Flachsernte und Flachsverarbeitung

Klaus A.E. Weber

 

Flachsrotten als historische Hinterlassenschaft

Im ersten Verarbeitungsschritt wurden die im Sommer geernteten und zu großen „Wasserbunden“ zusammengebundenen „leeren“ Flachsstängel, abhängig von der Wassertemperatur, über etwa eine Woche oder länger (um 9 Tage) geschichtet und mit Brettern oder Steinen beschwert in ein stehendes Gewässer - in „Flachsrotten“ - eingelegt.

Danach wurden die Flachsrotten geflutet, um die hölzernen Stängelanteile zur Gewinnung der Gespinstfasern verrotten zu lassen (Wasserrotte).

Von den „in die Rotte gefahrenen“ Flachsbunden verblieben nach der Wasserrotte nur noch etwa 70 % zur weiteren Verarbeitung.

Die bei der Flachsrotte natürlicherweise durch Gärvorgänge entstehenden Gasbildungen, die außerordentlich üble Faulgerüche entwickelten, erforderten eine Anlage der Rottekuhlen außerhalb des Dorfes und - bei in der Regel vorherrschendem Westwind - westwärts der Wohnbebauung.

Zudem durfte aus hygienischen Gründen keine direkte Verbindung der Flachsrotten zu jenen Fließgewässern oder Quellen bestehen, die zur dörflichen Trink- und Brauchwasserversorgung herangezogen wurden.

Die meisten Flachsrotten wurden in den vergangenen Jahrzehnten verfüllt.

 

Flachsrotten in Heinade

In Heinade sind die ehemals zur dortigen Flachsgewinnung benötigten, etwa 1 Meter tiefen Flachsrotten noch als historische Hinterlassenschaft erkennbar erhalten.

Mehrere verlandete „Rottekuhlen“ befinden sich auf wenigen Privatgrundstücken.

Um 1972 bestanden noch 34 Flachsrotten im Dorf, entsprechend der von 1756 bekannten Anzahl von Hausstellen in Heinade.

Für den häuslichen Verarbeitungsbedarf hatte jede Familie in Heinade hier ihren Flachs „rotten“ lassen.[1]

 

„Flachsrotten“ im Hellental

In der Nähe des Dorfes Hellental sind Relikte der ehemals zur Flachsgewinnung benötigten, etwa 1 Meter tiefe Flachsrotten auszumachen.

Einige der wenigen noch erkennbar verbliebenen „Rottekuhlen“ befinden sich südwestlich vom Dorf im buchenbestandenen Nahbereich des alten, ehemals offenen „Vogelbrunnens“.

Weitere Flachsrotten sollen sich – nach überlieferten Dorferzählungen - zudem auch um den alten „Teufelsbrunnen“ in der ortsnahen Talsohle nahe der Helle befunden haben.

 

⊚ Zum Anklicken

"Vom Flachsrotten" im 18. Jahrhundert [8]

Reste einer Flachsrotte beim "Vogelbrunnen"

Hellental │ April 2020

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Die aus der Flachsrotte gewonnenen faulig-mürben Pflanzenteile wurden langwierig getrocknet, mit einer „Holzbrake“ grob geschlagen und mit der „Handbreche“ gebrochen.

Die dabei vom Stängelholz gelösten Bastfasern zog man büschelweise durch ein Nagelbrett („Hechelkamm“ oder „Hechelbock“).

Bei dem so durchgehechelten Flachs wurden die Fasern gleichmäßig für den anschließenden Spinnvorgang ausgerichtet.

Die ausgekämmten Bastfasern wurden zu langen Zöpfen zusammengedreht und aufbewahrt.

Der letzte Arbeitsgang erbrachte schließlich eine verspinnbare Faser unterschiedlicher Qualität.[2]

Die regionale Flachsernte und Flachsverarbeitung wurde von RAULS [7] in anschaulicher Weise beschrieben:

Bei der Flachsernte werden die Pflanzen mit der Wurzel aus dem Boden gezogen, in der Sonne getrocknet und einige Wochen bündelweise in Rotten mit fließendem oder stehendem Wasser gelegt und mit Steinen beschwert, damit die Blätter und Grünteile verrotteten.

Danach folgte das Brechen oder Boken und das Schwingen des Flachses, um ihn von den anhaftenden Holzteilchen zu befreien.

Zur Trennung der Fasern wurde der Flachs auf einem mit spitzen Eisenstiften versehenen Brett gehechelt.

Schließlich wand man die Fasern um einen Stab und verzierte den spinnfertigen „Wocken“ oder „Rocken“ mit einer bunten Papierhülse, auf der Scherz- oder Liebessprüche zu lesen waren.“

Von dem geernteten Rohflachs blieb nur etwa 1/3 der Ausgangsmenge als reiner, hochwertiger Flachs übrig, etwa 2/3 als „Heede“ (Werg).

Als Hede wurden kurze, grobe Faserreste minderer Qualität bezeichnet (Heedegarn zur Herstellung von Schockleinen - Säcken, Stricken und Tauen).

Die Faseranteile besserer Qualität wurden als „kleine“, „feine“ oder „linnen“ ausgewiesen (Leinengarn zur Herstellung von Stiegenleinen).

Mittels Spinnrad wurden die aufbereiteten Flachsfasern zu Fäden gesponnen und von Leinenwebern auf dem Webstuhl zu Textilien verarbeitet.[3]

Im „Holzmindener Wochenblatt“ wurde 1787 zur Flachsverarbeitung im braunschweigischen Weserdistrikt berichtet:[4]

"Das vornehmste und zugleich nützlichste Produkt für die Untertanen ist der Flachs. Davon wird im Wesertal so viel gebaut, gesponnen und verwebt, daß das Bedürfnis an Hemden, Kitteln, Beinkleidern, Schürzen, Bett- und Tischtuch, Säcken und Saatlaken u. dgl. damit bestritten werden kann.

Das größte Gewerbe wird mit dem Legge-Linnen gemacht.

Es hat seinen Namen daher bekommen, weil es beim Einkauf über einen Tisch oder Bank gelegt und gezogen, und auf solcher nach der Länge und Breite gemessen und nach der Güte beschaut wird …

Das Leggelinnen wird aus Hede und Flachsgarn gewebt und tuchweise zu 15 Ellen verkauft."

 

Flachsverarbeitung um 1910

Es bedurfte eine Reihe von Vorbereitungsarbeiten bevor das eigentliche Spinnen erfolgen konnte.

Dabei wurden die Abläufe der Flachsverarbeitung dem Verantwortungsbereich der Frauen zugeordnet.

 

Wibbecke im Flecken Adelebsen

Bilder aus B. Birkigt-Quentin, G. Busse, W. Schäfer: Flachs und Leinen zwischen Leine und Weser. Uslar 2002, S. 11, 14, 15, 16.

 

Brechen

Arbeit an der Handbreche

 

Hecheln

Flachs durchhecheln

 

Spinnen

Arbeit am Spinnrad

 

Haspeln

Aufwickeln des Garns von der Spindel auf den Klopferhaspel

 

___________________________________________________________________

[1] HAHNE 1972.

[2] BUSSE 2002, S. 8 ff.

[3] HENZE 2004, S. 70; BUSSE 2002, S. 8 ff.

[4] zit. in RAULS 1983, S. 134.

[5] TACKE 1943, S. 87.

[6] BUSSE 2002, S. 5.

[7] RAULS 1974, S. 128-130; RAULS 1983, S. 133 f.

[8] Gelehrte Beyträge zu den Braunschweigischen Anzeigen │ 88tes Stück 11.November 1769, S. 711-716 │ 89tes Stück 16.November 1769, S. 719-722.

[9] ANDERS 2004, S. 260; MÄRZ/ZELL 2004, S. 85; BUSSE 2002, S. 15.