Glas aus Murano - „Spitze des Möglichen“

Klaus A.E. Weber

 

֍ Murano - Die Insel der Glasbläser

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Die venezianische Glasinsel - zwischen Wasser und Feuer

Als „Spitze des Möglichen“ der Glasveredelungstechnik gilt die exklusive venezianische Glasproduktion auf der Inselgruppe Murano in der Lagune von Venedig – angesehen als Wiege und neues Zentrum europäischer Glaskunst im Mittelalter.

Das heutige Murano besteht aus sieben venezianischen Inseln - die „venezianische Glasinsel“ - mit der Produktion von hochwertigem venezianischem Murano-Glas.[3]

Das Glas aus Venedig-Murano war farblos und dünnwandig ausgeblasen - für kultivierte Adelskreise und das städtische Patrizitat.

Die bereits im Hochmittelalter umfangreiche venezianische Glasherstellung nötigte - wegen der zunehmenden Zahl der Glashütten und der hiervon ausgehenden Feuergefahr - schließlich um 1291 den Rat der Inselrepublik (Signoria), alle Glasbläsereien auf die kleine Insel Amurianum (amurianum venezia) zu verlagern - auf Murano.

Hierdurch entstand ein frühes, einzigartiges Monopol, dessen glaskulturelles Erbe über die Frühzeit bis in die Neuzeit hineinreichte, dessen Geheimnisse bis heute nicht vollständig gelüftet sind.

 

Emailglasbecher mit Bodenfragment

vermutlich Merano │ 2. Hälfte 13. bis Angang 14. Jahrhundert

Glasmuseum Hentrich │ Museum Kunstpalast Düsseldorf

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Hervorragende Glasmacher aus Murano wirkten mit ihren geübten Händen schließlich überall in Europa als Lehrmeister, so auch in den böhmischen und schlesischen Bergen.[10]

 

Formgeblasenes, emailbemaltes Ziergefäß

Gestalt einer Moscheenampel │ um 1500

islamischer Stil, singulär gefertigt

Zeichen für die aufblühende Glaskunst Venedigs

Glasmuseum Hentrich │ Museum Kunstpalast Düsseldorf

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Berühmt wurde das venezianisch Glas während des späten Mittelalters aufgrund seiner Dünnwandigkeit in Verbindung mit der Klarheit und Reinheit der farblosen Glasmasse("Cristallo", "Cristallino"), die die muranesischen Glasmacher seit dem 15. Jahrhundert zu schmelzen verstanden.[7]

Bei der Herstellung qualitativ hochstehender Gläser nahm in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Venedig-Murano in Europa die führende Position ein - mit zahlreichen Form- und Dekorvarianten.[1]

 

Venezianische Gläser │ Ende 16. Jahrhundert

Glasmuseum Hentrich │ Museum Kunstpalast Düsseldorf

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

So wurden beispielsweise kunstvolle Fadengläser hergestellt mit in kristallheller Glasmasse eingelegten farbigen Glasfäden, die zu Spiralen gedreht oder im Randbereich um den Glaskörper gesponnen wurden.

Flügelgläser mit angesetzten, reich verzierten Henkeln und Stilen, wie auch Goldemailgläser aus Murano entwickelten sich zum hochgeschätzen Kulturgut des ausgehenden Mittelalters, wobei von 1500 bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts die unangefochtene Vorherrschaft des venezianischen Glases in Europa aufrecht erhalten werden konnte.[7]

Eine herausragende Bedeutung kam gerade auch den großen venezianischen Spiegeln als Luxusgut zu, gegründet auf ein sorgsam gehütetes Geheimwissen.

 

Deckelpokal │ Venedig um 1500

Glasmuseum Hentrich │ Museum Kunstpalast Düsseldorf

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Muraneser Glasmacher nahmen antike Glasverfahren auf und entwickelten eigene, komplizierte Glastechniken:

  • Millefioritechnik
  • Fadentechniken - Gläser mit eingelegten opak weißen Fadenstäben im 16. Jahrhundert
  • Retticello- oder Netzglastechnik

 

Netzglas-Tazza

Venedig oder "à la façon de Venise" │ 1. Hälfte 17. Jahrhundert

Glasmuseum Hentrich │ Museum Kunstpalast Düsseldorf [8]

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Das venezianische Glasmonopol wurde bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts verändert, als nördlich der Alpen erste Weißglashütten gründetet wurden, die es meisterlich verstanden, Gläser in venezianischer Art - "à la façon de Venise" - herzustellen.

 

Flöte mit Löwenbalusterschaft  │ Venedig, Ende 16. Jahrhundert

Glasmuseum Hentrich │ Museum Kunstpalast Düsseldorf [8]

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Seit dem späten 17. Jahrhundert kam es unübersehbar zu einer anhaltenden Krise der venezianischen Glaskunst.

Zahlreiche leistungsfähige Glashütten "à la façon de Venise" entstanden in den südlichen Niederlanden, in Frankreich, Deutschland und Österreich.[7]

Im Zeitraum 1920 - 1970 lag die letzte große Blütezeit der Glaskunst auf der Laguneninsel Murano.[3]

 

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Moderne venezianische Glaskunst auf Murano

Das heutige Murano besteht aus sieben venezianischen Inseln mit der Produktion von hochwertigem venezianischem Murano-Glas.[2]

Die Glasprodukte der „venezianische Glasinsel“ gelten als "Klassiker" und werden auf dem Kunstmarkt hoch gehandelt.

Die Glashütten auf Murano begannen nämlich damit, "sich von den überlieferten Formen zu lösen" und "eine für die Glasproduktion Muranos völlig neue Formensprache" zu entwickeln - makelose Glasobjekte in Serie oder als Einzelstücke.[6]

Als führende Glashütte jener Epoche gilt die von Cappellin Venini & C. [4] mit ihren stilbildenden Glasobjekten für Generationen.[2]

 

Ausstellung Vetreria Artistica │ Emmedue [5]

Glashütte Gernheim 2014

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Heutige Glasmanufakturen

  • Vetreria Artistica Emmedue
  • Murano Glass by Venini │ Vetri Soffiati Muranesi Venini & C. / Venini SPA

  • Fornace Serenella Murano S.r.l.

  • Murano l'isola del Vetro artistico

 

Moderne Glashütte "Vetreria Artistica Emmedue" │ Murano 2014

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

⊚ Zum Anklicken

In der Glashütte "Vetreria Artistica Emmedue" │ 2014

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

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[1] GIESE/BAUMGARTNER 2021, S. 33.

[2] KRAMER 2018, S. 8-10.

[3] KRAMER 2024, S. 14.

[4] von Mailand stammender Jurist Paolo Venini (1895-1959).

[5] LWL-Industriemuseum │ Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur │ Glashütte Gernheim - Sonderausstellung 2014: Vetreria Artistica Emmedue Murano.

[6] LWL-Industriemuseum │ Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur │ Glashütte Gernheim - Sonderausstellung 2018: Le forme del vetro - Glas des frühen 20. Jahrhunderts aus Murano.

[7] RICKE 1995, S. 78.

[8] RICKE 1995, S. 84 (132), 85 (134).

[10] SÜSSMUTH (1950), S. 49.