Kolonialrevisionismus - Weimar und die NS-Zeit

Klaus A.E. Weber

 

Die Zeit von 1919 bis 1945

 

Kolonialrevisionismus in der NS-Zeit

Paul H. Kunze: Das Volksbuch unserer Kolonien. Leipzig 1938

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Kolonialrevisionismus

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 wurde während der Weimarer Zeit um 1927 die kolonialrevisionistische Auffassung vertreten:

Das deutsche Volk aber wird nicht ruhen, bis ihm die widerrechtlich entrissenen Kolonien wieder zurückgegeben sind!“[3]

So forderten die in der Weimarer Nationalversammlung vertretenen Parteien mit Kolonialbefürwortern, die früheren deutschen Kolonien zurück zu erhalten.

1927 wurde Afrika, „das europäische Kolonialland“, allgemein beschrieben als „der wenigst gegliederte Erdteil; ist eine plumpe Masse.“[4]

Dabei engagierte sich auch Konrad Adenauer für den Kolonialrevisionismus und forderte 1928, das Deutsche Reich müsse unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben:

Das deutsche Volk braucht Kolonien“ – Konrad Adenauer und der Kolonialrevisionismus

Während der Zeit der Nazi-Gewaltherrschaft (1933-1945) lässt der Deutsche Kolonialismus Bestrebungen des Kolonialrevisionismus erkennen.

Zwar hatte mit Ende des Ersten Weltkrieges auch das Deutsche Kolonialreich 1919 formal sein Ende gefunden, dennoch lebten koloniale Denkweisen und Aktivitäten aber weiterhin fort, wie in der der NS-Zeit, wofür sich vor allem Kolonialverbände engagierten, die die junge Generation als Projektionsfläche für eigene Forderungen nach Kolonialrevision betrachteten.[1]

Hierbei waren im Reichskolonialbund als NS-Sammlungsorganisation alle Kolonialorganisationen (u. a. Deutsche Kolonialgesellschaft) zwischen 1933 und 1943 zusammengefasst.

 

Koloniale Spuren in Bonn

Kolonialbegeisterung an der Kölner Universität

Holocaust, Kolonialismus und NS-Imperialismus

Postkoloniale deutsche Kolonialgeschichte

 

Stille NS-Zeitzeugnisse sprechen

»Stille NS-Zeitzeugnisse« sollen daran erinnern, wie auch Küchen-, Kantinen- und Festtagsgeschirr mit einfachem, funktionalem Design der Produktionsästhetik der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) die Alltagskultur der deutschen Bevölkerung in der imperialistischen NS-Zeit von 1933 bis 1945 durchwebten.

 

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Nazi-Porzellan

Die weiße, glasierte Suppenterrine mit rot umrandeten Deckel aus der Zeit um 1935 der Serie Bavaria des Porzellanherstellers Tirschenreuth weist eine hellgrüne Bodenmarke des Amtes Schönheit der Arbeit mit einem von einem Zahnrad umrundeten Hakenkreuz im Zentrum auf.

Das am 27. November 1933 gegründete Amt für Schönheit der Arbeit war eine Organisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und damit eine Gliederung der NSDAP.[13]

Während der Zeit des "Dritten Reichs" lieferte die Porzellanmanufaktur Fürstenberg viel Geschirr für die Ausstattung militärischer und staatlicher Einrichtungen oder Organisationen.

In der Ausstellung vertritt die 1934 von Wilhelm Wagenfeld entworfene, 3 Liter fassende Kaffeekanne als robuste Variante des schlichten Porzellanservice 639 aus dem Hotel Sollinger Hof von Fritz Mönkemeyer in Neuhaus/Solling Fürstenberger Porzellan im Nationalsozialismus, ebenso auch die Teller aus Seladon-Porzellan mit Holzmindener Stadtemblem aus der Feierabendhalle von Bernhard Rust in Holzminden.

⋙ Bloq »Nazi-Porzellan«

 

Schlichte Kaffeekanne 3 Liter │ um 1940

© [hmh, Foto: Mechthild Ziemer

 

Schlichte Kaffeekanne 3 Liter │ um 1940

»Hotel Sollinger Hof │ Fritz Mönkemeyer │ Neuhaus/Solling«

robust ausgeführtes Hotelporzellan

Wagenfeld-Porzellanservice Form 639

Porzellanmanufaktur Fürstenberg

formschönes weißes Glattporzellan mit unterglasurblauem floralem Dekor (Obstschale)und unterglasurblauen Konturen

kronenlose, unterglasurgrüne Bodenmarke

[hmh Inv.-Nr. 5144

 

Teller mit Holzmindener Stadtemblem │ um 1940

»Feierabendhalle Bernhard Rust« in Holzminden

Hotelporzellan/Seladon-Porzellan

Porzellanmanufaktur Fürstenberg

unterglasurgrüne, bekrönte Bodenmarke

[hmh Inv.-Nr. 5145

 

Die NS-Feierabendhalle der Stadt Holzminden wurde im Mai 1935 im Beisein des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Bernhard Rust (1883-1945) eingeweiht und nach dem Hauptvertreter der nationalsozialistischen Erziehung benannt.[5][6]

Zugleich ernannte man Rust zum Ehrenbürger der Stadt Holzminden.[6]

Bernhard Rust war 1924 der antidemokratisch-antisemitischen Deutschvölkischen Freiheitspartei, 1925 der NSDAP und der SA beigetreten, der Kampforganisation der NSDAP.

Nach 1945 wurde die nationalsozialistische Holzmindener Feierabendhalle in Stadthalle Holzminden umbenannt.[6]

 

∎ Suppenterrine mit Deckel │ roter Rand um 1935

Bavaria Tirschenreuth

Hellental

Porzellan, weiß, glasiert

Bodenmarke hellgrün:

von einem Zahnrad umrundetes Hakenkreuz im Zentrum

Bavaria Tirschenreuth

Modell des Amtes Schönheit der Arbeit

[hmh Inv.-Nr. 5143

 

NS-Zeitdokument │ 1942

Wandteller Reserve-Lazarett Holzminden

dargestellt ist das Oberhaus des Landschulheims

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

∎ Wandteller Reserve-Lazarett Holzminden │ 1942

Wandteller aus weißem Porzellan mit Aufglasurfarbe der Porzellanmanufaktur Fürstenberg

Ansicht: Oberhaus mit Oberhausturm des Landschulheims (Reservelazarett) = Landschulheim II

Propaganda der NSDAP-Kreisleitung

Ebener Boden mit Standring, niedrige gebauchte Wandung, sehr schmaler abgesetzter Rand.

Im Spiegel einfarbige Darstellung in Schwarz:

Blick auf das 1912/1913 errichtete Oberhaus des Landschulheims [8] von Nordnordwest bez. „RESERVELAZARETT HOLZMINDEN".

Unter dem Boden unterglasurblaue F-Marke; umlaufende Inschrift:

„Zur Erinnerung an die Lazarettzeit / in Holzminden / gewidmet vom / Kreisleiter".

H 2,3 cm, DBd 12,0 cm, DRd 19,9 cm.

[hmh Inv.-Nr. 5157

Vgl. Täglicher Anzeiger [Holzminden] vom 10. Oktober 1942: [7]

Spende von Partei und Wehrmacht: Fürstenberger Teller für verwundete Soldaten.

[...] werden die verwundeten Soldaten des Reservelazarettes [...] sich über die Fürstenberger Porzellanteller, die ihnen im Auftrage des verhinderten Kreisleiters Kreisschulungsleiter Künne und Kreisamtsleiter der NSV. Waldhoff überreichten, besonders gefreut haben.

Die Teller zeigen [...] ein Bild des Lazarettes. [...]

Kreisschulungsleiter Künne sprach zu den verwundeten Soldaten, übermittelte ihnen die Grüße des Kreisleiters und wünschte ihnen eine baldige Genesung.

Zur gleichen Zeit stattete auch der Betreuungsreferent der SA-Standarte 230 Obersturmführer Grote den Verwundeten einen Besuch ab."

Das Oberhaus des Landschulheims (Landschulheim II) ist seit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 ein Lazarett, das sich zu Beginn des Jahres 1942 ausdehnt.[6]

Seit Beginn des Jahres 1919 ist Theophil Lehmann (1882-1943) Leiter des Landschulheims am Solling.

„Einigen nationalsozialistischen Gedanken gegenüber sehr offen“ [9], hatte er sich ab 1939 sofort freiwillig zur Wehrmacht gemeldet und als Hauptmann  am Zweiten Weltkrieg teilgenommen.[8]

Nach seinem Ausscheiden aus der Wehrmacht nahm Theophil Lehmann am 18. Mai 1942 die Leitung des Landschulheims wieder auf, das er bis zu seinem Tod am 19. April 1943 weiterleitete.

Ein SS-Mann übernahm bis Kriegsende die Schulleitung.[9]

Aus der „Geschichts- und Erinnerungstafel Holzminden / Tafel 4“ geht hervor, dass im April 1945 über 200 Personen (Soldaten und Pflegepersonal sowie zivile Frauen und Männer) mit mehreren Lazarettzügen nach Holzminden gelangten und weitgehend in Gebäuden des 1909 gegründeten Landschulheims am Solling untergebracht wurden, das als Reservelazarett diente.

 

Nazi-Steinzeug

 

Einbecker Bierkrug 0,5 Liter │ 1936

Walzenkrug ohne Deckel

hellgrauer Ton, gedreht, klar glasiert

kobaltblauer Unterglasurdekor Inschrift/Beschriftung

kräftiger, an gearbeiteter Henkel

Höhe: 12,5 cm (gesamt)

Durchmesser: 8,2 cm (oberer Rand)

Aufschrift:

VS: Einbecker Rathaus im Medaillon, darunter die Inschrift „Einbeck"

gegenüber dem Henkel Bild von Martin Luther mit gefülltem Bierkrug mit Deckel im Medaillon

Umschrift: „Schon Luther tranks und tat sich laben"

darunter „Einbecker Bier Seit 1378"

Wappen mit Einbecker E im gevierteilten Wappen

RS: Mädchen in Bluse und halblangem Trägerkleid mit Blumengirlande in den Händen, die über den Kopf gehoben sind

Umschrift: „Vivat de Naberschop 1936" in Frakturschrift

nahe dem Henkel Eichstrich und Angabe „0,5 L" eingestempelt

Herstellung: 1936

[hmh Inv.-Nr. 5156

vergl. Bierkrug Einbecker NachbarschaftStadtmuseum Einbeck

 

NS-Zeitdokument

Einbecker Bierkrug 0,5 Liter │ 1936

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

∎ Bierkrug 1 Liter │ um 1936-1938

Walzenkrug ohne Deckel

hellgrauer Ton, gedreht, klar glasiert

kobaltblauer Unterglasurdekor Inschrift/Beschriftung

kräftiger, an gearbeiteter Henkel

Aufschrift:

VS: Altstadtsilhouette, Nürnberger Burg und kleines Wappen

„Nürnberg – die Stadt der Reichsparteitage“

Höhe: 19 cm

[hmh Inv.-Nr. 5046

In Nürnberg fand 1923 der erste Reichsparteitag der Nationalsozialisten statt, ab 1933 bis 1938 stets Anfang September in der Stadt Nürnberg.

Von 1936 bis 1945 trug Nürnberg den Titel „Stadt der Reichsparteitage“.

 

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[1] "Nur wer die Jugend hat, hat die Zukunft" - Umkämpfte Kolonial(re)visionen in der Weimarer Republik - Vortrag von Dr. des. Susanne Heyn, Historikerin und Gewerkschafterin aus Hannover am 20.01.2017 in Göttingen, veranstaltet vom DGB-Kreisverband Göttingen im Rahmen der Ausstellungsreihe „Schwarze Lebensrealitäten in Deutschland — zwischen kolonialen Kontinuitäten und Widerstand“ und der Veranstaltungsreihe "Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus".

[3] SENNER 1927, S. 82.

[4] SENNER 1927, S. 77.

[5] KRETSCHMER 1981, S. 544-545.

[6] KLEE 2003, S. 516.

[7] Kommunalarchiv Holzminden: KommA HOL HOL-Slg 843 - 126 in arcinsys.niedersachsen.de.

[8] HERRENBRÜCK 2006, S. 196-208.

[9] Internet: www.internatsolling.de/das-internat/geschichte.

[10] HERRENBRÜCK 2006, S. 209-210.

[11] MITGAU 2003, S. 69-74.

[12] KRETSCHMER 1981, S. 489-491.

[13] GREIFZU 1934, S. 147-152.