Hellentaler Holzhauer und Waldarbeiter – Die „Kailbuils”
Klaus A.E. Weber
Forstreformen führen seit jeher zur holzwirtschaftlichen Umorganisation in den Wäldern, ebenso auch bei den dort beschäftigten „Waldarbeitern“ und ihren Personalbeständen.
Bei den Waldarbeitern zu Beginn des 20. Jahrhunderts handelte es sich hauptsächlich um Holzhauer (Holzhauerberuf) und Kulturarbeiter.[1]
Der Einsatz als Holzhauer oder Holzschläger erfolgte in den „haubaren Revieren” des Sollings zur Säuberung, Aushauung und zum „Abtrieb”, je nach den Erfordernissen des Waldhaushaltes.
So war es u. a. zum Feuerungsbetrieb von Glashütten erforderlich, in den waldreichen Sollingforsten umfangreiche Baumbestände auszuhauen, vornehmlich in den Wintermonaten.
Die Tätigkeit von Holzhauern und Holzschlägern bestand darin, zuvor ausgesuchte Bäume zu fällen, zu entasten, zu schälen, zu zersägen und ggf. zu transportieren.
Die Arbeit der Holzhauer (später Forst- bzw. Waldarbeiter) war im 18. Jahrhundert weitaus härter, schwieriger, körperlich anstrengender und letztlich auch sehr viel gefährlicher als zur heutigen Zeit.
Die winterliche Waldarbeit war Schwerstarbeit in freier Natur.[2]
Wie noch heute im Dorf berichtet wird, waren, bevor mit der eigentlichen Waldarbeit begonnen werden konnte, von den Holzhauern und Waldarbeitern oftmals stundenlange Anmarschwege zu den teilweise weit entfernten Arbeitsplätzen in den Sollingforsten zurückzulegen.
Sie gingen oft schon vor Tagesanbruch los und kamen erst spät in der Nacht wieder heim.
Manche von ihnen kamen die Woche über auch nur ein- oder zweimal nach Hause.
Holzhauern und Waldarbeitern früherer Tage wurde oftmals auch abverlangt, die Nächte in einfachen Schutzhütten oder Katen zu verbringen.[3]
Die schwierige und anstrengende Waldarbeit erfolgte vormals ausschließlich durch Muskelkraft.
Die physischen Belastungen waren extrem hoch und Arbeitsschutzmaßnahmen waren völlig unbekannt.
Zudem waren die Holzhauer und Waldarbeiter ständig den wechselnden „Launen” des Wetters ausgesetzt.
Sie waren entweder durchgeregnet oder durchgeschwitzt, hatten nasse Füße und im Winter gab es Erfrierungen.
Die besondere forstwirtschaftliche Arbeitsexposition führte häufig zu folgenschweren Verletzungen bis hin zu Todesfällen, zur frühzeitigen Invalidität, zu erheblichen chronisch-degenerativen bzw. – rheumatischen Erkrankungen des Halte- und Bewegungsapparates oder zu internistischen Krankheitsbildern, wie schwerwiegenden Lungenerkrankungen.
Um 1760 betrug der Hauelohn je Malter Holz (ca. 1, 86 Festmeter) 3 gute Groschen (= 36 Pfennige) und Naturalien im Wert von einem guten Groschen (= 12 Pfennige), wobei im 18. Jahrhundert vergleichsweise der Preis für 1 Pfund Brot (468 g) 3 Pfennige und für 1 Pfund Butter 28 Pfennige betrug.[4]
Die meisten Hellentaler Waldarbeiter des 19./20. Jahrhunderts besaßen im Hellental durchschnittlich nur 1 Morgen Land zur eigenen Bewirtschaftung, tpischerweise aufgeteilt in Wiesen- und Ackerland.
Mit insgesamt ca. 200 Männern imponierte in dem hier genealogisch untersuchten Zeitabschnitt des 18./19. Jahrhunderts die dokumentierte Erwerbsarbeit als Holzhauer, Holzschläger, Holzschieber oder Waldarbeiter.
Die Forstarbeit war somit das für Hellentaler Familien maßgeblichste Hauptgewerbe.[4]
Hierhin ist zugleich auch die bis heute gebräuchliche Kennzeichnung von Hellental als „Waldarbeiterdorf“ begründet, was sich nicht zuletzt auch im Gemeindewappen von Hellental in Form eines stilisierten Fichtenbaumes widerspiegelt.
Die Hellentaler Waldarbeiter wurden oft und gern wegen ihrer Tätigkeit in den Forsten mundartlich mit dem Spitznamen „Kailbuils“ bzw. „Keilbuils“ belegt, was so viel wie „Keilbeutel” bedeutet, jenen Lederbeutel meinend, den die Waldarbeiter für ihre Tätigkeit bei sich trugen und in dem sich besonders gehärtete Keile zum Baumfällen befanden.[5]
Nach Darstellung von Klara Schulte (1925-2025) brachte ihnen erst das „Lied der Hellentaler Waldarbeiter“ den besagten Spitznamen ein.
© Historisches Museum Hellental
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[1] TACKE 1951.
[2] BRODHAGE/MÜLLER 1996; BRODHAGE/SCHÄFER 2000.
[3] HENZE 2004, S. 91.
[4] NÄGELER/WEBER 2004.
[5] BRODHAGE/SCHÄFER 2000, CREYDT 1988.