Die Karoligerzeit
Klaus A.E. Weber
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Das Frankenreich │ Darstellung 1909 [6]
Der Weg ins karolingische Jahrhundert
8.-10. Jahrhundert
Knauf, Heft, Parierstange eines vornehmen Saxschwertes │ um 800 [5]
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Die Karolinger zählen zum Herrschergeschlecht der westgermanischen Franken, welches ab 751 im Frankenreich bis 987 die Königswürde inne hatte.
Berühmtester Vertreter der Karolinger ist Karl der Große (Carolus Magnus, 747/748-814), der von 768-814 als König des Frankenreiches regierte und am 25. Dezember 800 unter Pabst Leo III. als erster westeuropäischer Herrscher seit der Antike die Kaiserwürde erlangte.

Die Schlacht am Brunsberg von 775
Historiengemälde von Hieronymus Sies (1654-1727)
Öl auf Leinwand 1704 [3]
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Mission: Unterwerfung der Sachsen
Seit Mitte des 6. Jahrhunderts waren die Sachsen gegenüber den Frankenkönigen tributpflichtig.
Als um 700 das Frankenreich durch seine innenpolitischen Konflikte geschwächt ist, greifen Sachsen fränkisches Gebiet an und erobern Teile im heutigen Westfalen.
Diskutiert wird, ob der Stammesname "Sachsen" auf den Sax, ein einschneidiges Hiebschwert, zurückgeht.

Zwei Saxe als Waffenbeigaben │ 7./8. Jahrhundert
aus einem Gräberfeld in Paderborn [4]
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Mit dem Reichstag zu Worms im Jahr 772 beschließt Karl der Große, in den Krieg gegen die Sachsen zu ziehen mit dem Ziel, sie dem christlichen Glauben zu unterwerfen.
An mehrere Götter glaubend, waren die meisten Sachsen vor ihrer Unterwerfung durch die Franken keine Christen.
Gleich zu Beginn der langwierigen Sachsenkriege von 772 bis 804 lässt Karl der Große das zentrale Heiligtum der Sachsen zerstören, die Irminsul.
Im Januar 775 zog Karl der Große von der nordfranzösischen Königspfalz Querziy in den Krieg gegen die in ländlichen Siedlungen in Mittel- und Norddeutschland in Teilstämmen - Westfalen, Ostfalen, Engern - ohne gemeinsamen König in heidnischer Tradition lebenden Sachsen.[3]
Die Westfalen werden in den Fränkischen Reichsannalen des 8. und 9. Jahrhunderts, den Annales regni Francorum, im Zusammenhang mit der von Karl erfolgreich geführten Schlacht unter dem Brunsberg im Jahr 775 als im westlichen Teil des Siedlungsgebietes der Sachsen lebender Teilstamm erstmals erwähnt.
Der fränkische Sieg in der „Schlacht am Brunsberg“ [3] war ein strategisch wichtiger Erfolg in dem Missionierungsziel.
Einer Legende zufolge Karl der Große nach dem Sieg am Brunsberg beschlossen haben, in dem Gebiet der Sachsen ein erstes Mönchskloster zu errichten.
An einer strategisch günstigen geografischen Lage errichtet Karl der Große im Jahr 776 mit einer Kirche in Paderborn die erste Pfalz (Herrschaftsstützpunkt) auf dem Boden der unterworfenen Sachsen.

Blick auf den Brunsberg bei Godelheim │ Oktober 2025
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Von der Schlacht zur Klostergründung
Die strategische Überlegung, zur Festigung des Frankenreiches und als Zentrum christlicher Glaubenverkündigung ein Mönchskloster als Missionszentrum inmitten des sächsischen Stammesgebietes, das von der Weser durchflossen wird, zu gründen, wird Karl der Große als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches zugeschrieben.
Nach seinem Sieg über die Sachsen um 804 bemühte sich Karl der Große um die Christianisierung des Landes, denn es war ihm und seinen Ratgebern klar, "daß der Bestand des Christentums in Sachsen nur mit friedlichen Mitteln und durch Glaubensboten eigenen Stammes gesichert werden konnte.
Deshalb hatte er in Domstifte und Abteien seines Landes junge Sachsen geschickt, um sie für diese Aufgabe heranbilden zu lassen.
Zu demselben Zweck sollte in Sachsen ein Kloster gegründet werden.“[1]
Der angesehene und literarisch gebildete Adalhard der Ältere (um 751/752-826), der als Vetter und zeitweise enger Vertrauter von Karl dem Großen dem kaiserlichen Hof angehörte und ab 821 Abt der im Jahr 662 gegründeten fränkischen Benediktinerabtei Corbie war, hat mehrfach sein Vorhaben, ein Kloster im Land der Sachsen mit einem Platz an der Weser zu gründen, häufiger mit jungen Sachsen besprochen, die in seinem Kloster an der Somme weilten.
Wie HANEMANN [2] ausführte, habe ein junger Sachse namens Theodradus angeboten, „die Überlassung eines als Grundstück geeigneten Grundbesitzes für die neue Ansiedelung auf seinem, im Sollinger Walde gelegenen, väterlichen Erbe zu erwirken“ – doch zunächst sollen sich die Eltern Theodrads geweigert haben, sich auf das Vermittlungsangebot ihres Sohnes einzugehen.
Die Klostergründung zur Missionierung der Sachsen wurde nach dem Tod von Karl dem Großen im Januar 814 in Aachen zunächst zurückgestellt.
Diese Aufgabe sollte durch seinen Sohn und Nachfolger Ludwig der Fromme (778–840) übernommen werden (reg. 814-840).
Auf dem fränkischgen Reichstag zu Paderborn gab er im Jahr 815 seine Genehmigung zur Klostergründung.

Welterbe Corvey │ Karolingisches Westwerk
Juli 2023
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Die Michaelskirche in Fulda
Die nördlich des Doms in Fulda auf dem Michaelsberg gelegene Michaelskirche gehört zu den ältesten Kirchenbauten in Deutschland.
Sie wurde ab dem Jahr 819 von dem Abt Eigil (um 750-822) und dessen Nachfolger Rabanus Mauerus (um 780-856) als Begräbniskirche des von Bonifatius gegründeten Klosters Fulda errichtet.
In der vom ursprünglichen Bau erhaltenen Krypta trägt eine zentrale Säule mit ionisierendem Säulenkapitell den Kirchenraum.
Michaelskirche in Fulda │ Juli 2025
Unterhalb des Altars stehende Mittelsäule mit ionisierendem Säulenkapitell in der Krypta
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Vom adeligen Eigenkloster zum Königskloster
Das Kloster Lorsch ist seit 1991 UNESCO Welterbe.[7]
In karolingischer Zeit wurde das Lorscher Kloster um 764 von der Familie des fränkischen Gaugrafen Cancor gegründet.
Der wirtschaftliche Aufstieg der Benediktiner Abtei in Lorsch mit weitläufigem Besitz an Gütern aus Schenkungen setzte ein, als 765 die Reliquie des Heiligen Nazarius aus Rom in das Kloster überführt worden war.
Im Jahr 772 wurde das Kloster an Karl den Großen übertragen, der es unter seinen Schutz stellte.
War die Lorscher Abtei zunächst Königskloster, stieg sie zum Reichskloster auf und etablierte sich zu einem Macht-, Geistes- und Kulturzentrum, später Reichskloster und durch die gewährte Immunität vor den Begehrlichkeiten und Zugriffen der umliegenden Bischöfe und Adeligen geschützt.
Als das Kloster 1232 an Mainz fiel, endete dieses Privileg.
Die Benediktiner Mönche wurden vertrieben und zuerst durch Zisterzienser ersetzt und kurz darauf durch Prämonstratenser ersetzt.
Bis in das Hochmittelalter hinein zählte das Kloster zu den bedeutendsten kulturellen Zentren zur Verbreitung der am Königshof entwickelten Bildungsprogramme.
Mit seinem Skriptorium und seiner umfangreichen "Bibliotheca Laureshamensis" errang das Kloster eine Spitzenstellung unter den Wissenszentren (Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch).
Als architektonischer Höhepunkt des UNESCO-Welterbes im Landkreis Bergstraße gilt die Königshalle mit ihrer weltberühmten bunten Sandsteinfassade.
Sie zählt zu den wenigen gut erhaltenen Gebäuden aus karolingischer Zeit.
Abtei und Altenmünster mit Karolingischem Freilichtlabor Lauresham
Ortsnah entsteht seit 2012 das Freilichtlabor Lauresham - Experimentalarchäologische Freilichtlabor karolingischer Herrenhof Lauresham.
Auf einer Fläche von 4,1 Hektar wird das komplexe, für das Verständnis der frühmittelalterlichen Gesellschaftsstruktur wichtige Thema „Grundherrschaft“ am Beispiel eines idealtypischen Zentralhofes des 8./9. Jahrhunderts erläutert.
Um verschiedene handwerkliche und landwirtschaftliche Arbeitstechniken zu erproben, wurde ein Forum für die experimentalarchäologische Forschung geschaffen.
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[1] STÜWER 1967, S. 6.
[2] HANEMANN 1921, S. 1.
[3] Ausstellung „Schlacht am Brunsberg. Aufbruch in eine neue Zeit“ im Jubiläumsjahr „1250 Jahre Westfalen“, 10. Mai – 19. Oktober 2025 im Historischen Rathaus Höxter.
[4] Leihgaben des LWL-Museums in der Kaiserpfalz in der Ausstellung „Schlacht am Brunsberg. Aufbruch in eine neue Zeit“ im Jubiläumsjahr „1250 Jahre Westfalen“, 10. Mai – 19. Oktober 2025 im Historischen Rathaus Höxter.
[5] Exponat im Danevirke Museum im Kreis Schleswig-Flensburg.
[6] BALDAMUS/SCHWABE 1909: Mitteleuropa z. Z. der Karolinger, Wachsen des Frankenreiches, Abb. 14a.
[7] HANACK 2021.
