16.-17. Jahrhundert

Klaus A.E. Weber

 

Detailansicht des 1603–1612 errichteten Weserrenaissance Schlosses Bevern

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Glas in der kulturgeschichtlichen Epoche der Renaissance

Das 16. Jahrhundert prägt ein tiefgreifender Umbruch des Weltbildes – durch geografische Entdeckungen und neue Herrschaftsstrukturen in Europa.[8]

Es war die „Zeitenwende“ des Umbruchs vom Mittelalter zur Neuzeit, kunsthistorisch von der Gotik zur Renaissance.

Die spätmittelalterlichen Pestepidemien veränderten die Welt und den Menschen selbst mit tiefer Beeinflussung des Lebensgefühls wie auch die Vermögensverhältnisse.

Für den Imperativ der Renaissance „Lebe im Diesseits und genieße das Leben“ ist kulturhistorisch die Monumentalstatue des biblischen Helden „David“ kennzeichnend, eine Marmorskulptur des bedeutenden italienischen Künstlers Michelangelo Buonarroti (1475–1564) - Meisterwerk der italienischen Hochrenaissance, entstanden zwischen 1501 und 1504 in Florenz.

  • Italien ⎸Florenz: ~ 1420 bis ~ 1500-1520

  • Deutschsprachiger Raum: ~ 1520 bis ~ 1555

 

David von Michelangelo

Erste Monumentalstatue der Hochrenaissance, entstanden 1501-1504 in Florenz

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

„David“

David von Michelangelo - Meisterwerk der italienischen Hochrenaissance

verkleinerte, authentische Reproduktion der Originalskulptur in 3D-Laser-Scan

Erwerb: Galleria degli Uffizi, Firenze

 

Buchdruckerpresse

Kulturhistorisch kennzeichnend ist die Entwicklung des modernen Buchdrucks mittels beweglicher Typen durch Johannes Gutenberg (~ 1400-1468) mit dem Druck der 1.282-seitigen, 42-zeiligen lateinische „Vulgata“ in den Jahren 1452-1455.

 

∎ Gutenberg-Presse│ Nachbildung

stark verkleinertes Modell

15. Jahrhundert │ Mainz

 

∎ Teil einer Kolumne der Gutenberg-Bibel│ Nachbildung

Nachdruck eines Blocksatzes mit gotischer Buchschrift

15. Jahrhundert │ Mainz

 

Stundenglas

Den Zeitgenossen des 15. Jahrhunderts machte in der verstörenden Umbruchszeit das neue Zeitempfinden zu schaffen.[4]

 

∎ Renaissance-Stundenglas │ Nachbildung

Zeitmessinstrument │ mit gemahlenem Glas │ Zeiteinheit: 1 Stunde

 

Gebrauchsgläser und Repräsentationsgläser

Im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit werden neben Gläsern für den alltäglichen Gebrauch gerade auch Luxusgläser für Repräsentationszwecke hergestellt.

Städte, Burgen, Herrensitze, Klöster und andere sakrale Einrichtungen zeigen ihren Wohlstand durch die Präsentation kostspieliger Trinkgläser beim Bier- und Weinkonsum.

Die farblosen, dünnwandig ausgeblasenen Gläser aus Venedig entsprechen dem Geschmack kultivierter Adelskreise und des Patriziats großer europäischer Städte.

In renaissancezeitlicher Hinwendung zur diesseitigen Welt dominieren im frühen 16. Jahrhundert venezianische Luxusgläser als zeitgemäßes Statussymbol in der fürstlichen und adligen Tafelkultur.

Um die kunstvollen Vorbilder venezianischer Gläser soweit wie möglich nachzuahmen, werden in anderen europäischen Glaswerkstätten Repräsentationsgläser „à la façon de Venise“ hergestellt, wie Flügelgläser venezianischer Art.

Andererseits entstanden im 16. Jahrhunderts nördlich der Alpen nach handfesten Formvorstellungen Gläser des alltäglichen Gebrauchs, verbunden mit derben Trinksitten.

In der Tradition des Waldglases entstehen Gebrauchsgläser mit kräftig gefärbten oder mit Emailmalerei dekorierten Gefäßen in teils beträchtlicher Größe.

 

Venedig │ Muranesisches Glas

Als „Spitze des Möglichen“ der Glasveredelungstechnik gilt die exklusive Glasproduktion auf der Inselgruppe Murano in der Lagune von Venedig (rot = Farbe von Venedig) - der Wiege eigenständiger europäischer Glaskunst. der Wiege europäischer Glasherstellung.

 

∎ Venezianisches Flügelglas │ Nachbildung

rubinrotes Glas │ 17. Jh. │ Venedig

 

∎ Venezianischer Pokal │ Nachbildung

Rubinglas │ 17. Jh. │ Murano

 

∎ Rialto-Becher │ Nachbildung

venezianischer Trinkbecher │ farbloses Glas │ 15./16. Jh. │ Venedig

 

∎ Dreihenkel-Flasche

nach römischen Vorbild kreiert

dunkelgrünes Glas ⎸13. Jh. │ Kreation von Vittorio Zecchin (1878-1947) │ um 1930

 

∎ Tazza │ Nachbildung

Fußschale als Tafelaufsatz │ Glas mit Emailauflagen, Holz │ 17. Jh. │ Murano

 

Römer (Roemer)

Typisches, vielgestaltiges, „rühmendes“ Weinglas mit charakteristischer  dreigliedriger Gestaltung und unterschiedlicher Provenienz

  • gewölbte, gerundete Kuppa

  • gerader, hohler Schaft mit Reihen halbkugeliger, glatter Nuppen oder Beerennuppen und gekerbten Fadenauflagen

  • aus einem Glasfaden gewickelter Fuß

 

∎ Römer mit Beerennuppen │ Nachbildung

hellgrünes Glas │ 16./17. Jh. │ Böhmen

 

∎ Römer mit Stechelnuppen │ Nachbildung

eiförmige Kuppa │ Grünglas │ um 1660 │ Niederlande

 

∎ Dunkelgrüner Römer mit Beerennuppen │ Nachbildung

dunkelgrünes Glas │ 17. Jh. │ Böhmen

 

∎ Römer mit Beerennuppen │ Nachbildung

hellgrünes Glas │ 17. Jh. │ Böhmen

 

∎ Kleiner Römer mit Beerennuppen │ Nachbildung

hellgrünes Glas │ 16./17. Jh.

 

∎ Miniatur-Römer mit glatten Nuppen / Beerennuppen │ Nachbildungen

hellgrünes Glas │ 16./17. Jh.

 

∎ Römer mit hohem Schaft │ Nachbildung

5 Beerennuppen │ Fadenauflagen │ Grünglas │ 18. Jahrhundert │ Böhmen

 

∎ Jugendstil-Römer │ Nachbildung

hochgeblasener Balusterhohlschaft │ Beerennuppen │ dunkelgrünes Glas │ um 1900 │ Theresienthal

 

Andere Trinkgläser

 

Daumenhumpen │ Nachbildung

Scherzglas │ farbloses Glas │ 17. Jh. │ Deutschland

 

∎ Renaissance-Kelch │ Nachbildung

Grünglas │ auf einer großflächigen Fußplatte erhebt sich der in seiner Mitte kugelig gegliederte Schaft  ⎸ sich nach oben weitende Kuppa auf flachem Boden  ⎸ Rand mit gekniffenem Kranz als Verzierung  ⎸ 16. Jh. │ Böhmen

 

∎ Trinkbecher mit Rippendekor │ Nachbildung

Grünglas │ 16./17. Jh. │ Böhmen

 

∎ Renaissance-Flöte │ Nachbildung

Sektglas │ Grünglas │ 17. Jh. │ Böhmen

 

∎ Kleiner Kerzenleuchter │ Nachbildung

hellgrünes Glas │ kugeliger Körper │ aufgesetzter wulstig gezogener Henkel │ verengter Hals zum Einsetzen der Kerze │ tellerartig geweitete Lippe │ 16. Jh. │ Böhmen

 

∎ "Luther Glas" │ Nachbildung

nach einer Legende │ 2. Hälfte 16. – 1. Hälfte 17. Jh. │ Thüringen

 

∎ Renaissance-Kelch │ Nachbildung

Grünglas │ 17. Jh. │ Böhmen

 

∎ Renaissance-Stangenglas │ Nachbildung

Grünglas │ hohes Trinkgefäß mit breiter Fußplatte │ nach oben sich weitende Wandung mit horizontalen gekerbten Fadenauflagen │ um 1550 │ Deutschland

 

∎ Renaissance-Trinkglas │ Nachbildung

4 rüsselförmige Dekorauflagen │ Fadenauflage │ Grünglas │ 16. Jh. │ Böhmen

 

∎ Schneckenglas │ Nachbildung

farbloses Glas │ blaue Fadenauflage │ 16. Jh. │ Böhmen

 

∎ Trumpler │ Nachbildung

Pokalglas │ Grünglas │ 16./17. Jh. │ Böhmen

 

∎ Kurfürstenbecher │ Nachbildung

Grundtypus │ Nuppenbecher mit umgekehrt trichterförmigem Fuß │ lichtgrünes Glas │ konische Kuppa mit gekniffenem unteren Rand │ aufgesetzte Nuppen │ Mitte 16. Jh. │ Deutschland

 

∎ Becher auf Brombeeren │ Nachbildung

blaue Fadenauflage │ farbloses Glas │ 17. Jh. │ Amsterdam

 

∎ Henkelbecher │ Nachbildung

Trinkbecher │ Grünglas │ 15.-16. Jh. │ Spessart

 

∎ Glockenbecherartiger Trinkbecher │ Nachbildung

gerippt │ Fadenauflage │ Grünglas │ 15.-16. Jh. │ Deutschland

 

∎ Kleiner, konischer Trinkbecher │ Nachbildung

breite Fußplatte │ Fadenauflage │ Grünglas │ 15.-16. Jh. │ Deutschland

 

Flaschen, Krüge, Kannen

gläserne Schenkgefäße

 

∎ Vierkantflasche │ Nachbildung

Grünglas │ 17. Jh. │ Deutschland

 

∎ Großer Krug │ Nachbildung

Grünglas │ 16. Jh. │ Böhmen

 

∎ Kännchen mit Rundhenkel │ Nachbildung

bauchig-kugeliger Körper, gewickelter Fadenfuß │ Grünglas │ 1624/25 │ Hils

 

∎ Weinkanne │ Nachbildung

Schenkgefäß mit Fadenauflage │ Grünglas │ 16. Jh. │ Böhmen

 

Hohe Becherformen: Stangengläser

Achtkant-Stangengläser zählen zu den im Model geblasenen, zylindrischen Hohlgläsern, teils mit aufgelegten Glasfäden dekoriert.

Die Form datiert vornehmlich in das ausgehende 16. und die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts.[1][3]

Das diesen Stangengläsern zugrunde liegende Oktogon ist eine geometrische Figur, ein Vieleck (Polygon) mit acht Ecken und acht Seiten.

Das regelmäßige Achteck liegt zwischen Kreis und Quadrat und steht symbolisch für die Vollkommenheit, wie beispielsweise die hochmittelalterliche Reichskrone des Heiligen Römischen Reiches.

Im 16. Jahrhunderts entstand nördlich der Alpen nach handfesten Formvorstellungen in Verbindung mit derben Trinksitten die Tradition des "Waldglases" mit kräftig gefärbten oder mit Emailmalerei dekorierten Glasgefäße in teils beträchtlicher Größe.

Demgegenüber entsprachen die farblosen, dünnwandig ausgeblasenen Gläser aus Venedig dem Geschmack kultivierter Adelskreise und des Patriziats großer Städte.

 

∎ Aufwändig gearbeitetes Stangenglas

mit Nuppenreihen mit durchbrochenem Standfuss

Ende 15. Jh. / Anfang 16. Jh. Basel │ Nachbildung [5]

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Passgläser = „Bändchengläser“ [7]

Konisches, hohes, zylindrisches Glasgefäß, abgeflachter Boden, mit horizontaler Maßeinteilung zur Bemessungen - zum Trinken „auf den Pass“ │ Sonderform des 16.-18. Jh.

Nach einer Beschreibung von STEPHAN [6] besitzt das „klassische deutsche Passglas … je markierter Einheit/Gefäßzone nur einen horizontal aufgelegten oder auch in Emailmalerei ausgeführten (dann weißen oder farbigen) Faden.“

Weiterhin führt STEPHAN aus, dass es während des 16. und 17. Jahrhunderts Stangengläser gab, die „jeweils zwei, drei oder vier, auch fünf Passmarkierungen“ aufweisen, aber auch „vielzügig leicht spiralig aufgelegte glatte oder häufiger mit einem feinen Rollrädchen verzierte ‚gekerbte‘ Fäden pro Pass“.

 

∎ Passglas mit blauer Fadenauflage │ Nachbildung

Bandwurmglas │ zylindrisches Bierglas │ 17. Jh. │ Deutschland

 

∎ Passglas mit gekniffenen Fadenauflagen │ Nachbildung

Grünglas │ 15.-17. Jh. │ Spessart

 

∎ Achtkantglas mit aufgelegten, geriffelten Fäden │ Nachbildung

Grünglas │ 17. Jh. │ Hils

 

∎ Kobaltblaues Stangenglas │ Nachbildung

Zunftglas │ geflochtener Standfuß │ Nuppenbesatz │ kobaltblaues Glas │ 16. Jh. │ Basel

 

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[1] NIEDERFEILNER 2004, S. 71-73.

[2] Reichskrone von 960-980 ⎸ Kronenkranz: um 1020 ⎸ Bügel: 1024-1039 ⎸Gold, Email, Edelsteine, Perlen.

[3] SEGSCHNEIDER/KRABATH/SCHRÖDER 2017, S. 36.

[4] THOMAS 2016.

[5] Basel Aeschenvorsstadt Frauengrab.

[6] STEPHAN 2021, S. 67.

[7] STEPHAN 2021, S. 84.

[8] ausführliche Betrachtungen bei KRÄMER 2021, S. 8-89.