Leinengewerbe im Weserdistrikt

Klaus A.E. Weber

 

In seiner empirischen Regionalstudie zum Braunschweiger Weserdistrikt in der Mitte des 18. Jahrhunderts befasst sich MÄRZ [1] insbesondere mit der Bedeutung der Leinwandherstellung als regionalem Leitgewerbe in der Grundversorgung mit Kleidung bzw. Textilien und als regionalem Leitsektor in der Wirtschaftsstruktur, einhergehend mit hoher Volatilität in der Entwicklung.

Eine herausgehobene Stellung in der Wirtschaft des Braunschweiger Weserdistrikts hatte das Gewerbe der Leinwandherstellung.

Grobe und einfache Stoffe waren das mit Abstand wichtigste Exportgut im 18. Jahrhundert, und deren Herstellung wurde von einer breiten Masse der Haushalte im Untersuchungsgebiet getragen.

Die tiefe Verankerung dieses Gewerbes in den Orten zeigt sich eindrucksvoll in den Berufsstatistiken, wird aber auch in anderen Quellen wiederholt hervorgehoben.

Der Bedeutung dieses mit Recht als Leitgewerbe zu bezeichnenden Handwerks wird mit einem eigenen Kapitel (…) Rechnung getragen, in dem die Stufen der Produktion und Distribution von der Beschaffung bzw. dem Anbau der Rohstoffe, über die Herstellung des Vor- und Endproduktes bis zum Verkauf und Transport der Ware nachgezeichnet wird.“[2]

Einzelne Akteure im Leinengewerbe waren Bevölkerungsgruppen mit einem niedrigeren Sozialstatus.

Neben der nichtbäuerlichen Sozialgruppe der Leineweber zählten hierzu Landwirte, Spinner, Klein- und Großhändler, Faktoren, Haus- und Hofpersonal, Verwandte und auch Kinder.

Die Mehrzahl der landsässigen Leineweber gehörte zur Gruppe der Anbauer und Brinksitzer.

Das Leinengewerbe hatte im Braunschweiger Weserdistrikt für die Bevölkerung eine große Bedeutung als gewerbliche Einkommenskomponente.

Nach MÄRZ [3] galt dies „in besonderem Maße für die vielen klein-, unter- und nichtbäuerlichen Betriebe, bei denen eine landwirtschaftliche Subsistenz durch eine gewerbliche Tätigkeit ergänzt werden musste.

Aller Mitglieder einer erweiterten Haushaltsgemeinschaft, einschließlich der Kinder, betrieben das Spinnen und Weben im Zyklus eines vielfach saisonalen Tätigkeitswechsels.“

Leinenstoffe herzustellen, hatte im Weserdistrikt während des 18. Jahrhunderts eine herausgehobene Bedeutung, weshalb nach MÄRZ [4] der Braunschweiger Regierung die volkswirtschaftliche Bedeutung der Leinwandherstellung bewusst war.

„Im Kontext einer kameralistisch orientierten Politik, die den wirtschaftlichen Ausbau des Landes im Auge hatte, war es daher von besonderer Relevanz, nicht nur den Außenhandel mit diesem wichtigen Produkt im Sinne des Staatswohls zu beeinflussen, sondern dem gesamten Produktionsprozess von der Rohstoffherstellung bis zum Verkauf der fertigen Ware Aufmerksamkeit zu schenken.“

 

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[1] MÄRZ 2016, S. 236.

[2] MÄRZ 2016, S. 371.

[3] MÄRZ 2016, S. 354.

[4] MÄRZ 2016, S. 268-269.