Kulturhistorische Spuren im Hellental
Klaus A.E. Weber
Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel förderte absolutistisch wie aufgeklärt die Infrastruktur seines Landes Braunschweig.
Noch heute finden sich fassbare kulturhistorische Spuren und Relikte seiner langen Regierungszeit in der Plansiedlung des Glasmacherdortes Hellental wie auch in dem heutigen Landschaftsbild des einzigartigen Sollingtals.
- Von der "Höllthal Glas Hütte" zur planmäßigen Anlage einer "Colonie im Hellenthale" / Anlage eines gewerblichen Zuwanderungsdorfes
- "Neuer Anbau" im Glasmacherort Hellental im Rahmen des Fürstlichen Landesausbaus im Weserdistrikt
- "Bey jeglicher Gemeinde ein Back-Haus mitten im Dorfe" - Errichten eines zentralen Gemeinde-Backhauses nach der herzoglichen Verordnung von 1744
Von der Glashütte zur planmäßigen Anlage eines gewerblichen Dorfes
In dem seit dem Mittelalter für die Glasherstellung ressourcengünstig gelegenen Hellental bestand eine um 1715 gegründete, privatwirtschaftlich geführte Glashütte Steinbeke mit Werkweiler.
Die ortsfeste Glashütte des braunschweigischen Sollings ist sozial- und wirtschaftshistorisch insofern bedeutsam als sie den produktionstechnischen Übergang von der mittelalterlich geprägten Waldglashütte zur staatlich gegründeten Glasmanufaktur repräsentiert.
Letztlich wurde die Glashütte durch wirtschafts- und strukturfördernde Maßnahmen unter Herzog Carl I. zur „Keimzelle“ des heutigen Solling- und früheren Glasmacherortes Hellental.
Nach fast drei Jahrzehnte währendem Betrieb wurde die Hellentaler Glashütte Steinbeke stillgelegt.
Im Jahr 1743 erwarb Herzog Carl I. Anlageteile der Glashütte und ließ sie an den "Schorbornsteich" im Nordsolling verlegen, wo 1744 die bedeutende „Fürstlich-Braunschweigisch-Lüneburgische Hohl- und Tafelglashütte“ errichten wurde zur fürstlich-merkantilistischen Glasproduktion.[3]
Plansiedlung: "Neuer Anbau" im Glasmacherort Hellental
Fürstlicher Landesausbau im Weserdistrikt
Unter dem Aspekt der Forstwirtschaft wurde im Fürstlichen Landesausbau des 18. Jahrhunderts in einer staatlichen Forstfläche (Merxhäuser Forst) um 1753 der Werkweiler der ehemaligen Hellentaler Glashütten durch gezielte Ansiedelung von "Anbauern zur Colonie im Hellenthale" planmäßig ausgebaut (vergl. "Geometrischer Grund-Riß" des Neuen Anbaus am Grünen Plan (Grünenplan), Johann Georg v. Langen, 1749).
Die Siedlung wurde "abgesondert von allen Straßen" unter dem Hofjägermeister Johann Georg von Langen angelegt als man im 18. Jahrhundert in den Braunschweiger Staatsforsten verstärkt Holzhauer benötigte.
Hellental wurde in der Folgezeit zu einem bedeutenden Waldarbeiterdorf im Solling.
Im frühen 18. Jahrhundert zugewanderte Glasmacherfamilien bildeten als erste Arbeitsimmigranten einen wichtigen Pfeiler für die anfängliche Berufs- und Bevölkerungsstruktur des späteren Sollingdorfes, exemplarisch für die vorindustrielle Epoche eine typische Zuwanderungssiedlung repräsentierend, die durch eine zweite Arbeitsimmigration (Anbauer) entstand, beeinflusst durch die Siedlungsfaktoren Topografie, Kleinklima, Vegetation und andere natürliche Ressourcen.
Es herrschte in der rasch wachsenden Hellentaler Dorfbevölkerung eine große materielle Not und bitterste Armut.
Fast alle Hellentaler Familien waren als „kleine Leute“ und Kleinstellenbesitzer in jenen Jahrzehnten vom Lohneinkommen abhängig, das vornehmlich auf vorindustrieller, kleingewerblicher Heimarbeit (u.a. Textilgewerbe) und Waldarbeit beruhte und dabei den wirtschaftlichen Schwankungen mit erheblichen Erwerbseinbrüchen unterlag.
"Bey jeglicher Gemeinde ein Back-Haus mitten im Dorfe" [2]
Errichten eines Gemeinde-Backhaus nach der herzoglichen Verordnung von 1744
Die Vorgabe, im Weserdistrikt flächendeckend Gemeinde-Backhäuser zu errichten, ist auf die herzogliche Verordnung vom 04. Juli 1744 zurückzuführen.
Um primär dem bisherigen "Holz-Verderb" und auch der Feuergefahr entgegenzuwirken, war von Herzog Carl I. die Abschaffung aller privaten (bäuerlichen) Backöfen und die Anlegung besonderer Gemeinde Back-Häuser angeordnet worden.
Von Zeit zu Zeit ergangene Verordnungen wiederholten die Abschaffung der Privatbacköfen im Braunschweiger Land.
Die energiewirtschaftliche Bilanzierung der "Fürstlichen Cammer" in Braunschweig galt hierbei dem Holz, dem damals - neben dem Wasser - wichtigsten Energielieferanten im Solling.
Der Förderung des dörflichen Brandschutzes galt das weitere herzogliche Interesse.
Durch das erst im frühen 19. Jahrhundert in Hellental errichtete "neue Gemeinde-Backhaus" wird noch heute materiell fassbar, wie im Weserdistrikt des Herzogtums Braunschweig unter Herzog Carl I. das Errichten zentraler Dorfbackhäuser ab 1744 verpflichtend wurde.
Es ist zu vermuten, dass ein bislang nicht belegbarer Vorgängerbau des Hellentaler Dorfbackhauses 1828 durch einen zweiteiligen Fachwerkgebäudekomplex ersetzt wurde.
Kosten sparend war in dieser Zeit noch brauchbares Abrissmaterial "des dazu angekauften alten Schulhauses zum Bau eines neuen Gemeindebackhauses" verwendet worden.
Die gemeindliche Baufinanzierung erfolgte durch ein "Anlehn" in Höhe von insgesamt 280 Talern vom Herzoglichen Leihhaus in Holzminden, 1754 als „Leihhauskasse“ von Herzog Carl I. gegründet.
Die 1753 ebenfalls von Herzog Carl I. gegründete „Brandversicherungsanstalt“ benennt in dem "Brandversicherungs-Catastrum des Dorfes Hellenthal" von 1834 unter der Ass.-№ 53 ein "Gemeinde Backhaus inclusive Backofen" mit der versicherten Grundfläche von "34 x 24 ½ Fuß".[1]
Archivalische Quellen und bauhistorische Spuren weisen auf mehrfache Umbaumaßnahmen des zweiteiligen Baukomplexes hin, ehemals bestehend aus dem Wohnbereich (Haupthaus), Fachwerkbau mit Erd- und Dachgeschoss, Diele, Kammern, Küche und Backofenbereich (mittlerer Anbau: Fachwerkbau mit Erd- und Dachgeschoss und innen befeuertem Holzbackofen).
Beim Backofenbau wurden ehemals ungestempelte und gestempelte Ziegel als Ofensteine verwendet.
Insgesamt konnten 53 gestempelte Ziegel bei den Restaurierungsarbeiten geborgen werden.
Hierbei war bauhistorisch völlig überraschend der Fund von 39 Ofenziegeln mit dem Stempel "Fürstenberger Porzellanfabrik".
Den wohl älteren Ziegelstempel "Fürstenberger P.(orzellan) F.(abrik)" weisen 10 Ofenziegel auf, mit dem wahrscheinlich jüngeren Ziegelstempel "Fürstenberger Porzellan Fabrik" insgesamt 29 Ziegel.
Das teils historisch authentische Hellentaler Dorfbackhaus beheimatet heute die Ausstellung GLAS & BROT des Historischen Museums Hellental.
Der innerhalb des regionaltypischen Gemeinde-Backhauses gelegene Einschießofen repräsentiert einen dreizügigen Brotbackofen vom Einkammertyp.
Der vermutlich zwischen 1876 und 1888 neu gemauerte Backofen weist heute – nach seiner bautechnischen Rekonstruktion – annährend wieder die mit der herzoglichen Verordnung von 1744 "vorbeschriebenen Maasse" auf.
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[1] NLA WO, 104 Alt Nr. 907.
[2] WEBER 2025.
[3] Ausstellung "Kostbarkeiten aus Sand und Asche - entstanden im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel", Museum Schloss Wolfenbüttel, 11. März bis 02. Juli 2017.