Hannah Arendt und die Wege zur Freiheit
Klaus A.E. Weber
"Denken ohne Geländer"
Hannah Arendt (1906-1975) zählt zu den einflussreichsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts - sie ist unkonventionell, ideologiekritisch, streitbar.
Hannah Arendt ist 26 Jahre alt, als Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wird: sie flieht vor den Nazis in die USA.
Rauchend, denkend, schreibend [2] befasst sich Hannah Arendt mit der totalen Herrschaft, einem global noch heute (heute wieder) hochaktuellem Themenkomplex.
Als erstes und umfangreichstes Hauptwerk von Arendts gilt „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ von 1955 (The Origins of Totalitarianism, 1951) [3], in dem sie die historischen Wurzeln und die Funktionsweise totalitärer Systeme analysiert, wie die Ursprünge und Besonderheiten des Nationalsozialismus.
Ihr 1963 erschienenes Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ über den Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer und NS-Verbrecher Adolf Eichmann (1906-1962) in Jerusalem löste weltweit eine langanhaltende Kontroverse aus.
Sie hatte 1961 für das Magazin The New Yorker den Prozessverlauf vor dem Bezirksgericht in Jerusalem verfolgt.
Unter dem Untertitel „Bleibend aktuelles Manifest für Freiheit“ schreibt KANN [1] zum 50. Todestag der in Hannover-Linden geborenen und später in New York lebenden politischen Theoretikerin:
„Um Wege zur Freiheit ringt Arendt auf unterschiedlichsten Ebenen und anhand eines differenzierten Freiheitsbegriffs.
Demnach besteht Freiheit nicht nur als Abwesenheit von Zwängen, also als „Freiheit von“, etwa von Not, Furcht und Unterdrückung, sondern als Möglichkeit gemeinsamen politischen Handelns mit dem Ziel kollektiver Weltgestaltung als eine „Freiheit zu“.
Denn für Hannah Arendt „war das Leben dazu da, die Freiheit des Denkens zu bewahren“ [2].
֍ Hannah Arendt – Die Jahrhundertdenkerin
3sat │ SF Schweiz 2025
Sendung "Sternstunde Philosophie" vom 14. Dezember 2025
"Ihr Denken, entstanden aus den Erschütterungen von Flucht, Exil und Staatenlosigkeit, bleibt 50 Jahre nach ihrem Tod von erstaunlicher Gegenwartskraft.
"Denken ohne Geländer" – diesem Anspruch widmete Arendt ihr ganzes Leben.
Sie durchlebte die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, floh vor den Nationalsozialisten, stellte sich in den USA neu auf und widmete ihr Leben der Suche nach Wahrheit und Freiheit.
Sie beharrte auf intellektuelle Beweglichkeit statt Zugehörigkeit und war konsequent ideologiekritisch.
Freundschaft wurde für sie zur politischen Tugend, Pluralität zum Grundprinzip menschlichen Zusammenlebens.
Wie wirken die biografischen Brüche und Neuanfänge in ihr Werk hinein?
Warum spielen Zwischenmenschlichkeit und Freundschaft eine so zentrale Rolle in ihrer politischen Theorie?
Und weshalb gewinnen Arendts Ideen gerade heute so an Brisanz?
Olivia Röllin im Gespräch mit Grit Straßenberger, Professorin für Politische Theorie und Autorin der neuen Biografie ‚Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert‘."
ARTE ZDF 2025
Sendung am 10. Dezember 2025
Hannah Arendt: Eine Jüdin im Pariser Exil
„Hannah Arendts Positionen zum Jüdisch-Sein, zum Verhältnis Israel-Palästina und zu autoritär-totalitären Systemen scheinen aktueller denn je.
Mit dem Biografen Thomas Meyer begibt sich die Dokumentation in die Zeit ihres Pariser Exils.
An der Seine legte sie die Grundlagen für ihre späteren Werke, durch die sie Weltgeltung erlangen sollte.
Am 4. Dezember 2025 jährt sich zum 50. Mal der Todestag von Hannah Arendt.
Die 1930er Jahre verbrachte die jüdische Publizistin auf der Flucht vor den Nationalsozialisten im Pariser Exil.
Dort rettete sie Kindern und Jugendlichen das Leben, indem sie ihnen die Flucht nach Palästina ermöglichte.
Arendts Analysen des Antisemitismus, ihre Forderung nach dem Recht, Rechte zu haben, wie auch ihre Auseinandersetzung mit der Assimilation von Juden an die Mehrheitsgesellschaft gründen in diesem Lebensabschnitt.
Ebenso bildete sich ihre pro-zionistische Sicht auf die Gründung Israels heraus, die quer zu den Ansichten der rechten Strömung der Bewegung stand.
Die zum Bestseller avancierte Biografie von Thomas Meyer hat Arendts Zeit in Paris erstmals gründlich erforscht.
Mit Meyer begibt sich die Dokumentation zu den Wirkungsstätten der politischen Denkerin - so nach Gurs, einem Internierungslager im Süden Frankreichs.
Nach Kriegsbeginn wurden hier auch deutsche Juden interniert, die sich in Frankreich aufhielten.
In einem kleinen Zeitfenster wurden manche Häftlinge entlassen, nur knapp entging Arendt so der Deportation nach Auschwitz-Birkenau.
Erst in ihrer neuen Heimat New York erfuhr Hannah Arendt vom Holocaust und verfasste ihre eindrucksvollen Thesen zu totaler Herrschaft als Praxis vollständiger Entmenschlichung.“
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[1] KANN 2025.
[2] HESSE 2025.
[3] ARENDT 2025