Kolonial- und Reisefieber

Dr. Klaus A.E. Weber

Leitender Medizinaldirektor a. D.

 

"Expeditionen ins Reich der Seuchen" [1][2]

Im Jahr 2005 erschien das in interdisziplinärer Arbeit von GRÜTZIG und Heinz MEHLHORN erstellte Sachbuch „Expeditionen ins Reich der Seuchen“ mit dem zunächst eher spektakulär erscheinenden Untertitel „Medizinische Himmelfahrtskommandos der deutschen Kaiser- und Kolonialzeit“.

Ob der „Renaissance“ klassischer übertragbarer Krankheiten und der Diskussion global neuer bedrohlicher Epidemieszenarien des in den letzten Jahren größer gewordenen Katalogs seuchenhistorischer Veröffentlichungen erscheint bei der Neuerscheinung im Vorwort die Frage „Warum der Blick zurück?“ durchaus berechtigt.

Der Rückblick geht dann in die wahrhaft dunkle Zeit der deutschen „Kolonialpolitik“ zwischen 1870 und 1910.

Die Eingangsfrage wird zusammenfassend mit der nachdenklich stimmenden Feststellung beantwortet, „dass mit der Kolonialgeschichte die Tropenmedizin gewaltige Fortschritte machte, die der gesamten Menschheit zu Gute kamen.“

Mit der ausblickenden Frage, was heute noch Bedeutung hat, schließt das Werk mit Hinweisen auf neu zu lösende Herausforderungen des heutigen Infektionsschutzes, die angesichts der Globalisierungsprozesse zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder an besonderer Aktualität gewonnen haben.

Wie ehemals in Zeiten der kolonialen „Expeditionen ins Reich der Seuchen“ so führen auch heute die Einführung neuer Technologien und das Öffnen von Märkten zu einem intensivierten Verkehr von Menschen und Gütern.

Auf dem Boden einer komplexen Verbindung der sozioökonomischen Entwicklung eines Landes und der Gesundheit seiner Bevölkerung kam und kommt es durch die wachsende Mobilität von Menschen (internationaler Reiseverkehr) zu einem schnelleren Transfer von Infektionsrisiken.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund persönlich geprägter tropenmedizinischer Erfahrungen ist es den beiden Autoren ein zentrales Anliegen, die wissenschaftlichen Ergebnisse und den persönlichen Einsatz der zahlreichen Expeditionsteilnehmer während der imperial-kolonialen deutschen Kaiserzeit zu würdigen.

Prof. Grützig, praktizierender Ophthalmologe in Düsseldorf, unternahm seit 1970 mehrere tropenmedizinische Forschungsreisen nach Afrika.

Der Parasitologe Prof. Mehlhorn, Lehrstuhlinhaber und Leiter des Instituts für Zoomorphologie, Zellbiologie und Parasitologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, leitete Forschungsexpeditionen u.a. nach Afrika und Asien.

Den Fokus auf Länder in Afrika und Asien sowie auf die Südsee gerichtet, wird überraschend detailreich, spannend erzählend und ausgesucht reichlich bebildert der Geschichte und Bedeutung tropenmedizinischer Krankheiten nachgegangen.

Auf rund 380 Buchseiten erhält man vielfältige historische Einblicke in seuchenhaft imponierende Infektionskrankheiten wie in andere epidemiologisch relevante Gesundheitsprobleme, in die überaus mühsame Entdeckung der Epidemien auslösenden Erreger und deren Übertragungswege, in gleichsam bunte klinische Erscheinungsbilder, in damalige antiepidemische Maßnahmen, in menschliche Einzel- und Gruppenschicksale bei den abenteuerlichen medizinischen Forschungs- und tropentouristischen Reisen und nicht zuletzt auch in Aspekte kolonialpolitischer Machtausübung.

Dabei wird die teils abenteuerlich wagemutige, teils ehrgeizige Pionierarbeit vor allem deutscher Wissenschaftler beleuchtet und deren wissenschaftliche Kolonialexpeditionen analysiert.

Hierzu haben die Autoren in großem Umfang Material aus staatlichen und privaten Archiven sowie aus anderen Quellen zusammengetragen.

Die im Buch veröffentlichten Ergebnisse sorgsam ausgewerteter Tagebücher, Briefe, kaum noch zugänglicher Veröffentlichungen, Bilder und Illustrationen beeindrucken auch insofern, als sie die dargestellten kolonialen Forschungsakteure von einst fachlich untermalt wieder lebendig werden lassen.

In 18 Kapiteln werden im kaiserzeitlichen Expeditionskontext tropenmedizinische Krankheitsbilder informativ, gut lesbar und eindrucksvoll abgehandelt, unterlegt mit einer Fülle teils seltener historischer Abbildungen:

  • Cholera

  • tropische Elephantiasis

  • Erblindung durch Speischlangen

  • Frambösie

  • Gonorrhoe

  • Küsten- und Rückfallfieber

  • Kuru

  • Malaria

  • Milzbrand

  • Onchozerkose (Flussblindheit)

  • Pest

  • Schlafkrankheit

  • Syphilis

  • Tuberkulose

  • Tungiasis

  • Typhus abdominalis.

Diese werden jeweils am Schluss eines Kapitels „Auf einen Blick“ steckbriefartig - mit Brückenschlag zum heutigen Wissensstand - zusammengefasst.

Zur Verbesserung bei einer zweiten Auflage sei angemerkt, dass die vorliegende Erstausgabe zwar über ein umfangreiches Literatur- und Namensverzeichnis (von Ernst Abbé bis Georg Zwanzger) verfügt, hingegen aber hätte ein ergänzendes Sachwortverzeichnis dem Werk wie dem interessierten Leser gut getan.

Fazit: Eine sehr lesenswerte und anregende Neuerscheinung für alle tropenmedizinisch, seuchenhistorisch und/oder politisch-historisch Interessierte – nicht zuletzt auch im öffentlichen Gesundheitsdienst.

 

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[1] Nach einer Buchbesprechung von Dr. Klaus A. E. Weber: Kolonial- und Reisefieber: Expeditionen ins Reich der Seuchen. Medizinische Himmelsfahrtskommandos der deutschen Kaiser- und Kolonialzeit. In: Akademie für öffentliches Gesundheitswesen (Hrsg.): Blickpunkt öffentliche Gesundheit. 24. Jg. Ausgabe 1/2008.

[2] GRÜTZIG/MEHLHORN 2005.