Herstellung und Vertrieb von Leinenstoffen
Klaus A.E. Weber
Leinenstoffe herzustellen entwickelte sich zum wichtigsten und die Wirtschaftsstruktur der meisten Orte bestimmenden Gewerbe, wie in Hellental.
Grundlage der Textilherstellung war hierbei eine hauswirtschaftliche Gemeinschaft mit Kernfamilie (Vater, Mutter, Kinder) oder eine erweiterte Kernfamilie (Groß- und ggf. noch Schwiegereltern, unverheirateten Geschwistern usw.).
Wie MÄRZ [27] ausführt, hatte die Leinenherstellung und der Handel mit den Stoffen „im Braunschweiger Weserdistrikt im 17. und 18. Jahrhundert eine über das zeittypische Maß als saisonaler Bestandteil der Hauswirtschaft hinausgehende Bedeutung.
Die Stoffe wurden nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern in weit größerem Umfang für den Export in das europäische und überseeische Ausland hergestellt.
Die Leinenweberei entwickelte sich in vielen Orten des Weserdistrikts zum wichtigsten Gewerbe.“
Dabei war es nach MÄRZ [28] üblich, dass „der Verkauf der Stoffe an einen örtlich oder im Nachbarort ansässigen Kleinhändler, der die Ware auf den regionalen städtischen Märkten weiterverkaufte.
Teilweise boten die Produzenten ihre Ware aber auch selbst auf diesen Märkten an.“
Wie MÄRZ weiter darlegt, waren an der Textilherstellung „nicht nur diejenigen Haushalte beteiligt, die über ihre Berufsbezeichnung z. B. als Leineweber diesem Sektor zugeordnet werden können.
Vielmehr ist davon auszugehen, dass in einer Vielzahl von Haushalten Weben und Spinnen als tägliche und/oder saisonale Nebentätigkeit betrieben wurde.
Die Anzahl derjenigen, die in diesem Gewerbe tätig waren, dürfte aber erheblich geschwankt haben.“
Darüber hinaus verweist MÄRZ [29] darauf, die Gewährung der Gildefreiheit für Landweber ein Privileg darstellte, "das nur den Einwohnern des Weserdistrikts zu Teil wurde und auf die geringeren handwerklichen Anforderungen, die die Herstellung der einfachen Stoffe voraussetzte, abgestimmt war.
Diese Unabhängigkeit ermöglichte es den Landwebern zum einen, flexibel nachfrageinduzierte Produktmodifikationen vorzunehmen und zum anderen dürfte der Verzicht auf die Finanzierung berufsständischer Organisationsformen die Produkte konkurrenzfähiger gemacht haben.
Kennzeichnend für den Weserdistrikt ist daher ein Stadt-Land-Gefälle der Produktspezifikation, bei dem den städtischen Webern Auftragsarbeiten höherer Qualität vorbehalten waren und die Landweber grobe ungebleichte Leinenstoffe für den Export produzierten.“
Noch heute erinnern alltägliche Redewendungen, wie beispielsweise
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sich verheddern
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etwas durchhecheln
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herumflachsen
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verzetteln
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einspinnen
- er hat einen Webfehler
an das ehemals sehr bedeutende agrarische Nebengewerbe der Flachsverarbeitung und Leinenherstellung zwischen Weser und Leine.
Flachs anbauen, Flachs gewinnen, Leinenstoffe weben
Bereits die Menschen der Bronzezeit bekleiden sich mit Leinenstoffen.
Aufgrund günstiger naturräumlicher und agrarsozialer Gegebenheiten erlangten sowohl die Herstellung von Flachsgarn als auch die Leineweberei in den Dörfern Südniedersachsens eine immense wirtschaftliche Bedeutung.
„Der Anbau von Flachs, das Spinnen und die Leinenherstellung dienten der Eigenversorgung mit Textilien; der Verkauf der Produkte war für Kleinbauern und Tagelöhner nicht nur eine willkommene, sondern auch eine lebensnotwendige Einnahmequelle und bestimmte bis Ende des 19. Jahrhunderts im Winterhalbjahr das Alltagsleben.
Für die Berufsweber in den Dörfern stellte die Leinenherstellung den Haupterwerb dar.“[1]
Während des Höhepunktes der Leinenherstellung um 1800 zählten die zumeist der ärmeren Landbevölkerung angehörenden Handweber in vielen südniedersächsischen Dörfern zur stärksten Berufsgruppe.[2]
Im Sollingvorland erlebte „die Herstellung und der Vertrieb von Leinwand bis zur Mitte der 1820er Jahre eine Blüte“ mit allerdings zunehmender Absatzkrise in den 1830er Jahren, was „bereits um 1830 erstmals zu einer Auswanderungswelle“ in den Sollingdörfern führte.[3]
Weben im Museum Grafschaft Dassel
Ausstellung 2016
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Fasern zu Leinenstoff verarbeiten
„Die Leinwandherstellung, der wohl wichtigste Gewerbezweig im Weserdistrikt, bildete … keine räumlich zentralisierten Betriebsformen aus, sondern wurde räumlich fragmentiert mit einer verlagsähnlichen Produktion organisiert.“[4]
Leinen war das zweite Fertigprodukt aus dem zum ersten Fertigprodukt „Garn“ verarbeiteten Rohstoff Flachs.
Die Leinenweberei basierte fast ausschließlich auf eigenproduziertem Garn.
Das Leinenweben war unter mehreren ökonomischen Gesichtspunkten ein besonders interessantes, weil unternehmerisch rentables Landhandwerk und Gewerbe.
Das investitionsarme, aber arbeitsintensive textile Kleingewerbe - mit den Produktionsschritten Flachsaussaat- und -anbau, Flachsverarbeitung durch Garnspinnen, anschließendes Leinenweben – bot den Familien, insbesondere den Tagelöhnern, zwar ein wichtiges, aber nur dürftiges Zubrot („Kummerfaden”) bei sehr geringem Verdienst („Hungerlöhne”).
Ein weiterer, ökonomisch günstiger Faktor ist darin zu sehen, dass saisonal in den Wintermonaten, also in der durch die Umweltbedingungen vorgegebenen „arbeitsarmen Zeit“, mit der arbeitsintensive Phase des Garnspinnens und der Leinenherstellung begonnen werden konnte.
Sie bestimmten in den kalten, landwirtschaftlich „unproduktiven“ Monaten das Alltagsleben der Land besitzenden Bauern wie landlosen „kleinen Leute“ auf dem platten Lande.
Zudem war die Leinenherstellung insofern auch besonders günstig, als nur wenig Grund und Boden zum Flachsanbau, nur relativ wenige Produktionsmittel und nur geringe Fachkenntnisse zur Ausübung des Gewerbes erforderlich waren.
Nach KAUFHOLD [24] stellte die braunschweigische Leinenweberei zwei Hauptprodukte her,
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zum einen die „Hausleinwand“ als feine Leinwandsorte,
- zum anderen das „Löwendleinen“, eine gröbere Leinwandsorte, die als eine Spezialität des Weserbezirks gilt.
Die hausgewerbliche Leinenproduktion stand dabei im Vordergrund der Leinenweberei.
Wie im gesamten Weserdistrikt, so wurde auch in Heinade, Hellental und Merxhausen aus selbst gesponnenem Garn nebengewerblich Leinwand teils für den Eigenverbrauch, teils für den Verkauf hergestellt.
Ob dabei Verlagsverhältnisse bestanden haben, ist nicht mehr zu ermitteln.[8]
Einerseits dienten somit die Flachsverarbeitung und Leinenherstellung der Eigenversorgung mit Textilien, andererseits waren sie eine zusätzliche Einnahmequelle für Kleinbauern und Tagelöhner.
Nach KAUFHOLD [26] ist die existenzielle Bedeutung des Leinenwebens für die Landbevölkerung insgesamt aber als relativiert einzuschätzen.
War demnach das Leinengewerbe mehr Zubrot und weniger Notwenigkeit, die existenzielle Abhängigkeit von der Flachsverarbeitung und Leinenherstellung also nicht so enorm, wie oft berichtet wird?
Es ist davon auszugehen, dass während des 18./19. Jahrhunderts in fast jedem bäuerlichen und nicht-bäuerlichen Haushalt (Bauernstände, Häuslinge) von Heinade, Hellental und Merxhausen Leinen hausgewerblich hergestellt wurde, wahrscheinlich vornehmlich Löwendleinen.
Unselbständig hausgewerblich aus Flachs oder "Hede" gewebte Textilien dürften in den Dörfern vornehmlich dem gewinnorientierten Verkauf gedient haben.
Soweit bekannt, gab es hier keine Leggen, d. h. keine Stellen, an welchen unter amtlicher Kontrolle die hergestellte Leinwand geprüft und hinsichtlich ihrer Qualität und Preis beurteilt wurde.
Für den großen Absatz sorgten die bedeutenden Leinenhandlungen in Dohnsen (Floto) und Kirchbrak, aber auch jene in Holzminden (Klingemann).
Der Leinenexport ging sowohl über Bremen nach Spanien und Portugal sowie in deren Kolonien, als auch nach Holland.[9]
"Beförderung des Linnenhandels"
Zum historischen und ökonomischen Hintergrund ist anzumerken, dass insbesondere die staatlich reglementierte "Beförderung des Linnenhandels" im Herzogtum Braunschweig von zentraler fiskalischer Bedeutung war, nachrangig wohl aber auch die staatliche Sorge um die sehr "herabgekommenen Untertanen".[11]
Ein weiterer wirtschaftsförderlicher Aspekt war, dass die hiesige Landwirtschaft nur geringe Einkünfte abwarf und daher die erwerbsträchtige häusliche Leinwandherstellung gerne als zusätzliche Einnahmequelle herangezogen wurde.
Um die Wirtschaftsförderung des sich entfaltenden, fiskalisch einträglichen Gewerbes möglichst ungestört zu sichern, wurden die Leinenweber keinem Gildenzwang unterworfen.
Im Braunschweiger Weserdistrikt wurde die gewerbsmäßige Produktion von Webwaren staatlich mit großen Hoffnungen gefördert.
In der Bauverordnung für den Weser-Distrikt war daher 1750 von Herzog Carl I. u.a. bestimmt worden:[12]
"Die Hauptstube ist dergestalt mit anzulegen, daß darinnen zur Treibung der Weberei, wenn auch gleich der gegenwärtige Hauswirt solches Handwerk selbst nicht exerziert (Anm.: ausübt) hinlänglicher Raum bleibe."
Dies bedeutete für Anbauer in Heinade, Hellental und Merxhausen, die Wohnstube eines jeden Wohnhauses so zu gestalten, dass darin zumindest einen „Werketau” (Webstuhl) aufgestellt werden konnte.
Einst stand auch in jedem Bauernhaus ein Webstuhl.
Zudem wurden im Rahmen der verstärkten Förderung des „Neuen Anbaus auf dem Lande“ im Herzogtum Braunschweig durch staatlich Baukostenzuschüsse und sachliche Baubeihilfen in vielen wirtschaftlich stagnierenden Dörfern gezielt und rasch 10-20 Neuanbauerstellen geschaffen, wobei gerade den "neu sich anfindenden Leinewebern" zusätzliche, besondere Vergünstigungen gewährt wurden.[13]
So konnte sich die Leinenweberei zum wichtigsten, ganze Gemeinden versorgenden „Nahrungszweig“ im Braunschweiger Weserdistrikt entwickeln, wodurch in den Dörfern sogar eine gewisse „Wohlhabenheit“ entstanden sei.[14]
Das Leinengewerbe zählte spätestens um 1750 zu der „besten Nahrung des Weserdistrikts“.
Es waren vornehmlich die „kleinen Leute“, die Brinksitzer und Kleinköter, die diesem textilen Gewerbe nachgingen [15], so auch in Heinade, Hellental und Merxhausen.
Um 1765 waren in Hellental unter 15 steuerpflichtigen Gewerbetreibenden 11 Leinenweber.
Somit kann das Leinenweben als das dominierende Gewerbe und als eine der Haupteinnahmequellen des Sollingdorfes eingestuft werden.
War die Flachsbearbeitung und das Spinnen fast ausschließlich eine Aufgabe von Frauen, so besorgten überwiegend Männer mit ihren Händen und Füßen das Weben auf dem Webstuhl.
Zuvor wurde das „Bind“ auf eine Garnwinde gelegt und mit einem Spulrad auf große Spulen gewickelt.
Ehefrau und Kinder hatten täglich 3-4 Stunden für die Tagesleistung eines Webers vorzuspulen.[16]
War ein Weber arbeitsam, so konnte er bei vorgespultem, webfertigem Leinengarn täglich 1 Stiege Leinen (11,60 cm x 80 cm) verfertigen.
Hierzu war etwa 8-15 Lop (Kett-)Garn erforderlich.
Sechs Stiegen wurden meist gewebt, wozu ein Weber durchschnittlich 12 Arbeitstage zu je 10 Arbeitsstunden benötigte.
Der Wochenverdienst eines Webers betrug dabei etwa 1½ - 2 Taler bzw. 1 Dukaten.[17]
Neben Leinen wurde auch Mischgewebe hergestellt:
Das zumindest in Hellental gerne getragene, haltbare und auch kleidsame Beiderwand bestand aus einer Mischung von Leinen- und Wollgarn.
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[1] BUSSE 1998, S. 74.
[2 BUSSE 1998, S. 77.
[3] BUSSE 1998, S. 85-86.
[4] MÄRZ 2016, S. 236.
[9] KAUFHOLD 1983, S. 194 f.
[11] TACKE 1943, S. 87.
[12] zit. in RAULS 1983, S. 134.
[13] TACKE 1951.
[14] TACKE 1943, S. 20 f.
[15] TACKE 1943, S. 87.
[16] BUSSE 2002, S. 17.
[17] BUSSE 2002, S. 18; RAULS 1983, S. 134; TACKE 1943, S. 20.
[24] KAUFHOLD 1983, S. 194.
[25] GRIMM 2002, S. 37.
[26] KAUFHOLD 1983, S. 216-217.
[27] MÄRZ 2016, S. 350.
[28] MÄRZ 2016, S. 352.
[29] MÄRZ 2016, S. 362.