Hohlglas für liturgische Zwecke?
Klaus A.E. Weber
Während des frühen Mittelalters - 803-895 n. Chr. - durfte Hohlglas nicht für liturgische Zwecke genutzt werden, denn nach einer Homilie von Papst Leo IV. (847-855) war Glas als Werkstoff für Abendmahlskelche streng untersagt; nur Flachglas für (Kirchen-)Fenster konnte hergestellt werden.[2]
Der Gebrauch gläserner Messkelche war nicht zuletzt auch wegen der leichten Zerbrechlichkeit untersagt; nur Kultgeräte aus Edelmetall und Halbedelsteinen wurden kirchlich bevorzugt.[10]
Zum anderen verbot die Kirche in der karolingischen Umbruchzeit ausdrücklich Grabbeigaben, worunter sich zuvor einst viele Gläser befanden.
Das Verbot, Glasgefäße für kirchliche Zwecke zu nutzen, gründete sich auf das Konsil zu Reims von 803 und nochmals auf die Synode von Trebur von 895.[1]
Von nun an wurde Edelmetall an Stelle des Glas verwendet.[3]
Vor diesem kirchenhistorischen Hintergrund, dass bei der Heiligen Messe Glas als Material für Kelche zur Aufnahme des Abendmahlsweins seit dem frühen Mittelalter ausdrücklich verboten war, ergibt sich durch den Aufsatz von BAUMGARTNER/KRUEGER [4] zur Verwendung von Gläsern beim Abendmahl reformierter Gemeinden eine neue Sichtweise auf Gläser für liturgische Zwecke.
Nach BAUMGARTNER/KRUEGER ging die römisch-katholische Kirche von der großen Gefahr aus, ,,dass ein gläsernerer Kelch zerbrechen könnte und dann der kostbare Inhalt, der zu Blut Christi verwandelte Messwein, verschüttet würde.
Bei den reformierten Protestanten entfiel aber der Glaube an die Transsubstantiation, das Abendmahl wurde als reines Erinnerungsmahl gefeiert, und für die Gefäße für den dabei ausgeschenkten Wein gab es (fast) keine besonderen Vorschriften.
Sie sollten jedoch möglichst einfach sein und den bei katholischen Messkelchen oft üblichen Prunk vermeiden.“
Gläserne Kelche oder Becher für die Aufnahme des Weins wurden in reformierten Gemeinden bei der Abendmahlfeier offenbar dennoch selten verwendet oder zu wenig fassbar, da sie zu Bruch gegangen entsorgt wurden.
Als ein besonderer Glastyp gilt in diesem Zusammenhang das Kelchglas »Coupe de Calvin« mit einem Eisglas-Dekor der Kuppa, hergestellt in Venedig oder à la Façon de Venise.
Die mit dem wohl im 16. Jahrhundert tradiert verwendeten Kelchglas verknüpfte Überlieferung besagt nach BUMGARTNER/KRUEGER [2], „dass im August 1561 der Genfer Reformator Johannes Calvin (1509-1564) dieses Glas als Kelch benutzt habe bei einer geheimen Abendmahlsfeier, zu der sich – in Frankreich verfolgte – reformierte Protestanten auf einem Schloss in der Drôme (im Südoten Frankreichs) zusammengefunden hatten.
Zur Erinnerung an diese Begebenheit sei es seither als »Coupe de Calvin« behütet und vererbt worden.“
Mit einem vergleichbaren Kelchglas im Musée d’Art et d’Histoire de Neuchâtel, dem »Coupe de Farel« als Gegenstück, wird eine ähnliche reformierte Tradition im 16. Jahrhundert verbunden.[4]
Archivalisch nicht nachzuweisen ist die Verwendung des Kelchglases als Abendmahlsgefäß durch den Reformator Guillaume Farel (1489-1565), der zunächst in Frankreich, später auch in der Schweiz wirkte, hier seit 1538 vornehmlich in Neuchâtel.
Als Zeugnisse einer verfeinerten Trinkkultur sind nach BAUMGARTNER/KRUEGER [4] beide formschöne Kelchgläser aus farblosem Glas ähnlich aufgebaut: „über einem relativ flachen Fuß eine Ringscheibe, dann ein Hohlbaluster und ein (je verschieden geformtes) Übergansstück zur flachen Kuppa.“
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[1] SCHACK 1979, S. 42.
[2] BECKSMANN 1970.
[3] SCHLOSSER 1977, S. 69.
[4] BAUMGARTNER/KRUEGER 2026.