Ära Adenauer und die übertünchte Vergangenheit

Klaus A.E. Weber

 

Adenauer auf dem 13. Bundesparteitag der CDU, 28. März 1965

© Konrad-Adenauer-Stiftung/Peter Bouserath

 

In der „politisch chaotischen Nachkriegszeit“ nahm die Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU) unter Vorsitz von Konrad Adenauer (1876-1967) ihren Anfang.

ORTNER [4] schreibt: „Die Generation der Täter und die ihrer Nachfolger schlossen gewissermaßen einen generationsübergreifenden Pakt: eine Komplizenschaft, die auf konsequente Ausgrenzung, Strafverfolgung und Verurteilung verzichtete: Die Ära Adenauer - der große Frieden mit den Tätern, Mitläufern und Wegsehern.“

 

Die ambivalente Zeit von Konrad Adenauer │ 1949-1963

Konrad Hermann Joseph Adenauer (1876-1967) war Gründungsmitglied sowie 1950-1966 Parteivorsitzender der CDU - und erster Bundeskanzler der jungen Bundesrepublik Deutschland, der zweiten deutschen Demokratie.

Der rheinländische Katholik gilt als selbstbewusster, sperriger und einsamer Machtpolitiker.

Adenauer war „kein Kind der Demokratie“, vielmehr „ein im Kaiserreich sozialisierter, autoritär denkender Konservativer, der aus einer kleinbürgerlichen Familie stammte.“[5]

In der Weimarer Republik zählte Adenauer zum Führungspersonal der 1870 gegründeten katholischen Deutschen Zentrumspartei.

Im Mai 1921 wurde Adenauer ihr erfolgloser Reichskanzlerkandidat.

Konrad Adenauer engagierte sich für den Kolonialrevisionismus: Das deutsche Volk braucht Kolonien“.

Er forderte 1928, das Deutsche Reich müsse unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben.

Konrad Adenauer wurde am 15. September 1949 von 402 Abgeordneten (neun Fraktionen) des ersten Deutschen Bundestages zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik gewählt - mit der knappsten Mehrheit von 202 Stimmen (50,25 %).

Eine Stimme im ersten Wahlgang sicherte dem 73-jährigen Adenauer die erforderliche Mehrheit, was er trocken kommentierte: „Es hat noch immer jut jegangen“.[2]

Es entfaltete sich "Adenauers Kanzlerdemokratie und Regierungstechnik".

Wie ALT [2] ausführt, war auf den Wahlplakaten der CDU 1953 zu lesen: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau. Deshalb CDU“.

Damit wurde die SPD der Kollaboration mit Kommunisten beschuldigt.

Das war perfide und zynisch.“

 

Bundestagswahl 1957

© Konrad-Adenauer-Stiftung/ACDP, 10-001-642

 

Mit dem Wahlplakat „Keine Experimente. Konrad Adenauer. CDU“ fand im Bundestagswahlkampf 1957 der politische Slogan der Deutschen Zentrumspartei von 1932 Verwendung, zu dessen Führungspersonal während jener Zeit Adenauer zählte.

Mit diesem Slogan von CDU und CSU wurde mit 50,2 % das höchste Wahlergebnis eines politischen Bündnisses bei einer Bundestagswahl und zugleich die absolute Mehrhait erzielt.

Als Bundeskanzler wurde Adenauer in den Jahren 1953, 1957 und 1961 wiedergewählt und wurde damit „ein Kanzler, nach dem eine eigene Ära benannte wurde“.[2]

Während seiner bleiernen Amtszeit in Bonn - der so genannten Adenauer-Ära - von 14 Jahren bestimmte er mit seinem „halbautokratischen System“ die Gründerjahre der Bundesrepublik.

1963 erfolgte noch während der laufenden Legislaturperiode der Rücktritt des "ewigen Kanzlers", der der nicht von der Macht lassen konnte.

Er verabschiedete sich mit den kargen Worten „Wir Deutsche dürfen unser Haupt wieder aufrecht tragen, denn wir sind eingetreten in den Bund freier Nationen“.[2]

Mit Adenauer hatte „eine der stabilsten Demokratien des Westens“ begonnen.[5]

 

2026

Zum 150. Jubiläum von Adenauers Geburtstag am 05. Januar 2025 erschienen im Herbst 2025 drei Biographien über den ersten Bundeskanzler, den konservativen Katholiken als autoritären, aber anpassungsfähigen Machtpolitiker, über einen autokratischen Parteiführer und skrupellosen Taktiker, der gegenüber dem eigenen Volk bezüglich dessen politischer Verführbarkeit mit Misstrauen begegnete:

 

Gewinnmaximierung und "Wirtschaftswunder"

Hauptsache: Geld, Geld, Geld [3]

In der Regierungszeit von Adenauer gab es, wie HESSE [5] schreibt, „das deutsche Wirtschaftswunder im goldenen Zeitalter des westlichen Kapitalismus.

Die Klassenstruktur der Vorkriegszeit war in seiner Regierungszeit nicht zerfallen, im Gegenteil war sie äußerst stabil geblieben … Die sozialen Unterschiede blieben bestehen.“

Unter Bezugnahme auf den Historiker Hans-Ulrich Wehler (1931-2014) führt HESSE weiter aus:

Wie die Leistungsbereitschaft, die von den Nationalsozialisten entfesselt worden war, nach dem Krieg nur ‚entnazifiziert“ zu werden brauchte, um so zu einer vehementen Antriebskraft der sozialen Marktwirtschaft zu werden …von einer Explosion der Tatkraft und einer ungezügelten Wettbewerbsbereitschafft der Deutschen.“[5]

Mit vielfältigen Verflechtungen mit der Wirtschaft in Verbindung mit ihren zahlreichen skandalösen Affären bei der Parteifinanzierung machen die Christlich Demokratische Union Deutschlands seither überwiegend Parteipolitik gemäß ihrer Wachstumslogik für Reiche und für gewinnorientierte Unternehmen.

 

Geraubtes Wirtschaftswunder - Die übertünchte Vergangenheit der Deutschen

ZDF 2024 │ Sendung ARTE am 15. Oktober 2025

Deutschlands Wirtschaftswunder: Die Deutschen haben sich nach der Stunde Null wieder hochgearbeitet.

Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hat die D-Mark und die soziale Marktwirtschaft eingeführt, während die Amerikaner Westdeutschland unterstützten.

Doch was davon hält einer Überprüfung stand?

Der Dokumentarfilm zeigt: Das Wirtschaftswunder basiert auch auf Unrecht aus der NS-Zeit.

Es ist der Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland: das Wirtschaftswunder.

Demnach haben sich die Deutschen mit ihrem Fleiß nach der „Stunde Null“ wieder hochgearbeitet, Wirtschaftsminister Erhard hat die D-Mark erfunden, und die Amerikaner haben Westdeutschland mit dem Marshallplan uneigennützig geholfen.

Aber halten die Narrative der frühen Nachkriegsjahre einer Überprüfung stand?

Dokumentarfilmer Dietrich Duppel und Historiker Thomas Schuhbauer zeichnen ein überraschendes Bild:

Der Wirtschaftsboom nach 1945 basiert auch auf dem Unrecht der NS-Zeit, der ungesühnten Ausbeutung von Zwangsarbeitern, der Vertuschung von Taten und Nicht-Verfolgung von Tätern.

Und die Autoren werden unversehens selbst Teil der Geschichte: Schuhbauer erkennt, dass im Wohnzimmer seiner Eltern 50 Jahre lang das Gemälde „Die Feldherrenhalle“ des NS-Industriemalers Erich Mercker hing.

Eine Röntgenuntersuchung zeigt: Unter der Bildoberfläche liegen Spuren von NS-Motiven wie Hakenkreuz-Fahnen, die später vermutlich vom Maler selbst übertüncht wurden.

Zeitgleich entdeckt Duppel in seinem Heimatdorf Maulbronn und in Ennepetal Dokumente, die belegen, dass scheinbar unbescholtene Unternehmer und Ehrenbürger finanziell stark von systematischer Ausbeutung und der Kriegstreiberei der Nazis profitierten.

Die persönlichen Geschichten der Autoren, ihre Recherchen und Gespräche mit Historikern in Polen, Frankreich und Deutschland entzaubern zahlreiche Mythen und Legenden und schreiben die neue Geschichte eines deutschen Wirtschaftswunders, das eben auch auf Raub und Unrecht der NS-Zeit basierte.“

 

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[1] STERNBERG 2026.

[2] ALT 2026.

[3] ZETSCHE 2021.

[4] ORTNER 2021.

[5] HESSE 2026.