Historische Milchwirtschaft

Klaus A.E. Weber

 

Rationalisierung und technischen Innovationen der Milchproduktion:

Von der Kuh bis zur Kühltheke │ Landschaftsverband Westfalen-Lippe

 

Pferdefuhrwerk mit Milchkannen

Milchfuhrmann Willi Mathias vom Hellentaler Lönskrug │ 1950er Jahre [2]

© Foto: Archiv Detlef Creydt

 

Vom Kuhstall zur Molkerei

Die meisten Hellentaler Dorfbewohner waren bis in das 20. Jahrhundert hinein Holzhauer, Holzschläger bzw. Waldarbeiter.

Es waren Kleinstellenbesitzer (Brinksitzer) in dem Wiesental mit einem Mischeinkommen in Familienwirtschaft.

Aus heutiger Sicht waren sie Inhaber kleiner, landwirtschaftlicher Nebenerwerbsbetriebe, die insbesondere zur Selbstversorgung mit

eine kleinbäuerliche Landwirtschaft betrieben.

Milchwirtschaftlich gesehen, hatte fast ausnahmslos jeder Haushalt im Dorf eine eigene Kuhhaltung, seltener wurden Ziegen oder Schafe gehalten.

Im Jahr 1895 wies der Viehbestand der Hellentaler Kleinstellenbesitzer 90 Kühe über zwei Jahre auf.

Der Bestand umfasste in der Regel eine Kuh bis zu vier Kühen pro Haushalt, so dass das Arbeiterdorf etwa 100 Kühe zählte.

In einem größeren landwirtschaftlichen Haushalt wurden zur Mitte des 20. Jahrhunderts 12 Kühe und ein Bulle gehalten.

Täglich wurde die morgendlich gemolkene Milch in Kannen mit Pferdefuhrwerken immer zur selben Zeit von den Milchbänken im Dorf abgeholt und bei der nahe gelegenen Molkerei (Meierei) angeliefert.

Dort wurde die Milchlieferung im Milchkannenraum angenommen und gewogen.

Anschließend wurde die Rohmilch

  • mittels Zentrifuge entrahmt

  • pasteurisiert

  • und gekühlt.

Die Magermilch konnte wieder mitgenommen werden.

Der Rahm wurde in einem Nebenraum der Molkerei zu Butter verarbeitet.

 

Auszug aus dem „Gegenbuch über Milchlieferungen“

von Albert Peckmann in Lüthorst │ um 1930

© Historisches Museum Hellental

 

Regionale Molkereien für die Milchlieferungen aus Hellental

Der Milchtransport mit dem Pferdefuhrwerk folgte von Hellental dem natürlichen Straßengefälle des Sollingtals und letztlich im Sollingvorland parallel zum Talverlauf des Spüligbaches - von Mackensen nach Dassel und später nach Markoldendorf.

Der langgestreckte Anstieg von Merxhausen nach Heinade, wo sich eine Molkerei befand, war für ein mit vollen Milchkannen beladenes Pferdefuhrwerk zu beschwerlich, so dass diese Molkerei nicht beliefert wurde; möglicherweise gab es hierfür auch noch andere Gründe.

 

Ehemaliges Molkerei-Gebäude in Mackensen April 2026

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Mackensen

Zunächst wurde die in Hellental gewonnene Vollmilch in die Molkerei in Mackensen geliefert - heute Meierstraße Nr. 8.

 

Ehemaliges Molkerei-Gebäude in Dassel März 2026

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Dassel

Nach der Schließung Molkerei in Mackensen wurde die 1899 gegründete Molkereigenossenschaft Dassel mit der Molkerei an der Relliehäuser Straße (heute Nr. 4) zum regionalen Milchabnehmer, die auch von Hellentaler Landwirten beliefert wurde.

Für die Zeit um 1940 ist der Milchfuhrmann Engelbrecht belegt, für die 1950er Jahre der Milchfuhrmann Willi Mathias.

Viele Jahre lang hat der Gast- und Landwirt Timmermann aus Hellental in Dassel Milch angeliefert.[1]

 

Markoldendorf

Nach der im Jahr 1970 vollzogenen Fusionierung der Molkereigenossenschaft Dassel mit der Molkerei "M. G. Markoldendorf" zur MZS - Milchzentrale Südhannover EG in 3354 Dassel 1 / Markoldendorf - wurde die Milch fortan nach Markoldendorf geliefert.

Durch den Verlust der Konkurrenzfähigkeit auf dem Milchmarkt wurde schließlich die MZS für immer geschlossen.

 

Beschwerdevortrag von Frau Meyer aus Hellental

bei der Kreisdirektion Holzminden │ April 1940 [3]

 

Gegenbuch über Milchlieferungen │ Lüthorst 1930-1932

Das mit der № 94 von Albert Peckmann im land- und viehwirtschaftlich geprägten Dorf Lüthorst zweimonatlich geführte „Gegenbuch über Milchlieferungen“ an die Dampfmolkerei Lüthorst umfasst den Zeitraum von Mai 1930 bis Mai 1932 mit 13 dokumentierten Monaten.

Die Molkerei war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Kontext der raschen Industrialisierung gegründet worden.

In einer Dampfmolkerei wurde die angelieferte Rohmilch durch unter anderem aus Zentrifuge und Erhitzer bestehendes und von einer Dampfmaschine angetriebenes technisches System weiterverarbeitet, meist zu Milcherzeugnissen, wie Butter.

 

⊚ Zum Anklicken

Auszug aus dem „Gegenbuch über Milchlieferungen“ № 94

von Albert Peckmann in Lüthorst im Mai 1930

© Historisches Museum Hellental

 

Im Zeitraum von Mai 1930 bis Mai 1932 lieferte Peckmann zweimonatlich (an 13 dokumentierten Monaten) im Durchschnitt täglich 622,2 Liter Vollmilch (34 – 1058 Liter) mit einem Durchschnitts-Fettgehalt von 3,3 % (2,86 – 3,95 %) an die Dampfmolkerei Lüthorst.

 

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[1] CREYDT 1996, S. 45-47.

[2] CREYDT 1996, S. 47 Abb.

[3] KreisA HOL 1051.