Textilhandwerk │ Leinen und Wolle in der Region

Klaus A.E. Weber

 

Das Spinnen und Weben von Fäden und die damit verbundene Herstellung von Textilien zählen seit mehr als 12.000 Jahren zu den Handwerkstechniken.

Jenseits von Folklore waren sie existentiell für das Leben der hart arbeitenden Familien in der Dorf:Region.

Die Handspindel war der Vorläufer des Spinnrades.

Wie auch die unscheinbaren mittelalterlichen Funde bei Untersuchungen im Hellental zeigen, ist von den Handspindeln häufig nur das Schwunggewicht, der Spinnwirtel, überliefert, welcher Rückschlüsse auf die Spindel und Spinntechniken beim Textilhandwerk in einer Siedlung (Waldglashütte) erlaubt.

 

Lang und mühevoll

Allgemein spielten die Naturfasern

im ländlichen Alltag und bei der Arbeit eine große Rolle.

Flachs besitzt eine hohe Reißfestigkeit und kann zu sehr feinem glattem Garn versponnen werden.

Noch heute erinnern alltägliche Redewendungen, wie beispielsweise

  • sich verheddern

  • etwas durchhecheln

  • herumflachsen

  • verzetteln

  • einspinnen

  • er hat einen Webfehler

an das ehemals sehr bedeutende agrarische Nebengewerbe der Flachsverarbeitung und Leinenherstellung zwischen Weser und Leine.

Schon vor 200 Jahren symbolisieren Spinnrad und Webstuhl eine aufstrebende globale Wirtschaft.

Im Gegensatz zum Woll- und späteren Baumwollgewerbe kam im Herzogtum Braunschweig um 1800 dem Garnspinnen und Leinenweben eine sozio-ökonomisch hervorgehobene Rolle zu.

Der Flachsanbau wie das Herstellen von Leinengeweben erlangte neben einer agrarischen vor allem eine entscheidende Bedeutung als wichtiger nicht landwirtschaftlicher Produktionszweig im sekundären Wirtschaftssektor.[1]

Das niedersächsische System des Garn- und Leinengewerbes beruhte variabel auf der landwirtschaftlichen Arbeit, der gewerblichen Tätigkeit und auf dem kaufmännischen Interesse.[2]

Es gab zunächst aber nur wenige berufsmäßige Leineweber.

Wurden auf dem Land vormals Webwaren nur für den häuslichen Eigenbedarf hergestellt, so produzierte man in der Folgezeit in Heimarbeit aus Flachs und Heede gewebte Stoffe für den nebengewerblichen Verkauf.

In einem Haushalt wurden alle Produktionsstufen durchgeführt – von der Flachsaussaat bis zur Herstellung des verkaufsfertigen Leinen.

Die gewerbsmäßige Hausweberei war außerordentlich arbeitsintensiv.

Sie entwickelte sich schließlich für die zahlreichen hauswirtschaftlichen Gemeinschaften der anwachsenden unterbäuerlichen und nichtbäuerlichen Sozialgruppen zu einer Haupteinnahmequelle.

Für die Dorf:Region ist anzumerken, dass für Bauerntöchter das aus selbstgesponnenem Flachs hergestellte Linnen eine besonders große, auch ehevertragliche Relevanz für deren Aussteuer („Brautschatz“) hatte.[3]

 

________________________________________________

[1] JARCK/SCHILDT 2000; HENNING 1989.

[2] KAUFHOLD 1983, S. 217.

[3] ANDERS 2004, S. 258.

[4] BUSSE 1998, S. 74.

[5] BUSSE 1998, S. 77.

[6] BUSSE 1998, S. 85-86.