Zollfrei - Der Schmuggel im Grenzraum

Klaus A.E. Weber

 

Im Schutze von Nacht und Nebel über die Grenze

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Lukrativer nächtlicher Schleichhandel

„Grenzgänger” im braunschweigisch-hannoversch/preußischen Grenzraum

Die Errichtung vieler Kleinstaaten mit unzähligen, den Handel blockierenden Zollhaupt- und Zollnebenstationen nach dem Wiener Kongress 1814-1815 und später die ökonomischen Folgen des Zusammenbruchs der napoleonischen Herrschaft einerseits, andererseits die Last grundherrlicher Abgaben und Hand- und Spanndienste leiteten auch im Sollingraum eine zunehmende Verarmung und Verelendung der dort ohnehin sozial benachteiligten Dorfbevölkerung ein.[3]

Als Reaktion hierauf entwickelte sich verbreitet an den Ämter-, Landes- und Zollgrenzen im Solling eine zwar rechtswidrige, hingegen aber existentiell wichtige Einnahmequelle für arme Dorfbewohner*innen: die „Grenzgängerei“ bzw. der „Schleichhandel“.

Die im entlegenen Hellental verlaufende Landesgrenze zwischen dem Herzogtum Braunschweig und dem Königreich Hannover (ab 1866 preußische Provinz) war ehemals berüchtigt, wegen des verbreiteten Schmuggels in dieser exponierten Sollingregion.

Ein Sprung im Schutze des dichten Talnebels oder der nächtlichen Dunkelheit über den Helle-Bach - über „Die Grenze” - war damals gleichbedeutend mit einem zunächst sicheren Sprung in eine andere polizeibehördliche Zuständigkeit eines anderen Landes bzw. Amtes und Gerichtes.

Dies erschwerte die Strafverfolgung von Schmugglern erheblich und begünstigte geradezu den Schleichhandel in dieser alten natürlichen Grenzregion.

Insbesondere soll damals der Schmuggel und Schleichhandel von

  • Zucker

  • Salz

  • Tabak

in dem Grenzgebiet des Sollings sehr lukrativ gewesen sein.

 

Nächtlicher Tabak- und Zuckerschmuggel

Langsam in Vergessenheit gerät der früher wohlbekannte Zuckerschmuggel im Zusammenhang mit dem Hellentaler Grenzdorf, so auch die alte „Zuckereiche” am Vogelherd und die „Zuckereichenschneise” zwischen Holzminden und Hellental.

Von einer alteingesessenen Hellentaler Familie, die eine „Zigarrenfabrikation“ besaß und zugleich auch mit Zucker handelte, wurde berichtet, sie sei deshalb zu einem ansehnlichen Privatvermögen gekommen, da sie „preiswerte Ware“ von Schmugglern bezogen habe, die jene nachts aus der besagten „Zuckereiche“ heranholten.

Mehrere dörfliche Erzählungen kreisen auch um die besonders exponierte Grenzlage des alten „Grenzkrugs“ zwischen Merxhausen (heute Landkreis Holzminden) und Mackensen (heute Landkreis Northeim).

 

„Zuckereiche” und „Zuckereichenschneise”

Historisch nicht sicher belegt, soll - wie es die nur mündlich überlieferten Bezeichnungen besagen - die alte „Zuckereiche” am Vogelherd in Verbindung mit der „Zuckereichenschneise” eine besondere strategische Bedeutung für den Zuckerschmuggel und andere Schmuggelware auf herzoglich-braunschweigischem Grund gehabt haben.

Der hohle Stamm der großen „Zuckereiche“ soll seiner Zeit als Umschlagsplatz für allerlei Schmuggelware gedient haben, u.a. auch für die den Namen gebenden "Zuckersäcke" der aus dem Westfälischen kommenden Schmuggler.

Die forstamtlich unerwähnte, inoffiziell als „Zuckereichenschneise” bezeichnete Schneise im Hochsolling, soll in der Nähe von Schießhaus in Richtung Mühlenberg gelegen haben, dort, wo sich Anlaufwege kreuzten.

In jener „Zuckereichenschneise“ habe ehemals eine betagte Eiche gestanden, „die als markante Besonderheit einen geräumigen, hohlen Stamm hatte".[4]

Der regensichere hohle Stamm der dicken „Zuckereiche“ könnte in alten Zeiten einem „Pascher“ oder gar Schmugglerkolonnen als illegaler, aber ungestörter Umschlagsplatz für den nächtlichen Schmuggel von Zuckersäcken, möglicherweise auch für allerlei sonstige Schmuggelware (Tabak, Leinwand) gedient haben.

Dabei könnten möglicherweise Schmugglerkolonnen aus dem hannoverschen, später preußischen Gebiet Zucker und rohen Tabak „zollfrei“ eingeführt und als Rückfracht Salz mitgenommen haben.“[5]

Nach mündlicher Familienüberlieferung sollen Vorfahren der alteingesessenen Hellentaler Familie Timmermann durch Zucker- und Tabaksschmuggel ein ansehnliches finanzielles Privatvermögen erzielt haben.

Neben einer "Tabacks- und Cigarren-Fabrikation", in der sie mehrere Zigarrendreher beschäftigte, besaß die Familie auch einen dörflichen Zucker-Handel.

Die Familie Timmermann habe ab und an preisgünstig Schmugglerware (Zucker, Tabak) erhalten, welche im Schutze der Nacht aus der hohlen „Zuckereiche“ geholt worden war.

Aus dem Westfälischen kommend, sollen Schmuggler bei geeigneten nächtlichen Verhältnissen ihre schweren Zuckersäcke in der besagten alten „Zuckereiche“ am Vogelherd deponiert haben.

Ins benachbarte "Hannoversche" könnte dann die Familie Timmermann ihre Ware über den nahen „Grenzkrug“ zwischen Merxhausen und Mackense veräußert haben.[2]

Nachweislich waren Georg Heinrich Konrad Timmermann als „Tabakfabrikant“ im Hellentaler Tabakwesen tätig gewesen, ebenso auch der Gastwirt Georg Friedrich Daniel Theodor Timmermann und Karl Friedrich Ludwig Schütte.[6]

 

________________________________________________________________

[1] SCHUBERT 1997.

[2] CREYDT 1985.

[3] JARCK/SCHILDT 2000; HAHNE 1972.

[4] Sollte es diese „uralte“ Eiche im Solling je gegeben haben, so könnte es sich am ehesten um eine typische Hutewald-Eiche gehandelt haben.

[5] CREYDT 1985; BLIESCHIES 1978, S. 73-74.

[6] NÄGELER/WEBER 2005, S. 336-337.