Kohlenmeiler im Hellental

Klaus A.E. Weber

 

Das sehr alte Waldgewerbe der Köhler, typisch für ein nicht-zünftiges Gewerbe ohne festen siedlungsspezifischen, aber an Rohstoffe gebundenen Standort, wurde insbesondere durch Sagen und Märchen zu einem romantischen Handwerk im abgeschiedenen Wald verklärt.

Dem gegenüber standen im Alltag die besondere körperliche Schwere der Arbeit, die wochen- bis monatelange Trennung von der Familie und der Verzicht auf jegliche persönliche Bequemlichkeit.

Sozialgeschichtlich oft nur am Rande betrachtet, befriedigte das Köhlereigewerbe in der vorindustriellen Gesellschaft einen elementaren Bedarf.[2]

Vor der ersten längeren Besiedlung des Hellentals überzog ein dichter Laubwald mit Buchen und Eichen die Berghänge des nördlichen Sollingtales.

Im Talgrund dehnten sich Erlenbrüche in Konkurrenz mit anderen Laubbaumarten aus.

Die Fichte als Wirtschaftsbaum spielte damals noch keine waldwirtschaftliche Rolle.

Noch stehen wir vor dem Beginn der geregelten Waldwirtschaft des 18. Jahrhunderts, vor dem Übergang von einer extensiven Waldwirtschaft zu einer arbeitsintensiven, geregelten Nutzungsform.

Neben der Gewinnung von Bau- und Werkholz hatten die Köhlerei und handwerklich verwandte Gewerbe schon seit alters her im Solling eine hervorgehobene waldwirtschaftliche Bedeutung.

Der Meilerbau und der damit verbundene Erwerbszweig des Köhlereihandwerkes, die „Kohlenbrennerei”, war ein wesentlicher Teil der früheren Waldwirtschaft.

Auch im Hellental war es ein häufig angewandtes Handwerk vor dem Hintergrund der waldwirtschaftlichen Entwicklung.

Holz und Holzkohle waren im vorindustriellen Zeitabschnitt die wesentlichen Brennstoffe, so auch im Herzogtum Braunschweig.[3]

In den ausgedehnten Laubwäldern des Sollings wurde über viele Jahrhunderte hinweg Holzkohle durch die Meilerköhlerei hergestellt.

Die Holzkohle war in jener Zeit ein wichtiges gewerbliches Heizmaterial.

Zum Kundenkreis der Köhler zählten hauptsächlich prosperierende Hüttenanlagen, insbesondere die landesherrlichen eisenverarbeitenden Betriebe der weiteren wie näheren Umgebung.

Das meiste Laubholz der waldreichen Sollingforsten wurde durch die Technik der Holzverkohlung wirtschaftlich nutzbar gemacht, wofür es ausgewiesene Kohlschläge oder Kohlenhaie gab.[4]

Im Hellental ist heute das Köhlereihandwerk ein längst erloschenes und inzwischen fast vergessenes ländliches Handwerk.

Wie kreisförmige, ebene Flächen und Bodenkleinfunde hinreichend belegen [1], haben im Hellental über eine lange Zeitperiode hinweg rauchende KohIenmeiler und die dazu gehörenden „Köten“ oder Köhlerhütten gestanden.

In den Sommermonaten dürfte der Rauchgeruch der Kohlenmeiler häufig durch das lang gestreckte Hellental gezogen sein.

Die während der Regierungszeit des Braunschweiger Herzogs Carl I. (reg. 1735–1780) von seinem Hofjägermeister Johann Georg v. Langen im „Weser-Distrikt“ vorangetriebene Forstreform zur rationelleren, nachhaltigen Forstwirtschaft [5] hatte letztlich auch zur Folge, dass Köhler allmählich aus dem durch anhaltend zügellosen Raubbau heruntergekommenen, erheblich devastierten Sollingwald gedrängt wurden und sich an den Waldrändern und –tälern ansiedelten.

Das Köhlereiwesen des Sollings und somit auch das im Hellental hatte im 17./18. Jahrhundert seine größte Ausbreitung und Blütezeit.

Die Meilerköhlerei „boomte” in jener Zeit.

Die expandierenden Hüttenbetriebe und Eisenhämmer in Merxhausen, Uslar, Dassel und Holzminden verbrauchten große Mengen von Holzkohle aus dem Solling für ihre Eisenerzverhüttung, aber auch die Eisen- und Silberhütten des Westharzes.[6]

Das Köhlereihandwerk war damals von besonderer Ortstreue gekennzeichnet, da auf den alten, vormals angelegten Kohlstätten der Brennvorgang im Kohlenmeiler am besten gelang.

Es wurde darauf geachtet, dass der Standort des Kohlenmeilers recht nahe an einem Weg lag und somit für die Holzanfuhr und die Holzkohlenabfuhr verkehrsgünstig zu erreichen war.

An den teils recht steilen Ost- und Westhängen des Hellentales waren allerdings eher selten von Natur aus ebene Flächen für Meilerstandorte anzutreffen.

Die Größe bzw. der Durchmesser eines Kohlplatzes richtete sich nach der Menge des zu verkohlenden Holzes.

Im Frühjahr zog der Köhlermeister mit seinen Gesellen und Hilfskräften in einem Pferdewagen zu den vorgesehenen Kohlstätten.

Dabei nahmen sie auch ihren Hausrat und das benötigte Handwerkszeug mitnahmen.

Die Köhler arbeiteten in der Regel als Saisonarbeiter mehrere Monate, meist vom März bis zum Buß- und Bettag, gelegentlich auch länger.

Die Holzkohlenherstellung erfolgte in einem definierten Waldareal, wo meist mehrere Kohlenmeiler zugleich betrieben wurden.

Im Rahmen der Braunschweiger Forstreform waren den Köhlern Waldabschnitte zur Holzgewinnung amtlich freigegeben worden („Kohlenhai“).

Überwiegend ordentliche Holzhauer und Waldarbeiter sorgten für das Schlagen des Holzes.[7]

Nach HEBBEL [8] gehörte zu einem „Kohlenhai“ ein Meister, 2 - 3 Gehilfen und „Haijungen“, die meist bis zu sechs Kohlenmeiler zugleich betreuten.

Da um die Wende des 19./20. Jahrhunderts die industrielle Holzkohlenproduktion auch in der Sollingregion zunehmend die jahrhundertealte Meilerköhlerei verdrängte und es aus Arbeitszeit- und Lohngründen immer schwieriger wurde, Köhlergesellen zu gewinnen, ging das alte Handwerk des Köhlers wirtschaftlich schlechten Zeiten entgegen, nicht zuletzt auch im Hellental.

Aufgrund der veränderten Erwerbssituation gingen Köhler wie Köhlermeister, neben ihrem eigentlichen Köhlerhandwerk, fast ausnahmslos weiteren Erwerbstätigkeiten nach. [9]

Der Zeitpunkt, zu dem schließlich die alte Meilerköhlerei und damit das Köhlereigewerbe im Hellental ganz zu dem schließlich die alte Meilerköhlerei und damit das Köhlereigewerbe im Hellental ganz aufgegeben worden war, ist nicht sicher belegt, könnte aber, wie auch anderorts in der Sollingregion, gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelegen haben.

In dem hier genealogisch betrachteten Zeitraum des 18./19. Jahrhunderts waren denn auch nur zwei Männer, Johann Anton Bremer und August Heinrich Ludwig Meyer, für Hellental nachzuweisen, denen in den Kirchenbüchern die Berufsbezeichnung Köhler zugeordnet war.[10]

 

Geländespuren zweier Standorte von Kohlenmeilern im mittleren Hellental

September 2008

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Rauchende Kohlenmeiler und "Schwarze Gesellen"

Im Hellental ist heute das Köhlereihandwerk ein längst erloschenes und inzwischen fast vergessenes ländliches Handwerk.

Auch ist zu dem Gewerbe der Köhlerei im Hellental nur wenig urkundlich überliefert.

Gleichwohl stößt man im Talverlauf immer wieder auf "Köhlerplatten", auf obertägig noch erkennbare Überreste einstiger Kohlenmeiler.

Auch Toponyme, wie „Köhlerrinne“ und „Köhlerborn“, erinnern an das alte Köhlergewerbe im Umfeld des Hellentals.

Zudem soll der Name "Hammershütte" im Solling auf den aus dem Harz stammenden Köhler Hans Hamer zurückgehen, der um 1664 an dieser Stelle wöchentlich einen Meiler errichten durfte.

Etwa kreisförmige, ebene Flächen und Bodenkleinfunde belegen, dass im Hellental über eine lange Zeitperiode hinweg rauchende Kohlenmeiler und die dazu gehörenden „Köten“, "Katen" oder Köhlerhütten gestanden haben.

In den Sommermonaten dürfte der Rauchgeruch des Schwelbrandes von feuchtem Holz von den Kohlenmeilern häufig durch das lang gestreckte Hellental gezogen sein.

Die während der Regierungszeit des Braunschweiger Herzogs Carl I. (reg. 1735–1780) von seinem Hofjägermeister v. Langen im „Weser-Distrikt“ vorangetriebene Forstreform zur rationelleren, nachhaltigen Forstwirtschaft [11] hatte letztlich auch zur Folge, dass Köhler allmählich aus dem durch anhaltend zügellosen Raubbau heruntergekommenen, erheblich devastierten Sollingwald gedrängt wurden und sich an den Waldrändern und Waldtälern ansiedelten.

Das Köhlereiwesen des Sollings und somit auch das im Hellental hatte im 17./18. Jahrhundert seine größte Ausbreitung und Blütezeit; die Meiler-Köhlerei „boomte” in jener Zeit.

Die expandierenden Hüttenbetriebe und Eisenhämmer in Merxhausen und in den Kleinstädten Uslar, Dassel und Holzminden verbrauchten große Mengen von Holzkohle aus dem Solling für ihre Eisenerzverhüttung, aber auch die Eisen- und Silberhütten des Westharzes.[12]

Das Köhlereihandwerk war damals von besonderer Ortstreue gekennzeichnet, da auf den alten, vormals angelegten Kohlstätten der Brennvorgang im Kohlenmeiler am besten gelang.

Es wurde darauf geachtet, dass der Standort des Kohlenmeilers recht nahe an einem Weg lag und somit für die Holzanfuhr und die Holzkohlenabfuhr verkehrsgünstig zu erreichen war.

An den teils recht steilen Ost- und Westhängen des Hellentales waren allerdings eher selten von Natur aus ebene Flächen für Meilerstandorte anzutreffen.

Die Größe bzw. der Durchmesser eines Kohlplatzes richtete sich nach der Menge des zu verkohlenden Holzes.

Im Frühjahr zog der Köhlermeister mit seinen Gesellen und Hilfskräften in einem Pferdewagen zu den vorgesehenen Kohlstätten.

Dabei nahmen sie auch ihren Hausrat und das benötigte Handwerkszeug mitnahmen.

Die Köhler arbeiteten in der Regel als Saisonarbeiter mehrere Monate, meist vom März bis zum Buß- und Bettag, gelegentlich auch länger.

 

Geländespuren von Kohlenmeilern

Heute erinnern vielerorts im Umfeld des Hellentals nur noch schwarz verfärbte Maulwurfshügel als Bodenspuren an den Standort eines einstigen Kohlenmeilers.

Im oberen Hellental, im Hellentaler Grund, konnten nach eigene Feldbegehungen auf Wiesenflächen mehrere Kohlstätten anhand der kleinräumigen Topografie und entsprechender Holzkohlenfunde in den Jahren 2002-2005 nachgewiesen werden.

Beispielsweise befindet sich auf einer Wiesenfläche am Osthang, oberhalb der Holzbrücke über die Helle, ein etwa parallel zur Helle verlaufendes Plateau, das durch Holzkohlenreste als Standort einer ehemaligen Kohlstätte auszumachen ist.

Unweit dieser Fundstelle besteht hinter dem Holzgatter, zwischen Fahrweg und Helle-Ufer ein weiterer Holzkohlenfundort (Ø ca. 12 m).

Gegenüber liegend, auf einer Weidefläche am Fuße des „Räuwekopfes“, konnten Holzkohlenreste gefunden werden, dazu passend eine fast ebene, zum Westhang hin kreisförmige Fläche (Ø ca. 16 m).

Weiter oberhalb im Hellentaler Grund, auf dem abgetieften Plateau schräg unterhalb des ehemaligen Glashüttenstandortes am „Dreiämterstein“, bestehen ebenfalls Spuren eines kleineren Köhlereiplatzes (Ø ca. 9 m).

Ein forstwirtschaftlicher Weg, etwa 2 km westlich von Hellental, zwischen dem „Hellentaler Berg“ und dem Kleinen Ahrensberg (433 m üNN), trägt heute der kleine Bachlauf die Bezeichnung „Köhlerrinne“, so dass davon ausgegangen werden kann, hier ein Areal eines oder mehrerer ehemaliger Köhlereiplätze vorzufinden.

 

Geländespuren unterschiedlich großer Kohlenmeiler im oberen Hellental

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Verdrängung der jahrhundertealten Meiler-Köhlerei

Da um die Wende des 19./20. Jahrhunderts die industrielle Holzkohlenproduktion auch in der Sollingregion zunehmend die jahrhundertealte Meiler-Köhlerei verdrängte und es aus Arbeitszeit- und Lohngründen immer schwieriger wurde, Köhlergesellen zu gewinnen, ging das alte Handwerk des Köhlers wirtschaftlich schlechten Zeiten entgegen, nicht zuletzt auch im Hellental.

Aufgrund der veränderten Erwerbssituation gingen Köhler wie Köhlermeister, neben ihrem eigentlichen Köhlerhandwerk, fast ausnahmslos weiteren Erwerbstätigkeiten nach.[8]

Der Zeitpunkt, zu dem schließlich die alte Meiler-Köhlerei und damit das Köhlereigewerbe im Hellental ganz aufgegeben worden war, ist nicht sicher belegt, könnte aber, wie auch anderorts in der Sollingregion, gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelegen haben.

Im Zeitraum des 18./19. Jahrhunderts waren denn auch nur zwei Männer, Johann Anton Bremer und August Heinrich Ludwig Meyer, für Hellental nachzuweisen, denen in den Kirchenbüchern die Berufsbezeichnung Köhler zugeordnet war.[14]

 

Hellentaler Köhlermeister August Eikenberg (1857-1935)

"Putzers-August-Fedder" │ um 1900

 

[15]

 

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[1] Im oberen Hellental, im Hellentaler Grund, konnten nach eigenen Feldbegehungen auf Wiesenflächen mehrere Kohlstätten anhand der kleinräumigen Topografie und entsprechender Holzkohlenfunde in den Jahren 2002-2005 nachgewiesen werden. Beispielsweise befindet sich auf einer Wiesenfläche am Osthang, oberhalb der Holzbrücke über die Helle, ein etwa parallel zur Helle verlaufendes Plateau, das durch Holzkohlenreste als Standort einer ehemaligen Kohlstätte auszumachen ist. Unweit dieser Fundstelle besteht hinter dem Holzgatter, zwischen Fahrweg und Helle-Ufer ein weiterer Holzkohlenfundort (Ø ca. 12 m). Gegenüber liegend, auf einer Weidefläche am Fuße des „Räuwekopfes“, konnten Holzkohlenreste gefunden werden, dazu passend eine fast ebene, zum Westhang hin kreisförmige Fläche (Ø ca. 16 m). Weiter oberhalb im Hellentaler Grund, auf dem abgetieften Plateau schräg unterhalb des ehemaligen Glashüttenstandortes am „Dreiämterstein“, bestehen ebenfalls Spuren eines kleineren Köhlereiplatzes (Ø ca. 9 m). Ein forstwirtschaftlicher Weg, etwa 2 km westlich von Hellental, zwischen dem „Hellentaler Berg“ und dem Kleinen Ahrensberg (433 m üNN), trägt heute die Bezeichnung „Köhlerrinne“, so dass davon ausgegangen werden kann, hier ein Areal eines oder mehrerer ehemaliger Köhlereiplätze vorzufinden.

[2] REININGHAUS 1990, S. 67 f.

[3] JARCK/SCHILDT 2000.

[4] BRODHAGE/SCHÄFER 2000; BRODHAGE/MÜLLER 1996; ALBRECHT 1995.

[5] TACKE 1951.

[6] JARCK/SCHILDT 2000; BRODHAGE/SCHÄFER 2000; SCHUBERT 1997; BRODHAGE/MÜLLER 1996.

[7] BRODHAGE/SCHÄFER 2000; BRODHAGE/MÜLLER 1996.

[8] HEBBEL [1999, S. 11.

[9] JARCK/SCHILDT 2000; BRODHAGE/SCHÄFER 2000; SCHUBERT 1997; BRODHAGE/MÜLLER 1996.

[10] NÄGELER/WEBER 2004.

[11] TACKE 1951.

[12] BRODHAGE/SCHÄFER 2000; JARCK/SCHILDT 2000; SCHUBERT 1997; BRODHAGE/MÜLLER 1996.

[13] BRODTHAGE/SCHÄFER 2000; JARCK/SCHILDT 2000; BRODTHAGE/MÜLLER 1996.

[14] NÄGELER/WERBER 2004

[15] in LESSMANN 1984, S, 93.