Dörfliche Leineweber in Hellental
Klaus A.E. Weber
Ein heute fast vergessenes Erwerbskapitel
Wie Spinnwirtel belegen, wird bereits Ende des 12. Jahrhunderts textiles Handwerk auf einer mittelalterlichen Waldglashütte im Hellental ausgeübt.
In der ab 1753 angelegten, vorindustriellen Arbeiterkolonie Hellental hält das Garnspinnen und die Leinenherstellung als maßgebliches nebengewerbliches Textilhandwerk Einzug.
Das arbeitsintensive textile Kleingewerbe bietet zahlreichen Hellentaler Hausgemeinschaften ein dürftiges Zubrot mit geringem Verdienst.
Garn als erstes Fertigprodukt
Frauen und Mädchen verrichten während der langen Winterabende zwischen November (Martini) und März (Ostern) das Verspinnen des aufbereiteten Flachses.
Dabei werden die Flachsfasern mit dem Spinnrad so zusammengedreht und auf eine Spule gewickelt, dass ein gleichmäßiger, fortlaufender Faden entsteht.
Leinen als zweites Fertigprodukt
Heimgewerblich wird dann von Leinenwebern ausgewähltes Garn auf dem Holzwebstuhl im Wohnzimmer zu Leinengewebe verarbeitet.
In Folge erheblicher wirtschaftlicher, politischer, sozialer und letztlich produktionstechnischer Veränderungen während des 19. Jahrhunderts geben immer mehr Hellentaler Familien ihr textiles Nebengewerbe auf – mit einschneidenden sozial-ökonomischen Konsequenzen.

[hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Räumlicher Schwerpunkt der Textilproduktion
Das Sollingdorf Hellental war im 18. Jahrhundert ein räumlicher Schwerpunkt der Textilproduktion im Braunschweiger Weserdistrikt.
Es dürfte kaum ein Wohnhaus im alten Oberdorf gegeben haben, in dem nicht gesponnen und gewebt wurde, denn der prozentuale Anteil der Leineweber lag, an Hausstellen gemessen, bei fest 100 %.[1]
In seiner Frühphase um 1765 weist die gewerbliche „Colonie im Hellenthale“ 15 neue Anbauer aus, unter ihnen 11 Leineweber.[4]
Dass etwa Dreiviertel der Gewerbetreibenden Leinenweber waren, unterstreicht die einst große Bedeutung der Leinenherstellung als Erwerbsquelle in dem armen Sollingdorf.
Bei etwa 50 Männern konnte in dem genealogisch betrachteten Zeitraum des 18./19. Jahrhunderts die Berufsbezeichnung „Leineweber“, „Leinweber“ oder „Weber“ nachgewiesen werden, was auch die ehemals enorme Bedeutung der gewerblichen Leinenweberei als wesentliche Erwerbsquelle Hellentaler Familien eindrucksvoll unterstreicht.[2]
Der Dorfbeschreibung von STEINACKER [3] ist zu entnehmen, dass die Hellentaler Einwohner um 1900 größtenteils Holzhauer und Köhler gewesen waren, die auch „Leinwandweberei und Spinnerei“ betrieben.
Es kann heute nicht mehr eindeutig nachvollzogen werden, ob die an sich anspruchslosen Leinpflanzen („Kulturlein“) auch auf den wenigen Feldern nahe dem Hellentaler Dorf angebaut wurden.
Auf Grund der ungünstigen kleinklimatischen Verhältnisse im Hellental ist aber eher anzunehmen, dass hier auf Dauer kein wirklich ökonomisch effektiver Anbau des himmelblau blühenden „Sommerleins“ erfolgen konnte.
Das arbeitsintensive textile Kleingewerbe bot Hellentaler Familien ein sehr wichtiges, aber nur dürftiges Zubrot bei geringem Verdienst.
Auch in Hellental brachte das „Spinnen am Morgen“ buchstäblich „Kummer und Sorgen”.
Soziale Spannungen und Verlust des Leinengewerbes
Die Leineweber waren eine nichtbäuerliche Sozialgruppe mit niedrigem sozioökonomischem Status.
Folgt man dem Hinweis in einer ortschronistischen Aufzeichnung (in Manuskriptform) von Leni Timmermann, so bestand in Hellental offenbar zwischen den Leinenwebern und den Holzhauern (Waldarbeitern) ein gewisses, allgemein wohl nicht unübliches soziales Spannungsverhältnis, denn immer dann, wenn „die Leinweber ein Vergnügen hatten, blieben die Holzhauer fern; und auch umgekehrt.”
Die wirtschaftlichen Folgewirkungen der napoleonischen Ära, der „Napoleonischen Kriege” von 1803-1805 und der „Franzosenzeit” von 1806-1815 sowie die europäische Zollbinnenpolitik benachteiligte auch das Leinengewerbe.
Mit Dampf angetriebene Webmaschinen ermöglichten die Massenproduktion von Leinen- und Baumwollprodukten und verdrängten schließlich die Heim- und Handweberei, so letztlich auch in Hellental.
Immer mehr Hellentaler Leinenweber waren in der Folgezeit zur Aufgabe ihres häuslichen textilen (Neben-)Gewerbes gezwungen.
Flachsrotten
Im Hellental sind die zur ehemaligen Flachsherstellung benötigten Flachsrotten heute nur noch ansatzweise als alte „Rottekuhlen“ erkennbar.
Die meisten Flachsrotten sind in den vergangenen Jahrzehnten verfüllt worden.
Einige der wenigen erhaltenen „Rottekuhlen“ befinden sich auf einem südwestlich vom Dorf gelegenen Areal im Nahbereich des alten, ehemals offenen „Vogelbrunnens“, heute eine ummauerte Bergquelle am Waldrand.
Weitere Flachsrotten sollen sich auch um den alten „Teufelsbrunnen“ in der ortsnahen Talsohle des Hellentales befunden haben, wie noch heute im Drf erzählt wird.
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[1] MÄRZ 2016, S. 352, Karte U5.
[2] NÄGELER/WEBER 2005.
[3] STEINACKER 1907.
[4] LESSMANN 1984a.