Waldglashütten - Siedlungen auf Zeit im Solling

Klaus A.E. Weber

 

Holzkonsumierende Glaserzeugung

Die Laubwald (Buchen, Eichen) abholzenden Waldglashütten trugen einerseits zum "Waldraub" (vornehmlich durch die Pottaschengewinnung) bei, andererseits aber auch zur Schaffung landwirtschaftlicher Nutz- und Siedlungsflächen.

Die sozial-, wirtschafts-, umwelt- und kulturgeschichtliche Entwicklung des im nordöstlichen Solling gelegenen Hellentals - wie die Gründung des gleichnamigen Bergdorfes selbst – ist eng mit der historischen Waldnutzung im Hinterland des (braunschweigischen) Sollings verbunden.

Der Solling - „Waldgebiet 2013“ - weist heute eine Flächengröße von rund 440 km² auf.

1823 umfasste der braunschweigische Teil des Sollings ein herrschaftliches Waldareal von 12.592,25 ha.[16]

Um die holzwirtschaftliche Nebennutzung der ausgedehnten Sollingwälder [17] und deren ehemals als unerschöpflich geltenden Holzressourcen konkurrierte das traditionelle, energieintensive Spezialgewerbe der ländlichen Glasmacherkunst mit

  • der Waldbeweidung │ Hutewald

  • der herrschaftlichen Jagd

  • der Bau- und Brennholzgewinnung

  • der Salzsiederei

  • dem Erzabbau und der Metallverarbeitung

  • der Meiler-Köhlerei.[18]

Umwelthistorisch gesehen, blieb deren intensiver Holzkonsum nicht ohne Auswirkungen auf das Ökosystem des Sollings.

Die mit den Gewerben einhergehende pionierartige Landerschließung könnte zugleich auch zur Veränderung der Wald-Feld-Grenzen im Hellental mit Entstehen landwirtschaftlich nutzbaren Grün- und Ackerlandes beigetragen haben, wie es die von Johannes Krabbe erstellte „Sollingkarte“ von 1603 nahe legt.[19]

Neben dem traditionellen Waldgewerbe der Köhlerei, so ist auch das alte Glasmacherhandwerk typisch für ein nicht-zünftiges Gewerbe ohne festen siedlungsspezifischen, aber an Rohstoffe gebundenen Standort.

Glasmacher wanderten daher vormals dem Holz nach und legten häufig ihre einfachen Glashüttensiedlungen abgelegen in großer Entfernung zu den nächsten dörflichen oder städtischen Siedlungen an.

Deshalb wie auch durch den Produktionsablauf bedingt, bestand bei den Glasmachern stets eine enge Verknüpfung zwischen dem Familien- und Arbeitsleben.

Erst im 17. Jahrhundert dürfte manche Glashütte bereits einen weiler- bzw. dorfähnlichen Siedlungscharakter entwickelt haben.

Vermutlich wurden die einfachen Wirtschafts- und Wohngebäude auf Grund des zeitlich absehbaren Standortwechsels aus örtlich verfügbarem Laubholz errichtet.[20]

Diese frühen „fliegenden“ oder „Wanderglashütten“ hatten noch nichts mit den späteren neuzeitlichen ortsfesten Manufakturen gemein.[21]

Durch den immensen Holzverbrauch wurden die Glashütten, ursprünglich aus dem Spessart kommend, immer weiter in nördliche Waldgebiete verlegt, schließlich auch in das Weser-Leinebergland und somit in den Solling und in das Hellental.

Die Dauer der Produktion einer Glashütte an gleicher Stelle richtete sich primär nach der grundherrlichen Konzession und dem Verbrauch der distanznah verfügbaren Ressource Holz.

Hauptsächlich der bei der Glasherstellung erforderliche Alkalizusatz in Form von Holzasche (später Pottasche) und der Holzverbrauch zur Ofenfeuerung führten schließlich zu großen Verlusten im Holzbestand der Wälder.

Nach STEPHAN habe eine normal große, Holzascheglas fertigende Glashütte des Mittelalters nach etwa 20-30 Jahren theoretisch in ihrem Umfeld eine Waldvernichtung im Durchmesser von über 1.000 m zur Folge gehabt.

Im Laufe des 13. Jahrhunderts und erneut im 16. Jahrhundert sei im Solling eine Holzverknappung aufgetreten.

Im 18. Jahrhundert wurde durch allmählich weniger werdende Glashüttenbetriebe vornehmlich Gebrauchsglas produziert.

Durch Zusätze von Glasmacherseife, Kalk und Blei waren die Glasmachermeister bestrebt, farbloses Glas herzustellen.

 

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[16] TACKE 1943, S. 52.

[17] KOCH 2007, S. 130-143; STEPHAN 2010, S. 133-143.

[18] STEPHAN 2010, S. 133.

[19] Faksimilierte Sollingkarte von 1603 [ARNOLD/CASEMIR/OHAINSKI (Hg.), 2004 [NLA WO, K 202 Blatt 8, 11].

[20] LEIBER 1994, S. 36-37.

[21] TACKE 1943, S. 92.