Die gewerbliche „Colonie im Hellenthale“ ab 1753
Klaus A.E. Weber
Staatliche Herausforderung: Bevölkerungsentwicklung im 18. Jahrhundert
Wie MÄRZ in seiner empirischen Regionalstudie von 2016 darlegt, setzte im 18. Jahrhundert, als die Bevölkerungsverluste infolge der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges ausgeglichen waren, eine Bevölkerungsexpansion ein, die eine grundlegend andere demografische Konstellation nach sich zog - mit innerer Verdichtung der Siedlungen und höhter Dynamik der Bevölkerungsentwicklung in den Raumstrukturen der Siedlungen, insbesondere im ländlichen Raum, mit erheblichen lokalen Unterschieden .
„Da die Raumressourcen in den Städten begrenzt waren und die Hürden für eine Ansiedlung höher, musste vielfach auf die ländlichen Siedlungen ausgewichen werden.“[34]
Wie MÄRZ [35] weiter ausführt, scheint sich dabei die Bevölkerungsentwicklung im Braunschweiger Weserdistrikt im 17. und 18. Jahrhundert „im Wesentlichen an den allgemeinen demographischen Trend in Norddeutschland anzulehnen.
Nach einem kriegs-, seuchen- und konjunkturbedingten starken Bevölkerungsrückgang im zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts konnten die Verluste in einer teilweise sehr langen, im Fall Holzmindens wohl bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts hinreichenden, Rekuperationsphase ausgeglichen werden.“
Da auch in den Orten des Weserdistrikts am Anfang des 18. Jahrhunderts, die Bevölkerung kontinuierlich anwuchs, erhöhte sich „damit die Zahl prekärer Lebensgemeinschaften, die nicht nur die städtischen, sondern auch die Unterschichten im ländlichen Raum anwachsen ließ.“[36]
Allgemein und insbesondere im Hinblick auf die Plansiedlung Hellental wurde nach MÄRZ [37] die periphere Siedlungsexpansion „durch die sich am Ende des 17. und im 18. Jahrhundert ansiedelnden Anbauern getragen, deren Quartiere sich oft durch eine planmäßige Gebäudereihung auf ebenfalls kleinsten Grundstücken mit weitestgehend gleichförmigen Gebäudegrundrissen auszeichnen“.
Staatliche Antwort: Wirtschaftsförderung und Binnenkolonisation
„Dem allgemeinen demographischen Trend folgend, stieg die Zahl der Hausstellen und damit der Einwohner in der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert auch in den Orten des Weserdistrikts kontinuierlich an.“[38]
Nach MÄRZ [2] markiert in der historischen Siedlungsforschung das 18. Jahrhundert die Phase der Auflösung der alteuropäischen Feudalordnung und gilt als Beginn der Transitionsphase zur industriegesellschaftlichen Modernisierung.
Im Verlauf und insbesondere am Ende des 18. Jahrhunderts stieg, trotz wiederholter landwirtschaftlicher Krisen, die Bevölkerung sprunghaft an, was nach wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen verlangte.
Vor diesem Hintergrund konzentrierte sich, kameralistischen/merkantilistischen Grundsätzen folgend, „die Peuplierungspolitik im 18. Jh. auch auf den siedlungsarmen Solling“.[31]
Die Braunschweiger Landesherren förderten dabei gezielt und nach Kräften die Ansiedlung von Anbauern zur Erhöhung sowohl der Bevölkerungszahl als auch der Bevölkerungsdichte.
Mittels der herzoglichen Verordnung zum "Neuen Anbau auf dem Lande" vom 19. März 1753 sollten potentielle Anbauer als „Handwerker und Professionisten“ zahlreiche Vergünstigungen garantiert werden [5], wie
-
Grundstücke für die Haus- und Hoffstelle als kleinste Raumeinheiten
-
Gartenparzellen
- zeitlich befristete Abgabefreiheit
In der Folgezeit wurden aber die landesherrlichen Privilegien der Neusiedler mehr und mehr abgebaut.
Schließlich sollten frühindustrielle Neu- und Ausbausiedlungen das Siedlungsbild der Sollingregion verändern.
Am Anfang war eine Glashütte [11]
Werkweiler "Höll Thaler Glas Hütte"
Auch nach LAMBRECHT [33] war die Glashütte die Veranlassung, dass der Ort überhaupt um 1753 gegründet wurde.
Hierfür seien Arbeiter vom Harz „berufen“ worden, die ihre Familien nachholten.
Nach TACKE [32] waren in jener Zeit des 18. Jahrhunderts im Weserkreis keine ausgebildeten Arbeitskräfte - "Laboraten und Arbeiter" - für die Manufakturen und Fabriken verfügbar, sie "mußten vielmehr von außerwärts ins Land geholt werden"; so kamen als zugewanderte Arbeitskräfte:
- Glasmacher vorwiegend aus Hessen (Gundelach, Kauffeld, Seitz) - Thüringen (Greiner) . Böhmen (Wagener, Werner, Kamm)
- Köhler vom Harz
- Holzhauer vom Harz
Aus den zuerst erbauten „Bretterhütten“ seien „nachgerade stattliche Häuser“ entstanden.
Das Dorf in enger Tallage habe nur aus „Anbauerwesen“ bestanden.
Der im Original relativ kleine Geometrische Grundriss Der Merxhäuser-Forst Wie selbiger in Anno 1745 aufgenommen worden von Ludwig August Müller weist im Bereich des heutigen Dorfes Hellental, wenige Jahre nach der Stilllegung der Glashütte Steinbeke und zwei Jahre nach deren Verlegung an den „Schorborns Teich“, fünf vereinfachte Gebäudemarkierungen den Namensvermerk Höll Thaler Glashütte in der Forstabteilung III, IV auf.
Soweit bei dem fraglich maßstäblichen Miniaturausschnitt aus der ohnehin vergleichweise kleinen Originalforstkarte zu erkennen ist, wurde südwestlich eine rechteckige Gebäudesignatur mit einer größeren Nutzfläche eingetragen.
Nach LESSMANN [1] soll sie dem einstigen Meisterhaus, dem „Herrenhaus“ von Jobst Heinrich Gundelach entsprechen.
Dem hingegen könnte diese Signatur auch als ehemaliger, aufgelassener Produktionsbereich der großen Glashüttenanlage angesprochen werden.
Einer weiteren Hinterlassenschaft der ortsfesten Werkssiedlung könnten die Signaturen einer Reihe von mindestens vier Gebäuden entsprechen, die gegenüber dem „Meisterhaus“ oder Werksgelände nordöstlich eingezeichnet sind.
Es könnte sich hierbei um vier „Arbeiterhäuser“ mit dazugehörigen Nutzflächen (Gärten) handeln, die wahrscheinlich oberhalb des Hanges „Steinbeke” standen (heute „An den Höfen“).
Damit lagen sie vom Brand geschützt oberhalb des ehemaligen Glashüttenplatzes, welcher das Gelände der heutigen Dorfkapelle, des Dorfgemeinschaftshauses (vormals Dorfschule) und des kleinen Grünparks umfasste.
Zieht man die spätere staatliche Vorgabe zur Errichtung des gewerblichen Dorfes heran, wonach ein Anbau in Nordost und Südwest oberhalb der vorhandenen Häuser und Gärten in Betracht zu ziehen sei, so lässt diese Angabe vermuten, dass bereits vor etwa 1750 bzw. zum Zeitpunkt der Erstellung der Forstkarte um 1745, Häuser mit Gärten am alten Glashüttenplatz gestanden haben und die vier Signaturen daher als Vorgängergebäude der um 1753-1756 angelegten „Anbauerhäuser“ angesehen werden können.
Als Schorborn Glas Hütte ist die im Entstehungsjahr der Merxhäuser Forstkarte neu angelegte „fürstliche Hohl- und Tafelglashütte“ am Schorbornsteich bereits angegeben.

"Hölthal Glas Hütte" in der Merxhäuser-Forst │ Forstabteilung III│22
Kartografisch erfasst im Jahr 1745
NLA WO, 4 Alt 10 XIV Nr. 2 │ Ausschnitt 3 Karte Bl. 2 Teil 2
1753 - Planmäßige Anlage eines gewerblichen Dorfes im Solling
Beispiel für die regionale wirtschafts- und sozialgeschichtliche Strukturpolitik
TACKE [16] schrieb in seinem Beitrag zur Entwicklung der Landschaft im Solling: „Sehr schön zeigen einige Grundsätze der v. Langenschen Siedlungs- und Bevölkerungspolitik die Anfänge des Dorfes Hellental.“
Es kann davon ausgegangen werden, dass bereits vor 1753 die ersten staatlichen Vorarbeiten und Entscheidungen zur planmäßige Anlage eines gewerblichen Dorfes in Hellental getroffen wurden.[17]
Es sollte ein neues, gewerbliches Dorf eingerichtet werden, nachdem die von der ehemaligen Glashüttenbelegschaft zurückgelassenen Hütten zu verfallen begannen.
Das damalige landesherrliche Wirtschaftsförderungsprogramm sah vor, auch am alten Glashüttenstandort „im Hellental am Steinbeck“ gezielt Anbauer als Zusiedler sesshaft zumachen.
So erhielten nach „dem Eingehen der Gundelachschen Glashütte“ die „alten und aus anderen Ländern nach dem Hellenthale zugezogenen Köhler, Holzhauer, Glasmacher und Leineweber die gnädigste Freiheit, daselbst zu wohnen und die alten eingefallenen Hütten neu anzubauen, zu reparieren und zu erhalten“.[18]
Um eine staatliche Anbauerlaubnis im Hellental zu erhalten, richteten bald darauf mehrere Einwohner benachbarter Dörfer ihre Gesuche an den braunschweigischen Oberjägermeister vom Langen.
Wegen des Anbaus zu Hellenthale entspann sich in den Jahren zwischen 1754-1756 eine relativ rege behördliche Korrespondenz zwischen dem herzoglichen Commissarius Laurentius (Lorenz) und dem Braunschweiger Hof von Herzog Carl I., im Weserdistrikt vertreten durch seinen Oberjägermeister Johann Georg von Langen.
In einem die Bauvergünstigung begründenden Bericht vom Juli 1753 schrieb von Langen über die alte Siedlung im Hellental:
„Wann dieser Ort gantz neu bebauet, sich auch die Bewohner einiger Maßen erholet, wird ein jeder sowohl das Schutz- als Weide-Geld bezahlen, seine Pflicht und Schuldigkeit seyn laßen“.[19]
Mit seinem Schreiben vom 08. April 1754 soll der invalide Hellentaler Holzhauer Johann Heinrich Warnecke um ein Gnadengehalt sowie um einen Vorschuss zum Hausbau gebeten haben).
Herzog Carl I. beauftragte daraufhin von Langen mit der Erledigung dieses Gesuches.
Zudem ist namentlich bekannt, dass der Schuster und Häusling Christof Meier aus Merxhausen ein Gesuch an v. Langen richtete.[16]
Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um den im Oktober 1699 in Merxhausen geborenen Christoph Friedrich Meier.
Am 25. Mai 1754 schrieb daraufhin von Langen an Herzog Carl I.:
„Ob nun Ew. Herzogl. Durchl. besagten Ort durch mehrere neue Anbauer erweitern und größer wollen anlegen lassen, dependiert lediglich von Ihro Höchstem Willen und Gutbefinden.
Daß es einen anderen und besonderen Nutzen für das Land haben solle, als daß unter Zeiten ein guter junger Soldat daselbst geboren werde, die Consumtion in etwas augumentiert und sich ein Hundert und mehr Menschen kümmerlich daselbst ernähren und durchbringen können, lässet sich im voraus nicht wohl determinieren.
Doch wird es allemal den Nutzen haben, daß die Bewohner etwas mehr aufbringen, als solche den Forsten und anderen Einrichtungen schaden.“
Herzog Carl I. besonders gut gefallen zu haben scheint die Anmerkung seines Oberjägermeisters, dass „unter Zeiten daselbst ein guter junger Soldat könne geboren werden“, denn Herzog Carl I. schrieb an den Rand des Schriftstückes: „Es möge geschehen“.[18]
Des Weiteren forderte Herzog Carl I. von seinem Kommissar Laurentius umgehend einen Riß, den „ferneren Anbau von Hellental betr.“ ein.
Im Zeitraum von Ende 1755 bis Anfang 1756 wurden die geforderte Beschreibung und der Riß von Hellenthal zur (steuerlichen) Aufnahme des künftigen Dorfes erstellt.[26]
Am 17. Februar 1756 erging dann den Anbau zu Hellental betreffend an den Oberjägermeister von Langen die herzogliche Verfügung, „auch jedem im Hellental sich neu Anbauenden ½ bis 1 Morgen Wiesen aus der Forst anzuweisen“.
Eine Fläche von 6 Morgen und 90 Ruten (= 151.971 m²) wurde als Dorfraum „nach Westen hin um die Quelle“ bestimmt, wo „13 Häuser bequem stehen könnten“.[20]
Für den Aufbau des neuen Sollingsdorfes stellte Herzog Carl I. jeweils freies Bauholz aus dem staatlichen Merxhäuser Forstrevier zur Verfügung, zudem auch einen Platz für ein Wohnhaus mit Wiesen- und Gartenland, wobei ein Anbau in Nordost und Südwest oberhalb der vorhandenen Häuser und Gärten in Betracht gezogen wurde.
Der Anbau wurde darüber hinaus durch Zuschüsse und Steuererleichterungen staatlich begünstigt.
Von der staatlichen Forst - zu großem Nachtheil der Forst (von Merxhausen) – wurde ein ½ - 1 Morgen zur Wiese ausgewiesen; insgesamt waren dafür in Hellental etwa 18 – 27 Morgen zu bestimmen.
Dies betraf Bestandsflächen des alten Merxhäuser Forstreviers, dass nach FÖRSTER [21] alle östlich und nördlich der Linie Hellental – Hundebruch – Hasselbach – Frauengrund - Rote Wasser liegenden Flächen bereits seit 1668 umfasste.
Für die Gemarkung und Dorfanlage von Hellenthal waren demnach zum einen kleine Flächen für die Wohngebäude und für die dazugehörigen gebäude- wie ortsnahen Wiesen und Gärten aus der Forst Merxhausen herausgenommen worden, zum anderen auch Flächenstreifen im landwirtschaftlich nur erschwert nutzbaren Gelände des südwestlich gelegenen „Hülsebruchs“, einige Kilometer fernab des Dorfes.
Dem oben genannten Schreiben vom 17. Februar 1756 ist auch zu entnehmen, dass die „Neubauer” nach Ablauf ihrer Freijahre Contribution (landesherrliche Steuer) zu entrichten hatten und katastermäßig als zugehörig zu erfassen waren.
Von dem am 25. Juli 1756 in Hellenthal geborenen Johann Friedrich David Schütte ist bekannt, dass er als „Schürer“ tätig war, wahrscheinlich auf der fürstlichen Schorborner Glasmanufaktur.
Ein großer Teil der ehemaligen Glasmacher der Steinbeker Glashütte wechselten nach Schorborn, während ein kleinerer Teil der Hüttenbelegschaft in der alten Werkssiedlung verblieb.
Johann Friedrich David Schütte war um 1814 als „Gemengemacher“ in der Mühlenberger Glashütte tätig und in seinem letzten Lebensjahr 1827 dort „Glasermacher“, wo er am 25. Juli verstarb.
Im Juni 1776 hatte er in Hellental Johanne Louise Catharine Meyer geheiratet.
Ab 1753 begann die planmäßige Besiedlung mit „neuen Anbauern und Handwerkern“ im Hellental.
Einwohner aus benachbarten Dörfern und aus dem fernen Harz seien hier angesiedelt worden.[25]
Neun Jahre später, um 1765, dürfte dieses wirtschaftliche Planungsvorhaben weitgehend abgeschlossen gewesen sein, denn in Hellental befanden zu diesem Zeitpunkt bereits 15 neue Anbauer, unter ihnen
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11 Leineweber
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1 Schuster
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1 Schuhflicker
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1 Tabakspinner
-
1 Krämer.
Hinzu kamen noch mehrere Glashütten- und Forstarbeiter, die zu den „alten“ Ansiedlern gehört haben sollen.[20]
Der Braunschweiger Hof unterbreitete den Vorschlag, neben Woll- und Leinenwebern, noch Säge- und andere Schmieden anzusiedeln und ihre Arbeit durch die Anlagerung einer Mehl-, Schleif- und Walkemühle, gespeist von der Quelle vom Hellenthal, zu fördern.
Die Mahlmühle soll 1756 errichtet worden sein.[22]
Noch 1863 stellte LAMBRECHT [23] fest, dass im Ort nur eine Quelle sei, „woraus das nöthige Wasser geschöpft wird“ und der „daraus entstehende Bach“ eine Mahlmühle antreibe.
Bei der Quelle handelt es sich um den in Buntsandstein gefassten „Großen Brunnen“, wie er noch heute im Dorf genannt wird, eine kräftig schüttende Bergquelle im alten Dorfzentrum.
In der Folgezeit wuchs das Dorf Hellental auf etwa 36 Hausstellen an, zu denen Garten- und Wiesenland sowie durchschnittlich 2 - 3 Morgen Ackerland zählten.
Weitere Anbauten folgten zwischen 1793-1798.[24]

"Hellenthal was wegen des neuen Anbaus und Einrichtung eines Dorfes
daselbst vorgekommen und verordnet worden.
ab ann[o]: 1753." [10]
Gewerbliche „Colonie im Hellenthale“ zur „Beförderung des commerce“
Nach TACKE [13] sei der den Anbauern mit der herzoglichen Verordnung zum "Neuen Anbau auf dem Lande" vom 19. März 1753 zugesicherte kleine Grundbesitz an Gartenland überall "ordentlich angewiesen" worden.
Dort, wo es aber nicht möglich war, nach der Verordnung vom 19. März 1753 Grundbesitz an Gartenland "ordentlich angewiesen" zu bekommen und somit kein Gartenplatz in unmittelbarer Nähe am Haus zur Verfügung stand, wurde dieser häufig in Dorfnähe "aus der Forst gerodet".[12]
Es ist ein Vorgang, der zweifelsohne auch auf das Dorf Hellental übertragen werden kann, wie aus dem "Grundriß des Dorfes Hellenthal" von 1792 entnommen werden kann.[14]
Herzog Carl I. trieb die die Gewerbe- und Forstwirtschaft voran, wobei u. a. auch - wie aus der Hellentaler Karte ersichtlich ist - die Anordnung von Gebäuden und Gärten durch eine systematisch-planerische Geometrie ersetzt wurde.[15]
Oberjägermeister von Langen schlug Herzog Carl I. im Mai 1754 vor, zusätzlich zu den aus der Glashüttenzeit in Hellental [15] verbliebenen Köhlern, Holzhauern und Glasmachern neue Anbauer, d. h. mit definiertem Hof- und Gartenland ausgestattete Arbeiter und Handwerker, als Neusiedler auf Forstgrund anzuwerben.
Die Neusiedler sollten dann u. a. die alten, eingefallenen Wohnhütten wieder aufbauen.
Herzog Carl I. stimmte dem zu und von Langen wurden, auf seine Veranlassung hin, Hausstellen, Gärten und Wiesen zugewiesen, um am ehemaligen Hellentaler Glashüttenstandort neue Anbauerstellen schaffen zu können.
Interessanterweise brach die staatlich geförderte, anfangs auch erfolgreiche „Anbauerzusiedlung“ - wie in Hellental - gegen Ende der 1760er Jahre fast unvermittelt ab.
Als ein wesentlicher Grund hierfür gelten die „schwierigen Finanzverhältnisse, in die das Land Braunschweig mit fortschreitender Regierungszeit Herzogs Karl I. geriet“.
Bereits mit seiner Verordnung vom 24. Januar 1755 verfügte Herzog Carl I., dass die vormals gewährten Freijahre von Lebenszeit nunmehr auf 14 bzw. 22 Jahre zu vermindern und darüber hinaus die Anbauer anzuweisen seien, die „Praestanda“ der Brinksitzer zu entrichten.
Zudem wurde die zuvor großzügige Gewährung von freiem Bauholz völlig aufgehoben und zudem staatlich verboten.[9]
Neue Anbauerstellen
Das abgelegene Sollingdorf Hellental ist keine landwirtschaftliche Siedlung des Mittelalters, sondern entstand erst zur Mitte des 18. Jahrhunderts durch die merkantilistische Wirtschaft- und Sozialpolitik im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel.
Wie das älteste fassbare Dokument zum Dorf "Hellenthal 1753" [5] ausweist, erfolgte im Jahr 1753 im Zusammenhang mit der braunschweigischen Verordnung von Herzog Carl I. vom 19. März 1753 über den "Neuen Anbau auf dem Lande" die systematische Anlage des gewerblichen Dorfes Hellental zur „Beförderung des commerce“ im braunschweigischen Weserdistrikt.[2]
Am 25. Mai 1754 schrieb der Oberjägermeister Johann Georg von Langen einen Brief an Herzog Carl I. in Braunschweig:
„Ob nun Ew. Herzogl. Durchl. besagten Ort durch mehrere neue Anbauer erweitern und größer wollen anlegen lassen, dependiert lediglich von Ihro Höchstem Willen und Gutbefinden.
Daß es einen anderen und besonderen Nutzen für das Land haben solle, als daß unter Zeiten ein guter junger Soldat daselbst geboren werde, die Consumtion in etwas augumentiert und sich ein Hundert und mehr Menschen kümmerlich daselbst ernähren und durchbringen können, lässet sich im voraus nicht wohl determinieren.
Doch wird es allemal den Nutzen haben, daß die Bewohner etwas mehr aufbringen, als solche den Forsten und anderen Einrichtungen schaden.“
Herzog Carl I. besonders gut gefallen zu haben scheint die Anmerkung seines Hof-Jägermeisters, dass „unter Zeiten daselbst ein guter junger Soldat könne geboren werden", denn Herzog Carl I. schrieb an den Rand des Schriftstückes:
„Es möge geschehen“.
Des Weiteren forderte Herzog Carl I. von seinem Kommissar Laurentius umgehend einen „Kartenriß“ ein, „den ferneren Anbau von Hellental betr.".
Im Zeitraum von Ende 1755 bis Anfang 1756 wurden die geforderte Beschreibung und der „Riß von Hellenthal" zur (steuerlichen) Aufnahme des künftigen Dorfes erstellt.
Am 17. Februar 1756 erging dann den „Anbau zu Hellenthal betreffend" an den Oberjägermeister von Langen die herzogliche Verfügung, „auch jedem im Hellental sich neu Anbauenden ½ bis 1 Morgen Wiesen aus der Forst angewiesen erhalten“, einschließlich eines Platzes für ein Wohnhaus.
Zudem sollte ihnen „angedeutet werden ..., daß sie zeitlebens von allen oneribus publicis (öffentlichen Lasten) frei sein und sich auch einiger Bau-Douceurs, wo unsere Forsten in der Nähe liegen, am Eichenholze, sonst aber an barem Gelde ... zu erfreuen haben".
Planmäßiger Anbau um die Quelle - abgesondert von allen Straßen
Einem geschützten nordwestlichen Seitental zwischen Buch Holz │ Merxhäuser Wiesen │ Sollkamp │ An der Koppel folgend, sind die relativ enge, zeilenartige Wohnbebauung (Hausstellen, Hofräume) wie auch die Garten- und Wiesenflächen bei ungünstigen topografischen Verhältnissen zu erkennen.
Es bestehen in Reihensiedlung 12 Hausstellen am südwestlichen und 10 Hausstellen am nordöstlichen Berghang.
Sieben Hausstellen gruppieren sich in der Dorfmitte um den Mühlenteich und seinem Zufluss (Steinbeke) von der oberhalb gelegenen Bergquelle, die der zentralen Trink- und Brauchwasserversorgung diente.
Sowohl der Zufluss der Quelle zum Mühlenteich als auch dessen Entwässerung als Mühlenbach zur Helle ist unverbaut offen.
Eine Wassermühle mit der Ass. № 2 (Müller Düvel) ist am Bachlauf der Beeke verzeichnet.
Das ehemalige Werksgelände der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts betriebenen Glashütte Steinbeke ist als in sich abgeschlossenes Gefüge erkennbar, räumlich abgesetzt von der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch den fürstlicher Landesausbau planmäßig durch neue Anbauer und Handwerker entstandenen Colonie im Hellenthale.
Die jedem Anbauenden staatlich zugeteilten Wiesenflächen im Dorf, im dauerfeuchten Wiesen im Hülsebruch und in der Steinbocksgrund vermitteln ein gewannartiges Flurbild.
Dorfausbau am Vorabend der Französischen Revolution
Vor und während des Siebenjährigen Krieges (1756-1765) erfolgte im Hellental im Jahr 1753 der an seiner topografischen Situation orientierte Ausbau zu einer dörflichen Siedlung mit dem Dorfplatz um die Bergquelle (Mitte des heutigen Oberdorfes) und entlang des steil abfließenden Baches, der „Steinbeke“.
In dem Zeitraum siedelten sich in der vorindustriellen Arbeiterkolonie 15 neue Anbauer an, die zunächst jeweils einen ½ - 1 Morgen Wiesenland aus dem Merxhäuser Forstgrund erhielten.
Auf dem wenigen Grünland konnten sie allerdings nur wenig Vieh halten.
Im Jahr 1765 waren - neben mehreren Glashütten- und Forstarbeitern als „alte Ansiedler“ – insgesamt 15 steuerpflichtige Gewerbetreibende zu Hellenthal ansässig.
Weitere Anbauten folgten in den Jahren 1793-1798, wobei noch weitere Landhandwerker hinzukamen [8]:
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2 Tischler
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2 Mollenhauer
-
1 Nagelschmied
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1 Stellmacher
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1 Böttcher
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1 Müllermeister
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1 Krüger.
Die zweite Ansiedlungsphase im Hellental vollzieht sich im Zeitalter der Aufklärung am Vorabend der Französischen Revolution.
Um diese dörflich geprägte Besiedlungsphase historisch zu erklären, ist darauf hinzuweisen, dass während der frühen Neuzeit die Förderung des ländlichen Gewerbes im kleinen Braunschweiger Territorialstaat eine wesentliche wirtschaftliche Bedeutung erlangte.
Für den Wirtschaftsraum des Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel wurden auch externe Arbeitskräfte angeworben, da bei beschleunigtem wirtschaftlichen und sozialen Wandel die „Binnenkolonisation“ staatsökonomisch hoch bewertet wurde.[3]
Im Rahmen dieser territorialstaatlichen Wirtschaftsförderung mit Binnenkolonisation entstand schließlich auch die planmäßige, staatlich geförderte Anlage eines gewerblichen Dorfes um 1753-1756 im unteren Hellental, an der Stelle der „alten Hütte“.
Die eher einfache Glashüttensiedlung drohte um 1746 wüst zu fallen.[4]
Wohl nicht zuletzt durch die oft beschriebene Umsichtigkeit und die regionalplanerische Tatkraft des Braunschweiger Hofjägermeisters Johann Georg v. Langen (1699–1776), dem auch die Leitung der Siedlungsentwicklung im Solling-Weserraum (Weser-District) oblag [5], entstand im Hellental anstelle der weitgehend verlassenen und zunehmend zerfallenden Glashüttensiedlung in einer zweiten Siedlungsphase ein neues, das eigentliche Dorf Hellental am westlichen Berghang des trichterförmigen Seitentales.
Auch die erneute Besiedlung des Hellentals am Standort der ersten Besiedlungsphase kann nur im übergeordneten historischen Kontext verstanden und zeittypisch betrachtet werden.
Von fast allen Fürsten wurde eine Ansiedlungspolitik betrieben, die zugleich eine Abwanderung aus anderen Gebieten bedeutete.
Bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts ermunterte Herzog Carl I. (1713-1780) zur binnenwirtschaftlichen Förderung und aus fiskalwirtschaftlich-merkantilen Gründen auch zur Ansiedlung in seinen Braunschweiger Landen (Landausbau).
Unternehmungen sollten planmäßig ausgebaut und eine verstärkte Förderung des Neuen Anbaus auf dem Lande hinzukommen.
Ansiedler sollten als Hilfskräfte für die Landwirtschaft und das Leinengewerbe angeworben werden.
So soll nach TACKE [6] „in vielen Dörfer, die seit Jahrzehnten keinen nennenswerten Ausbau mehr zu verzeichnen gehabt haben“, durch „beträchtliche Baukostenzuschüsse und sachliche Baubeihilfen“ rasch 10 - 20 Neuanbauerstellen entstanden sein.
Ohnehin gab es während des Wirkens des Oberjägermeisters Johann Georg von Langen zur Mitte des 18. Jahrhunderts einen wesentlichen Industrialisierungsschub in der Sollingregion (u. a. Gründung der Porzellanmanufaktur Fürstenberg.[6]
In diesem wirtschaftlichen Zusammenhang ist bekannt, dass von Langen zahlreiche auswärtige Facharbeitskräfte anwarb und für sie Arbeitersiedlungen errichten ließ, um die „Handarbeiter“ zur Sesshaftigkeit zu motivieren.
Als finanziellen und materiellen Anreiz zur Ansiedlung sollten die Anbaustellen auf Lebzeiten abgabefrei sein und entweder das Bauholz frei Baustelle geliefert oder aber 20 Reichstaler ausgezahlt werden; zudem wurde Land für einen Garten vorgesehen.[7]
Hellental - Vorbild bei der Planung einer „Colonie bei dem Neuen Hause im Solling"
Im Rahmen der herzoglichen Planung einer "Colonie bei dem Neuen Hause im Solling" (1757 ff.) – dem ökonomisch nur wenig nützlichen „Vorwerk oder Jagdhaus zum Neuenhause“ – sollte anstatt der bisherigen Verpachtung „zu gliedern und mit Vortheil am Neue Anbauer zu vertheilen seyn möchte“.[28]
Der herzogliche Kommissar Laurentius vertrat hierbei die planerisch-strategische Auffassung, dass „eine Colonie bey dem Neuenhause“ der „seit 1753 im Ausbau befindlichen und jetzt „schon über 30 Familien stark[en] Colonie im Hellenthale [noch weit] vorzuziehen“ sei.[29]
GRUNDRISS des Dorfs Hellenthal, nebst den dazu gehörigen Grundstücken im Fürstlichen Amte Allersheim im Sollinge belegen.
Vermessen im Jahre 1792 │ Copirt 1825
Der aus der Vermessung von Joh. Chr. Haarmann hervorgegangene großformatige, im Original handkolorierte Grundriss von 1792 zeigt die Anordnung von Gebäuden und Gärten durch eine systematisch-planerische Geometrie bei der Anlage des gewerblichen Dorfs Hellenthal (Vermessungs. Register mit Assecuranz № │ Nutzflächen │ Nahmen der Einwohner) im Rahmen des „Neuen Anbaus auf dem Lande" zur Beförderung des commerce.[1]
⊚ Zum Anklicken
"Grundrißs des Dorfes Hellenthal, nebst den dazu gehörigen Grundstücken
im Fürstl. Amte Allersheim im Sollinge belegen.
Vermessen 1792 von J. C. Haarmann. Copirt 1825 ..."
NLA WO, K 3344
Industrielles Siedlungsbild
Hellental im Amt Allersheim │ 1803
Genau 50 Jahre nach seiner Gründung als „Colonie im Hellenthale“ wird 1803 das Dorf Hellental im Amt Allersheim in der Beschreibung, die „Sr. Herzoglichen Durchlaucht Herrn Karl Wilhelm Ferdinand regierendem Herzoge zu Braunschweig=Lüneburg unterthänigst gewidmet“ ist, geographisch-statistisch von von HASSEL/BEGE 1803 [30] dargestellt:
"Hellenthal, ein Dorf, 2 ¾ St. [Stunden] von Allersheim, an der Grenze des Amts Hundsrück, und in einem Thal, das sich steil gegen den Solling hinaufzieht, mit 1 Schule, die das Konsistorium besetzt, 12 Feuerst. [Feuerstellen] und 124 Einw. [Einwohner*innen], die sich zur Kirche von Heinade halten und größtentheils aus Holzhauern und zwar Köhlern bestehen.
Sie sind zum herrschaftlichen Dienst verpflichtet, genießen aber noch auf eine Zeit Freiheit.
Ein kleiner Bach treibt 1 eingängige erbenzinspflichtige Mahlmühle.
– Zu Hellenthal stand ehemals eine Glashütte, die 1728 angelegt war, aber schon 1745 wegen Holzmangel einging, und nach Schorborn verlegt wurde.“
Hellental als "Industriesiedlung" und selbständige Gemeinde
Abbildung aus TACKE [27]
______________________________________________________
[1] LESSMANN 1984, S. 31.
[2] MÄRZ 2016, S. 38.
[3] HAUPTMEYER 2004, S. 80 ff.
[4] KLEINAU 1967, S. 268.
[5] MEYER 1996; TACKE 1951.
[6] TACKE 1951.
[7] HEBBEL 1999, S. 36 ff.; TACKE 1943, S. 129 ff.
[8] NLA WO, K 3344 – Original-Schwarz-Weiß-Fotokopie (verkleinert) aus dem Bestand des ehemaligen „Wald- und Lönsmuseums“ in Hellental.
[9] TACKE 1943, S. 129-130.
[10] Aktenbestand NLA WO, 2 Alt 14459.
[11] Klaus A. E. Weber: Waldglashütten in den Solling-Forsten des Hellentals: Beiträge zur Glashüttengeschichte im Solling vom 12./13. bis 18. Jahrhundert. Teil 1: Glashüttenforschung im Umfeld des Hellentals; Teil 2: Glashütten des Mittelalters im Umfeld des Hellentals, 12.-14. Jahrhundert; Teil 3: Glashütten der frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals, 1. Hälfte 17. Jahrhundert; Teil 4: Glashütten der Frühen Neuzeit im Hellental, 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts. – Sollinger Heimatblätter 21, Heft 1-4, Uslar 2012, 14-21; 8-17; 13-22; 15-24.
[12] TACKE 1943, S. 131.
[13] TACKE 1951; 1943, S. 138.
[14] STREICH 1996, S. 32.
[15] GÖHMANN 1991, S. 37-38.
[16] TACKE 1943, S. 138.
[17] TACKE 1951; 1943, S. 138.
[18] zit. in TACKE 1943, S. 138.
[19] zit. in BLOSS 1950.
[20] TACKE 1943, S. 138 f.
[21] FÖRSTER 1996.
[22] LILGE 1993; LESSMANN 1984.
[23] LAMBRECHT 1863, S. 706.
[24] HEBBEL 1999; KLEINAU 1967, S. 268.
[25] Quellenangabe von TACKE 1943: LWH. Geh. Rats Registr. Suppl IV, 279.
[26] Vermessung von 1792, Feldbeschreibung der braunschweigischen General-Landes-Vermessung / NLA WO 20 Alt 178; K 3344.
[27] TACKE 1951, S. 101.
[28] TACKE/TACKE 1971, S. 61.
[29] TACKE/TACKE 1971, S. 63.
[30] HASSEL/BEGE 1803, S. 335-336 (11.).
[31] zit. in TACKE 1943, S. 138.
[32] TACKE 1943, S. 158-159.
[33] LAMBRECHT 1863, S. 706.; SCHOPPE 1989; SCHOPPE 1989; BLOSS 1950a, S. 12.
[34] MÄRZ 2016, S. 100-101.
[35] MÄRZ 2016, S. 106.
[36] MÄRZ 2016, S. 371.
[37] MÄRZ 2016, S. 306.
[38] MÄRZ 2016, S. 98.
