Welt der Bäume │ Wald und Holz
Klaus A.E. Weber
Eiche (Quercus), der "Baum des Lebens" im Solling │ Mai 2020
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Die magische Welt der Bäume
SRF 2024
֍ Die Linde
„Kaum ein anderer Baum in Europa ist so tief mit den Menschen verflochten wie die Linde.
Über Jahrtausende war sie engste Begleiterin und hat unser Geschehen als stummer Zeuge der Zeit beobachtet.
Die Linde ist nur selten in unseren Wäldern anzutreffen.
Man findet sie in Dörfern und Städten, mitten unter den Menschen, die sie pflanzen und hegen.
Sie hat uns stets inspiriert, war aktiv an unserem Schicksal beteiligt und ist heute nicht aus unserem Alltag wegzudenken.
Die Linde hat sich schon früh ins Leben der Menschen gestohlen.
Zahlreiche Legenden ranken sich um den Baum und machen ihn zum Inhalt vieler Lieder.
Die Menschen holten die Linde aus den Wäldern in die Städte, wo sie als Einzelbäume hervorragend wachsen konnten.
So erhielt der Bürger eine „mütterliche“ Baumpersönlichkeit, die durch ihren schönen Wuchs und den wunderbaren Duft ein Gefühl von Geborgenheit verbreitet.
Sie gilt dank ihrer beruhigenden Ausstrahlung als weise Ratgeberin.
Die Linde gilt überdies als ein Symbol für Gerechtigkeit, Frieden und Heimat sowie als Platz der Gemeinschaft.
Dazu Martin Luther: „Wenn wir Reuter sehen unter der Linden halten, wäre das ein Zeichen des Friedens.
Denn unter der Linde pflegen wir zu trinken, tanzen, fröhlich sein, denn die Linde ist unser Friede- und Freudebaum.“
Die Linde ist ein Sinnbild für die Gemeinschaft, der „Baum des Volkes“.
Nicht zufällig stehen heute in so manchen Gemeinden Tanz-, Gerichts-, Gedenk- oder Liebeslinden.
In der Natur findet man sie an unwegsamen Orten, wo sie durch ihre kämpferische Natur an Stellen gedeihen, an denen andere Bäume kaum Nährboden finden würden.
Diese einzigartige Evolution hat sie mit einer unvergleichlichen Heilkraft ausgestattet, welche nicht nur ihr selbst zugutekommt, sondern auch denen, die sie einzusetzen wissen.
Genauso wie der Mensch, der sie verehrt, ist die Linde in einer ständigen Evolution, welche sich ihrem Umfeld anpasst und Schicksale in Möglichkeiten verwandelt, die sie grösser und stärker werden lässt.“
֍ Die Edelkastanie
„Im Vorsommer erfreut die Kastanie das Auge mit ihrer Blütenpracht, im Herbst mit goldgelben Blättern.
Lange Zeit war sie als Nahrungsquelle für die Bewohner der Alpensüdseite unentbehrlich.
Im Tessin kennt man rund 100 verschiedene Sorten der Esskastanie.
Der knorrige, mit einer weit ausladenden, Krone versehene Fruchtbaum wird je nach Standort 20 bis 35 m hoch.
Sein Stamm hat einen Durchmesser von 3 Metern und die Riesen der Spezies werden bis 1000 Jahre alt.
In der Schweiz sind etwa 2,3% aller Waldbäume Edelkastanien.
Davon gedeihen 98% auf der Alpensüdseite (Tessin, Calancatal, Misox, Puschlav und Bergell).
Die auf der Alpennordseite stehenden Edelkastanien wachsen hauptsächlich an den milderen Lagen am Vierwaldstätter-, Zuger- und Walensee sowie am Genfersee und im Unterwallis.
Die wärme- und lichtliebende Edelkastanie bevorzugt frische, lockere und tiefgründige sowie kalifreie, saure Böden.
Sie ist äußerst empfindlich gegen Spätfröste.
Auf der Alpensüdseite gedeiht sie bis etwa 1500 m ü. M.; nördlich der Alpen höchstens bis gegen 1000 Meter ü. M..
Kastanie leitet sich ab vom lateinischen "castanea", vom althochdeutschen "chestina" und vom mittelhochdeutschen "chesten".
Dies widerspiegelt sich in zahlreichen Mundartformen in der Schweiz: Chestene, Chäschtibaum, Keschnäbaum, Kistelä, Chegele, Edu-Chestle, echti Kastanie sowie Marronibaum.
Auch Orts- und Flurnamen zeugen von der Existenz dieser Baumart: Kastanienbaum, Kestenholz, Kestenberg, Kastanienweid sowie La Chataine, Chataignier, Castagnola und Castaneda; aber auch in den Familiennamen: Kestenholz, Castagna, Casten, Castanet und De Castaign.
Der Film nimmt uns mit auf eine Entdeckungsreise in die Südschweiz, wo er dann sti(e)lgerecht an einem Kastanienfest endet.
Den krönenden Abschluss bildet die sogenannte ‚Festa della Grà‘, an der die Bevölkerung zusammenkommt, um den historische Baumart zu feiern.
Gnocchi alla Farina di castagne oder die gerösteten Marroni dürfen dabei natürlich nicht fehlen.“
֍ Die Eiche
„Niemand baut mehr Schiffe aus Eichenholz. In Möbelhäusern sucht man Eichenholzmöbel vergebens.
Die Eiche scheint ausgedient zu haben.
In Wirklichkeit ist sie jedoch der Baum der Zukunft.
Die Geschichte der Eiche (Quercus) reicht bis zu 12 Millionen Jahre zurück.
Der Laubbaum aus der Familie der Buchengewächse steht symbolisch für Kraft und Ewigkeit - Eichen können nämlich bis zu 1000 Jahre alt werden.
Das Holz ist sehr stabil, die Rinde, rau dick und furchig.
Zur Pflanzengattung der Eichen gehören ca. 400 Arten, wovon die Stieleiche und die Traubeneiche zu den häufigsten Arten in Deutschland zählen.
Eichen können ein enormes Alter erreichen.
Auch im Hinblick auf die Erdzeitgeschichte liegen Eichen weit vorne: Belegt sind Fossilfunde von mindestens 10 Millionen Jahren.
Die Früchte (Eicheln) sind durch ihren hohen Anteil an Stärke im Grunde zwar nahrhaft, aber wegen der Bitterstoffe für den Menschen ungeniessbar und giftig.
Für Nagetiere (Mäuse, Eichhörnchen), Rotwild (Hirsche) und Wildschweine sind die Eicheln dagegen unverzichtbare Kohlenhydrat- und Proteinquellen, weswegen sie sich für Nagetiere besonders gut beim Anlegen von Wintervorräten eignen.
Der Film erzählt in drei Akten von den Eichen.
Die einzelnen Akte werden jeweils durch eine Sequenz geteilt, die einige besondere Eichen präsentiert.
Die drei Akte oder Kapitel könnte man mit „Natur“, „Nutzung“ und „Zukunft“ betiteln.
Der erste Akt beschreibt verschiedene Besonderheiten der Eichen und wie wertvoll die Eichen als Lebensraum für Vögel und Insekten sind, Teil 2 zeigt verschiedene Arten der Nutzung – zum Beispiel durch einen Künstler, der ausschließlich mit Eichenholz arbeitet – und der dritte Akt bringt eine überraschende Wendung, da sich herausgestellt hat, dass die Eiche mit dem Klimawandel besonders gut klarkommen wird, dass sie schon jetzt dabei ist, Baumarten wie die Föhre zu verdrängen und sie daher eindeutig der Baum der Zukunft ist.
Unsere Hauptfigur macht also eine Wandlung durch vom unmodernen und nicht mehr gebrauchten Baum zu dem Baum, aus dem in Zukunft unsere Wälder bestehen werden."
֍ Die Lärche
„Lärchen wuchsen bereits vor 60 Millionen Jahren auf der Erde.
In der Schweiz findet man einen Großteil dieser Baumart vor allem im Wallis, in den Tälern des Tessins sowie in Graubünden.
Die lichtbedürftige Lärche gehört zur Gattung der Nadelbäume und ist eine Pionierbaumart.
Dank ihren bis zu sieben Metern tief verankerten Wurzeln ist sie als Schutzbaum sehr beliebt.
Die Europäische Lärche wird bis zu 54 m hoch und erreicht ein Alter von über 1000 Jahren.
Das heutige natürliche Verbreitungsgebiet der Europäischen Lärche ist der Alpenraum, die Sudeten, die Karpaten/Tatra sowie das südöstliche Polen.
In der Schweiz wachsen Lärchen in der Regel oberhalb von 1400 M.ü.M.
Als Pionierbaumart passt sie sich den standörtlichen Begebenheiten an und ist ein guter Schutzbaum.
Dank den kräftigen, tiefen Wurzeln festigt die Lärche, vor allem im Gebirge, erosionsgefährdete Waldböden.
Sie ist ein wichtiges Element im inneralpinen Schutzwald.
Ihre dicke Borke zeichnet sie zudem als Prellbock gegen Steinschlag aus.
Im Mischwald wird sie deshalb gerne gefördert.
Wegen ihrem gut bearbeitbaren und dauerhaften Holz wird sie sehr geschätzt.
In tieferen Lagen muss sie im Mischwald gepflegt werden, weil dort speziell die Tannen und Fichten ihr das notwendige Licht rauben.
Das witterungsbeständige, schwere Lärchenholz findet Verwendung im Innenausbau, Erd-, Brücken- und Schiffsbau sowie bei Wasserarbeiten.
Unter Wasser wird es steinhart.
Auch als Schindelholz ist es sehr beliebt.
Überdies ist die Lärche aus forstwirtschaftlicher Sicht eine wertvolle Baumart.
Wie die meisten Bäume lebt sie in Symbiose mit Pilzen.
Die fetten Lärchensamen dienen vielen Vögeln als Nahrungsquelle und eine spezielle Bedeutung kommt der Lärche in den Alpentälern zu.
Eine Verflechtung aus Wald und Weide ermöglichen dem Vieh, dass es sich vom reichlich wachsenden Gras unter den lichten, schattenspendenden Kronen der Lärchen ernähren kann.
Unter dem dichten, wintergrünen Geäst von Fichten würde hingegen kaum Gras wachsen.
Als einziger Nadelbaum färben sich die Nadeln der Lärche im Herbst goldgelb und fallen schlussendlich ganz ab.
Mit dieser Strategie übersteht die Lärche den Winter unbeschadet.
Wegen ihrer schützenden Kräfte wurde die Lärche schon früh kultisch verehrt.
Im Altertum galt sie als heiliger Baum.
Weiter wird der Lärche heilende Wirkung zugeschrieben.
Am bekanntesten ist das Terpentin, bekannt auch unter dem Namen "Venezianisches Terpentin".
Die aus der Lärche gewonnene Harzsalbe enthält bis zu 20% ätherisches Öl und über 50% Harzsäuren.
Sie soll gegen Gicht, Hexenschuss, Rheuma, Neuralgien, Erkältungen, Durchblutungsstörungen und Infektionen wirksam sein.“
Der Wald zwischen Forstwirtschaft, Umwelteinflüssen und Tourismus
Eine Gemeinde ohne EinwohnerInnen – dafür mit Eichen [4]
aus der Geburtsstunde der Nachhaltigkeit
«Rüti» und «Schwand» berichten vom historischen Kahlschlag [3]
Seit Menschengedenken wird der Schweizer Wald bewirtschaftet – während Jahrhunderten wurde er auch im großen Stil gerodet.
Die vielschichtige Beziehung zwischen Mensch und Wald ist in Orts- und Flurnamen verewigt.
Morbach
Scobel: Patient Wald
„Um unsere Wälder ist es schlecht bestellt: Wir Menschen profitierten in hohem Maße vom Wald - gesundheitlich und ökonomisch. Wie aber behandeln wir diese überlebenswichtige Ressource? Wie gesund, wie krank ist der Lebensraum Wald? Gert Scobel diskutierte mit seinen Gästen." [1]
Buchtipp: KÜSTER: Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart. 2008.[2]
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[1] 3sat Mediathek, Sendung vom 27. April 2017.
[2] KÜSTER war Professor für Pflanzenökologie am Institut für Geobotanik der Leibniz Universität Hannover und Experte für Kultur und Geschichte des Waldes.
[3] Blog-Artikel des Schweizerischen Nationalmuseums vom 01. Juli 2022 von André Perler, Dialektologe und Historiker und arbeitet als Mundartredaktor bei SRF.
[4] Blog-Artikel des Schweizerischen Nationalmuseums vom 24. September 2021 von Guido Balmer, Kommunikationsbeauftragter der Raumplanungs-, Umwelt- und Baudirektion (RUBD) des Kantons Freiburg und freischaffender Kommunikationsprofi.