Kolonialmacht Deutsches Kaiserreich │ 1871-1918
Klaus A.E. Weber
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Verpackung für die Kolonial-Schokolade │ um 1890
Sensoria – Haus der Düfte und Aromen, Holzminden
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Die europäische bzw. deutsche Kolonialgeschichte zeigt aber, dass sich Deutschland bereits zuvor aktiv am Kolonialismus beteiligte und Kolonien deutscher Länder schon vor 1871 bestanden.
Spätestens aber mit dem Beginn der Kolonialherrschaft des Deutschen Kaiserreichs bis in die Zeit des Nationalsozialismus hatten Kolonien, einhergehend mit Unterdrückung der kolonisierten Bevölkerungen mit harter Zwangsarbeit und Kriegen, eine immense Bedeutung.
Seit 1884 errichtete das Deutsche Kaiserreich „Schutzgebiete“ auf dem afrikanischen Kontinent, in China und im Pazifik, wodurch es 1914 nach Großbritannien und Frankreich die drittgrößte Kolonialmacht der Welt wurde – unterstützt von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung.
⋙ Ohne Erinnerung keine Zukunft
1874-1884
In dieser Zeit erfolgen die ersten Niederlassungen deutscher Handelsgesellschaften in Afrika.
1884/1885
Die Errichtung des heutigen Museumshauses der Alltagskultur fällt in das Jahr 1884, dem Jahr des formalen Beginns der kolonialen Eroberungen des Deutschen Reichs mit der Errichtung der Kolonien Togo, Kamerun und Deutsch-Südwestafrika.
Am 15. November 2024 jährte sich zum 140. Mal der Beginn der historischen Berliner Konferenz von 1884/1885.
Wider Willen unterzeichnete Deutschland am 28. Juni 1919 den Friedensvertrag von Versaille und erklärte somit den Verzicht auf sein überseeisches Kolonialreich.
Bis in die NS-Zeit haben Kolonien in Afrika eine immense Bedeutung für die deutsche Wirtschaft.
Mit einem rassistisch und religiös begründeten Zivilisations- und Missionierungsauftrag einhergehend, kommt es
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zur wirtschaftlichen Ausbeutung und Armut
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zu Gewalt, Krieg und Völkermord
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zur Unterdrückung mit harter Zwangsarbeit
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von kolonisierten indigenen Bevölkerungen.
Auf Einladung des Reichskanzlers Otto von Bismarck tagte im Berliner Reichskanzlerpalais vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 die sogenannte „Berliner Konferenz", die auch als „Westafrika-Konferenz" oder „Kongo-Konferenz" bezeichnet wird.
Es versammelten sich in Berlin die Vertreter von 11 europäischen Staaten sowie Russlands, der USA und des Osmanischen Reiches, um über das künftige Vorgehen jener Staaten auf dem afrikanischen Kontinent zu beraten.
Allerdings waren afrikanische Repräsentanten bei dieser Versammlung nicht zugegen.
Das Ergebnis von 1885 war die radikale Aufteilung Afrikas unter den europäischen Großmächten.
Die Kolonie Deutsch-Ostafrika wird errichtet.
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Museum Uslar: Sonderausstellung „Zwischen Uslar und Übersee. Koloniale Verbindungen“
25. Mai – 31. August 2025 │ Sina Oelrich, Universität Göttingen
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
1887
Im Jahr 1887 wird die „Deutsche Kolonialgesellschaft“ (DKG) gegründet, die bis 1933 besteht.
Die europäische bzw. deutsche Kolonialgeschichte zeigt aber, dass sich Deutschland bereits zuvor aktiv am Kolonialismus beteiligte und Kolonien deutscher Länder schon vor 1871 bestanden.
Spätestens aber mit dem Beginn der Kolonialherrschaft des Deutschen Kaiserreichs bis in die Zeit des Nationalsozialismus hatten Kolonien, einhergehend mit Unterdrückung der kolonisierten Bevölkerungen mit harter Zwangsarbeit und Kriegen, eine immense Bedeutung.
Seit 1884 errichtete das Deutsche Kaiserreich „Schutzgebiete“ auf dem afrikanischen Kontinent, in China und im Pazifik, wodurch es 1914 nach Großbritannien und Frankreich die drittgrößte Kolonialmacht der Welt wurde – unterstützt von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung.

Fotografie aus SENNER 1927, S. 77.
Die deutschen Kolonien, insbesondere jene in Afrika, hatten strategische Bedeutung:
- Ablenkung von innenpolitischen Spannungen
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Prestigegewinn
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Auswanderungsziele für die zunehmende deutsche Bevölkerung
- wirtschaftlicher Aufschwung durch Lieferung natürlicher Rohstoffe
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neue Absatzgebiete.

"Die pflanzlichen Rohstoffe" aus deutschen Kolonien
Kolonialrevisionistische Darstellung um 1938
Zeugnisse der Kolonialgeschichte des Deutschen Kaiserreichs rund um Ausbeutung, Rassismus und Widerstand, Kolonialkrieg und Genozid sind die deutschen Kolonien in Afrika:
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Deutsch-Südwestafrika - als "Diamantenland" der Deutschen Kolonialgesellschaft, einhergehend mit Landraub und Genozid
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Togo - Baumwolle, Kakao, Kaffee / koloniale Ausbeutung im Baumwollanbau
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Kamerun - als "Kakaokolonie" / Handel mit Elfenbein, Plantagenwirtschaft mit Kakao, Kautschuk Palmöl
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Deutsch-Ostafrika - Kautschuk, Baumwolle, Kaffee
- Deutsch-Samoa - Kakao, Kautschuk, Bananen, Kaffee, Tabak, Herstellung von Kopra

Deutsche Kolonisten │ Weihnachten 1904
© Foto: Archiv HGV-HHM
Die Kolonialmächte setzten ihre Herrschaft mit brutaler Gewalt durch, wobei sie den Widerstand aus der lokalen einheimischen Bevölkerung gewaltsam niederschlugen – wozu auch Kolonialkriege zählten.
1899-1901
Gegen die Einflüsse westlicher Kolonialmächte und christlicher Missionare kam es in den Jahren 1899-1901 in Nordchina zum Boxeraufstand („Boxerkrieg“), an dem sich auch das Deutsche Kaiserreich beteiligte.
1904-1908
Aufstände in der deutschen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ (Namibia) führten in den Jahren von 1904 bis 1908 zum Völkermord an den Volksgruppen der Herero und der Nama (Ovaherero, Ovambanderu und Naa/Damara).
Kolonialsoldaten des Deutschen Kaiserreichs ermordeten zwischen 40.000 bis 100.000 Menschen - sie erschossen sie, sperrten sie in die ersten deutschen Konzentrationslager oder trieben sie in die Wüste, wo sie verdursteten.[2].
In dem blutigen „Herero-Krieg“ kam es am 11. August 1904, dem Tag der Schlacht von Ohamakari, unter dem Befehl des von Kaiser Wilhelm II. entsandten preußischen Generalleutnants Lothar von Trotha (1848-1920) zum Genozid an Hereros und Nama - v. Trodha: "Sie müssen vernichtet werden."
Am markanten Waterberg war es am 11. August 1904 zu einem Gefecht – der Schlacht am Waterberg - zwischen den Herero und deutschen Kolonialsoldaten („Schutztruppe“) mit deren einheimischen Verbündeten gekommen.
Deutsche Kolonialisten aus dem Kaiserreich konfiszierten Land, einhergehend mit Vertreibung, Enteignung und Umsiedlung.
Wie eine Recherche [2] zeigt, steht ein noch heute gepflegter Gedenkstein mit eingelassener schwarzer Tafel mit einer goldenen Krone und goldenem Eichenlaub auf der Farm der Familie Diekmann in Namibia, der folgenden Text enthält:
„Hier focht am 11. August 1904 die Abteilung Heyde.
Es starben den Heldentod, bzw. erlagen ihren hier erhaltenen Wunden: Major Osterhaus: Oberleutnant v. Lekow; Leutnant Graf v. Arnim; Feldwebel Jendis.“
Weitere Namen von sieben Kolonialsoldaten des Deutschen Kaiserreichs folgen.
„Mehr als hundert Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft gehört fast die gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche Namibias noch immer weißen, deutsch-stämmigen Farmern.“[2]
1905-1907
Der fast vergessene Maji-Maji-Aufstand ("Maji-Maji-Krieg") in den Jahren 1905-1907 gilt als einer der größten Kolonialkriege in Afrika.
Es war ein bewaffneter Widerstand afrikanischer Bevölkerungsgruppen gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Deutsch-Ostafrika – und führte zum Völkermord durch die deutschen Kolonialtruppen ("Schutztruppe") unter Hermann von Wissmann (1853-1905).
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„Finde ich keinen Weg, so bahne ich mir einen.“
Hermann von Wissmann (1853-1905), preußische Offizier und Kolonialeroberer
1914-1918
Während des Ersten Weltkrieges finden auch in den deutschen Kolonien Kämpfe statt.

Profitable Kolonialherrschaft unter Wilhelm II.
Im alten Rathaus von Bremen
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Profiteure der Kolonialherrschaft
Imperialistisch exportorientierte Firmen profitierten von der Unterwerfung, Ausbeutung, Vertreibung, Enteignung und Ermordung indigener Volksgruppen in den ausgebeuteten Kolonien unter der Regentschaft von Wilhelm II.
Maßgebliche koloniale Profiteure waren u. a.
Die Unternehmen drängten vehement auf den Weltmarkt, riefen nach dem deutschen Imperium, einem kolonialen „Platz an der Sonne“.
Dabei wurde Friedrich Krupp AG die wichtigste Waffenschmiede im Deutschen Kaiserreich.[5]
Das Deutsche Kaiserreich verfügte 1914, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, nach
über das viertgrößte Kolonialreich der damaligen imperialistischen Zeit.
Im 17. Jahrhundert war Königreich der Niederlande eine der bedeutendsten Kolonialmächte der Welt mit einem großen Handelsnetz, das mit dem Verlust seiner bedeutendsten Kolonie, dem heutigen Indonesien, seine Vormachtstellung in Europa endgültig verlor.
Die Kolonialherrschaft des Königreichs Belgien zählte zu den brutalsten Kolonialherrschaften Europas.
Dabei war die heutige Demokratische Republik Kongo von 1885 bis 1908 das Privateigentum des belgischen Königs Leopold II. (1835-1909), der das afrikanische Land als Kolonie grausam ausbeutete.
Das deutsche Kolonialreich fand nach dem Ersten Weltkrieg am 28. Juni 1919 sein völkerrechtliches Ende.
Noch heute gibt es koloniale Spuren im städtischen Raum.
Deutscher Kolonialismus │ Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart
Zur Ausstellung 2016-2017 im Deutschen Historischen Museum in Berlin:
„Obwohl das Deutsche Reich von 1884 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 eine der großen europäischen Kolonialmächte war, rückt die koloniale Vergangenheit in Deutschland erst seit wenigen Jahren zunehmend ins öffentliche Bewusstsein.
Die Ausstellung des Deutschen Historischen Museums legt die koloniale Ideologie offen, die von einem europäischen Überlegenheitsdenken geprägt war.
Die vielfältigen Herrschaftsbeziehungen reichten von lokal geprägten Allianzen und der Ausübung alltäglicher Gewalt bis hin zum Kolonialkrieg in Namibia, der in den Völkermord mündete.
Ebenso vielschichtig waren die kolonialen Begegnungen.
In ihnen verfolgten afrikanische, ozeanische und deutsche Akteure ihre jeweiligen Ziele und loteten ihre Handlungsspielräume aus.
Die Ausstellung beleuchtet die Motive der Missionare, Beamten, Militärs, Siedler oder Kaufleute auf deutscher Seite ebenso wie die Interessen der Kolonisierten.
Sie wirft dabei die Frage auf, inwieweit die Perspektiven der Kolonisierten in der historischen Überlieferung berücksichtigt sind und inwiefern dies im Widerspruch steht zum schieren Umfang von Sammlungen und Archiven, die in der Kolonialzeit entstanden sind und die Machtverhältnisse stützten.
Das ausgeprägte koloniale Bewusstsein hielt auch nach 1919 an.
Dieser kontroversen Erinnerung an die koloniale Vergangenheit gibt die Ausstellung Raum, während künstlerische und zivilgesellschaftliche Perspektiven Einblicke in die Gegenwart des deutschen Kolonialismus in den betroffenen Ländern und in Deutschland eröffnen.“

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Koloniale Verbrechen [&] Kontinuitätsthese
Die Autorin LAND [13] begann in Namibia die schmerzhafte Wahrheit über die Farmen ihrer Familie zu recherchieren, da die Verwandten ihr immer nur schöne Fotos von Safaris zeigten.
Sie verweist in ihrem Dossier „Das Land meiner Familie. Und die Menschen, die dort ermordet wurden“ [2] auf ein Gespräch mit Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte mit dem Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg.
Der Historiker und Afrikawissenschaftler ist einer der führenden Vertreter der nicht unumstrittenen so genannten Kontinuitätsthese.
Danach gibt es Parallelen zwischen den kolonialen Verbrechen der deutschen Kolonialherrschaft des Deutschen Kaiserreichs in Südwestafrika und jenen des „Dritten Reichs“ mit dem Holocaust (Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust. 2011).
„Zimmerer sagt, die Aufarbeitung des Nationalsozialismus sei in Deutschland schon vor Jahrzehnten in Gang gekommen, vor allem mit der Studentenbewegung Ende der Sechzigerjahre.
Bei der Kolonialgeschichte dagegen habe eine vergleichbare Aufarbeitung erst vor wenigen Jahren begonnen.“[2]

Briefumschlag (Vordrseite)
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
⋙ Universität und Kolonialismus - Das Beispiel Göttingen
⋙ Holocaust, Kolonialismus und NS-Imperialismus
⋙ Frankfurt und die Kolonialgeschichte │ Historisches Museum Frankfurt
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[1] ALBIG 2004, S. 58.
[2] LAND 2026, S. 13-15.
[3] MAU 1900.


