Die edle Kolonialware Kakao
Klaus A.E. Weber

© [hmh, Foto: Klaus A.. Weber
Nach heutigem Kenntnisstand hat die Kulturpflanze Kakao (spanisch cacao) vermutlich in den Tiefen des Amazonasgebietes ihren Ursprung.
Die Geschichte der Kakaopflanze mit ihren zahlreichen Arten und ihrer vielfältigen Einsatzformen läst sich über Jahrtausende zurückverfolgen.
Das Wort „Kakao“ kann in unserem Sprachgebrauch nicht nur das Getränk bedeuten, sondern auch eine Bezeichnung für die Nutzpflanze, ihre Früchte oder ihre Samen sein.
Am Stamm und an den Zweigen des Kakaobaums (Theobroma cacao) wachsen längliche, etwa 300-500 g schwere Früchte, in denen sich die fettreichen Samen befinden, jene Kakaobohnen, aus denen der Theobromin-haltige Kakao hergestellt werden kann.
Nach ihrer mühevollen Ernte werden die Früchte von Hand bearbeitet, wobei sie zunächst mit einem Haumesser (Machete) geöffnet und die Kakaobohnen herausgelöst werden.
Anschließend werden die Kakaobohnen fermentiert, getrocknet bzw. geröstet, gereinigt und gemahlen.
Der dabei entstehende Brei wird gepresst, woraus dann das rötlich dunkle Kakaopulver gewonnen wird.
Die Kulturgeschichte des Kakaos weist aus, dass der immergrüne Kakaobaum (Theobroma cacao) in Meso- und Südamerikas angebaut wurde.
Die Azteken verwendeten die Bohnen der kultivierten Kakaopflanze als Opfergabe an den Gott Quetzalcoatl, außerdem als Zahlungsmittel und zur Zubereitung eines eher bitteren und salzigen (auch alkoholischen) Getränkes, ebenso die Olmeken und die Maya.
Bei der Mayakultur in Honduras soll der portugiesische Seefahrer Christopher Columbus (um 1451-1506) bei seiner vierten Seereise (Mai 1502 bis November 1504) dem ihm ungewohnten Kakao-Getränkt am 20. Juli 1502 begegnet sein, das die Indigenen scharf mit Chili gekocht als "Kakao-Wasser" getrunken haben.[1]
Im Gegensatz zu den Mayas, die den Kakaobaum nur in relativ kleinem Umfang kultivierten, fanden die Spanier um 1519/1520, als sie das Reich der Azteken (Mexiko) eroberten, im südlich gelegenen Aztekenreich größere Kakao-Mengen vor.
Für den aztekischen Kulturraum wird beschrieben, dass dort das herb-würzige Getränk aus einer Mischung von Kakao, Wasser, Vanille, Cayennepfeffer und Salz bestanden habe.
Dabei soll das Wort "Kakao" seinen Ursprung in der Sprache der Azteken gefunden haben.
Ableitet von deren indigenen Wort "choko latl" / "cacahuatl“ entstand kolonialzeitlich das spanische Wort „cacao“.
Die Spanier erkannten, dass ihnen mit den Kakaobohnen „braunes Gold“ in ihre kolonialwirtschaftlichen Hände gefallen war, das sie daraufhin nach Europa brachten.
Kakaobohnen
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Exotischer Kakao - vom Luxusgut zum globalen Genussmittel
Der Kakao kann in der frühen Kolonialzeit als Symbol des radikalen Wandels vom mittel- und südamerikanischen Luxusgut zum europäischen Massenprodukt gesehen werden.
Aufgrund seiner besonderen Wachstumsbedingungen war es aber erforderlich, die Kakaobohnen für ihren aristokratisch-elitären Gebrauch auf dem Seeweg nach Europa einzuführen, wie auch den versüßenden Rohrzucker.
Aus kolonialherrschaftlichen Gründen wurde der Kakaoanbau nach Kolumbien, Venezuela und Brasilien verbracht, um 1670 auch auf die Philippinen.
Ende des 19. Jahrhunderts brachten europäische Kolonialmächte den Kakaobaum nach Madagaskar (um 1800) und Westafrika (Elfenbeinküste, São Tomé), wo er in groß angelegten Plantagen, vergleichbar mit dem Kaffeestrauch, zumeist durch Ausbeutung von Sklaven und Kindern angebaut wurde, um den wachsenden Kakaobedarf in Europa zu befriedigen.
Zusammen mit dem peruanischen Silber transportiert, gelangte der Kakao gegen Ende des 17. Jahrhunderts in größerem Umfang nach Spanien.[1]
War in der frühen Kolonialzeit der Kakao zunächst ein Getränk für Adel, Klerus und Oberschicht, so wurde er im 19. Jahrhundert durch industrielle Verarbeitung und den expandierenden Kolonialhandel in den Kolonialwarenläden für breitere, auch dörfliche Schichten verfügbar.
Kakaopflanzen wurden in den deutschen Kolonien Togo und Kamerun in Afrika und auf Samoa im Pazifik angebaut.
Im Jahr1885 entstand die erste deutsche Kakaoplantage in Kamerun.
Die Darstellungen auf Verpackungen von Kakaoprodukten verharmlosten die brutalen Arbeitsbedingungen, wie das Beispiel der deutschen Kolonien zeigt.
Die Hauptanbaugebiete für Kakao liegen heute (noch) in Westafrika (Elfenbeinküste, Ghana).


Kolonialistische Werbung für Kakao und Schokolade
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Kakao und die nahrhafte Schokolade als Statussymbol
Die koloniale Geschichte der Schokolade zeigt, dass die Schokolade mehr als nur ein exotisches Luxusgetränk in der höfischen Gesellschaft, sondern auch ein globaler Exportschlager wurde – zu einer "zarten Versuchung" [2].
Das Wort „Schokolade“ leitet sich von der indigenen Bezeichnung „Xocóatl“ (chocolatl) für ein kakaohaltiges Getränkes ab, das neben den Azteken bereits auch die Maya aus den Kakaobohnen zubereiteten, was „bitteres Wasser“ (xococ = bitter und atl = Wasser) bedeutet und aus einer Mischung aus Wasser, Kakao, Vanille und Pfeffer besteht.
In Europa wurde mit „Schokolade“ zunächst ein privilegiertes Heißgetränk bezeichnet, das sich als Trinkschokolade um 1544 am spanischen Hof durchsetzte.
Die aristokratische Einführung des Luxusgetränks erfolgte ab 1615 am stilbildenden französischen Fürstenhof und während des 17. und 18. Jahrhunderts auch an anderen europäischen Fürstenhöfen des Barocks.
Nach URBAN [2] habe der Kakao, wie immer seine Wirkung „auf die Leidenschaften gewesen sein mag“, „die exklusive, galanterotische Trinkschokolade eignete sich für die Hofgesellschaft vorzüglich, um Distanz zum geschäftigen Bürgertum und zum arbeitenden Volk zu demonstrieren“.
Obgleich anfangs das Luxusgetränk für den Geschmack der höfischen Kultur in Europa zu bitter war, kam die Trinkschokolade bei Adelsfamilien dann rasch in Mode, nachdem man sie nach harmonisierender Zugabe von Honig und Rohrzucker gesüßt trinken konnte.
Die Trinkschokolade wurde zudem auch mit Zucker, Zimt, Vanille, Milch, Wasser, Wein und anderen Zutaten gekocht.
Die Spanier konnten erst mit dem Anbau der Zuckerrohr-Pflanze (Saccharum officinarum) von den Kanarischen Inseln nach Südamerika in größeren Mangen Kakao verbringen – als neues Heil- und Genussmittel.
Durch die langen Handelswege, den komplizierten Anbau und die aufwändige Verarbeitung war Schokolade äußerst teuer, weshalb sich zunächst nur reiche Adlige, der reiche Klerus und das wohlhabende Bürgertum den genießerischen Luxus leisten konnten, Kakao als Schokolade zu trinken.
Während des 17. Jahrhunderts kam Trinkschokolade als Stärkungsmittel auch nach Deutschland.
Im Jahr 1673 wurde in Bremen erstmals öffentlich Trinkschokolade ausgeschenkt, später in „Chocolaterien“.
Aber erst im 18. und 19. Jahrhundert handelten Bremer Kaufleute mit größeren Mengen von Kakaobohnen.
Kakao und Schokolade wurden auch als Medizin verwendet und bis ins 19. Jahrhundert wurde Schokolade in Apotheken als „Kräftigungsmittel“ verkauft.
Mit der Expansion des Kolonialhandels gelangte Schokolade auch in alle Kolonialwarenläden.

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Durch das von dem niederländische Apotheker Coenraad Johannes van Houten (1801-1887) im Jahr 1828 entwickelte Verfahren zur Entölen der Kakaobohnen und deren anschließende Pulverisierung konnte Tafelschokolade als feste und besser verträgliche Form von Schokolade hergestellt werden.[2]
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Heute wird Kakao bzw. die Trinkschokolade erneut als traditionelles Superfood mit medizinischen Eigenschaften angeboten
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[1] KRUEGER/URBAN 2010, S. 15-17.
[2] KRUEGER/URBAN 2010, S. 70-77.
