Der Spüligbach und seine Mühlen im Sollingvorland
Klaus A.E. Weber

Die frühere Papiermühle und spätere Lohmann’sche Mühle
am Oberlauf des Spüligbaches bei Merxhausen │ Mai 2020
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Das Wasser des rund 7 km langen Spüligbaches wurde einst vielfältig gewerblich genutzt:
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zum Mahlen
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zum Schleifen
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zum Bierbrauen
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zur Reinigung
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Saakel’sche Mühle (links) und Papiermühle (rechts) am Spüligbach um 1700
Ausschnitt aus der Tuschezeichnung von 1708 mit den Grenzort Merxhausen [7]
Zur historischen Bedeutung der Wassermühlen am Spüligbach
Mühlen, wie die einst am Spüligbach im Sollingvorland betriebenen Wassermühlen, sind historisch bedeutsam, da sie Zeugnis- und Schauwert für die Bau- und Kunstgeschichte und für die Siedlungs- und Baugeschichte wie auch für die Wirtschafts- und Technikgeschichte haben.
Im Bereich der Ortschaft Heinade im Sollingvorland als Fließgewässer noch zu geringe Wassermengen führend, lieferte der Spüligbach ab seinem Verlauf bei Merxhausen mit der regenerativen Energie seiner Wasserkraft den Antrieb für die an ihm liegenden
- Hammerwerke und Eisenhütte.
Historisch können dabei folgende gewerblichen Mühlen-Typen für den Solling und das Sollingvorland betrachtet werden [16]:
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Mühle, Weiße Mühle: Mahlmühle für Getreide
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Ölmühle / Bokenmühle: eingesetzt als Stampf- oder Schlagmühle zum Auspressen von Bucheckern, Leinsamen, Mohn, Raps, Sesam oder bei der Herstellung von Leinen aus dem Rohstoff Flachs
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Schleifmühle: Glattschleifen von Werkstoffen, wie Sandsteinplatten und Eisenwerkzeuge
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Sägemühle: Holzsägewerk, Betreiben einer Gattersäge
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Lohmühle: Lohgerberei, Zerkleinerung von Fichten- und Eichenrinden
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Papiermühle: Papierherstellung, Zermahlen von Lumpen
- Blankschmiede: Hammerwerk zur Herstellung von Kleingeräten aus Eisen/Stahl, Betreiben eines Blasebalges für die Schmiedeesse
Zudem diente der Oberlauf der „Spülig“ früher auch zum Wäschewaschen.
Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN)

Verlauf des Spüligbachs von Heinade nach Mackensen │ Geobasisdaten LGLN [15]
Der "Protagonist"
Verlauf des Spüligbachs von seinem Ursprung in Heinade bis zur Ilme bei Dassel
In dem von LETZNER 1596 veröffentlichten Werk „Dasselische vnd Einbeckische Chronica“ [5] wird die „Spöling/Spoeling“ erstmals als Bach schriftlich fassbar, abgeleitet von dem niederdeutschen Wort „spoil“, was Spülwasser bedeutet.
Örtlich-volkstümlich wird der Spüligbach auch schlicht die „Spülig“ genannt.
Oberlauf des Spüligbachs bei Merxhausen │ Mai 2020
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Zum Ursprung des Spüligbachs
Oberhalb des Dorfes Heinade gelegen, wird im Jahr 1767 kartografisch in dem „Grundriss der im Amte Allersheim belegenen Merxhäyser Forst“ von J. A. Grotrian [12] ein Fließgewässer - später als "Pilgrims Beeke" bezeichnet - im „Pilgrims Grund“ als Ursprung des Spüligbachs dargestellt.

Verlauf des Spüligbaches │ 2. Hälfte 18. Jahrhundert
Ausschnitt aus der Karte des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel [2]
von Johann Heinrich Daniel Gerlach
Die gleiche Auffassung gilt auch bei der kartografischen Darstellung der Merxhäuser-Forst, Forstabteilung III│22, die zuvor im Jahr 1745 veröffentlicht worden war.[13]
Bereits im Jahr 1596 hatte LETZNER mit seiner folgenden Beschreibung den Ursprung der Quelle des Spüligbachs im Solling verortet:
„Der Wasserflus Spöling genandt / nimt seinen ohrsprung in dem Sollinger Walde / an einem gar wonsam und freudigen Ortht aus dem schönen Pilgrimmen Brun / vnd streichet en Thal vnd neben dem Dorffe Heina hinab …“[5]

Im 18. Jahrhundert angenommener Quellbereich des Spüligbachs
durch ein Fließgewässer im Pilgrims Grund
Ausschnitt aus dem „Grundriss der im Amte Allersheim belegenen Merxhäyser Forst“
von J. A. Grotrian 1767 [12]
Dem hingegen befindet sich nach heutiger Erkenntnis der Ursprung des Spüligbachs in maximal etwa 300 m ü. NHN am Südrand des Höhenzuges Holzberg (444,5 m ü. NHN).
Nordöstlich der Ortschaft Heinade im Sollingvorland vereinigen sich Quellrinnsale in einem Wiesengelände östlich der Landesstraße 580 zu dem etwa 7 km langen Spüligbach.


Quellgebiet swa Spüligbaches
Sollingvorland bei Heinade mit Holzberg
© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber
Der Spüligbach wird also nicht aus einer klassischen Sprudelquelle gespeist, vielmehr sammeln sich bescheidene Wassermengen mehrerer Rinnsale von der Südflanke des Holzbergs zumeist in feuchten Hangwiesen zu einem Wassergraben.
Das Rinnsal fällt innerhalb der Ortschaft Heinade zeitweilig trocken und geht am östlichen Ortsausgang in ein schmales Bachbett über.

In einem Rohr zusammengefasste Quellrinnsale nördlich der Ortschaft Heinade
Blick von der Spüligbachbrücke an der Denkiehäuser Strraße │ Dezember 2025
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Die Quellrinnsale vereinen sich wenige Hundert Meter südöstlich von Heinade in einer Niederung auf 251,5 m[ ü. NHN, wobei sich genügend Wasser für eine dauerhafte Wasserführung sammelt.
Zunächst fast geradlinig in südöstliche Richtung in einem breiten Flußtal verlaufend, wendet sich der Spüligbach in einem nach Süden ausgerichteten Kurvenverlauf dem benachbarten Heukenberg (349,0 m ü. NHN) zu, um ihn bei dessen Westflanke zu umfließen.


© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber
Der Merxhäuser Mühlenbach
Einst Lebensader von Merxhausen
Abgelenkt von der Westflanke des Heukenbergs fließt Oberlauf des Spüligbachs in überwiegend südöstlicher Richtung des Sollingranddorfes Merxhausen.

Oberlauf des Spüligbachs im Umfeld von Merxhausen
erstes Drittel des 19. Jahrhunderts [14]
Der Spüligbach umfließt in der "Merxhäuser Feldmark" die Sollingvorberge Heukenberg und Steinberg in einem langgestreckten Linksbogen und durchfließt schließlich das Dorf Merxhausen - als "Merxhäuser Mühlenbach".[4]
Die heute am Oberlauf des Mühlenbaches in Merxhausen fassbaren, ehemals im Amt Allersheim angelegten gewerblichen Wassermühlen sind die
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Papiermühle am nordwestlichen Dorfeingang │ Denkmal Bau und Kunst
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Bocksche Mühle in der Ortsmitte, 1763 erstmals erwähnt
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Sakelsche Mühle am südöstlichen Dorfeingang unterhalb des Steinberges, um 1700 betrieben │ Denkmal Bau und Kunst
Angetrieben von der Wasserenergie Spüligbaches, der dessen Oberlauf hier ein günstiges Fließgewässergefälle aufweist, werden für die Zeit um 1763 in Merxhausen eine Korn- und eine Papiermühle angegeben.[8]

Der Oberlauf des Spüligbachs innerhalb von Merxhausen │ Dezember 2025
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Im Jahr 1803 heben HASSEL/BEGE [9][10] in ihrer Beschreibung, die „Sr. Herzoglichen Durchlaucht Herrn Karl Wilhelm Ferdinand regierendem Herzoge zu Braunschweig=Lüneburg unterthänigst gewidmet“ haben, die Bedeutung des "Merxhäuser Mühlenbaches" hervor:
"Der Mühlenbach, der ¼ Stunde oberhalb des Dorfs aus dem Zusammenflusse mehrerer kleiner Bäche entsteht, und bei Dassel den Namen Spülig annimt, treibt mitten im Dorfe eine Privatmühle mit 1 Mahl- und 1 Oehlgange.
Einige tausend Schritte vor dem Dorfe liegt auf dem Wege nach Heinade eine Papiermühle, zu welcher die in der Tiefe liegende Lumpenstampfmühle gehört."

Im Jahr 1846 umgebautes Stauwehr am Oberlauf des Spüligbachs
mit Wasserführung zum Mühlengraben der Saakelschen Mühle
Merxhausen │ Mai 2020
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Die Helle als Zufluss des Spüligbachs
Der aus dem unteren Hellental kommende Pfingstbach ist hydrogeologisch gesehen, als natürliche Fortführung des aus dem Solling kommenden Wiesenbaches Helle zu interpretieren.
Als Pfingstbach erhöht die Helle die Wassermenge (vergl. Volumenstrom) des Spüligbaches.
Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Heinrichsflut vom Juli 1965 in Merxhausen.
Verlauf der Helle als Pfingstbach in Merxhausen │ Mai 2016
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

Kanalisierter Verlauf der Helle entlang der Landesstraße 580 in Merxhausen │ Dezember 2025
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Zusammenfluss von Helle und Spüligbach
Etwa zwei Kilometer unterhalb von Hellental mündet die als Pfingstbach entlang der Merxhausener Straße / Landesstraße 580 kanalisiert geführte Helle am südöstlichen Dorfeingang von Merxhausen unterhalb des Steinberges in einem Auenwäldchen in den aus dem alten Dorfkern kommenden Spüligbach.
In der Nahe des „Grenzkruges" kreuzt der Spüligbach die Landesstraße 580und überschreitet die Grenze in Richtung Macksensen, welche „bis 1802 den braunschweigischen Weserdistrikt von der bischöflich-hildesheimischen Exklave Dassel-Hunnesrück trennte".[17]


Zusammenfluss von Helle (links) und Spüligbach (rechts) bei Merxhausen │ Dezember 2025
© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber
Der Spüligbach durchfließt das benachbarte Dorf Mackensen
Das Dorf Merxhausen verlassend und den Grenzkrug passierend, erreicht der Unterlauf des Spüligbachs nach zweimaligem Kreuzen der Landesstraße 580 das südwestlich der Amtsberge gelegene Sollingranddorf Mackensen.
Seit dem 17. Jahrhundert ist nahe des südlich verlaufenden Spüligbaches am nördlich gelegenen Zusammenfluss des vom Teichbach abgezweigten Mühlenkanals die Öl- und Getreidemühle der Familie Bartels nachweisbar - die alte "Bartels-Mühle".
1893/1894 wurde der Wasserlauf des Spüligbachs in der Feldmark Mackensen auf einer Strecke von 1,2 km Länge zur Regulation (Begradigung) verlegt, gefördert von einer Ent- und Bewässerungsgenossenschaft mit 17,80 ha Fläche.[3]
Östlich des Dorfes Mackensen verläuft der Spüligbach in südöstlicher Richtung hangparallel zu den Amtsbergen unterhalb der Burgruine Hunnesrück zur Schleifmühle Schomburg, um dann in östlicher Richtung das Stadtgebiet von Dassel zu erreichen.

Spüligbach innerhalb von Mackensen │ Dezember 2025
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Der Spüligbach - innerhalb und außerhalb der Stadt Dassel
Heute fließt der Spüligbach östlich an der Altstadt von Dassel vorbei und kreuzt erneut die Landesstraße 580.
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Modell der Stadt Dassel um 1750 [6]
Stadtmodell von H.-J. Ötsch
Eine um 1350 angelegte Stadtmauer umgab bis 1823 die Stadt Dassel mit dem Oberen Tor im Westen und dem Unteren Tor im Osten.
Der Stadtbefestigung vorgelagert waren ein mit Wasser gefüllter Graben und eine Wallanlage.
Wie auch bei LETZNER [5] anschaulich beschrieben, wurde dem bis heute nördlich der Stadtanlage fließenden Spüligbach beim Wasserturm ein Mühlengraben abgezweigt – „vnd theilet sich daselbst von einander“.
Der Mühlengraben führte dann durch die Ritterstraße in die Stadt und verlief weiter nach Osten vorbei am Brau- und Badehaus.
Das Wasser des Mühlengrabens trieb im weiteren Verlauf die Stadtmühle von Dassel an, bevor es wieder in den Spüligbach hineinfloss.
Der alte Mühlengraben ist heute innerhalb der Altstadt überbaut und verrohrt – ein unterirdischer Wasserlauf des Spüligbachs.

Östlich von Dassel oberirdisch vorbeifließender Spüligbach │ Dezember 2025
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Bei der Blankschmiede Neimke, die außerhalb der ehemaligen Stadtmauer am östlichen Rand des alten Stadtkerns von Dassel im Jahr 1727 in Betrieb genommen wird, handelt es sich um eine vom Wasser des Spüligbachs angetriebene Hammerschmiede.
Blankschmiede Neimke
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Das Einzugsgebiet des Spüligbachs, das im nördlichen Teil des Dasseler Beckens liegt, ist etwa 51 km² groß und ca. 7 km lang.
Nur wenige hundert Meter südlich der Altstadt von Dassel, nahe der Mündung des Bremkebaches (Bremke), mündet der Spüligbach auf rund 155 m Höhe in die aus Richtung Süden heran fließende Ilme.

Der die Stadt Dassel verlassende Spüligbach │ Dezember 2025
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Mündung in die Ilme
In einer Auenniederung („Im Bruche“) zwischen Bierberg und Burgberg mündet der Spüligbach südöstlich der Stadt Dassel in die Ilme, einem Nebenfluss der Leine.
Die 32,6 km lange Ilme entspringt im Zentrum des Sollings, südwestlich des Neuen Teichess (zwischen Uslar und Dassel).

Zusammenfluss von Unterlauf des Spüligbaches und Oberlauf der Ilme in der Auenniederung
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Nahe dem Zusammenfluss der Bäche liegt in einer Wiesenlandschaft an der mit Gehölz umsäumten Ilme die im Jahr 1607 von Jobst Schrader errichtete Schlag- und Ölmühle.
Im Jahr 1926 erwarb Wilhelm Körber die Wassermühle, die bis 1950 von einem Wasserrad mit einem Durchmesser von 4,50 m und einer Breite von 1,80 m angetrieben wurde.
Die auf der Ilmeaue liegende „Körbersche Mühle“ [19] – heute Traditionsbetrieb Hof Ilmeaue - wird eingerahmt vom Oberlauf der Ilme und dem abgezweigten und zur Ilme rückgeführten Mühlenkanal.

Vom Oberlauf der Ilme abgezweigter oberer Mühlenkanal zur alten Körberschen Mühle
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

Die alte Körbersche Mühle an der Ilme [19]
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Der Unterlauf der Ilme verlässt die Dassler Börde durch die „Dassler Pforte“ zwischen den eng zusammentretenden Muschelkalkbergen Bierberg und Burgberg in Richtung des Einbeck-Markoldendorfer Beckens.
Nach ihrem Verlauf mit einem abzweigenden Mühlenbach durch die südlichen Bereiche der Kernstadt von Einbeck mündet die Ilme wenige Kilometer weiter östlich unterhalb des Klus-Berges in die von Süden kommende Leine.
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[1] KRAATZ 1975.
[2] Die Gerlachsche Karte des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel (1763-1775): NLA WO K 3 Blatt 5 / ARNOLDT/CASEMIR/OHAINSKI 2006, Blattschnitt 15.
[3] REDDERSEN 1934, S. 98-99 Tab.
[4] HASSEL/BEGE 1803, S. 327.
[5] LETZNER 1596: „Das achte Buch │ Das siebende Capitel │ Von der Spöling │ S. 145-146.
[6] Website Museum Grafschaft Dassel | Webdesign: Firmastart. 2025.
[7] StAWb K13341│ CREYDT 2013, S. 84 Abb. 1.
[8] STEINACKER 1907, S. 190-191.
[9] HASSEL/BEGE 1803, S. 327.
[10] HASSEL/BEGE 1803, S. 336 (12.).
[11] CREYDT 1996, S. 8-10.
[12] NLA WO 4 Alt 10 XIV Nr2-3.
[13] NLA WO 4 Alt 10 XIV Nr. 2 Teil 2.
[14] Ausschnitt aus dem von G. Becker 1828 erstellten „Plan der Landesgrenze zwischen dem Herzogl. Braunschw. Kreisamte Eschershausen, und dem Königl. Hannöv. Amte Erichsburg-Hunnesrück“.
[15] Internet-Auszug aus OpenGeoData.NI / Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen.
[16] CREYDT 1996, S. 7.
[17] LILGE 1995, S. 33.
[19] CREYDT 1996, S. 26-27.

