Wegetrassen die bedeutendste westfälische Warentransports- und Heerroute am nördlichen Rand der deutschen Mittelgebirgszone.[9]
Die Fernhandelsstraße verband das Rhein-Maas-Gebiet mit den Silbergruben in Goslar und Magdeburg.
Der archäologische Grabungsbefund (2023) der viel befahrenen Handelsstraße weist in Straßenlängsrichtung verlaufende Fahrbahnvertiefungen (ausgefahrene Spurrillen) auf, die durch die Räder von Frachtfuhrwerken entstanden.

Sichtbar gemachte historische West-Osthandelsstraße „Hellweg“
Rekonstruktion nach Grabungsbefund
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Der mittelalterliche Hellweg und die befestigte Weserbrücke
Durch die "marka Huxori" führte bis zur an einer alten Furt gelegenen Weserbrücke der mittelalterliche Hellweg, "der den Niederrhein im Westen mit dem Harzraum im Osten verband und der hier die Weser querte, der Bremer bzw. Frankfurter Straße in Nord-Süd-Richtung und dem Weserstrom."[9]
Urkundlich ersterwähnt ist die mittelalterliche Weserbrücke von Höxter im Jahr 1115, die der ostwestfälischen Stadt nach RÜTHING [11] „einen großen Teil ihrer wirtschaftlichen Bedeutung“ verdankte.
Nach KOCH [14] handelt es sich „um die älteste Erwähnung einer festen Weserbrücke am gesamten Weserstrom zwischen Hann. Münden und Nordsee, wodurch eindringlich die damalige Bedeutung von Höxter als Station am Hellweg belegt wird.
In der Urkunde von 1115 verbriefte Abt Erkenbert (1107–1128) [13] den Anwohnern des Marktes an der Brücke bestimmte Rechte an ihren Verkaufsständen, wobei er Höxter als Lebensmittel- und Nahmarkt sowie als königlich privilegierten Mark und somit Umschlagplatz für den Fernhandel ansprach.“
In einer Urkunde von 1249 hat Hermann I. von Holte, von 1223 bis 1255 Fürstabt der Abtei Corvey [12] den „burgenses Huxarienses“ einen „pontem ultra Wiseram construendum“ gewährt – die Erlaubnis zur Wiedererrichtung der Weserbrücke.
Wie RÜTHING [11] weiter ausführt, war die nach 1249 errichtete Weserbrücke, deren Form unbekannt ist, „für das ganze Mittelalter der einzige feste Weserübergang zwischen Hannoversch-Münden und Bodenwerder.
Die Stadt hatte hat ihre durch die Brücke gegebene privilegiert Stellung im West-Ost-Verkehr bis weit in die Neuzeit hinein gegen Konkurrenten verteidigen können.“
Stadt Höxter um 1790 mit der 1673 von französischen Truppen zerstörten Weserbrücke [16]
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Im Kontext mit der Neustadtgründung von Corvey vor den Toren des Klosters ist 1229 die Weserbrücke der Stadt Corvey belegt, obgleich bereits seit 1115 (erstmalig überliefert) im benachbarten Brückenort Höxter ein fester Flussübergang besteht, ein erster fester Weserübergang überhaupt.
Über den Hellweg gelangten Fernhandelswaren in die Stadt Höxter, die auf dem brückennahen Markt verkauft wurden.
Die Aufgabe der im Südbereich der Stadt Corvey im Weserbogen aus kommerziellen Gründen errichteten Brücke "bestand darin, den Fernhanselsverkehr von Höxter ab- und nach Corvey hin zulenken".[7]
Für das Jahr 1255 ist die Weserbrücke beurkundet, die im Verlauf des Hellweges und im Oberweserraum für den Fernverkehr mit Höxter konkurrierend eine wichtige strategische Funktion einnimmt.
Nach KURTE [12] soll der Abt Hermann I. von Holte im Jahre1255 die Bürger der Stadt Corvey gedrängt haben, ihre eigene Weserbrücke „möglichst schnell und mit aller Kraft fester und sicherer auszubauen“.

Abbildung in KURTE 2017 [8]
Als mittelalterliche West-Ostverbindung für den Fernhandel führt die Hauptstraße, die "Bruggestrate", im Südbereich der Stadt im Weserbogen zur neuerrichteten, steinernen Brücke über die Weser.
Für den Fernhandel konnte ein Brückenmeister an der etwa 200 m langen Weserbrücke ein Wege-Brückengeld ("Brückenpfennig") für die Stadt Corvey erheben.
Wie den Ausführungen von KOCH/KÖNIG/STREICH [7] zu entnehmen ist, profitierte das östlich der Weser gelegene Zisterzienserkloster Amelungborn von der Nutzung der Weserbrücke und vor allem von der Befreiung vom Brückenzoll.

Steinerne Brück über die Weser
Stadt Corvey │ Modell [1]
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Die Marktkirche
Südlich der Hauptstraße lag die um 1150 erbaute romanische Stadtkirche, zeittypisch in Ost-West-Ausrichtung (Altar im Osten, Turm im Westen).
Benachbart befand sich der Friedhof mit in Ost-West ausgerichteten Gräbern.
Die Marktkirche war eine große dreischiffige Basilika.
Sie bildete zusammen mit dem angrenzenden Markt den zentralen Ort für die Bürger*innen der Stadt Corvey.
Die Zerstörung der Stadt im Jahr 1265 im Stadtzentrum überstehend, wurde die Kirche erst 1512 aufgehoben.[6]

Nachempfundener Grundriss der Marktkirche mit umgebendem Friedhof
Juli 2023
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
1265 – Die Stadt geht im Feuer unter
Politische und wirtschaftliche Gründe führen zur völligen Zerstörung der aufblühenden Stadt Corvey im Weserbogen.
Einerseits stoßen während des 13. Jahrhunderts die Äbte des Klosters Corvey an die Grenzen ihres Kampfes um die politische Macht.
Andererseits sieht die aufstrebende Bürgerschaft der Stadt Höxter [15] in der nur 800 Meter entfernten Nachbarstadt eine bedrohliche wirtschaftliche Konkurrenz, denn in der prosperierenden Handelsstadt Corvey können Händler*innen ihre Waren anbieten.
Trotz ihrer Befestigung wird die Stadt in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 1265 von Truppen des Paderborner Bischofs Simon I. zur Lippe (um 1196-1277) aus wirtschaftlichen und politischen Gründen gestürmt und geplündert - gemeinsam mit Bürger*innen der benachbarten Höxter und Dienstleuten des Klosters Corvey.
Die Stadtbefestigung mit Toren und viele Häuser werden niedergebrannt, die Stadtbewohner*innen werden vertrieben.
Wie bei KOCH/KÖNIG/STREICH [5] ausführt wird, verfügte ein Jahr später (1266) "der Paderborner Bischof Simon selbstherrlich und heuchlerisch die Verlegung aus der – mit keinem Worte erwähnten – ehemaligen Stadt Corvey nach Höxter“.
Die teils völlig zerstörte Handelsstadt kann sich von dem katastrophalen Überfall nicht mehr erholen und die Stadt Corvey versinkt in Schutt und Asche.
Der verlassene Ort ist dem Untergang preisgegeben und wird schließlich zu einer Stadtwüstung.
Die einst befestigte Siedlungsfläche der Civitas Corvey wird heute archäologisch untersucht ("Archäologiepark im Weserbogen").

Blick auf die ehemalige Siedlungsfläche │ Mai 2024
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
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[1] Mittelalterliches Corvey │ Projektkurs Geschichte │ König-Wilhelm-Gymnasium 2014 │ hergestellt von Anna-Lena Sporleder.
[2] KURTE 2017, S. 113-119.
[3] KURTE 2017, S. 118.
[4] KOCH/KÖNIG/STREICH 2015, S. 41.
[5] KOCH/KÖNIG/STREICH 2015, S. 50.
[6] KOCH/KÖNIG/STREICH 2015, S. 61.
[7] KOCH/KÖNIG/STREICH 2015, S. 418-419.
[8] KURTE 2017, S. 112. In: KÖNIG/RABE/STREICH (Hg.): Höxter. Geschichte einer westfälischen Stadt. Bd. 1., Hans-Georg Stephan, Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Göttingen.
[9] KOCH 2023b, S. 4.
[10] KOCH/KÖNIG/STREICH 2015, S. 203-207.
[11] RÜTHING 1986, S. 49.
[12] KURTE 2017, S. 127-131.
[13] KURTE 2017, S. 92-95.
[14] KOCH 2023c.
[15] MEYHÖFER/KOCH 2025, S. 30-48.
[16] Ausschnitt: Fürstenberger Porzellan-Wandteller „Huxaria │ Höxter um 1790“.


