Das Mesolithikum │ Periode der Transformation

Klaus A.E. Weber und Nadja Lüdemann M.A.

 

Kaum eine vorgeschichtliche Epoche wird so unterschätzt wie die Mittelsteinzeit (Mesolithikum).“[16]

 

Areal eines mesolithischen Rastplatzes im Hellental │ Ackerland 2003

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Während das Paläolithikum vom Eiszeitalter geprägt ist, startet der Zeitabschnitt der Mittleren Steinzeit - das Mesolithikum - mit dem Ende der letzten Eiszeit ab 9800 v. Chr. und mit dem Beginn des Holozäns.[2]

Damit beginnt, formal gesehen, das Mesolithikum mit der heutigen Warmzeit um ca. 9.600 v. Chr., als sich aus eiszeitlichen Tundrenlandschaften zunehmend dichter werdende Wälder entwickeln und schließlich ca. 7.000-3.800 v. Chr. das Klimaoptimum der heutigen Warmzeit mit leicht höheren Durchschnittstemperaturen als heute das Ende der Mittelsteinzeit einleitet.[16]

Durch das Abschmelzen des nordischen Inlandeises in Richtung Skandinavien, können während des Mesolithikums alle Naturräume besiedelt werden.

In den ersten Jahrtausenden der Nacheiszeit sind das Klima und die Landschaft Europas starken Veränderungen unterworfen.[3]

 

Mesolithische Silex-Artefakte im Hellental

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Nach GRONENBORN [4] ist die „Periode zwischen dem Ende der Eiszeit um 9600 v. Chr. und den ersten vollbäuerlich wirtschaftenden Gemeinschaften der Linienbandkeramik um 5500 v. Chr. … sehr dynamisch, und die mesolithischen Sammler-Jäger waren effiziente Wildbeuter mit weitreichenden Kontakten in einer warmzeitlichen Umwelt“.

In der Epoche des Mesolithikums, die rund 4000 bis 5000 Jahre andauert, leben Jäger-Sammler-Fischergemeinschaften als "Wildbeuter"

  • von der Jagd

  • vom Fischfang

  • vom Sammeln pflanzlicher Nahrung.

Dem Standwild, wie

  • Auerochse

  • Bison

  • Elch

  • Rothirsch

  • Reh

  • Wildschwein

stellt der nacheiszeitliche Mensch als Jäger nach, die sie nach der Jagd zerlegt und verwertet.

In sozialen Netzwerken organisiert, bevorzugen die prähistorischen Menschen jene Aufenthaltsorte, wie Flüsse, Bäche und Seen, die von jagdbaren Tieren zur Tränke aufgesucht werden.

Ihre Form des Wirtschaftens erfordert eine besonders mobile Lebensweise, um die Nahrungsquellen in einem größeren Areal nutzen zu können.

In egalitärer Gesellschaft leben die mobilen Jäger-Sammler-Fischergemeinschaften wegen des limitierten Nahrungsangebotes nur in kleinen sozialen Gruppen zusammen.

Aus dem Südosten von Europa wandern ab der zweiten Hälfte des 6. Jahrtausends frühe Bauernkulturen mit Ackerbau und der Haltung von Nutztieren ein.

Die älteste Bauernkultur Mitteleuropas, die Kultur der Linienbandkeramiker, die über den fruchtbaren Halbmond, der Levante, mit den neuen Technologien des Ackerbaues und der Viehzucht nach Europa einwandern und in Südniedersachsen um 5500 v. Chr. sesshaft werden, verdrängen zunehmend die etablierten Sammler-Jäger-Fischergemeinschaften.[5]

Im südlichen Niedersachsen wandern die ersten Bauern der Linienbandkeramik ab 5.400 v. Chr. ein.[6]

Die mesolithischen Jäger-Sammler-Gemeinschaften haben sich wegen ihrer dunkleren Haut, dunklen Haaren und bevorzugt blauen Augen äußerlich von den ersten hellhäutigeren Bauern der Lilienbandkeramik unterschieden.[1]

 

Verwenden von Mikrolithen

Seit dem Jungpaläolithikum hat sich die Jagd mit Pfeil und Bogen etabliert.

Die Geschossspitzen werden unter Berücksichtigung der zunehmenden Rohmaterialknappheit im Laufe der Zeit immer kleiner.

Die durch eiszeitliches Geschiebe (sekundäre Lagerstätte) abgelagerten Gesteine, beispielsweise Silex (Feuerstein), Kieselschiefer oder verschiedene Quarzite, sind durch die zunehmende Vegetation nicht mehr unbegrenzt zugänglich.

Für die Pfeilspitzen werden während des Jung- und Spätpaläolithikums Rückenspitzen und Rückenmesser (Federmesser) verwendet.

Im Mesolithikum werden diese durch so genannte "Mikrolithen" abgelöst.

Die Mikrolithe werden mittels einer gezielten Klingentechnologie und der damit verbundenen Kerbtechnik hergestellt.

Als Rohstoff für mesolithischer Steinwerkzeuge dominiere ein nahezu ausschließlich aus Siliziumdioxid (SiO2) bestehendes Kieselgestein, das während der Kaltzeiten durch die vom Norden her in das Landesinnere vordringenden Gletscher antransportiert worden war.

Wegen seiner guten Spalteigenschaften und ausgesprochen scharfkantigen Bruchflächen wird hochwertiger Flint auch von mesolithischen Menschen zur Geräteherstellung bevorzugt benutzt.

Über die Mikrolithenformen kann eine klare zeitliche Trennung definiert werden.

Während des Frühmesolithikums herrschen dreieckige Mikrolithenformen vor, als Beispiel ist dafür der Fundplatz Merxhausen 26 zu nennen; hier wurden zwei partiell retuschierte Einfachspitze gefunden.

Im Spätmesolithikum findet ein Wechsel zu trapezförmigen Mikrolithen statt.

 

„Flehmender“ Elchhirsch │ Alces alces

Ostpreußisches Landesmuseum Lüneburg

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Das Mesolithikum im Solling

Bis an den Nordrand des Sollings reicht vor etwa 400.000 - 320.000 Jahren die Südgrenze der Elster-Kaltzeit, wohingegen der Eisrand der späteren Weichsel-Kaltzeit vor rund 115.000 - 11.600 Jahren dieses Gebiet nicht mehr direkt berührt.[1]

Während des Holozäns entstehen in vielen Teilen Niedersachsens verschiedene Moore, zu ihnen gehören auch die bekannten Hoch- und Niedermoore des Sollings, zum Beispiel das Hochmoor Mecklenbruch, das bei Silberborn in Richtung Hellental abfallende Hochmoor Mecklenbruch.

Es entstehen auch im Hellental Moore.

Mit der Erwärmung des Klimas kommt es zu einer zunehmenden Bewaldung mit Birken, Kiefern und Hasel.

Im 8. Jahrtausend ist die Hasel (Corylus avellana) weitverbreitet und ihre Nussfrüchte waren als steinzeitliches Superfood beliebt.[6]

Im Laufe der Zeit entstehen erste Laubmischwälder.

Die Veränderung der Landschaft hat zur Folge, dass die bis dahin vorherrschende Großwildfauna, beispielsweise Wollnashorn und Riesenhirsch aus ihrem Lebensraum verdrängt werden und aussterben.

In den dichten Wäldern breiten sich Rothirsch, Reh, Elch und Wildschwein aus.

 

Fundstellen (Fst. 1-6) mesolithischer Silex-Artefakte

Umfeld des Sollingbaches Helle

Forschungsstand Oktober 2024

 

Das Mesolithikum im Hellental - 9500-5500 v. Chr.

Unscheinbare vorgeschichtliche Funde im Hellental weisen in das Mesolithikum, als 9.500-5.500 v. Chr. Jäger-Sammler-Fischergemeinschaften wiederholt durch das langgesteckte Sollingtal ziehen.

Dabei hinterlassen die mesolithischen Menschen Werkzeuge mit nichtgeometrischen und geometrischen Varianten wie auch deren Herstellungsabfälle - wie auch die oberflächennah aufgesammelten mesolithischen Silex-Artefakte im Hellental erkennen lassen.

Bei den im Umfeld des Hellentals anlässlich systematischer Feldbegehungen von Waldglashüttenstandorten 2004 bis 2020 entdeckten Silexartefakte mesolithischer Werkzeuge und deren gezielte Herstellung handelt es sich um die bislang frühesten materiell fassbaren Zeugnisse menschlichen Lebens in dem abgelegenen Tal im Mittelgebirgszug des Sollings.

Die Oberflächenfunde (Zufallsfunde) an sechs Fundstellen [7] entlang des Bachlaufes der Helle und in der weiteren wasserreichen Umgebung deuten darauf hin, dass sich Jäger-Sammler-Fischergemeinschaften im Hellental gewässernah aufgehalten und Werkzeuge hergestellt haben.

 

Mesolithische Steinartefakte im Hellental [11][12]

Fst. 1 Hauptfundstelle

Zeichnung: Henri Henze, Archäologische Denkmalpflege Landkreis Holzminden

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Bei den im Hellental erstmals im Oktober 2004 und in den Folgejahren entdeckten mesolithischen Steinartefakten handelt es sich um die bislang ältesten anthropogenen Fundobjekte dieses nordwestlichen Sollingtals, die durch systematische Feldbegehungen oder zufällig im Zusammenhang mit der Erkundung ehemaliger Standorte von Waldglashütten entdeckt und geborgen werden konnten.

So wurde am 14. Oktober 2004 im Rahmen einer ersten archäologischen Prospektion mit dem Kreisarchäologen Dr. Christian Leiber, Ortsheimatpfleger Dr. Klaus A.E. Weber sowie weiteren Mitgliedern der Vereinsarbeitsgruppe Hellental auf einem eingeebneten Ackergelände im Hellental (ca. 190 m vom südwestlichen Dorfausgang entfernt), zwischen dem Bachlauf der Helle und dem Forstfahrweg, ein umschriebener mesolithischer Fundplatz mit einer Fläche von etwa 250 m² ausgemacht, vormals unter Grünland liegend.

Weitere intensive Geländebegehungen durch Dr. Klaus A.E. Weber und Christel Schulz-Weber im Verlaufe der Jahre 2005-2024 ergaben weitere mesolithische Artefakte auf dem umschriebenen Areal.

Die in einem Fundhorizont geborgenen Silex-Funde sind Reste von Steinwerkzeugen und deren Produktion an "Schlagstätten", typischerweise aus nordischem Flint (Feuerstein-Artefakte).[13][14][15]

Ein weiterer mesolithischer Einzelfund (Fst. 5) ergab sich bei späteren Begehungen an.

Zu der kleinen Fundkollektion im unteren Hellental passend, konnte 2003 bei einer orientierenden Feldbegehung im oberen Hellentaler Grund, dort, wo das Gelände der frühneuzeitlichen Waldglashütte „Oberes Hellental“ (Fst. 2/3) liegt, durch Dr. Klaus A.E. Weber und Christel Schulz-Weber aus dem Bodenmaterial eines kleinen oberflächennahen Erdaufschlusses Flintartefakte geborgen werden.

Es schloss sich 2020 ein Einzelfund im Bereich des mittelalterlichen Glashüttenstandortes "Am Teufelsborn" (Fst. 4) im mittleren Hellental an.[16]

Während des Frühmesolithikums herrschen dreieckige Mikrolithenformen vor, als Beispiel ist dafür der Fundplatz Merxhausen 26 zu nennen; hier wurden zwei partiell retuschierte Einfachspitze gefunden.

Im Spätmesolithikum findet ein Wechsel zu trapezförmigen Mikrolithen statt.

Im Hellental ist das Spätmesolithikum mit einem Trapezmikrolithen vom Fundplatz Merxhausen 9/10 belegt.

Auch die Phase des Endmesolithikums kann mit einer Pfeilschneide von dem eben genanntem Fundplatz für das Hellental belegt werden.

Als Lagerplätze bevorzugen die Mesolithiker Orte mit Gewässernähe, mittlere Hanglagen und kleinere Geländekuppen, wie es sie im Hellental gibt.

Ihre Subsistenz beruht auf dem Sammeln von Früchten (Beeren, Wurzeln, Haselnüsse etc.), der Jagd auf Wild und maritimen Nahrungsquellen.

Es ist anzunehmen, dass die Mesolithiker als Behausungen Zelte und Windfänge verwendeten.

Diese können im archäologischen Befund allerdings nur selten nachgewiesen werden.

Das Mesolithikum endet während des 5. vorchristlichen Jahrtausends.

 

Frühmesolithikum Hellental

Einfache Spitze mit partieller Retusche

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Fachwissenschaftliche Materialauswertung

Das archäologische Fundmaterial des Historischen Museums Hellental wurde auf die Anregung des prähistorischen Archäologen Jordi Serangeli [10] vom September 2021 leihweise der Archäologin Nadja Lüdemann vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege in Hannover für ihr Dissertationsprojekt an der Georg-August-Universität Göttingen zur Verfügung gestellt, das sich mit der regionalen und überregionalen Mesolithikumsforschung in Südniedersachsen befasst.[8][9]

Das Rohmaterial das für die Steinartefakte im Hellental verwendete wurde, entstammt keinen örtlichen eiszeitlichen Ablagerungen, dieser wurde aus einigen Kilometer entfernten sekundären Lagerstätten dorthin verbracht.

Dem Frühmesolithikum konnten hierbei insgesamt 61 Artefakte aus nordischem Silex zugeordnet werden, wie vollständige Klingen bzw. Klingenfragmente, Lamellen/Lamellenfragmente, Kerne sowie Trümmer.

Weitere Artefakte entsprechen dem Spät- bzw. Endmesolithikum, wie Mikrolithe, Klingenfragmente, Lamellenkerne und ein Abschlag.

Nach Lüdemann sind als datierende Formen des frühmesolithischen Kontexts zwei einfache Spitzen mit linksseitiger Retusche zu nennen.

Ein frühes Exemplar einer Pfeilschneide ist in einen endmesolithischen Kontext zu datieren.

 

֍ In "alte Kartons" geschaut! [9]

Das Potential archäologischer Sammlungen für die mesolithische Forschung in Südniedersachsen.

Montagsvortrag von Nadja Lüdemann M.A. am 06. Februar 2023, Hannover

 

⋙ BLOG Das Mesolithikum │ 9.500-5.500 v. Chr.

 

___________________________________________________________

[1] WERKMEISTER 1963, S. 7.

[2] Übersicht mit "Göttinger Typentafeln" bei LEHMANN 1991.

[3] TERBERGER/GRONENBORN 2014, S. 7-8.

[4] TERBERGER/GRONENBORN 2014, S. 25.

[5] TERBERGER/GRONENBORN 2014, S. 66.

[6] BÖHNER et al. 2025.

[7] Geländebegehungen durch Dr. Klaus A.E. Weber, Christel Schulz-Weber, Michael Begemann.

[8] LÜDEMANN 2022.

[9] LÜDEMANN 2023.

[10] Eberhard Karls Universität Tübingen, Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters - Ältere Urgeschichte und Quartärökologie.

[11] LÜDEMANN 2022; Montagsvortrag am 06. Februar 2023.

[12] Studiensammlung Archäologische Denkmalpflege Landkreis Holzminden - Fundchronik 2003.

[13] LEIBER 2004 Teil 1, S. 27.

[14] LÜDEMANN 2022; Montagsvortrag am 06. Februar 2023.

[15] Typentafeln bei LEHMANN 1991.

[16] Einzelfund von Michael Begemann (Holtensen/Einbeck), am 19. Juli 2020 dem Historischen Museums Hellental übergeben.