Klösterliche Wasserbaukunst - Amelungsborn
Klaus A.E. Weber

Ein mutmaßlich von Zisterziensermönchen des Klosters Amelungsborn
als Forellenteich angelegte "Schorbornsteich" im Solling
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Das Kloster am „Brunnen des Amelung“
Bei der Auswahl des Klosterstandortes am Südrand des Odfeldes (Campus Odini) auf dem Auerberg (214 m) und der Gründung des spätromanisch-gotischen Zisterzienser-Klosters Amelungsborn war die ausreichende Verfügbarkeit von Wasser durch Quellen und Wasserläufe von hervorgehobener Bedeutung.
Darauf verweist auch der Klostername „Amelungsborn“, da „Born“ auf einen Quellbrunnen hindeutet.
Von den Zisterziensermönchen ist bekannt, dass sie Wasser im Rahmen ihrer regionalen Wasserwirtschaft vielfältig nutzten.
Aufgrund ihrer ausgeklügelten Wasserbaukunst konnten die Mönche
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Bäche umlenken
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Gräben anlegen
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Wasser in einer Abfolge von Teichen stauen und vor dem Hintergrund des vorgegebenen Fleischverzichts Teichsysteme zur Fischzucht anlegen zwecks Eigenversorgung mit Speisefisch
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Wasser in zwei getrennten Kanälen in das Klostergelände und durch Gewölbe unter den Gebäuden hindurchführen
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einen Kanal für die Versorgung mit Trinkwasser für Brunnen, Küche, Brauerei und Backhaus nutzen
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zur Entsorgung einen Abwasserkanal einrichten, um das Waschwasser und den Abfluss der Latrinen durch die Klostermauern abzuleiten
- die kinetische Energie eines Fließgewässers nutzen, um Mühlen anzutreiben.
Nach GÖHMANN wird fließendes Wasser „in oft kunstvoll angelegten Kanälen in die Brunnenstube, die Küche, das Hospital geleitet und tritt nach Durchfließen der Latrinen wieder in die Natur zurück“.[13]
Zur Versorgung des anfangs nur aus wenigen Mönchen bestehenden Konvents mit Trinkwasser dürfte zunächst der kleine Born (namengebend) auf dem Stiftungsgelände im Odfeld ausgereicht haben.
Hierzu ist GÖHMANN [6] zu entnehmen:
„Das Quellgebiet am Homburgwald war den Mönchen schon seit 1130/40 zugänglich, denn der Grundbesitz um die Weiler Cogrove, Quathagen und Bruchhof gehörte zur Erstausstattung des Klosters.“
Das Aufblühen der Abtei, einhergehend mit beträchtlichem Aufschwung des Konvents, mit vielen landwirtschaftlichen Familien und mit einem anwachsenden Viehbestand, bedeutete zugleich eine Verbrauchssteigerung, die einer erweiterten Trinkwasserversorgung mit Hilfe neuer Quellen bedurfte.
Die im Wasserbau begabten Zisterziensermönche entschlossen sich daher, „eine fast zwei Kilometer lange Wasserleitung von Quellen des Bützebergs [352,6 m ü. NN, bei Holenberg] zu verlegen, eine zwar aufwendige, aber technisch hervorragende Lösung, deren Gebrauchswert sich bis heute [1983] erhalten hat“.[6]

Skizze zur vermuteten Wasserbaukunst nach GÖHMANN [5]
Versorgung mit Frischwasser
Zur mittelalterlichen Wasserleitung, deren Alter mangels urkundlicher Belege nicht sicher zu bestimmen ist, führte GÖHMANN [4] mit einer Skizze veranschaulich und mit einem Hinweis auf das 1163 gründete Zisterzienserkloster Loccum im Einzelnen aus:
„Als Rohre dienten geradgewachsene Eichenstämme, sogenannte Piepen, die von Hand mit Löffelbohrern längs ausgehöhlt wurden und sich durch Zuspitzen der Enden und Ausarbeitung einer Muffe, später mittels eiserner Ringbuchsen, aneinander fügen ließen.
In neuerer Zeit wurden die vergänglichen Holzröhren durch Ton- bzw. Eisenrohre ersetzt.
Bei leichtem Gefälle fließt das Wasser, das als weich und von gutem Geschmack bezeichnet wird, links vom Nordeingang in das Klostergut und verteilt sich dort nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren auf die Verbraucher.
… Die Wasserführung innerhalb der Anlage wird, zumindest in Teilbereichen und in vorreformatorischer Zeit, in offenen oder verdeckten Rinnen erfolgt sein, wenn man Beobachtungen in vergleichbaren Klöstern heranzieht.
Ihr Verlauf muss entlang dem inneren Torhaus, westlich am Friedhof vorbei auf das Abthaus zu und durch das Brunnenhaus bis in die dahinterliegende Küche angenommen werden.
Auch später hinzukommende Großverbraucher, wie Brauerei und Backhaus, liegen in dieser Flucht.
Ein Nebenstrang ging möglicherweise durch den östlichen Kreuzgangflügel, wo sich am Südende des Schlafhauses die Latrinen befanden.“
Am Torhaus bestand vormals eine Zisterne mit Quelle (heute Teichanlage).

Am Torhaus bestehender Teich mit Blick auf den Bützeberg
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Die Wasserwirtschaft im Kloster Amelungsborn wirft verschiedene Fragen auf.
So ist die Frage ungeklärt, ob das Kloster über einen Brauteich und einen Backteich verfügte, wie es für das Zisterzienserkloster Loccum belegt ist.[17]
Auch über die historischen Versorgungs- und Entsorgungsleitungen ist nichts greifbares bekannt.
Hilfsweise kann hierzu der Aufsatz von WULF/LANDWEHR [16] zur "Wasserwirtschaft im Kloster Loccum" herangezogen werden.

Flache Sandsteinschale am Standort des ehemaligen Brunnenhauses im Kreuzgang
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Brunnenhaus und Brunnenschale
Das Brunnenhaus
Das einst im Kreuzganginnenhof gelegene, heute nicht mehr erhaltene Brunnenhaus war für die Zisterzienser besonders relevant.
Dem Bedürfnis nach Sauberkeit folgend, wuschen sich die Mönche täglich im Brunnenhaus des Kreuzgangs ihr Haupt und vor jeder Mahlzeit ihre Hände.
Zur hervorgehobenen Bedeutung eines Brunnenhauses führen WULF/LANDWEHR [16] aus:
„Durch zentrale Steigrohre wurde frisches Wasser in einem Laufbrunnen an die Oberfläche geleitet.
Ursprünglich diente das Wasser den Mönchen zur rituellen Handwaschung vor dem Gang zum Refektorium, dem Speisesaal.“
Das Amlungsborner Brunnenhaus wurde jedoch abgebrochen.
Die Brunnenschale
Die romanische Brunnenschale wird bei STEINACKER 1907 wie folgt beschrieben:
„Nördlich vor der Kirche gegenüber dem Tore steht eine als Tränke benutzte flache Schale aus rotem Sandstein über einem runden, mühlsteinartigen Fuße.
Der Schalenrand mit vorspringendem Wulste umschließt einen Kreis von etwa 2,40 m Durchmesser.
Die Verwitterung des Steines deutet auf ein ziemliches Alter.
Vermutlich gehörte diese Schale ehemals zu dem Brunnenhause des Kreuzganges (siehe Seite 147); dieser „fons“ ist im Nekrologium, Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen 1877, Seite 62 erwähnt, und war danach spätestens Ende des XIII. Jahrhundert schon vorhanden.“
GÖHMANN [2] und DRÖMANN/GÖHMANN [1] heben für den Außenbereich die schlichte, flache Schale mit wulstartigem Rand aus dem ehemaligen Brunnenhaus des Kreuzganges hervor.
Die runde Sandsteinschale mit einem Durchmesser von 2,40 m befindet sich nunmehr wieder an ihrem historischen Standort des „Tonsurbrunnens", der sich urkundlich auf das Ende des 13. Jahrhunderts datieren lässt.[17]
Abwasserentsorgung
GÖHMANN berichtete 1983 von einem „Amelungsborner Stollen“ und beschreibt dazu das Mundloch eines stollenartigen Ganges, der geradlinig unter der südlichen Klostermauer auf die altklösterlichen Konventualenquartiere zuführe, also innerhalb des Klausurbereiches und ggf. auch darüber hinaus angelegt war.
Hierzu hatte STEINACKER bereits 1907 ausgeführt, dass neben der „Priorpforte“, einem Mauereinschnitt im Süden der Klostermauer, „weiter südlich unterhalb der Außenmauer in der Verlängerung der ehemaligen Hauptgebäude die Mündung eines im Inneren verfallenen unterirdischen Ganges“ bestehe.[5]
Zur geordneten Beseitigung des Abwassers aus der Klosteranlage liefen die „Wasserrinnen nach Passieren der Entnahmestellen als Abwasserkanäle weiter ins Freie, nachdem sie auch die spülbaren Abfälle und Fäkalien aufgenommen haben“. [14]
Der topografischen Lage des Klosters auf dem Auerbergauf der Hochebene Odfeld geschuldet, konnte das Abwasser nur zum tiefergelegenen Hooptal geleitet werden.
Hierzu führt GÖHMANN 1983 aus [14]:
„Vermutlich gabelte sich der Abfluß in einen westlichen Strang aus dem Bereich des Abthauses – Brunnenhauses, das, wie wir einem Riß von 1729 entnehmen können, aus dem westlichen Kreuzgangflügel vortrat … und der Küche sowie einen östlichen Zufluß von den Latrinen.
Ein gemeinsames Endstück musste die südliche Mauer durchqueren, um seine Fracht dann den Küchenbrink hinunter zu entleeren.
Während oberflächennahe Abwasserkanäle anderswo offen oder mit einer flachen Abdeckung versehen ausreichten, erzwang das schon in er Höhe des Kreuzgangs bis zur Außenmauer von 1304 ansetzende Südgefälle eine tiefergründige Verlegung.
Das machte eine Überwölbung notwendig.“
GÖHMANN folgend „entpuppt sich der gar nicht mehr so geheimnisvolle Amlungsborner Stollen nach Konstruktion und Lage ganz offensichtlich als das Endstück eines typischen Abwasserkanals einer zisterzienischen Klosteranlage“.
Bemerkenswert erscheint der Hinweis von GÖHMANN [14] auf regelmäßig entleerte Fäkaliengruben bei den Klostergebäuden, die offenbar funktionell den Abwasserkanal aus der Frühzeit des Klosters ersetzten.

Der "Schorborn" mit Teichanlage
im "ABRIS DES SOLLINGS. Anno Christi 1603"
Blatt 12 der faksimilierten Sollingkarte von 1603 [10][11]
NLA WO, K 202 Blatt 12
Schorborner Forellenteich
Wie BLOSS [9] zu entnehmen ist, tritt in einer Beschreibung im Fürstenberger Erbregister von 1587 erstmals ein "Schorbornsteich" hervor, welchen "das Kloster Amelungsborn als Forellenteich benutzte und wahrscheinlich auch angelegt hat":
"Schorfborn ist ein Vörebwasser [Forellenteich], springt ür der langen grundt ist und dem Born ein Vörenteich under den Dieke [Teich] fleußt die beeke und heißt darbeneder die beuer [Beverbach]".
Der "Schorborn" ist im "ABRIS DES SOLLINGS. Anno Christi 1603" als eine mit Laubwald und einer Wiese umgebene Teichanlage dargestellt, ohne Gebäude, aber mit vier zuführenden Wegen und dem Beverbach.[9][10][11]
Ausschlämmungen, Neubesetzungen und Verpachtungen des Fischteiches sind ab 1657 belegt.[9]
Auch für die Fürstliche Glasmanufaktur dürfte der Schorbornteich als Fischteich von Bedeutung gewesen sein, insbesondere aber vorrangig als Wasserlieferant für den Glashüttenbetrieb.
Der Schorbornsteich diente dem Betrieb des Pochwerkes ("Aufschlag-Waßer"), wobei der regulierte Wasserantrieb aus dem Teich erfolgte.
Zudem war die Teichanlage auch eine Tränke für das Arholzer Weidevieh.
Klostermühlen
Ab dem späten 12. Jahrhundert verfügt das Kloster Amelungsborn über mehrere Getreidemühlen in benachbarten Dörfern und späteren Klosterhöfen.
Zur Eigenwirtschaft des Klosters gehörte einst auch eine Wassermühle in seiner unmittelbaren Nähe.[3]
Unterhalb des Klosters bestand im Hooptal die „Grundmühle“ mit Grundmühlenteich, die von den Grafen zu Everstein dem Kloster als Walkmühle im Rahmen der Textilverarbeitung zur Verfügung gestellt worden war.
Nach ihrem späteren Zerfall wurde die „Grundmühle“ 1615 als Mehl- und Ölmühle erneut in Betrieb genommen.
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[1] DRÖMANN/GÖHMANN 2008.
[2] GÖHMANN 1994, S. 33-49.
[3] GÖHMANN 1983, S. 25, Abb.3.
[4] GÖHMANN 1983, S. 28.
[5] GÖHMANN 1983, S. 20.
[6] GÖHMANN 1983, S. 27.
[9] BLOSS 1950a, S. 4-5.
[10] ARNOLD/CASEMIR/OHAINSKI (Hg.) 2004.
[11] RAULS 1983, S. 315.
[13] GÖHMANN 1983, S. 26.
[14] GÖHMANN 1983, S. 28-29.
[16] WULF/LANDWEHR 2021, S. 94.
[17] WULF/LANDWEHR 2021.