Die Leinenweberei im alten Oberdorf
Klaus A.E. Weber
Ein heute fast vergessenes Erwerbskapitel
Es kann heute nicht mehr eindeutig genug nachvollzogen werden, ob die an sich anspruchslosen Leinpflanzen („Kulturlein“) auch auf den wenigen Feldern nahe dem Hellentaler Dorf angebaut wurden.
Auf Grund der ungünstigen kleinklimatischen Verhältnisse im Hellental ist aber eher anzunehmen, dass hier auf Dauer kein wirklich ökonomisch effektiver Anbau des himmelblau blühenden „Sommerleins“ erfolgen konnte.
Bekannt hingegen ist, dass die Leinenweberei als maßgebliches Gewerbe des 18./19. Jahrhunderts auch bei Hellentaler Familien Einzug gehalten hatte.
Das arbeitsintensive textile Kleingewerbe bot ihnen ein sehr wichtiges, aber nur dürftiges Zubrot bei geringem Verdienst.
Auch in Hellental brachte das „Spinnen am Morgen“ buchstäblich „Kummer und Sorgen”.
Es dürfte kaum ein Wohnhaus gegeben haben, in dem nicht für den Verkauf gesponnen und gewebt wurde.
Der Dorfbeschreibung von STEINACKER von 1907 ist zu entnehmen, dass die Hellentaler Einwohner zu dieser Zeit größtenteils Holzhauer und Köhler gewesen seien, die auch „Leinwandweberei und Spinnerei“ betrieben hätten.
Die wirtschaftlichen Folgewirkungen der napoleonischen Ära, der „Napoleonischen Kriege” von 1803-1805 und der „Franzosenzeit” von 1806-1815 sowie die europäische Zollbinnenpolitik benachteiligte auch das Leinengewerbe.
Mit Dampf angetriebene Webmaschinen ermöglichten die Massenproduktion von Leinen- und Baumwollprodukten und verdrängten schließlich die Heim- und Handweberei, so letztlich auch in Hellental.
Immer mehr Hellentaler Leinenweber waren in der Folgezeit zur Aufgabe ihres häuslichen textilen (Neben-)Gewerbes gezwungen.
Bei etwa 50 Männern konnte in dem genealogisch betrachteten Zeitraum des 18./19. Jahrhunderts die Berufsbezeichnung „Leineweber“, „Leinweber“ oder „Weber“ nachgewiesen werden, was die ehemals enorme Bedeutung der gewerblichen Leinenweberei als wesentliche Erwerbsquelle Hellentaler Familien eindrucksvoll unterstreicht.
Folgt man dem Hinweis in einer jüngeren ortschronistischen Aufzeichnung (in Manuskriptform) von Leni Timmermann, so bestand in Hellental offenbar zwischen den Leinenwebern und den Holzhauern (Waldarbeitern) ein gewisses, allgemein wohl nicht unübliches soziales Spannungsverhältnis, denn immer dann, wenn „die Leinweber ein Vergnügen hatten, blieben die Holzhauer fern; und auch umgekehrt.”
Im Hellental sind die zur ehemaligen Flachsherstellung benötigten Flachsrotten heute nur noch ansatzweise als alte „Rottekuhlen“ erkennbar; die meisten Flachsrotten sind in den vergangenen Jahrzehnten verfüllt worden.
Einige der wenigen erhaltenen „Rottekuhlen“ befinden sich auf einem südwestlich vom Dorf gelegenen Areal im Nahbereich des alten, ehemals offenen „Vogelbrunnens“, heute eine ummauerte Bergquelle am Waldrand.
Weitere Flachsrotten sollen sich auch um den alten „Teufelsbrunnen“ in der ortsnahen Talsohle des Hellentales befunden haben, wie noch heute im Drf erzählt wird.