Schleichhandel und „Wilddieberey”
Klaus A.E. Weber
In jenen ökonomisch wie sozial schwierigen Jahren – mit Hunger, Massenarmut bei zunehmendem Bevölkerungswachstum – gab es typischerweise eine Vielzahl von geradezu schlitzohrigen Einzelstrategien, die, ob ihrer bitteren materiellen Armut und existentiellen Not, auch bei einigen Helldahlschen Familien entwickelt wurden.
Zugleich kam es ab und an auch zu „gewissen Unregelmäßigkeiten” jenseits der damals geltenden Rechtsordnung.
Auch zeigten sich die Bewohner der Walddörfer im Solling als „besonders konfliktfreudig”.
Die ausgeprägte materielle Not und ländliche Lebenspraxis bestimmte die Mentalität wie die dörflichen Vorstellungen von Moral und Recht, hingegen nicht gesellschaftliche oder rechtliche Normen.[1]
Über viele Jahrzehnte hinweg hatten die Hellentaler Männer in ihrer Nachbarschaft ein auch noch heute Augen zwinkernd anzutreffendes Image als besonders ausgeprägte „Sauf- und Raufbolde”, „Schmuggler” und „Wilddiebe”.
Die Hellentaler Dorfbewohner jener Zeit waren wegen ihres „Hanges zu Raufereien” und gelegentlicher Wilddiebsgeschichten bekannt und gefürchtet. [CREYDT 1985].
Zudem seien Hellentaler Familien dann von einer besonderen „Schlitzohrigkeit” gewesen, wenn es um ihre eigene Vorteilnahme ging, gleich welcher Art und in welchem Umfang.
„Grenzgänger” - Lukrativer Schleichhandel
Zum einen die Errichtung vieler Kleinstaaten mit unzähligen, den Handel blockierenden Zollstationen und später die ökonomischen Folgen des Zusammenbruchs der napoleonischen Herrschaft, zum anderen die Last grundherrlicher Abgaben und die Hand- und Spanndienste leiteten eine zunehmende Verarmung und Verelendung der Bevölkerung ein.[3]
Als Reaktion hierauf entwickelte sich verbreitet an den Landesgrenzen im Solling eine zwar rechtswidrige, hingegen aber wesentliche Einnahmequelle für arme Dorfbewohner, die „Grenzgängerei” bzw. der „Schleichhandel”, so auch im braunschweigisch-hannoverschen Grenzraum im Hellental.
Insbesondere soll der Schmuggel von Zucker, Salz und Tabak damals recht lukrativ gewesen sein.
Noch heute ist der Zuckerschmuggel im Zusammenhang mit dem Hellentaler Bergdorf wohl bekannt.
Beispielsweise sollen sich Vorfahren einer Hellentaler Familie durch den Zuckerschmuggel ein ansehnliches Vermögen verschafft haben.[2]
Noch heute ist in Hellental die alte „Zuckereiche” und die „Zuckereichenschneise” ehemaliger Schmuggler zwischen Holzminden und Hellental bekannt, gelegen in der Nähe von Schießhaus.
Grenzenlose „Wilddieberey”
Im Schutze von Nacht und Nebel über „Die Grenze“
Die im Hellental verlaufende Landesgrenze zwischen dem Herzogtum Braunschweig und dem Königreich Hannover (ab 1866 preußische Provinz) war ehemals berüchtigt, auch wegen der häufigen, polizeilich verfolgten Wilddieberei und des verbreiteten Schmuggels in dieser exponierten Sollingregion.
Gelegentlich wird noch heute in Hellental über die landläufige Wilddieberei berichtet, zum einen angesichts des Verlaufes „der Grenze“, dem Grenzbach Helle im Talgrund und der damit verbundenen naturräumlichen Territorialgrenze, zum anderen in Verbindung mit der vorherrschenden bitteren Armut und Not in der Dorfbevölkerung jener Tage.
Ein Sprung im Schutze des dichten Talnebels oder der nächtlichen Dunkelheit über den Helle-Bach - über „Die Grenze” - war damals gleichbedeutend mit einem zunächst sicheren Sprung in eine andere polizeibehördliche Zuständigkeit eines anderen Landes bzw. Amtes und Gerichtes.
Dies erschwerte die Strafverfolgung von Wilddieben und Schmugglern erheblich und begünstigte geradezu den Schleichhandel und die Wilddieberei in dieser alten natürlichen Grenzregion.
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[1] SCHUBERT 1997.
[2] CREYDT 1985.
[3] JARCK/SCHILDT 2000; HAHNE 1972.