Zisterzienserkloster Amelungsborn - Ein Eigenbetrieb

Klaus A.E. Weber

 

⊚ Zum Anklicken

Nord-südliche Blickrichtung auf den Klosterbezirk Amelungsborn

Kupferstich Closter Amelunxborn aus Merian, Topographia von 1654 zu Blatt 39 [44]

 

Einst ein "ziemlich reichbegabtes Closter" mit "Cistercienser Mönchen"

  • hochmittelalterliche Gründung zur ersten Blütezeit der Zisterzienser - als frühes Tochterkloster von Morimond (Primarabtei) - Abtei Kamp (Altencamp)

  • erlangte eine hervorgehobene Stellung in der Gemeinschaft des Zisterzienserordens

  • bedeutend in der regionalen Land- und Wasserwirtschaft

  • unterhielt Grangien, also große Wirtschaftshöfe

  • verfügte über ertragreiche braunschweigische Güter
  • wichtiger Großbau: Klosterkirche, bestehend aus romanischem Kirchenschiff und gotischem Chor mit prächtigen mittelalterlichen Glasmalereien

  • besaß eine Klosterschule von besonderer Bedeutung

  • Weiterbestand nach 1810 bis heute

Gleichen organischen Prinzipien folgend waren alle Klöster der Zisterzienser nach dem gleichen architektonischen Grundschema errichtet worden.⦋1⦌

Wichtigster Teil der Klosteranlage war die turmlose Klosterkirche, die nach dem basilikalen Bauschema mit flach geschlossenem Chor erbaut wurden.

Das an einer vielbefahrenen Heerstraße am Südrand des Odfeldes liegende Kloster wurde auf dem bereits mit einer Siedlung Amelungsborn (Weiler) annährend erschlossenen Hochplateau im Zusammenhang mit einem Quellbrunnen (Born) und Übernahme des alten Platznamens (Amelung) gegründet, also nicht gemäß zisterzienischer Regeln in völliger Einöde.[32]

Nahezu gleichzeitig mit der Errichtung der Homburg entstand das Kloster auf gräflichem Gut durch die 1129 erfolgte herrschaftsstrategische Stiftung des Grafen Siegfried IV von Northeim-Boyneburg (um 1095-1144).

Nach HEUTGER [34] stellte Amelungsborn somit ein weiteres „Glied in der Kette jener Klöster dar, die zwischen Leine und Oberweser Siegfrieds rechtlicher Verfügungsgewalt unterstanden und die halfen, seinen Machtbereich nach Norden hin abzuschließen.“

Nach Annahme der Stiftung und Genehmigung des Generalkapitels errichteten Zisterziensermönche aus der 1123 gegründeten, niederrheinischen Zisterze Kamp (Altencamp) durch eine Gründungsmannschaft wichtige Klostergebäude; sie waren im Rahmen ihrer "inneren Kolonisation" auf Neugründungen eingestellt.[35]

Ein genaues, wissenschaftlich gesichertes Gründungsdatum kennen wir nicht, jedoch dürften die Anfänge in den Zeitraum 1123-1135 zurückreichen, am wahrscheinlichsten ist die Zeit um 1130.“[47]

Eine Stiftungsurkunde für Amelungsborn liegt nicht vor - und viele Gründungsüberlieferungen sind "ziemlich undurchsichtig".[33]

Nach lägerer, vorbereitender Bauzeit mit Errichtung provisorischer Gebäude, wurde 1135 auf dem Odfeld bei Stadtoldendorf das neue Zisterzienserkloster Amelungsborn ordensrechtlich als eine Siedlung mit einigen Gehöften und eigener Quelle gegründet.

Das Kloster wurde vom Hildesheimer Bischof Bernhard I. († 1154) geweiht, der es am 12. Mai 1141 auch unter seinen Schutz stellte.

Das romanische Oratorium soll um die Jahre 1150-1158 vollendet worden sein, wobei unmittelbar danach der Kreuzgang und die „daran anschließenden bzw. eingeschlossenen Konventsräume“ errichtet worden seien.[2][8]

Heute gilt der 20. November 1135 als das offizielle Gründungsdatum.

An jenem Tag war der Gründungsprozess zum Abschluss gekommen und die Gründungsmannschaft aus dem niederrheinischen Altenkamp konnte als vollbesetzter Konvent in das neue Kloster einziehen.[4][28][35][61]

Nach GÖHMANN ⦋6⦌ muss die „Errichtung des Klosters auf dem Odfeld und sein frühes Schicksal … in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Emporkommen zweier weltlicher Herrschaften gesehen werden, die etwa 300 Jahre lang mit wechselndem Glück und stets als politische Rivalen den größten Teil des Weserberglandes zwischen Weser und Leine beherrscht haben; die Grafen von Everstein und die Edelherren von Homburg“.

Vor diesem Hintergrund muss die weiträumige Anlage des Zisterzienserklosters am Rande des Hochplateaus "Odfeld" auch als eine Grenzmarkierung an der territorialen Westflanke der Festung der Edelherrschaft Homburg gegenüber der Regionalmacht der Grafen von Everstein angesehen werden.⦋3⦌

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts besetzten das Zisterzienserkloster etwa 50 Vollmönche und im Jahr 1280 50 Mönche und 90 Laienbrüder ("Converse") - eine beachtliche Anzahl von Personen, die das Erblühen und die Bedeutung des Klosters in jener mittelalterlichen Zeit unterstreicht.[30][32][49]

Wie für Zisterzienser üblich, unterhielt das Kloster in eigener Bewirtschaftung in der Region und darüber hinaus Grangien, also landwirtschaftliche Großbetriebe mit Wirtschaftshöfen von 500-700 Morgen.[32]

Zum bedeutendsten landwirtschaftlichen Großbetrieb mit 1.500 Morgen Land und Wiesen wurde der Außenhof Allersheim, wobei die dort wohnenden Bauernfamilien ausnahmslos ihr Land verloren.

Auch war die im 14. Jahrhundert wüst gefallene, große Hägersiedlungen Holtensen ein Amlungsborner Klosterdorf.

Das Kloster pflegte vom ersten bis dritten Jahrhundert seiner Geschichte rege Beziehungen zur Römischen Kurie [53][61]

  • am 27. Dezember 1143 verlieh Papst Coelestin II.(† 1144) dem Kloster den Schutz des Heiligen Petrus und seiner selbst

  • am 27. Juli 1197 nahm Papst Coelestin III. (1106-1198) mit einer besonderen Bulle den Abt Hoiko und die Mönchsbrüder in den Schutz des Heiligen Petrus und seiner selbst, einschließlich der Besitzungen und Grangien des Klosters

  • am 17. April 1255 Allgemeines Zisterzienserprivileg des Papstes Alexander IV. (um 1199-1261)

Während es im 15. Jahrhundert dem Kloster Amelungsborn noch gelungen war, seinen Besitz in den Wüstungen erheblich auszuweiten, kam es im 16. Jahrhundert zu einer schwierigen finanziellen Lage und schließlich beendeten Kriege die lange Blütezeit des Klosters.

So verheerten Reiterei und Fußvolk des Grafen von Hessen im Juli 1542 das Kloster Amelungsborn; es sollten drei weitere Überfälle und Beraubungen erfolgen.[56]

Im 15. Jahrhundert beginnend, bescherte das 16. bis 18. Jahrhundert der Klosteranlage "Krieg, Besetzung, auch Verwüstungen und Plünderungen und einen allmählichen Niedergang"; schließlich befanden sich im beginnenden 19. Jahrhundert "alle Klostergebäude in einem desolaten Zustand".[30]

 

Luftbild der Klosterkirche um 1970 [50]

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Mönchskloster mittlerer Größe in Grenzlage

 

Die massive Klostermauer

Abgrenzung zu der Welt, Schutz vor der Welt

Das Klosteranlage von Amelungsborn liegt zwischen der alten braunschweigischen Heerstraße auf dem Odfeld im Norden und dem südlichen, tief eingeschnittenen Hooptal.

Die nach außen abgrenzende, rund 2 km lange, vollständig erhaltene Umfassungsmauer aus dem Beginn des 14. Jahrhunderts umschließt die annähernd quadratische, etwa 150.000 m² große Fläche der fest gefügten Klosteranlage.[21]

Die Klostermauer wurde aus mehr oder weniger grob zugehauenen, heimischen Buntsandsteinbrocken errichtet.

Unter Abt Bertram („Bartramus“, reg. 1302-1311) erfolgte um 1303 eine erste Erweiterung der Umfassungsmauer mit Anlage neuer Zufahrtswege.

 

Nordseite der Umfassungsmauer mit dem 1308 gebauten Torhaus [43]

Ausschnitt aus dem Kupferstich Closter Amelunxborn von 1654 [44]

 

Die große Außenmauer im heutigen Bauzustand wurde erst unter dem evangelischen Abt Vitus Buchius (reg. 1588-1598) im 16. Jahrhundert vollendet.

Die Klostermauer umschloss eine Fläche von rund 45.000 m² Garten, auf der auch Obst und Hopfen angebaut wurde.[52]

 

Blick auf die Umfassungsmauer des Klosters

September 2022

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Tarberna - außerhalb der Klostermauer

In Ausübung der Gastfreundschaft bestand außerhalb der Ringmauer des Klosters Amelungsborn ein Klosterkrug - eine „Tarberna“.[51]

 

Unter der Herzogskrone Doppelmonogramm von Herzog Carl I. │ datiert 1764

Sandsteintafel an der Frontmitte des alten Klosterkruges

September 2022

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Amelungsborn im „Konzern der weißen Mönche“

Zur Geschichte des Zisterzienserklosters Amelungsborn ist festzuhalten, dass die Abtei Amelungsborn an achter Stelle von 51 europäischen Abteien des Zisterzienser-Ordens 1135 als Filiation Morimond - Kamp gegründet wurde.⦋1⦌ [20][25][36][39][41][42][45][46].

Das Kloster konnte am 20. November 1985 auf den 850. Jahrestag seiner ordensrechtlichen Gründung zurückblicken.⦋6⦌⦋7⦌

Nicht unumstritten im Jahr 1124 "mit gutem Consent" vom Grafen von Northeim gestiftet (Northeimer Stiftungsakt durch den Territorialherrn Graf Siegfried von Homburg) [15], besiedelten sechs Jahre später Mönchen aus dem frühen Kloster Kamp das gräfliche Gut (Filiation), wobei der Abt von Amelungsborn von Pabst Honorius II. (um 1060-1130) infuliert wurde.[26]

Die 1122/1123 von dem Kölner Erzbischof Friedrich I. von Schwarzenberg (Amtszeit 1100-1131) gegründete Abtei Kamp ist das erste Zisterzienserkloster auf dem Boden.[29]

Durch einen vollzählig eingezogenen Konvent wurde auf dem Hochplateau Odfeld bei Stadtoldendorf am 20. November 1135 das Zisterzienserkloster Amelungsborn ordensrechtlich gegründet (Stiftungstag) - mit späterem Streubesitz.[10][12]

Aus der neu entstehenden klösterlichen Pflege von Kunst und Wissenschaft sind nach RAULS [41] hervorzuheben, die

  • Amlungsborner Bibel von 1280/1290

  • Bibliothek von 1414 mit 440 Bänden.

Das älteste Amelungsborner Kopialbuch , ein Codex von 41 Pergamentblättern, die von mehreren Händen des 13. Jahrhunderts geschrieben sind, nimmt einen ehrenvollen Platz im Rahmen der Frühformen monastischer „Instituts-Geschichtsschreibung“ ein.“[17]

 



Geschichte und Äbte des "Closters Amelunxborn" │ 1141-1650 [44]

 

  • Verzeichnis der Äbte des Klosters Amelungsborn mit ihren Amtszeiten bis zur Reformation und seit der Reformation ⦋9⦌[31]

 

Nachdem die Herzöge von Braunschweig-Grubenhagen 1364 „die Hälfte des Schlosses Everstein an die Homburger Edelherrn“ verpfändet hatten, verpfändeten diese „es drei Jahre später an das Kloster Amelungsborn“, welches es dann in der Folge weitergaben.[62]

Im 15. Jahrhundert kam es mit einer Brandkatastrophe vor 1504 zum Niedergang des Klosters und seiner Kirche.[11]

Im Kontext der Reformation wurde unter Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (1528-1589) das Zisterzienserkloster am 10. August 1568 zwar evangelisch, aber es erfolgte keine Aufhebung des protestantischen Klosers.

Die zisterziensische Klosteranlage bestand als evangelisches Kloster bis nach 1810 weiter.

 

Lateinschule 1569-1760 │ Höhere Schule mit Internat

Nach Annahme der Reformation wurde nach württembergischem Vorbild unter Herzog Julius vom Konvent 1569 eine evangelische Klosterschule unter der Leitung des  Abtes Steinhauer eingerichtet, was eine „wesentliche reformatorische Neuerung im Kloster war“.[23][54][56]

Mit Bindung an die von Herzog Julius gegründete, protestantische Universität Helmstedt sollten im Kloster „junge Knaben in guter Lere zum Verstand heiliger Göttlicher Schrifft auferzogen werden, mit welchen nachmals die Kirchen dieses löblichen Fürstenthumbs nach aller notturfft besetzt“.[22]

Die Klosterschule verblieb in Amelungsborn bis 1760.

Zur detaillierten Amlungsborner Schulgeschichte wird auf die 2009 erschienene Veröffentlichung mit Personenregister von KIECKBUSCH "Von der Lateinschule im Kloster Amelungsborn seit 1569 und ihrem Weiterleben in Holzminden ab 1760" verwiesen.

 

Die Grundmühle

Unterhalb des Klosters Amelungsborn bestand die "Grundmühle", die von den Grafen zu Everstein dem Kloster als Walkmühle zur Verfügung gestellt worden war.

Nach ihrem späteren Zerfall wurde sie 1615 als Mehl- und Ölmühle erneut in Betrieb genommen.

 

Zerstörung und Wiederaufbau

Am 08. April 1945 – einem Sonntag – kam es im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) zu einer verheerenden Zerstörung des Klosters Amelungsborn durch einen US-amerikanischen Luftangriff.[5]

Insbesondere wurde durch die Bombeneinwirkung die Südseite des romanischen Langhauses der Klosterkirche zu 95 % zerstört, der gotische Teil zu etwa 15 % .[18]

Auch die Grundmühle wurde dabei zerstört.

 

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

"Am 2. Sonntag nach Trinitatis, dem 27. Juni 1965, wurden dem 1129 gestifteten und 1568 der Reformation zugeführten Zisterzienser-Kloster Amelungsborn aus den seit eineinhalb Jahrhunderten von dem Braunschweigischen Kloster- und Studienfonds, später von der Braunschweigstiftung verwalteten klösterlichen Besitzungen die Klosterkirche und der Klosterbezirk im Rahmen einer festlichen Zusammenkunft zurück übereignet."[16]

 

Am 12. August 1954 begann nach langer Abstimmung und Planung der Wiederaufbau; schließlich war im Sommer 1959 das geamte Bauwerk fertiggestellt.[18]

 

____________________________________________

⦋1⦌ RÖCKENER 1998, S. 2-6, 12-16.

[2] OSTERMANN/SCHRADER 1985, S. 94.

⦋3⦌ GÖHMANN 1991, S. 21.

[4] OSTERMANN/SCHRADER 1985, S. 71.

[5] MARX/OSTERMANN 2021, S. 57-80.

[6] OSTERMANN/SCHRADER 1985; S. VII.

⦋7⦌ GÖHMANN 1982, S. 7, 23-28.

[8] GÖHMANN 1994, S. 36-37.

⦋9⦌ GÖHMANN 1982, S. 61-63.

[10] HEUTGER 1968, S. 12-24.

[11] MARX/OSTERMANN 2021, S. 21.

[12] GÖHMANN 1991, S. 15, 18, 20-23.

[15] Siegfried IV., Graf von Northeim und Bomeneburg; GÖHMANN 1991, S. 20-21.

[16] zit. in MARX/OSTERMANN 2021, S. 110.

[17] OSTERMANN/SCHRADER 1985, S. 71.

[18] OSTERMANN/SCHRADER 1985, S. 81-89.

[20] MARX/OSTERMANN 2021, S. 122-123.

[21] GÖHMANN 1982, S. 70.

[22] EGGELING 1936, S. 301.

[23] GÖHMANN 1982, S. 188-191.

[25] LVR-LANDESMUSEUM BONN 2017, S. 305, 328-329.

[26] LVR-LANDESMUSEUM BONN 2017, S. 305.

[28] DRÖMANN/GÖHMANN 2008, S. 2.

[29] LVR-LANDESMUSEUM BONN 2017, S. 313.

[30] DRÖMANN/GÖHMANN 2008, S. 2-3.

[31] EGGELING 1936, S. 30-309.

[33] HEUTGER 1968, S. 14-15.

[34] HEUTGER 1968, S. 19.

[35] HEUTGER 1968, S. 20-21.

[36] RAULS 1983, S. 29-35.

[37] Amlungsborner Klosterküster Ulrich Marx.

[39] EGGELING 1936, S. 295-309.

[41] KLOSTERKAMMER HANNOVER 2008, S. 154-161.

[42] RAULS 1974, S. 30-33.

[43] OSTERMANN/SCHRADER 1985, S. 133.

[44] MERIAN 1654, S. 42-43; EGGELING 1936, S. 295 (aus St., B. u. K. D. IV, 119).

[45] NHB 2020, S. 79.

[46] HEINEMANN 1977, S. 275-277.

[47] zit. in CASEMIR/OHAINSKI 2007, S. 27.

[49] HEUTGER 1968, S. 44.

[50] Fotografie aus RAULS 1974.

[52] HEUTGER 1968, S. 51.

[53] HEUTGER 1968, S. 65-68.

[54] HEUTGER 1968, S. 76.

[61] EGGELING 1936, S. 295-309.

[62] RAULS 1974, S. 30.