Betrieben Zisterzienser Klosterglashütten im Hellental?
Klaus A.E. Weber
Häufung von Waldglashütten der Zeit um 1100-1250 im Weserbergland
Die Naturräumliche Region "Weser- und Weser-Leinebergland" im Südwesten Niedersachsens (Oberweserraum) kann heute als "ein Kernraum der historischen Glaserzeugung Europas im Mittelalter bei hoher Anzahl im Gelände lokalisierter mittelalterlicher Hüttenplätzen, besonders aus dem 12./13. Jahrhundert, auch aus dem 14./15. Jahrhundert" gekennzeichnet werden.[25]
Dem DBU-Forschungsbericht [24] ist hierzu zu entnehmen:
„Die erste Hauptphase der mittelalterlichen Waldglashütten um 1100-1250/1300 mit der stärksten Konzentration an Glashütten korrespondiert weitgehend mit den Höhepunkten sakraler und gehobener profaner Bautätigkeit in der Romanik ab etwa 1100/1150.
Seinerzeit vergrößerte man die Fensterflächen und den Lichteinfall in dem nunmehr auf breiter Linie ein ganz neues, überaus hohes Qualitätsniveau erreichenden Bau- und Ausstattungswesen ganz erheblich.
Fensterglas wurde in den neu entstehenden bzw. sich stark entwickelnden älteren Märkten und Städten, auf Burgen und selbst für dörfliche Kirchen in bis dahin unbekanntem Umfang auch überregional bis hin nach Skandinavien und Osteuropa nachgefragt.
Diese hoch innovative kulturelle Entwicklung in der Architektur und (Wohn-) Kultur förderte den regionalen Absatz, nicht zuletzt aber auch den Fernhandel.“
Darauf fußender glashistorischer „Indizienprozess“
Vor dem allgemeinen Hintergrund, dass Klostergründungen wie auch eine Vielzahl von Neubauten und Neustiftungen von Klöstern und Pfarrkirchen einen zunehmenden Glasbedarf (Bleiglasfenster) erzeugten, steht im Mittelpunkt eines glashistorischen „Indizienprozesses“ die „Beweisfrage“, ob glastechnisch bewanderte Zisterziensermönche des Klosters Amelungsborn, neben ihrer Rodungstätigkeit, auch die ersten nachgewiesenen Glashütten des 12./13. Jahrhunderts im Hellental betrieben haben?
Man ist versucht zu fragen, wer denn sonst beherrschte in jener Zeit den technisch komplizierten High-Tech-Prozess der Herstellung von Glas?
Den Zisterzienser des Klosters Amelungsborn zuordenbare schriftliche Quellen fehlen indes, die Literatur stützt sich allgemein stark auf Überlieferungen und die kreisarchäologische Glashüttenforschung war fast ausschließlich auf die Hilsregion fokussiert ohne glashistorische Betrachtungen dieser dem Kloster Amelungsborn auf dem Odfeld nahegelegenen nördlichen Sollingregion.
Verwendung von Glas im 12./13. Jahrhundert für Verglasungen von Fensteröffnungen
Obwohl der Ordensgründer und Namensgeber der Zisterzienser, der Benediktiner Abt Robert von Molesme († 1111), die Herstellung und Verwendung von Glas untersagte, „verlangte spätestens die Gotik nach Glasfenstern für die Kirchen und Kathetralen“, denn das Fensterglas „lässt Sonnenlicht eindringen und die Kunst der Schatzkammer erstrahlen“.[21]
Da die Zisterzienser mit ihrer Klosterreform um 1100 zu den strengsten Orden der Kirche zählten, ist hinsichtlich des Betreibens von klostereigenen Glashütten (Klosterglashütten) zu beachten, dass
- die Regeln der Zisterzienser sich auf der Regel des Heiligen Benedikt - die Benediktinerregel - gründen
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das verfasste Klosterregularium eine sehr reduzierte Formensprache festlegte
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nach den Ordensvorgabe für die Chormönche, die Stundengebete in der Klosterkirche einzuhalten waren und die Konversen des Klosters nur in Ausnahmefällen bei Unterbrechung ihrer Arbeit nahe ihrem Arbeitsplatz in einer Betstube einer Grangie beten durften.
Letztlich entwickelte sich, möglicher weise auch nur scheinbar, ein Widerspruch zwischen dem Klosterregularium, dem monastischen Lebensstil und den real anzutreffenden Verhältnissen und der Verwendung von konkreten Baumaterialien, wie Stein, Holz und Glas.
Hierzu führt zur benediktinischen Architektur und Raumprogramm der Benediktsregel WIESE [22] als Architektin und Äbtissin aus:
„Wenn wir in der Regel des Heiligen Benedikt nach Hinweisen suchen, wie ein Kloster aussehen soll, wie oder in welchem Stil es zu bauen ist, dann finden wir keine direkte Antwort. ...
Bei … räumlichen Bezügen spricht Benedikt von dem, was gebraucht wird, nicht wie es sein soll.
Benedikt ist Pragmatiker, mit Schönheit und Ästhetik um ihrer selbst willen scheint er nichts am Hut zu haben.
Monastisches Leben ist kein ästhetisches Leben, nicht idealistisch sondern realistisch.“
Wie WIESE [23] resümiert, habe Benedikt keine direkten Ausführungen zum Maß der Gebäude, der Räume oder zur Ausstattung des Klosters getätigt, weshalb in der Regel „die benediktinischen Klöster dem Baustil der jeweiligen Zeit entsprechend gebaut, ob gotisch, romanisch, barock oder „modern“ in unserem Sinne und in den jeweiligen ortstypischen Baumaterialien“ wurden.
Neben dem (Erz-)Bergbau, der Erzverhüttung und Metallverarbeitung betrieben die Zisterzienser in der Folgezeit schließlich auch Glashütten, vorausgesetzt, die erforderlichen Ressourcen waren verfügbar.
Zur Zeitstellung bemerkenswert sind die Ausführungen des RDK Labors, einer Online-Plattform zur kunsthistorischen Objektforschung in Verbindung mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, wonach nicht zuletzt für das 12./13. Jahrhundert im europaweiten Vergleich in Deutschland der mit Abstand umfangreichste Bestand an mittelalterlicher Glasmalerei in und aus Kirchen des Zisterzienserordens erhalten sei.
Des Weiteren führt die Online-Plattform RDK Labor zu Verglasungen von Fensteröffnungen aus:
„Zur Zeit der Gründung der ersten Zisterzienserklöster in Frankreich waren künstlerisch gestaltete Verglasungen von Fensteröffnungen keine Seltenheit mehr.
Es ist folglich fest davon auszugehen, dass schon die frühen, ab ca. 1120 errichteten monumentalen Kirchenbauten dieser Primarabteien derartige Verglasungen besaßen, obwohl die schriftliche Überlieferung hierzu nicht vor 1140/1150 einsetzt (…) und die ältesten erhaltenen Fenster, Scheiben oder Fragmente nicht vor die Mitte des 12. Jh. zu datieren sind (…).
Der für das 12. Jh. lückenhafte, im Wesentlichen auf Frankreich und Deutschland beschränkte Bestand wird ab dem 13. Jh. dichter und erstreckt sich dann auch mit wenigen Ausnahmen auf annähernd alle Länder, in denen der Orden sich angesiedelt hatte.“
Kultur- und Technologietransfer der Zisterzienser
Die Zisterzienser wurden „zu Trägern des Technologietransfers für die unterschiedlichsten Techniken, die sie durch die weite Verbreitung ihrer Klöster relativ rasch übertrugen“.[17]
Wie wir heute wissen, vollzog sich die Herstellung von Waldglas in mobilen Glashütten in den Kulturlandschaften hiesiger mittelalterlicher Klöster - durch den mittelalterlichen Kulturtransfer der Klöster.
„Dass die frühen Handwerker vor allem auch in den Klöstern selbst zu suchen sind und der ein oder andere Mönch, aber auch Wanderhandwerker über solche handwerklichen Fähigkeiten verfügt hat, ist bekannt.
Klöster strebten danach, ihre Klöster kunstvoll auszuschmücken und Bischöfe und Äbte bemühen sich um … Glasmacher und –maler.
Glashütten in der Umgebung der Klöster lieferten dabei Rohstoffe.“[17]
Vornehmlich unter der Verwaltung von Klöstern breitete sich die Glasherstellung in den Jahren 800-1200 n. Chr. aus, wobei die „Klosterglashütten" vorwiegend einfache Trinkgläser, Fensterglas und Reliquiengläser anfertigten.[1][13]
Nach Untersuchungen von STEPHAN [2] stellten im Weser-Leinebergland seit der Karolingerzeit dem Holz nachwandernde Glashütten gefärbtes Waldglas her.
Denn, wie die entdeckte Waldglashütte auf Königsgut am Solling zeigt, bereits im 9. Jahrhundert wurde mit der anspruchsvollen Glasverarbeitung begonnen, die wahrscheinlich im Kontext mit der Aufbauphase (822–885) in der nahegelegenen Benediktiner Reichsabtei Corvey an der Weser zu interpretieren ist.[3]
Dabei konnten am Kreickgrund zwischen Bodenfelde und Polier drei Öfen einer karolingischen Glashütte des 9. Jahrhunderts an einem kleinen Bachlauf archäologisch freigelegt werden, die in Verbindung mit dem ehemaligen Reichskloster in dessen karolingischer Hauptbauzeit gesehen werden kann.[4][14]
Glashütten im „Eversteinischen Forst“?
Folgt man STEPHAN ⦋6⦌, so wurden die auf der Westseite des Hellentals angelegten Waldglashütten wahrscheinlich vorwiegend um 1170–1300 betrieben.
Des Weiteren führte STEPHAN [9] auch aus, dass der als „Eversteinischer Forst“ bezeichnete „Solling vom Stein bei Corvey (Steinkrug) über Neuhaus bis hin zu Merxhausen mit mehreren … wüst gefallenen Dörfern am Nordrand … als altes eversteinisches Erbe … als Zubehör der Burg Everstein angesehen“ werden kann.
Somit ging möglicherweise die Initiative zur Anlage jener mittelalterlichen Waldglashütten primär von den im 12.-13. Jahrhundert in Sichtweite residierenden Eversteiner Grafen aus.
Unter dem Aspekt zeittypischer Errichtung klösterlicher Glashütten ist eine mögliche Verknüpfung mit dem Kloster Amelungsborn zu diskutieren, zumal das Zisterzienserkloster auf dem Fußweg heute 16,8 km vom Hellental entfernt liegt.
Ohnehin zeichneten sich im Mittelalter die eigenbetrieblichen Klöster der Zisterziensermönche wirtschaftlich als frühkapitalistische Unternehmen mit einer bemerkenswerten Diversifikation aus.
Neben landwirtschaftlichen Gütern und Nutzungen verfügte das Zisterzienserkloster über einen ausgedehnten Waldbesitz in nächster Nähe (einst Eversteinsches Gut), denn im Jahr 1204 hatte das Kloster einen Teil des Sollings erworben.[5]
Auch soll das Kloster Besitz in Heinade gehabt haben.
Bereits 1977 war BLOSS [10] der Frage nachgegangen, ob Klöster, so wie das von Amelungsborn, „als Keimzellen“ seinerzeit erfasster weltlicher Glashütten anzusehen seien.
Es fehlten ihm jedoch Publikationen, die „Hinweise auf klösterliche Beziehungen zu frühen südniedersächsischen Glashütten“ ergaben.
Ergänzend schrieb BLOSS [11], es sei „nicht auszuschließen, daß da und dort eine Glashütte auf klösterliche Anregung oder klösterliche Rechnung betrieben wurde.
Die älteste Glashütte im Hils und das 1129 gegründete Kloster Amelungsborn kommen sich zeitlich und örtlich recht nahe.“
BLOSS merkt an, dass 1556 in einer Grenzbeschreibung des Klosters Amelungsborn die Forstgrenze des Klosters wie folgt führte: „der Schnedezug … „uber die Egge des Berges [Voglerkamm] nach der Köppen bis an den Glesner Stich in der Lutken Holle und ist dar ein Weg der kompt von den neuwen erbauten Dorf Holenberck“.[8]
Kultur- und technikhistorische Fernkontakte zum Mutterland Frankreich
Nicht zuletzt darf im Rahmen angewandter kirchlicher Kunst eine Verbindung zu dem französischen Kulturraum angenommen werden.
In größeren regionalen und überregionalen kultur- und technikhistorischen Zusammenhängen betrachtet, nahm nach STEPHAN/MYSZKA/WILKE [15] in Europa, einhergehend mit der Goldschmiedekunst und dem damit verbundenen Buntmetallhandwerk, „die französische Farbglaskunst, mit ihren Ausstrahlungen alsbald Lothringen, das heutige Belgien und die Rheinlande erreichend, in den Jahrzehnten ab 1080/1100 und noch lange Zeit später in der Romanik und Gotik eine führende Rolle ein“.
In diesem kultur- und technikhistorischen Kontext betrachtet, kann dem aus letztlich aus französischen Wurzeln entstammenden Zisterzienserkloster Amelungsborn eine hervorgehobene Bedeutung bei der Herstellung von Holzasche-Glas im Sollinggebiet zugeordnet werden, insbesondere bei farbigen sakralen Bleiglasfenstern.
So gilt nach MARX [16] die Herstellung hochwertiger Glasprodukte auch als ein Wirtschaftsfaktor des Zisterzienserklosters Amelungsborn.
Glashütten der Zisterzienser im Erzgebirge
In seiner Dissertation beschreibt KIRSCHE [19] für den noch Ende des 12. Jahrhundert mit breitem Waldgürtel bedeckten nördlichen Rand des Erzgebirges Zisterzienserklöster im Kontext mittelalterlicher Glashütten, wobei er
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die frühesten Glashütten des Erzgebirges in die Zeit der beginnenden Besiedlung um 1200 datiert
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teils auch bei Landnahmen als Gebietsmarkierungen des jeweiligen Herrschaftsbereiches eingesetzt
- als wichtige Ausgangsbasen.
Es sind die Zisterzienserabteien:
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Kloster Altzella (ab 1162) - Langenhennersdorf (?)
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Kloster Grünhain (um 1235) – Waschleithe/Raschau/Scheibenberg
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Kloster Ossegg (1196)
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Klosterhof Einsiedel - Glashütte Frauenbach I (Anfang 13. Jahrhundert)
- Klosterhof Einsiedel - Glashütte Frauenbach II (Anfang 13. Jahrhundert)
Glashütten der Zisterzienser in Mecklenburg
Die früheste Erwähnung eines Glases in Mecklenburg ist für das Jahr 1262 bezeugt.[12]
Bereits 1171 sollen Zisterziensermönche aus dem Kloster Amelungsborn in dem südöstlich gelegenen Althof das erste Kloster in Mecklenburg – das späte reiche und mächtige Kloster Doberan (Dobrilugk, Doberlug) - gegründet und Güter besessen haben, die eine besondere Stellung einnahmen.
Anderen Quellen zufolge, lag in Mecklenburg die älteste klösterliche Glashütte bei Doberan, die bereits im 13. Jahrhundert erwähnt wurde; der erste urkundliche Hinweis datiert von 1268.[7][12][17]
Nach KIRSCHE [20] sei die erste Glashütte für das Jahr 1234 nachweisbar.
Nach WENDT [12] wird im Jahr 1268 „in einer Beglaubigung der Liegenschaften des Klosters Doberan bei Rostock vom 17. Februar 1268 das heutige Dorf Hütten ausdrücklich mit der Bezeichnung ‚Glashütten‘ genannt.“
Nur wenig später werden im Jahr 1273 „durch den Bischof von Schwerin dieser wieder als ‚Glashütte‘ bezeichneten Ortschaft die dem Kloster Doberan zustehenden Zehntabgaben bestätigt; in der gleichen Urkunde erfolgte dasselbe für den unweit davon gelegenen Ort ‚Glashagen‘“.[12]
Hierfür lieferte der vom Zisterzienserkloster urbar zu machende Wald ausreichende Holzmengen als Brennmaterial.
Wie WENDT [12] darlegt, findet 1280 in einer Urkunde der Glasermeister Johann zu Rostock Erwähnung wie auch, dass 1275 „ein Mönch wegen zu kleiner Trinkgläser“ eine Geldstrafe zahlen musste (Rostocker Geldbußen-Register).
Somit ist die erste Anlage mecklenburgischer Glashütten der Kultivierung von Rodungsland durch Zisterziensermönche zu verdanken, in dem „eingewanderte Mönche ihr Wissen von der Glaserzeugung mitbrachten“.
Demnach darf davon ausgegangen werden, dass das Wissen über die klösterliche Glasherstellung und -verarbeitung bei den mittelalterlichen Zisterziensermönchen hinreichend ausgereift war.
"Eine Glaswerkstatt mit Blei und Gießeisen an einem Kloster ist in Ostdeutschland am Zisterzienserkloster Doberan für 1552 historisch erwähnt, archäologisch untersucht werden konnte sie bisher nicht, da sie sich nicht im Klostergelände lokalisieren lässt."[18]
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[1] TSCHIRR 2009, S. 23.
[2] STEPHAN 2015.
[3] STEPHAN 2020, S. 125.
[4] STEPHAN 2015a; STEPHAN 2017.
[5] STEINACKER 1907, S. XII-XIII.
⦋6⦌ STEPHAN 2020, S. 135.
[7] BLÜBAUM/FISCHER 2011, S. 29
[8] HEUTGER 1968, S. 85.
[9] nach LETZNER: "Kürtze Beschreibüng des Fürstlichen Stiffts Und Closters Amelüngsborn" in GÖHMANN 1991, S. 17.
[10] BLOSS 1977, S. 7.
[11] BLOSS 1977, S. 82 e, 124.
[12] WENDT 1977, S. 6.
[13] STEPHAN 2010, S. 139.
[14] DBU 2018.
[15] STEPHAN/MYSZKA/WILKE 2018, S. 327.
[16] Klosterküster Ulrich Marx: Kleine Baugeschichte des Klosters Amelungsborn.
[17] WITTKOPP 2022, S. 103.
[18] MUCHA 2022, S. 103.
[19] KIRSCHE 2005, S. 33-47.
[20] KIRSCHE 2005, S. 46.
[21] KIRSCHE 2005, S. 32-33.
[22] WIESE 2015, S. 51-52.
[23] WIESE 2015, S. 60.
[24] DBU 2018, S. 26.
[25] STEPHAN 2017, S. 8-16.