Die Nürnberger Prozesse

Klaus A.E. Weber

 

Nach Kriegsende 1945 saßen vor dem Internationalen Militärgerichtshofin Nürnberg die noch lebenden Hauptverantwortlichen des Zweiten Weltkriegs vor Gericht“ – in der Stadt der NS-Reichsparteitage und der „Rassengesetze“.[1]

Durch die alliierten Siegermächte begann in der fränkischen Stadt Nürnberg der 218 Tage währende Prozess gegen Hauptverantwortliche der monströsen NS-Verbrechen - auch „zur Belehrung für die Zukunft".[5]

Die Nürnberger Prozesse und die sich anschließenden Nachfolgeprozesse richteten sich gegen gesellschaftliche Eliten des „Dritten Reiches" in Partei, Regierung, MiIitär und Terrorapparat.

Unter der Leitung des US-amerikanischen Chefanklägers Robert Houghwout Jackson (1892-1954) begannen am 20. November 1945 die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, die bis zur Urteilsverkündung am 14. April 1949 andauerten.

Der vormalige Richter am Supreme Court der USA umriss zu Beginn des Prozesses seine Vision „kraftvoll und mit Worten, die für immer im Gedächtnis bleiben“ und der Maßgabe „Vernunft geht vor Macht“.[1][3]

Im Schwurgerichtssaal 600 des intakt gebliebenen Nürnberger Justizpalastes mit angeschlossenem Gefängnistrakt fand der „nach damaligen Standards“ geführte Prozess fand gegen 23 deutsche Hauptkriegsverbrecher statt, der „zur Sternstunde des Völkerrechts“ werden sollte, „deren revolutionäre Dimension aber erst heute angesichts von Kriegen in der Ukraine und in Nahost deutlich wird“.[1][3]

In den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen ist der historische Ursprung des Völkerstrafrechts zu verorten.

STUTTE zitiert hierzu den Völkerrechtsexperten Christoph Safferling:

Indem klargestellt wurde, dass Individuen, die im Namen eines Staates Verbrechen begehen, wie normale Straftäter zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden können, hat der Nürnberger Prozess das Völkerrecht revolutioniert, … die Idee der individuellen strafrechtlichen Verantwortung ist auch die Basis des Internationalen Strafgerichtshofs.“[1]

Der Straftatbestand Verbrechens gegen die Menschlichkeit wurde im Völkerrecht etabliert.

Indem die Hauptverantwortlichen der NS-Schreckensherrschaft vor Gericht gestellt und angeklagt wurden, hoffte man in der deutschen Öffentlichkeit „sich dahinter verstecken zu können und selbst weniger in den Fokus zu rücken, denn eine Kollektivschuld wurde strikt abgelehnt“.[2]

Wie dem Artikel von FRANK [3] zu entnehmen ist, folgte den Nürnberger Folgeprozessen „der deutsche ‚Gnadeneifer‘ oder gar ‚Gnadenfuror‘, der sich mit einer hierzulande lange fortdauernden ‚Schlussstrich-Mentalität‘ verband“ – auch in intellektuellen Kreisen.[4]

Heute torpedieren und brechen die USA wiederholt das internationale Recht, das Völkerrecht.

Es ist daher "bitter 80 Jahre nach Nürnberg zu erleben, dass es in allererster Linie die Amerikaner sind, die dem Völkerstrafrecht heute das Leben so schwer machen und damit darauf zielen, ihr eigenes großes Erbe zu zerschlagen, das ‚Vermächtnis von Nürnberg‘ “.[4]

 

ARTE F 2025

Sendung am 18. November 2025

Auf den Spuren der Geschichte. Die Nürnberger Prozesse (1/2)

 

(1) November 1945

Deutschland liegt in Trümmern, Nürnberg liegt in Trümmern und wird zugleich Schauplatz eines der bedeutendsten Prozesse des Jahrhunderts.

Nürnberg, die Stadt der Reichsparteitage der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), ist nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu mehr als 90 Prozent zerstört.

Und doch beginnt inmitten dieser trostlosen Kulisse „der Prozess des Jahrhunderts“.

Erstmals werden führende Vertreter des NS-Regimes für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor laufenden Kameras angeklagt.

Journalisten aus aller Welt berichten: Über 300 Reporter, Schriftsteller und Fotografen kommen nach Nürnberg.

Die US-Armee bringt sie am Stadtrand im Schloss Faber-Castell unter.

Mit dabei: die US-Journalistin Martha Gellhorn, aber auch Zeitzeugen wie Elsa Triolet, John dos Passos, Erika Mann, Ilya Ehrenburg und Joseph Kessel.

Ihre Berichte geben sensible Einblicke in einen der bedeutendsten Gerichtsprozesse und stellen die Weichen für eine neue Weltordnung.

Die Dokumentation greift auf reiches Archivmaterial zurück.

Die Schilderungen aus so unterschiedlichen Blickwinkeln stellen ein eindrucksvolles Dokument dieses „Jahrhundertprozesses“ dar.

Erstmals wurden Politiker und Militärs persönlich zur Verantwortung gezogen und mit ihrer individuellen Schuld konfrontiert.

Die Verhandlung vor dem Internationalen Militärgerichtshof war Wegbereiter für den heutigen Internationalen Strafgerichtshof im niederländischen Den Haag.“

 

(2) Frühling 1946

Die Beweise gegen die führenden Vertreter des NS-Regimes sind erdrückend.

Die in Nürnberg versammelten Journalisten werden Zeugen des Tauziehens zwischen den Westmächten und der Sowjetunion: Die Rivalität zwischen den Verbündeten von einst macht aus den Nürnberger Prozessen auch einen Wettlauf gegen die Zeit.

Die ersten Nürnberger Prozesse gestalten sich langwierig und ziehen sich bis ins Frühjahr 1946.

Die Beweisaufnahme im Verfahren gegen die verantwortlichen Militärs und Politiker des NS-Regimes bringt die monströsen Gräueltaten der Nationalsozialisten ans Licht.

Die im Schloss Faber-Castell untergebrachten Journalisten werden langsam ungeduldig: Wie lange soll es noch dauern, bis endlich Recht gesprochen wird?

Zur gleichen Zeit wächst die Rivalität zwischen den Westmächten und der Sowjetunion.

Die Kriegsverbrecher müssen verurteilt werden, doch die Spannungen zwischen den einstigen Verbündeten sind erste Anzeichen des Kalten Krieges und machen die Verhandlung zu einem Wettlauf gegen die Zeit.

Die Berichte und Analysen der Journalistinnen und Journalisten sowie Schriftstellerinnen und Schriftsteller dokumentieren einen Wendepunkt der Weltgeschichte.

Neben diesem Prozess gegen die „Hauptkriegsverbrecher“ in Nürnberg gab es zwölf weitere Prozesse, die sogenannten „Nachfolgeprozesse“.

Im Hauptkriegsverbrecherprozess klagten die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs (USA, Großbritannien, Sowjetunion und Frankreich) 24 Personen und sechs Organisationen vor dem „International Military Tribunal“ (IMT) in Nürnberg an.

Er dauerte vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 und endete mit zahlreichen Todesurteilen.

Kriegsverbrecher wie Adolf Hitler, Joseph Goebbels, Hermann Göring oder Heinrich Himmler hatten sich ihrer Bestrafung jedoch zuvor durch Selbstmord entzogen, andere konnten untertauchen und flüchten.“

 

Fritz Bauer: "Das Verbrechen und die Gesellschaft"

Fritz Bauer (1903-1968) war unter dem hessischen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn (1901-1976) von 1956 bis 1968 als Generalstaatsanwalt tätig.

Ein Unrechtsstaat, der täglich Zehntausende Morde begeht, berechtigt jedermann zur Notwehr.“

Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich Feindesland.“

 

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[1] STUTTE 2025.

[2] Zitat der Historikerin und Leiterin des „Memorium Nürnberger Prozesse“ Nina Lutz in STUTTE 2025.

[3] FRANK 2025.

[4] Zitat des Straf- und Völkerrechtler Claus Kreß in FRANKE 2025.

[5] ULLRICH 2020.