Merkmale der Waldglashütten
Klaus A.E. Weber
Allgemeine Charakteristika
a) Die Beziehung des Glashüttenmeisters zu dem Grundherrn
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Landesherr/Herzog
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Adel
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Klöster
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Städte
wurde über einen Vertrag festgelegt, der die Rechte und Pflichten regelte.
b) Die Glashütten standen bei der Waldnutzung in Konkurrenz mit
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Einwohner*innen der Dörfer und Städte: Bau- und Brennholz
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Bauern: Nutzung des Hudewaldes (Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine), dadurch Vernichtung von Jungholz
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Bergwerken
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Köhlereien mit ihren Meilern: Holzkohle für Eisenhütten und Schmieden
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Töpfereien
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Ziegeleien
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Salzsiedereien: Beheizen der Siedepfannen mit Holz
- Aschebrennereien/Pottasche-Siedereien: Gewinnung von Pottasche (Kaliumcarbonat), dadurch Raubbau des Waldes
c) Die Waldglashütte war als Arbeitsstätte an den Waldbestand gebunden sowie zur.Nähe von Sandlagerstätten.
d) Die mittelalterlichen Glashütten wurden verlegt, wenn der Holzvorrat des Waldes in unmittelbarer Nähe aufgebraucht war.
e) Für die Glashütten waren gute Möglichkeit des Abtransports von Fertigglas erforderlich.
f) Die Lage in einem Waldtal ermöglichte
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das Holz zu beiden Seiten von den Talhängen herunterzuholen
- Wasser für den Hüttenbetrieb (Betriebswasser) und die Trinkwasserversorgung der Hüttenbelegschaft und ihrer Tiere verfügbar zu heben.
„Man konnte also im unteren Teil eines Tales eine Hütte errichten und dann Jahr für Jahr mit einem Holzeinschlag weiter nach oben fortschreiten, bis die Entfernung zu groß wurde.
Dann mußte der ganze Hüttenbetrieb im Tal aufwärts verlegt werden.“[1]

Das "Alte Tal der Glasmacher"
Blick in das Hellental mit seinen bewaldeten Talhängen
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Die Standortveränderung mittelalterlicher Hüttenanlage als Wanderglashütten wurde wahrscheinlich am Saisonende im Herbst durchgeführt, „wenn das Holz verbraucht war, wenn die Öfen und Häfen brüchig geworden waren und für das nächste Jahr Holz eingeschlagen werden mußte“.[2]
Der Holzeinschlag erfolgte im Winter, auch daher, dass das Holz in der Vegetationspause des Waldes während der Winterzeit weit weniger Wasser enthält als in den Sommermonaten.
Zudem haben zumindest die Glashütten des 18. Jahrhunderts nicht unerheblich auch zur Entstehung neuer planmäßiger Siedlungen in entlegenen Waldgebieten beigetragen und zudem waldfreie Flächen verursacht, die sich zum Ackerbau eigneten.
Spezielle Charakteristika für das Umfeld des Hellentals
Vermutlich durch Erosionsvorgänge wurden die Hüttenplätze überdeckt und jene Betriebsanlagen weitgehend zerstört, die sich in exponierter Lage direkt am Helle-Bach mit wechselndem Wasserlauf befanden.
Zudem ist festzustellen, dass die erfassten Waldglashüttenstandorte in ihrem Erhalt zunehmend bedroht sind, teils auch unwiederbringlich vernichtet werden, durch nachteilige ökologische wie klimatische Veränderungen und insbesondere durch forstwirtschaftliche Eingriffe mit Abholzungen und massiven Bodenzerstörungen.
Für die archäologisch hinreichend sicher identifizierten Standorte der im Wiesengelände oder unter Waldbedeckung lokalisierten mittelalterlichen Waldglashütten des 12.-13. Jahrhunderts und frühneuzeitlichen Glashüttenanlagen im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts sowie der ortsfesten Glashütte der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist durch Befunde hinterlegt im Wesentlichen gemeinsam kennzeichnend, dass
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sie temporär betriebene Glashütten zur Herstellung von Waldglas waren
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sich die Aktivitätszone zumeist im Talverlauf der Helle befindet
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sie prinzipiell in kulturgeografischer Gunstlage errichtet und betrieben wurden
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die Glasherstellung dreiphasig erfolgte mit einer archäologischen „Fundlücke“ im Zeitraum des 15.-16. Jahrhunderts
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sämtliche nachgewiesenen mittelalterlichen wie frühneuzeitlichen Glashütten - vermutlich eher geomorphologisch als territorial bedingt - westlich des Grenzbaches Helle liegen, also im ehemals braunschweigischer Anteil des Sollings
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alle im Talverlauf befindlichen mittelalterlichen Glashüttenplätze im Randbereich vom Bachrand der Helle bis hinauf zum Plateau der Hüttenanlage zu lokalisieren waren
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kleinräumig der glastechnologische und glaskulturelle Fortschritt auch von Schlüsselphasen des Klimawandels beeinflusst wurde
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die hydrogeografische Situation der Hüttenstandorte stets eine Gewässerlage zeigt, konzentriert zumeist entlang von Bachniederungen und nahe von Hangquellen
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alle im Gelände fassbaren mittelalterlichen Glashütten unscheinbar und nur partiell durch stark verflachte, teils kaum erkennbare Hügelstrukturen erkennbar waren
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die mittelalterlichen Waldglashütten im lichten Laubwald (Rotbuchen) fern mittelalterlicher Besiedlungsräume betrieben wurden und (Fern-)Handelsbeziehungen bestanden
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alle mittelalterlichen Waldglashütten stark verflachte, teils kaum erkennbare Hügelstrukturen aufweisen
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als Baumaterial für die Glasmacheröfen in Lehm verlegte, lokal anstehende rötliche Buntsandsteine aus dem Solling verwendet wurden
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im Mittelalter sowohl Ein-Ofen-Anlagen (Erschmelzen von Rohglasmasse) als auch Mehr-Ofen-Anlagen (kombinierte Glaserzeugung und -verarbeitung) betrieben wurden
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die mittelalterlichen Waldglashütten auffallend kleine Glasschmelzgefäße aufweisen
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auf allen mittelalterlichen Hüttenstandorten keine Fragmente spezieller keramischer Kühlgefäße für Glaserzeugnisse nachgewiesen werden konnten
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im Gegensatz zu den frühneuzeitlichen Hüttenplätzen, auf den mittelalterlichen Glashütten Metallfunde äußerst selten sind
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frühneuzeitliche Waldglashütten als Mehr-Ofen-Anlagen einen deutlich flächengrößeren Werksbereich benötigten als mittelalterliche, vermutlich verbunden mit differenzierteren Arbeitsprozessen und ausgedehnten Wohnbereichen außerhalb der Werkszone
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bei mittelalterlichen Glashütten ein System parallel verlaufender Strukturabschnitte zu erkennen ist: Bach - Fahrweg - Hüttenanlage - Nutzwald
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mutmaßlich 20 - 30 Personen in und bei den frühneuzeitlichen Hütte arbeiteten
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die Glasmacherfamilien durch Arbeitsmigration in das Umfeld des wirtschafts- wie sozialräumlich abgelegenen Sollingtals gelangten.
- die Glashütte der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht unerheblich zur Entstehung der planmäßigen Siedlung Hellental in entlegenen Waldgebiet des Sollings beigetragen und zudem auch waldfreie Flächen verursachte, die sich zum Ackerbau eigneten.
Es ist davon auszugehen, dass die entlegenen frühneuzeitlichen Waldglashütten eine eigene Viehwirtschaft betrieben mit Rindern, Schafen, Ziegen und Schweinen, die in den umgebenden Wald getrieben wurden und zur Versorgung mit Milcherzeugnissen (Butter, Käse) und Fleisch dienten.
Die für die Haltung von Weidevieh erforderliche Konzession wurde im Hüttenvertrag mit festgelegt.
Darüber hinaus war zur Selbstversorgung ggf. auch das Brotgetreide sowie das Winterfutter für die Weidetiere sicherzustellen.
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[1] SCHREIBER 1980, S. 12.
[2] SCHREIBER 1980, S. 13.