Schleichhandel und „Wilddieberey”

Klaus A.E. Weber

 

In jenen ökonomisch wie sozial schwierigen Jahren – mit Hunger, Massenarmut bei zunehmendem Bevölkerungswachstum – gab es typischerweise eine Vielzahl von geradezu schlitzohrigen Einzelstrategien, die, ob ihrer bitteren materiellen Armut und existentiellen Not, auch bei einigen Helldahlschen Familien entwickelt wurden.

Zugleich kam es ab und an auch zu „gewissen Unregelmäßigkeiten” jenseits der damals geltenden Rechtsordnung.

Auch zeigten sich die Bewohner der Walddörfer im Solling als „besonders konfliktfreudig”.

Die ausgeprägte materielle Not und ländliche Lebenspraxis bestimmte die Mentalität wie die dörflichen Vorstellungen von Moral und Recht, hingegen nicht gesellschaftliche oder rechtliche Normen.[1]

Über viele Jahrzehnte hinweg hatten die Hellentaler Männer in ihrer Nachbarschaft ein auch noch heute Augen zwinkernd anzutreffendes Image als besonders ausgeprägte „Sauf- und Raufbolde”, „Schmuggler” und „Wilddiebe”.

Die Hellentaler Dorfbewohner jener Zeit waren wegen ihres „Hanges zu Raufereien” und gelegentlicher Wilddiebsgeschichten bekannt und gefürchtet.[2]

Zudem seien Hellentaler Familien dann von einer besonderen „Schlitzohrigkeit” gewesen, wenn es um ihre eigene Vorteilnahme ging, gleich welcher Art und in welchem Umfang.

 

„Grenzgänger” - Lukrativer Schleichhandel

Zum einen die Errichtung vieler Kleinstaaten mit unzähligen, den Handel blockierenden Zollstationen und später die ökonomischen Folgen des Zusammenbruchs der napoleonischen Herrschaft, zum anderen die Last grundherrlicher Abgaben und die Hand- und Spanndienste leiteten eine zunehmende Verarmung und Verelendung der Bevölkerung ein.[3]

Als Reaktion hierauf entwickelte sich verbreitet an den Landesgrenzen im Solling eine zwar rechtswidrige, hingegen aber wesentliche Einnahmequelle für arme Dorfbewohner, die „Grenzgängerei” bzw. der „Schleichhandel”, so auch im braunschweigisch-hannoverschen Grenzraum im Hellental.

Insbesondere soll der Schmuggel von Zucker, Salz und Tabak damals recht lukrativ gewesen sein.

Noch heute ist der Zuckerschmuggel im Zusammenhang mit dem Hellentaler Bergdorf wohl bekannt.

Beispielsweise sollen sich Vorfahren einer Hellentaler Familie durch den Zuckerschmuggel ein ansehnliches Vermögen verschafft haben.[2]

Noch heute ist in Hellental die alte „Zuckereiche” und die „Zuckereichenschneise” ehemaliger Schmuggler zwischen Holzminden und Hellental bekannt, gelegen in der Nähe von Schießhaus.

 

Grenzenlose „Wilddieberey”

Im Schutze von Nacht und Nebel über „Die Grenze“

Die im Hellental verlaufende Landesgrenze zwischen dem Herzogtum Braunschweig und dem Königreich Hannover (ab 1866 preußische Provinz) war ehemals berüchtigt, auch wegen der häufigen, polizeilich verfolgten Wilddieberei und des verbreiteten Schmuggels in dieser exponierten Sollingregion.

Gelegentlich wird noch heute in Hellental über die landläufige Wilddieberei berichtet, zum einen angesichts des Verlaufes „der Grenze“, dem Grenzbach Helle im Talgrund und der damit verbundenen naturräumlichen Territorialgrenze, zum anderen in Verbindung mit der vorherrschenden bitteren Armut und Not in der Dorfbevölkerung jener Tage.

Ein Sprung im Schutze des dichten Talnebels oder der nächtlichen Dunkelheit über den Helle-Bach - über „Die Grenze” - war damals gleichbedeutend mit einem zunächst sicheren Sprung in eine andere polizeibehördliche Zuständigkeit eines anderen Landes bzw. Amtes und Gerichtes.

Dies erschwerte die Strafverfolgung von Wilddieben und Schmugglern erheblich und begünstigte geradezu den Schleichhandel und die Wilddieberei in dieser alten natürlichen Grenzregion.

Zwischen 1840-1880 herrschte im Solling eine schwere Wirtschaftskrise, die zur Blütezeit der „Freijagd“ in den Sollingwäldern führte.

Insbesondere das „Revolutionsjahr“ 1848 gilt als das Jahr der Wilderer.

 

Kupferstich „Hirschjagd“ von Jost Amman, um 1560 [4]

 

Wandteller "Hirschhatz im Gebirge"

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

∎ Gusseiserner Wandteller, schwarz

„Hirschhatz im Gebirge“

Durchbruchteller, Eisen-Kunstguss

Eisengießerei O. Gattermann, Dassel

[hmh Inv.-Nr. 1266

 

Schnitzarbeit „Der Wilddieb“

um 1980

 

Heimlich auf „Pirsch gehen“

Wilddieberei im Hellental/Solling

Johann Christoph Greinert wird 1804 mit scharf geladenem Gewehr im Merxhäuser Forst am Ahrensberg vom Förster Georg Heinrich Christian Cunitz (1764-1835) als Wilddieb verhaftet.

Der 46jährige Holzhauer ist bislang strafrechtlich unauffällig gewesen.

Den existenziell Not leidenden Hellentaler Wilddieb liefert der Förster „zum Schießhause" beim Amt Allersheim ab.

Zur Bestrafung wird Greinert nach Wolfenbüttel überstellt.

Von dem mit 93 Jahren hoch betagten Forstwart Karl Julius Hermann Greinert (*1891) – der 30 Jahre lang das Hellentaler Forstrevier betreute – ist die folgende Erzählung aus dem Solling überliefert:

Eines Tages traf ich im Walde einen Holzfahrer, von dem bekannt war, dass er „ging“.

Dies war der Ausdruck für jemanden, der in hellen Nächten heimlich auf „Pirsch ging“.

Ich begrüßte ihn sehr freundlich und begann ein harmloses Gespräch.

Langsam steuerte ich aber bewusst auf mein Ziel los.

Schließlich sagte ich dann, dass ich gehörte hätte, das er in letzter Zeit öfter losgegangen sei und er das lassen solle.

„Was denkst du, was passieren könnte, wenn wir beide mal aufeinander treffen?“

Darauf habe der Holzfahrer die eiskalte Antwort gegeben:

„Es macht mir gar nichts aus, einen Förster tot zu schießen, und ich setze mich noch auf ihn, um zu frühstücken!

 

Wilddiebe nach Ende des Zweiten Weltkrieges

Im umgebenden Sollingforst ("Mackensches Holz") lagen zahlreich weggeworfene Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg umher.

Dadurch waren im Dorf Hellental einige Wilddiebe zugegen, die sich der Schusswaffen bedienten.

In der "Englischen Besatzungszone" gelegen, mussten später alle Waffen an die englischen Streitkräfte abgegeben werden.

 

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[1] SCHUBERT 1997.

[2] CREYDT 1985.

[3] JARCK/SCHILDT 2000; HAHNE 1972.

[4] Abb. in: Lesebuch 1937, S. 253 │ Einzelblatt Kupferstich-Kabinett, Berlin.