Herzog Carl I. und die Mehrung der Landeseinkünfte

Klaus A.E. Weber

 

Absolutistische Macht und höfische Pracht

 

Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) und Kaiser Franz I. (1708-1765)

Bildnisse um 1745/1750

Werkstatt Martin van Meytens der Jüngere (1695-1770)

Augustinermuseum Freiburg │ 2026

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

֍ Europa in der Zeit des Absolutismus

ZDF 2026

„Ob Frankreichs barocke Prachtentfaltung durch den Sonnenkönig, Sachsens Glanz oder Preußens Gloria: auf den Spuren des Absolutismus reist Mirko Drotschmann durch Europa und eröffnet Einblicke hinter die Kulissen einer aus heutiger Sicht skurrilen Welt und fragt, welches Kalkül hinter der Prunksucht stand.

Im 17. Jahrhundert wollten die meisten Könige und Fürsten Europas losgelöst vom alten Adel und Klerus herrschen.

Die Alleinherrschaft erschien nach dem Chaos des Dreißigjährigen Krieges ideal, um Stabilität und Ordnung zu sichern.

In Versailles, dem Schloss Ludwigs XIV., erfährt Mirko Drotschmann, wie sich die politische Idee des Absolutismus in der Architektur widerspiegelt.“

 

⊚ Zum Anklicken

"Von Gottes Gnaden, Wir CARL, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg" │ um 1760 [7]

Museum Schloss Fürstenberg

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Herzog Carl I. zu Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel

"Von Gottes Gnaden, Wir CARL, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg" (1713-1780)

Im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel besteht unter Herzog Carl I. die unbeschränkte Herrschaftsform des Absolutismus.

Zudem entwickelt sich die Wirtschaftsordnung des Kameralismus/Merkantilismus - eine staatlich gesteuerte Wirtschaftspolitik zur Mehrung der Landeseinkünfte bei maximaler Ressourcenausschöpfung.

Als Herzog ist Carl I. von der Aufklärung geprägt, wobei er als Grundlage eines systematischen staatlichen Ressourcenmanagements

  • Vernunft

  • Planung

  • Gemeinwohl

in das Zentrum seines Wirkens stellt.

Vielschichtig fördert Carl I. in seiner Regierungszeit von 1735 bis 1780 zur Beförderung des commerce die Infrastruktur seines Herzogtums.

Dabei verfolgt Carl I. auch das Ziel, seine Untertanen Nahrung zu schaffen, sie gesund und reich zu halten.

Viele Einrichtungen, die Carl I. im 18. Jahrhundert gründet, existieren noch immer.

 

Regierungszeit: 1735-1780

Herzog Carl I. war von 1735 bis 1780 ein von den Prinzipien der Aufklärung geleiteter Landesvater, bemüht die wirtschaftlichen Verhältnisse der Bevölkerung zu verbessern.

  • Ab dem Jahr 1753 erfolgt im Solling die systematische Anlage des gewerbliche Plansiedlung Hellental ("Colonie im Hellenthale“) zur „Beförderung des commerce“ unter Herzog Carl I. (reg. 1735-1780) von Braunschweig-Wolfenbüttel.

  • Zugleich gelingt am westlichen Sollingrand am 03. Dezember 1753 in der Porzellanmanufaktur Fürstenberg nach sechs Jahren der Durchbruch, handwerklich Porzellan von guter Qualität herzustellen und zu verkaufen.

 

Medaillon mit Profil von Herzog Carl I., datiert 1757

Medaillon mit Profil von Herzogin Philippine Charlotte, datiert 1758 [6]

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Landesväterliche Vorsorge

Viele der Einrichtungen, die Herzog Carl I. (reg. 1735-1780) einst im Braunschweiger Land des 18. Jahrhunderts gründete, existieren noch immer.

Das LandMuseum widmet im diesem Kontext den regional- und ortsgeschichtlich fassbaren Spuren des facettenreichen landesherrlichen Wirkens von Herzog Carl I. einen besonderen Ausstellungsschwerpunkt.

Dem aufgeklärten Fürsten, absolutistischen Staatsmann und verantwortungsvollen Landesvater verdankt - im Zusammenwirken mit seinem Oberjägermeister Johann Georg von Langen (1699-1776) - der Glasmacherort und das heutige Sollingdorf Hellental seine Entstehung im Rahmen des "Fürstlichen Landesausbaus" im 18. Jahrhundert.

  • Ausstellungen in den beiden Häusern des LandMuseums zum regionalen Wirken des Herzogs Carl I. während des 18. Jahrhunderts im alten braunschweigischen Weserdistrikt.
  • Kulturhistorisch bedeutendes Gemeinde-Backhaus aus dem frühen 19. Jahrhundert und dessen dörfliche Nutzungshistorie, basierend auf der herzoglichen Verordnung von 1744 durch Carl I.

Im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel entwickelte sich dabei unter dem absolutistischen Herzog Carl I. und seines "allmächtigen" Staatsministers" Berhard Schrader von Schliestedt (1706-1773) die unbeschränkte Herrschaftsform und Wirtschaftsordnung des Merkantilismus [8] zur Mehrung der Landeseinkünfte; die prinzipiellen Voraussetzungen waren seit etwa 1730 gegeben.[2]

 

Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel

Fürstenberg Porzellan-Schachfigur / seladongrün │ 1982

[hmh Inv.-Nr. 5066

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Kulturspuren herzoglichen Wirkens

Herzog Carl I. förderte die Infrastruktur seines Landes Braunschweig.

Noch heute finden sich materiell fassbare kulturhistorische Spuren und Relikte seiner langen Regierungszeit von 1735 bis 1780 entlang der Aspekte

  • Brot

  • Eisen

  • Eisenerz

  • Glas

  • Holz

  • Kartoffeln

  • Porzellan

  • Sandstein

  • Ton

Zusammenfassung bei Thomas Krueger: Arbeit, Holz und Porzellan. Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel und die Wirtschaftspolitik im 18. Jahrhundert. Der Weserdistrict. Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Museum im Schloss der Porzellanmanufaktur Fürstenberg. 23. März bis 06. Oktober 2013. Holzminden 2013.

 

Spuren im Hellental

Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel förderte absolutistisch wie aufgeklärt die Infrastruktur seines Landes Braunschweig.

So finden sich noch heute exemplarisch fassbar kulturhistorische Spuren und Relikte seiner langen Regierungszeit in der alten Dorfanlage des Glasmacherdortes Hellental wie auch in dem heutigen Landschaftsbild des einzigartigen Sollingtals.

  • Von der "Höllthal Glas Hütte" zur planmäßigen Anlage einer "Colonie im Hellenthale" (Anlage eines gewerblichen Zuwanderungsdorfes)
  • "Neuer Anbau" im Glasmacherort Hellental im Rahmen des Fürstlichen Landesausbaus im Weserdistrikt
  • "Bey jeglicher Gemeinde ein Back-Haus mitten im Dorfe" - Errichten zentraler Gemeinde-Backhäuser nach der herzoglichen Verordnung von 1744

 

Von der Glase Hütte zur planmäßigen Anlage eines gewerblichen Zuwanderungsdorfes

In dem seit dem Mittelalter für die Glasherstellung ressourcengünstig gelegenen Hellental bestand eine um 1715 gegründete, privatwirtschaftlich geführte Glashütte Steinbeke mit Werkweiler.

Die ortsfeste Glashütte des braunschweigischen Sollings ist sozial- und wirtschaftshistorisch insofern bedeutsam als sie den produktionstechnischen Übergang von der mittelalterlich geprägten Waldglashütte zur staatlich gegründeten Glasmanufaktur repräsentiert.

Letztlich wurde die Glashütte durch wirtschafts- und strukturfördernde Maßnahmen unter Herzog Carl I. zur „Keimzelle“ des heutigen Solling- und früheren Glasmacherortes Hellental.  

Nach fast drei Jahrzehnte währendem Betrieb wurde die Hellentaler Glashütte Steinbeke stillgelegt.

1743 erwarb Herzog Carl I. Anlageteile der Glashütte und verlegte sie an den "Schorbornsteich" im Nordsolling.

Um 1744 hatte er die bedeutende „Fürstlich-Braunschweigisch-Lüneburgische Hohl- und Tafelglashütte“ errichten lassen.

In der "Schorborn Glas Hütte" erfolgte zunächst die fürstlich-merkantilistische Glasproduktion.[3]

 

"Neuer Anbau" im Glasmacherort Hellental

Fürstlicher Landesausbau

Unter dem Aspekt der Forstwirtschaft wurde im Fürstlichen Landesausbau des 18. Jahrhunderts in einer staatlichen Forstfläche (Merxhäuser Forst) um 1753 der Werkweiler der ehemaligen Hellentaler Glashütten durch gezielte Ansiedelung von "Anbauern zur Colonie im Hellenthale" planmäßig ausgebaut (vergl. "Geometrischer Grund-Riß" des Neuen Anbaus am Grünen Plan (Grünenplan), Johann Georg v. Langen, 1749).

Die Siedlung wurde "abgesondert von allen Straßen" unter dem Hofjägermeister Johann Georg von Langen angelegt als man im 18. Jahrhundert in den Braunschweiger Staatsforsten verstärkt Holzhauer benötigte.

Hellental wurde in der Folgezeit zu einem bedeutenden Waldarbeiterdorf im Solling.

Im frühen 18. Jahrhundert zugewanderte Glasmacherfamilien bildeten als erste Arbeitsimmigranten einen wichtigen Pfeiler für die anfängliche Berufs- und Bevölkerungsstruktur des späteren Sollingdorfes, exemplarisch für die vorindustrielle Epoche eine typische Zuwanderungssiedlung repräsentierend, die durch eine zweite Arbeitsimmigration (Anbauer) entstand, beeinflusst durch die Siedlungsfaktoren Topografie, Kleinklima, Vegetation und andere natürliche Ressourcen.

Es herrschte in der rasch wachsenden Hellentaler Dorfbevölkerung eine große materielle Not und bitterste Armut.

Fast alle Hellentaler Familien waren als „kleine Leute“ und Kleinstellenbesitzer in jenen Jahrzehnten vom Lohneinkommen abhängig, das vornehmlich auf vorindustrieller, kleingewerblicher Heimarbeit (u.a. Textilgewerbe) und Waldarbeit beruhte und dabei den wirtschaftlichen Schwankungen mit erheblichen Erwerbseinbrüchen unterlag.

 

"Bey jeglicher Gemeinde ein Back-Haus mitten im Dorfe" [2]

Errichten zentraler Gemeinde-Backhäuser nach der herzoglichen Verordnung von 1744

Die Vorgabe, im Weserdistrikt flächendeckend Gemeinde-Backhäuser zu errichten, ist auf die herzogliche Verordnung vom 04. Juli 1744 zurückzuführen.

Um primär dem bisherigen "Holz-Verderb" und auch der Feuergefahr entgegenzuwirken, war von Herzog Carl I. die Abschaffung aller privaten (bäuerlichen) Backöfen und die Anlegung besonderer Gemeinde Back-Häuser angeordnet worden.

Von Zeit zu Zeit ergangene Verordnungen wiederholten die Abschaffung der Privatbacköfen im Braunschweiger Land.

Die energiewirtschaftliche Bilanzierung der "Fürstlichen Cammer" in Braunschweig galt hierbei dem Holz, dem damals - neben dem Wasser - wichtigsten Energielieferanten im Solling.

Der Förderung des dörflichen Brandschutzes galt das weitere herzogliche Interesse.

Durch das erst im frühen 19. Jahrhundert in Hellental errichtete "neue Gemeinde-Backhaus" wird noch heute materiell fassbar, wie im Weserdistrikt des Herzogtums Braunschweig unter Herzog Carl I. das Errichten zentraler Dorfbackhäuser ab 1744 verpflichtend wurde.

Es ist zu vermuten, dass ein bislang nicht belegbarer Vorgängerbau des Hellentaler Dorfbackhauses 1828 durch einen zweiteiligen Fachwerkgebäudekomplex ersetzt wurde.

Kosten sparend war in dieser Zeit noch brauchbares Abrissmaterial "des dazu angekauften alten Schulhauses zum Bau eines neuen Gemeindebackhauses" verwendet worden.

Die gemeindliche Baufinanzierung erfolgte durch ein "Anlehn" in Höhe von insgesamt 280 Talern vom Herzoglichen Leihhaus in Holzminden, 1754 als „Leihhauskasse“ von Herzog Carl I. gegründet.

Die 1753 ebenfalls von Herzog Carl I. gegründete „Brandversicherungsanstalt“ benennt in dem "Brandversicherungs-Catastrum des Dorfes Hellenthal" von 1834 unter der Ass.-№ 53 ein "Gemeinde Backhaus inclusive Backofen" mit der versicherten Grundfläche von "34 x 24 ½ Fuß".[1]

Archivalische Quellen und bauhistorische Spuren weisen auf mehrfache Umbaumaßnahmen des zweiteiligen Baukomplexes hin, ehemals bestehend aus dem Wohnbereich (Haupthaus), Fachwerkbau mit Erd- und Dachgeschoss, Diele, Kammern, Küche und Backofenbereich (mittlerer Anbau: Fachwerkbau mit Erd- und Dachgeschoss und innen befeuertem Holzbackofen).

Beim Backofenbau wurden ehemals ungestempelte und gestempelte Ziegel als Ofensteine verwendet.

Insgesamt konnten 53 gestempelte Ziegel bei den Restaurierungsarbeiten geborgen werden.

Hierbei war bauhistorisch völlig überraschend der Fund von 39 Ofenziegeln mit dem Stempel "Fürstenberger Porzellanfabrik".

Den wohl älteren Ziegelstempel "Fürstenberger P.(orzellan) F.(abrik)" weisen 10 Ofenziegel auf, mit dem wahrscheinlich jüngeren Ziegelstempel "Fürstenberger Porzellan Fabrik" insgesamt 29 Ziegel.

Das teils historisch authentische Hellentaler Dorfbackhaus beheimatet nach seiner Teilrestaurierung heute das kommunale Museum im Backhaus mit der Dauerausstellung GLAS & BROT.

Der innerhalb des regionaltypischen „Sollinghauses“ gelegene Einschießofen repräsentiert einen dreizügigen Brotbackofen vom Einkammertyp.

Der vermutlich zwischen 1876 und 1888 neu gemauerte Backofen weist heute – nach seiner bautechnischen Rekonstruktion – annährend wieder die mit der herzoglichen Verordnung von 1744 "vorbeschriebenen Maasse" auf.

 

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[1] NLA WO, 104 Alt Nr. 907.

[2] WEBER 2025.

[3] Ausstellung "Kostbarkeiten aus Sand und Asche - entstanden im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel", Museum Schloss Wolfenbüttel, 11. März bis 02. Juli 2017.

[4] Die Eisennägel wurden von einem Bürger aus Silberborn dem Museum dankenswerterweise für Ausstellungszwecke zur Verfügung gestellt.

[5] REDDERSEN 1934, S. 102-103.

[6] KRUEGER 2023, S. 16.

[7] aus der Werkstatt des Hofmalers Johann Georg Ziesensis der Jüngere (1716-1776).

[8] Merkantilismus = modern-ökonomisch: Leistungsbilanzüberschuss/Außenhandelsüberschuss - Zu ihrer staatlichen, frühkapitalistischen Einnahmesteigerung förderten Fürsten ihre heimischen (inländischen) Manufakturen und Monopolbetriebe zur Herstellung von Exportprodukten, wohingegen Importe verboten bzw. mit hohen Zöllen (Importzölle) belegt wurden.