Städtische Leineweber in Stadtoldendorf

Klaus A.E. Weber

 

Zur Mitte des 18. Jahrhunderts wird die benachbarte Kleinstadt Stadtoldendorf wie folgt beschrieben:[1]

Stadtoldendorf ist ein todter gewerbloser Ort, dessen Einwohner sich hauptsächlich vom Ackerbaue, der Leineweberei, dem Brauwesen und einigen Handwerken nähren.“

HASSEL/BEGE [2] konnten am Ende des 18. Jahrhunderts in Stadtoldendorf, einer Kleinstadt mit gut 200 Hausstellen, insgesamt 76 Leinewebermeister nachweisen.

Für die städtische Wirtschaft von Stadtoldendorf war mit dem Leinwandgewerbe stark durchdrungen und somit war die Leinewebergilde und ihre Leinwandproduktion hier besonders wichtig.

Zu dem Bannbezirk der Leinewebergilde gehörten in erster Linie die Dörfer des Amtes Wickensen an, wie die alte Landgemeinde Heinade im Sollingvorland.

Hierzu führt MÄRZ [3] im Einzelnen aus:

Laut Gildesatzung sollten die in den Dörfern arbeitenden Leineweber eine Mitgliedschaft als Landmeister in Stadtoldendorf erwerben und mussten sich in ihren wirtschaftlichen Aktivitäten auf ihren Wohnort beschränken.

Die Konfliktlinie zwischen den städtischen Leinewebern und denen des Umlandes verlief in der Grauzone zwischen Eigenbedarfs- und Marktproduktion.

Da die Textilherstellung für den Eigenbedarf in den Dörfern zum Kanon der jahreszeitlich alternierenden Beschäftigungen zählte, konnte sie nicht verboten werden.

Die überseeischen und überregionalen Absatzmöglichkeiten im 18. Jahrhundert verleiteten viele Landweber allerdings dazu, ihre Produktion über den Eigenbedarf hinaus auszuweiten und somit in eine gewerbliche Konkurrenz zur Stadtoldendorfer Leinewebergilde zu treten.

Den ökonomischen Vorteil, den die Landweber dadurch hatten, dass sie die marktgängigeren Produkte herstellten, kaschierten sie mit einer vorgeschobenen beruflichen Semiprofessionalität, die den Unmut der städtischen Weber abfedern sollte…

Zum Teil stützten die Landweber diese Position, indem sie auf ihre fehlende Ausbildung verwiesen, die ihnen die Herstellung hochwertiger Stoffe nicht ermöglichte.

Einige wiesen darauf hin, dass sie sich um eine Aufnahme in die Stadtoldendorfer Gilde bemüht hätten, diese ihnen aber verwehrt worden sei.“

Zur gildisch organisierten Berufsgruppe zählten in der Kleinstadt

  • 1755: 29 Leineweber (Meister).

Die Leineweber waren mit 29 Vertretern die mit Abstand größte Gruppe.

Sie besaßen eine eigene Gilde, deren Existenz sich bis an den Anfang des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt.“[4]

An anderer Stelle wird von selbständigen Leinewebern in Stadtoldendorf berichtet - mit 76 Meistern in der Gilde.

Wie MÄRZ [5] in seiner empirischen Regionalstudie darlegt, weise die hohe Mitgliederzahl in der Leinewebergilde „eigentlich auf ein florierendes Gewerbe“ hin, „allerdings konterkarieren die Aussagen der Mitglieder diesen Eindruck.

Die Berichte deuten an, dass sich die Leineweberei unter dem Einfluss heftiger Nachfrageschwankungen auf den überregionalen Märkten entwickelte.

Die Tatsache, dass die handwerkliche Qualifikation eines Teils der Gildenmitglieder bemängelt wurde, ist möglicherweise damit zu erklären, dass in einer Phase guter Absatzbedingungen eine Reihe von Einwohnern dazu animiert wurde, das Gewerbe spontan aufzunehmen.

Möglicherweise ließen die guten Gewinnchancen keine Zeit für eine gründliche Ausbildung, die aufgrund der Nachfrage nach einfachen und groben Stoffen wohl auch nicht notwendig war.

Der Absatzeinbruch ließ die Leineweber auf Tagelohnarbeit und landwirtschaftliche Subsistenz ausweichen. Die Bereitschaft und die finanziellen Möglichkeiten, auf die geänderte Nachfragesituation aktiv zu reagieren war aber nicht gegeben.

Für die Herstellung höherwertiger, gefärbter und gemusterter Stoffe war weder das Kapital und wohl auch nicht die handwerkliche Fertigkeit vorhanden, so dass man sich in die begrenzten wirtschaftlichen Entfaltungsnischen des kleinstädtischen Umfeldes zurückzog.

Trotzdem unternahm die Kammer den Versuch, mit der Gewährung eines Kredites für die Produktionsumstellung über 100 Rtlr. das Gewerbe zu reanimieren.“

 

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[1] HASSEL/BEGE, Beschreibung Bd. 2, 1803, S. 285 – zit in MÄRZ 2016, S. 206.

[2] MÄRZ 2016, S. 236.

[3] MÄRZ 2016, S. 208.

[4] MÄRZ 2016, S. 207-208.

[5] MÄRZ 2016, S. 203.