Novemberpogrome 1938
Klaus A.E. Weber

Ausstellung im Vonderau-Museum, Stadtmuseum Fulda
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
ARTE F 2025
Die Nacht der Schande - Novemberpogrome 1938
„In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 initiierten die Nazis im gesamten Deutschen Reich antijüdische Gewalttaten.
Hunderte in Archiven wiedergefundene Fotos und Filme vermitteln eine Vorstellung von diesen Pogromen.
30.000 Juden wurden in Konzentrationslager deportiert.
Die Novemberpogrome markieren ein bis heute bedrückendes Ereignis der deutschen Geschichte.
Seit der Machtergreifung im Jahr 1933 verfolgten die Nationalsozialisten mit geradezu obsessiver Hartnäckigkeit vor allem ein Ziel: Sie wollten sich der Juden entledigen.
Von den Nürnberger Gesetzen bis hin zum „Anschluss Österreichs” und den Novemberpogromen 1938 diskriminierten und verfolgten sie die jüdische Bevölkerung systematisch in der Hoffnung, sie ins Exil zu treiben.
Als der aus Polen stammende junge jüdische Emigrant Herschel Grynszpan jedoch am 7. November 1938 auf einen Diplomaten an der deutschen Botschaft in Paris schoss, nahmen die Nationalsozialisten das Attentat zum Vorwand, um das Opfer zum Märtyrer zu erklären und zu Pogromen aufzurufen.
Das Ziel war, die im Deutschen Reich verbliebenen Juden durch physische Gewalt und Drohungen zur Flucht zu zwingen.
Gleichzeitig wurde die Enteignung und „Arisierung” ihres Besitzes in die Wege geleitet.
Damit markieren die Novemberpogrome ein unumkehrbares Momentum in der Geschichte des NS-Staates und seiner antisemitischen Politik hin zu einer staatlich gelenkten, systematischen Vertreibung durch Diebstahl, Gewalt und Einschüchterung.
Während die deutschen Juden bis dahin versucht hatten, mehr oder weniger geordnet zu emigrieren, kam es nun zu einer panischen Massenflucht.
Doch in den meisten Aufnahmeländern begegnete man den Geflüchteten feindselig.
Nur wenige Monate später sollte die Falle zuschnappen.
Der Krieg brach aus und holte auch jene ein, die geglaubt hatten, dem NS-Wahn entkommen zu sein.“
„Im November 1938 erschüttern antisemitische Exzesse das gesamte Deutsche Reich: Brennende Synagogen, Verhaftungen und Deportationen zeigen den unverhohlenen Hass des NS-Regimes auf die jüdische Bevölkerung - und markieren eine neue Dimension staatlicher Willkür.
Die Gewaltexzesse in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 bildeten bis dahin den Höhepunkt des systematischen staatlichen Antisemitismus im Deutschen Reich.
Aufgrund der Vielzahl zerstörter Schaufensterscheiben entstand zunächst der Begriff „Reichskristallnacht" für die Ereignisse, die eine neue Phase der offenen Diskriminierung, Repression und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung einleitete.
An den Übergriffen beteiligten sich nicht nur Gruppierungen der NSDAP, sondern zum Beispiel auch Schulklassen.
Nur wenige Menschen hatten den Mut, ihren jüdischen Nachbarn zu Hilfe zu kommen.
Große Teile der nichtjüdischen Bevölkerung mögen die Pogrome stillschweigend abgelehnt haben und über die Vorkommnisse schockiert gewesen sein, die wenigsten jedoch wurden aktiv, als Tausende Menschen getötet, gedemütigt, misshandelt oder verhaftet wurden.
Der flächendeckenden Gewalt im nationalsozialistischen Deutschland waren antijüdische Aktionen in Kassel, Fulda und anderen Städten vorausgegangen.
Als Vorwand für die als „Volkszorn“ deklarierten Novemberpogrome nutzten die Nazis die Tötung des deutschen Botschaftsmitarbeiters Ernst vom Rath in Paris durch den jüdischen Emigranten Herschel Grynszpan.
Die Dokumentation veranschaulicht anhand von seltenen Archivaufnahmen und Zeitzeugenberichten nicht nur die bis heute fassungslos machenden Gewaltakte gegenüber deutschen Juden, sondern auch die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas im Deutschen Reich seit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933, durch die die Novemberpogrome erst mölich wurden.“
„Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“[4]

Gedenkveranstaltung 09. November 2018
80. Wiederkehr der Pogromnacht in Stadtoldendorf [3]
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
9./10. November
In der Nacht vom 09. auf den 10. November 2018 jährten sich zum 80. Mal die Novemberpogrome: 80 Jahre Erinnerung an die Opfer des antijüdischen Pogroms vom November 1938.
In jener Nacht wurden in Deutschland tausende Synagogen, Betstuben, jüdische Vereinsräume, Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe verwüstet oder zerstört.
So markierten die Pogrome den Übergang von diskriminierenden judenfeindlichen Maßnahmen zur systematischen Verfolgung und zum Holocaust.
Ebenso gerieten Behinderte, Schwule, Sinti, Roma und politisch Missliebige in das Getriebe der Nazi-Mordmaschinerie.
Als Zeugnis von diesen Ereignissen vom 09. auf den 10. November 1938 brannte auch die Synagoge in der Kreisstadt Holzminden.
Gleichwohl kein Angehöriger der Familie Rothschild mehr in Merxhausen wohnte, sei in der Pogromnacht das große Gebäude geplündert und demoliert worden.[2]
Zur Vernichtung der Holzmindener jüdischen Gemeinde durch die Nationalsozialisten 1933-1945 wird auf das umfassende Geschichts- und Gedenkbuch von KIECKBUSCH verwiesen.[1]
Organisierte Schlägertrupps setzten jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Brand, tausende Juden wurden misshandelt, verhaftet oder getötet.
Spätestens an jenem Tag war für alle Bürger*innen in Deutschland - in Niedersachen, in Holzminden und letztlich auch in den Dörfern Heinade, Hellental und Merxhausen - zu sehen und zu erleben, wie Antisemitismus und Rassismus bis hin zum Mord staatsoffiziell geworden waren.
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Standort der ehemaligen Synagoge in Stadtoldendorf
Zur Erinnerung und Mahnung │ Dezember 2024
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Über 80 Jahre lang bestand in Stadtoldendorf für die dortige Synagogengemeinschaft eine Synagoge (1855-1938), die als Fachwerkbau auf Initiative von Ephraim Rothschild (* 18. Februar 1808 in Merxhausen / † 30. Januar 1901 in Stadtoldendorf) im Jahr 1855 erbaut und eingeweiht wurde.
Ephraim Rothschild hatte hierfür das Grundstück in der Kuhstraße, nahe des Camphofes, gestiftet.
Am 09. November 1938 wurde das jüdische Gotteshaus geplündert, beschädigt und später abgerissen.
Erst 43 Jahre später, im Jahr 1981, wurde am Standort der ehemaligen Synagoge ein Gedenkstein zur Erinnerung an die ermordeten jüdischen Bürger*innen von der Stadt Stadtoldendorf an der Kuh-Straße, Ecke Küselbrink aufgestellt.

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Gedenkstein für die in der Pogromnacht zerstörte Synagoge
Dezember 2024
© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber
Inschrift auf der Straße abgewandten Seite:
"Wäre doch mein Kopf ein Gewässer
und meine Augen ein Tränenquell,
daß ich beweinen könnte Tag und Nacht
die Erschlagenen meines Volkes. Jer. 8,23
Gewidmet von der Stadt Stadtoldendorf
im Jahre 1980."
02. Dezember
Das Kalenderdatum 02. Dezember gilt als Gedenktag für rund 20.000 überwiegend jüdische Kinder, die nach dem Novemberpogrom 1938 aus Deutschland und Österreich durch Verschickung in das sichere Ausland, vor allem nach Großbritannien gerettet werden konnten.
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[1] KIECKBUSCH 1998, insbesondere S. 361-556.
[2] MITZKAT/SCHÄFER (o.J.), S. 42.
[3] TAH vom 12.11.2018, S. 15.
[4] STEINMARK 2023.

