Regionales Tabakwesen
Klaus A.E. Weber

Rauchen - Sinnbild von Weltläufigkeit und Eleganz
Ehepaar Heinrich und Hermine Schattenberg [4] │ Merxhausen │ um 1910
© Historisches Museum HellentaI
Tabak ist eine der traditionell auch mit Sklavenarbeit hergestellten Kolonialwaren und gilt als eine Ursache für Kolonialismus, Ausbeutung und Zwangsarbeit.
Seit der Tabak in der frühen Neuzeit den gesamten Globus eroberte, galt Rauchen insgeheim als Sinnbild von Weltläufigkeit und Eleganz.
Gegner und Befürworter des zunehmenden „Blauen Dunstes“ stritten zeitweise sehr heftig miteinander.
⋙ Entwicklung des Tabakanbaus in Deutschland
Tabak-Fabrikanten
Nach KAUFHOLD [1] weisen gewerbegeschichtliche Quellen des späten 18. Jahrhunderts – neben Handwerk und Heimgewerbe – eine weitere Form der gewerblichen Produktion auf, für die vorindustriell meist der Begriff „Fabriken“ verwendet wurde.
Auch das Berufsverzeichnis in den genealogischen Untersuchungen enthält mehrere Hinweise auf die im 18./19. Jahrhundert nicht selten gebrauchte Bezeichnung „Fabrikant“, auch unter konkretem Produktbezug, wie beispielsweise „Glasfabrikant“ oder „Tabakfabrikant“.
Die Bezeichnung „Fabrik“ und „Fabrikant“ ist als ein vieldeutiger, willkürlicher und unscharf gebrauchter Begriff des 18. Jahrhunderts einzustufen.
Der alte Fabrikbegriff - und damit auch der Begriff Fabrikant - darf eben nicht mit dem neuen gleichgesetzt werden, der „eine großgewerbliche Betriebsform mit Arbeitsteilung und Maschineneinsatz meint“.[1]
Somit kann definitionsgemäß die Berufsbezeichnung „Fabrikant“ für jene Personen herangezogen werden, die im Heimgewerbe, Handwerk, Verlag oder sonstigen Gewerbe tätig waren und dabei ggf. auch ein spezifisches Produkt (z. B. Glas, Tabak) herstellten, welches sich in der Berufsbezeichnung wieder findet.
Hierunter können sich durchaus, wie für Heinade, Hellental und Merxhausen vermutet werden darf, auch so genannte Einmann-Betriebe „verstecken“.
Charakteristisch für die im „Fabrikwesen“ hergestellten Waren ist, dass diese als Konsumgüter vornehmlich für den gehobenen Bedarf hergestellt wurden, so auch in den hier betrachteten Dörfern (z. B. Glas, Schachteln, Tabak, Zigarren).
Regional bestehen für das 19. Jahrhundert folgende genealogische Nachweise mit unterschiedlichen Bezeichnungen für Tabak verarbeitende Dorfbewohner[7]:
Tabakspinner
- Hellental: Wedel
Tabakfabrikanten
-
Heinade: Hesse
-
Merxhausen: Kropp, Samson, Schaefer, Timmermann, Wagner
- Hellental: Timmermann, Schütte
Zigarrenarbeiter
- Merxhausen: Baumann, Dörries, Funke, Greinert, Herborth, Koch, Kraus, Müller, Schoppe
Zigarrenfabrikant
- Hellental: Brackmann, Eikenberg
Zigarrenmacher
-
Heinade: Hofeditz
-
Merxhausen: Dörries, Muhs
- Hellental: Gehrmann
Hellentaler Spinner und Fabrikanten
Für Hellental gab es im 18. und 19. Jahrhundert ein dörfliches Tabakwesen mit selbständig arbeitenden Tabakfabrikanten, wahrscheinlich durch eine nebenberufliche Tätigkeit.
Unter den Steuer zahlenden Handwerkern des Jahres 1765 wurde Johann Caspar Wedel als „Tabakspinner" benannt.
Tabakspinner arbeiteten Rohtabak auf, indem sie Tabakblätter zu langen, festen Rollen („Tabakseilen“) für den Pfeifen- und Kautabakkonsum zusammendrehten
Georg Heinrich Konrad Timmermann war als „Tabakfabrikant“ im Hellentaler Tabakwesen tätig gewesen, ebenso auch der Gastwirt Georg Friedrich Daniel Theodor Timmermann und Karl Friedrich Ludwig Schütte.
Zwischen 1906 und 1910 sollen kurzzeitig in dem Haus Ass.-№ 9 Karl Brackmann und in dem Haus Ass.-№ 29 Karl Gehrmann als Zigarrenfabrikaten zuw. Zigarrenmacher gearbeitet haben; letzterer soll bis etwa 1930 Zigarren hergestellt haben.
Das Fachwerkhaus des Tabakfabrikanten Georg Timmermann wurde 1836 errichtet, wie es die schlichte Hausinschrift zur Selbstdarstellung des Bauherrn mit Namen und Jahreszahl am ehemaligen Hauseingang an der traufenständigen Gebäudeseite ausweist:
GEORG TIMMERMANN │ ANNO
FRIEDERIKE │ GB │ KROP │ 1836
Der 28-jährige Tabakfabrikant Georg Heinrich Conrad Timmermann (* 17. April 1783 in Merxhausen, † 13. Februar 1848 in Hellental) hatte am 17. November 1811 in Merxhausen die 19-jährigeTochter des dortigen Krugwirtes Sophie Eleonore Friederike Louise Caroline Kropp (* 15. November 1792 in Merxhausen, † 01. Juli 1875 in Hellental) geheiratet.

Zigarrenpressform aus Holz
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Zigarren manuell herstellen
Die Zigarre gilt als eines der ältesten Genussmittel.
In ihrer heutigen Wickelform fand die Zigarre erst in der Kolonialzeit ab dem 15. Jahrhundert eine globale Verbreitung.
Hierbei gehören Zigarrenpressformen (Wickelpressen) zu den wichtigsten Utensilien der manuellen Zigarrenherstellung.
Später zogen Raucher*innen die Zigarette der Pfeife und dem Kautabak vor.
MURKEN [6] beschreibt detailliert die manuelle Zigarrenherstellung in der hiesigen Region aus Einlage, Umblatt und Deckblatt in den einzelnen Arbeitsschritten
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„Wickel machen“
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„Anfeuchten des Tabaks für Umblatt und Deckblatt“
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„Pressen in Formen“
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„Entrippen“
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„Rollen“
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„Sortieren“
-
„Verpackung“.

Werbung 1932
© Historisches Museum HellentaI
Nach MURKEN [5] kam die Zigarrenherstellung „in unserer Region erst weit nach der Mitte des 19. Jhs.“ auf und erreichte besonders um die Wende vom 19. Jahrhundert zum 20. Jahrhundert einen Höhepunkt.
Im 19. Jahrhundert begann das Tabakwesen, insbesondere das Zigarrengeschäft, auch im Herzogtum Braunschweig zu prosperieren.
Die industrielle Zigarrenherstellung und deren Vertrieb waren auch für den Braunschweiger Weserdistrikt wirtschaftlich begünstigt, nachdem dieser zum 01. Januar 1844 dem Deutschen Zollverein angeschlossen worden war.
Das manuelle Zigarrenmachen oder -drehen erfolgte in jener Zeit auch in Heimarbeit als Nebenerwerbszweig in nichtzünftiger landhandwerklicher Spezialisierung.
Zigarren in Heimarbeit herzustellen, war eher unkompliziert bei einfachen Arbeitsmitteln (Tisch, Messer) und trug zur Stabilisierung des Familieneinkommens bei.
Alle erforderlichen Arbeiten wurden dabei meist in jenem Raum durchgeführt, in dem zugleich auch gegessen und geschlafen wurde.
Auch in der hier betrachteten Dorf:Region gab es nachweislich Tabakfabrikanten und Tabakspinner sowie Zigarrenmacher.[2]
Ungeklärt ist die Frage, woher der Rohtabak für die Hellentaler Zigarrenmacher kam, denn für einen Anbau der anspruchsvollen und witterungsabhängigen Tabakpflanze war das Umfeld von Hellental denkbar ungeeignet.
∎ Zigarrenpressform
Tabakpresse aus Holz
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zwei einzelne, gleich lange Holzteile (Ober- und Unterteil) mit verleimten Einzelteilen für 20 Zigarren
- Pass-Stifte (1/2) zur passgenauen Zusammenführung von Ober- und Unterteil
Eingebranntes Firmenlogo
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Carl Intelmann Komm.-Ges. │ Gegr. 1862 │ Ciag │ Bad Zwischenahn i/O. │ № 19315 │ 306
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Coroma 4.5.6
[hmh Inv.-Nr. 1076
∎ Zigarrenschneider
1. Hälfte 20. Jahrhundert
Zigarrenanschneider in Holzform
Holz, Eisen
[hmh Inv.-Nr. 1296
Zigarrenschneider werden benutzt, um nicht eingekerbte Zigarren vor dem Rauchen an einem Ende anzuschneiden.
Kautabak
Für den Konsum von Kautabak arbeiteten Tabakspinner Rohtabak handwerklich auf, indem sie den Blättertabak zu langen, festen Rollen - Tabakseilen oder Tabakstangen – zusammendrehten („spinnen“).

Tabaktopf │ um 1900
Westerwälder Steinzeug
© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber
∎ Tabaktopf │ um 1900
»Marburger Kautabak aus der Fabrik von Stephan Niderehe & Sohn«
salzglasierter grauer Tabaktopf mit blauer Schrift
1 Liter │ 3 Luftlöcher im Deckel
[hmh Inv.-Nr. 5139
Im Marburger Stadtteil Weidenhausen gründete 1817 Stephan Niderehe [3] gemeinsam mit seinem Sohn Peter die mittelhessische „Rauch & Kautabak-Fabrik Stephan Niderehe & Sohn“.
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[1] KAUFHOLD 1983, S. 200 f.
[2] CREYDT 2002. S. 33-64.
[3] in der Literatur unkorrekt auch "Niederehe" genannt.
[4] Karl Wilhelm Heinrich Schattenberg (* 07. August 1878, † 07. Mai 1951) Maler, Bürgermeister / Hermine Louise Sophie Schattenberg, geb. Brömsen (* 02. Februar 1882, † 05. September 1940).
[5] MURKEN 1998, S. 264.
[6] MURKEN 1998, S. 264-273.
[7] nach NÄGELER/WEBER 2005 und mündlichen Überlieferungen.