„Theé zeug“ - Ostasiatisches Exportporzellan

Museumsleitung

 

In Japan für den Export hergestellte Porzellan-Deckeldose │ um 1960

[hmh Inv.-Nr. 5171

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Wie in China, so haben sich auch in Japan über Jahrhunderte bestimmte Gefäßtypen herausgebildet, die sich beim zeremoniellen Teegenuss bewährten.

Nach ihrem Aufenthalt in südchinesischen Zen-Klöstern verbreiteten japanische Mönche im 12. Jahrhundert die ruhevolle Tee-Zeremonie in Japan mitsamt den dazu gehörenden Utensilien, wozu auch meist aus Porzellan bestehende Teeservices zählen.

Ostasiatische Porzellanobjekte, insbesondere jene aus China, wurden zu einem großen Faszinosum für die kultivierte Welt Europas, die im Spätbarock und Rokoko eine große Vorliebe für alles Exotische entwickelt hatte.

Dabei erfreute sich vor allem die Chinoiserie ihrer größten Popularität.

Vor rund 350 Jahren gelangte erstes Porzellan aus China über die Ostindien-Kompanie in das Weserbergland.

 

Exotisch anmutend, aber ...

Die im Museumsschaufenster des Historischen Museums Hellental präsentierten, mit polychromer Aufglasurmalerei fantasievoll detailreich dekorierten Trinkgefäße aus in Japan hergestelltem Porzellan haben eine exotische Anmutung, die neugierig macht:

  • 2 kleine Tassen (⦰ 7,2-8,8 cm, H: 3,8-4,5 cm)

  • 6 flache Untertassen (⦰ 11,2-13,2 cm).

Die bunt handbemalten Darstellungen einer pflanzen- und blütenreichen Garten- und Berglandschaft (schneebedeckter Gipfel des Fuji), von Bauwerken (Wohnhäuser, Pagoden) und von edlen Hofdamen mit landestypischen japanischen Gewändern und Fächern wirken harmonisch ruhevoll und symbolbeladen rätselhaft.

 

In Japan für den Export hergestellte Porzellan-Untertassen │ um 1960

mit fantasievoll handbemaltem Dekor

[hmh Inv.-Nr. 5169

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Jedoch geben die regional erworbenen Einzelstücke aus dem Museumsdepot keine im japanischen Kunsthandwerk traditionell verwendeten Formen und Dekore wieder.

Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass die beiden Teetassen als dünnwandige Henkeltassen gestaltet wurden und eher kleinen, nicht verzierten europäischen Mokkatassen gleichen.

Die Henkeltassen sind daher untypisch für die klassische japanische Trinkkultur mit Schalen oder henkellosen Koppchen.

 

In Japan für den Export hergestellte kleine Porzellan-Henkeltasse │ um 1960

mit fantasievoll handbemaltem Dekor

[hmh Inv.-Nr. 5169

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Wie die unterschiedlichen, mit Farbstempel vor dem Glasurbrand angebrachten Marken und Symbole am Porzellanboden erkennen lassen, wurde das aus Japan stammende Porzellan dort als Massenware von verschiedenen Herstellern speziell für den Konsum im Ausland angefertigt.

Je nach Blickweise können die den 1950er bis 1960er Jahren zugeordneten Ausstellungsstücke einerseits geringschätzend als kulturell unbedeutend und kommerzialisiert, andererseits aber auch als Zeugnisse des modernen globalen Kultur- und Güteraustauschs interpretiert werden.

Denn seit Jahrhunderten wurde neben China auch in Japan massenhaft Porzellan nach dem Geschmack der Käuferkreise in Übersee produziert.

 

Importiertes chinesisches Koppchen mit hoher Unterschale │ um 1970

[hmh Inv.-Nr. 5170

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Das moderne japanische Exportporzellan orientierte sich an europäischen Formen, wie an den Henkeltassen für den heißen Kaffee-, Schokoladen- und Teegenuss.

Hierzu kann angeführt werden, dass im 18. Jahrhundert, dem Goldenen Zeitalter des ostasiatischen Porzellans, auf dem europäischen Markt seit der Jahrhundertmitte bei Wohlhabenden die Koppchen zunehmend durch Kaffee-, Schokoladen- und Teetassen mit einem vertikal gebogenen Griff ersetzt worden waren.

 

Ein "Nice to have" in der bundesdeutschen Alltagskultur

Der Alltag in den 1950er und 1960er Jahren war in der Bundesrepublik gesellschaftlich von Selbstbewusstsein und Wohlstand geprägt.

War die Anschaffung für damalige Verhältnisse einerseits relativ teuer, waren andererseits solche heute eher überladen und kitschig wirkenden Teegeschirre in jenen Jahrzehnten des "Aufschwungs" durchaus beliebt.

Die exotisch erzählende Szenerie der filigranen Porzellangestaltung wie auch der besondere Eindruck des Perlmuttglanzes der japanischen Exportporzellane waren für bürgerliche Haushalte oft kaufentscheidend, da man sich häufig kein teures Qualitätsporzellan von Porzellanmanufakturen leisten konnte oder aber mit ostasiatisch wirkendem Trinkgeschirr aus Porzellan seine Gäste als weltgewandt beeindrucken wollte.

Letztlich aber konnten sich jene massenhaft hergestellten Importerzeugnisse aus Japan nicht auf Dauer im hiesigen Geschirrmarkt behaupten.