Die Helle - Grenzbach im Solling

Klaus A.E. Weber

 

Hermann Löns beschrieb 1914 in seinem Niedersächsischen Skizzenbuch „Das Hellental“ und darin den Bachverlauf der Helle:

"Weit zieht es sich dahin zwischen heiteren Buchenwäldern und ernsten Tannenforsten. Aus seinen tiefen Torfmoorpolstern, über denen die weißen Wollgrasflocken nicken, rinnen viele Wässerchen heraus.

Ein Teil davon findet sich unter dem Mittelberge zu einem lustigen Bächlein zusammen, das strudelnd und sprudelnd, als habe es Großes im Sinne, durch die blumigen Wiesen rieselt, aber schon nach ganz kurzem Laufe auf einmal in der Erde verschwindet und erst eine Stunde später bei Merxhausen wieder zutage tritt.

Ein Viertelstündchen unterhalb der Stelle, an der das namenlose Wässerlein versinkt, kommt ein quicker Quell mit lautem Gepolter aus dem grünen Grunde, wird zu einem frischen Bache, verschwindet aber auch bald in der Tiefe und wird erst weiterhin wieder sichtbar.

Das Tal, in dem diese beiden launenhaften Bäche, der sauere und der süße, teils über, teils unter der Erde entlangrinnen, hat von alters her den Namen Hellental."

 

Nach § 2 Abs. 1 der Naturschutzgebiets-Verordnung von 1990 ist die Längsachse des Naturschutzgebietes der naturnahe Wiesenbach „Helle“, der von kleinen Feuchtwiesen und einigen Ufergehölzen begleitet wird.

Die Helle besitzt schnell fließendes, klares, nährstoffarmes Wasser.

Die im Gebiet vorzufindenden Bachschwinden stellen als typische Karstformen eine geologische Besonderheit dar.

Das Hellental liegt in einer Sollingregion mit hoher Grundwasser-Neubildungsrate.

Das hierdurch gespeiste, naturraumtypische Fließgewässer des von hohen Laub- und Mischwaldhängen natürlich begrenzten, muldenförmigen Hellentals ist die im Talgrund verlaufende Helle.

Sie bildet als landschaftsprägendes Fließgewässer ein natürliches offenes Ökosystem und ist zugleich auch die Längsachse des Naturschutzgebietes Hellental.

Hydrogeologisch gesehen, ist die vorherrschende Abflussrichtung der Hauptentwässerer (Flüsse) des Weserberglandes nach Norden bis Nordwesten ausgerichtet.

Dieser Richtungsvorgabe folgt der Wiesenbach nur bedingt, sie entwässert nach Nordosten.

Die Helle entspringt im Südwesten als Gewässer III. Ordnung dem eine Wasserscheide bildenden Sattelhochmoor „Mecklenbruch“ zunächst als Moorbach und entwässert schließlich als schnell fließender, kalter Gebirgsbach nach Nordosten hin zur Leine, wobei die Wasserführung jahreszeitlich stärkeren Schwankungen unterliegt.

Auf einer Strecke von etwa 7,5 km durchfließt die Helle ein tief in den großflächig waldbedeckten Solling eingeschnittenes, lang gestrecktes Wiesental (Naturschutzgebiet), wobei sie in ihrem naturnahen Oberlauf, im Mecklenbruch und oberen Hellentaler Grund, teilweise von schmalen Auwaldgürteln (Erlen, Weiden) und Feuchtwiesenfragmenten umsäumt wird.

 

Hydrogeologische Untersuchung im oberen Hellental

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Eine umfassende "Hydrogeologische Untersuchung des Hellentals und seiner Grabenstruktur" erfolgte im Jahr 2018 durch RÖSEMEIER [3].

 

Drei Teilabschnitte des Wiesenbaches

Sowohl nach ihrem Verlauf als Fließgewässer im Talgrund als auch anhand der 1991 kartierten Moosflora lässt sich die Helle in drei Teilabschnitte untergliedern:

  • kontinuierlich wasserführender Oberlauf

  • nicht kontinuierlich wasserführender Mittelbereich

  • kontinuierlich wasserführender Unterlauf

Die Helle ist - zumindest im Oberlauf - als weitgehend wenig beeinträchtigter Mittelgebirgsbach zu charakterisieren, mit mittlerem Gefälle, überwiegend grobem Sohlensubstrat, gestrecktem bis in flacheren Strecken schlängelndem Bachverlauf und niedrigem, aber strukturreichem Bachufer.

Dem entsprechend ist ihre naturraumtypische Gewässermorphologie gekennzeichnet durch meist schwache Mäander und bachtypisch niedrige Ufer mit naturnaher Vegetation.

Wasserpflanzen fehlen oft natürlicherweise bei teilweise stärkerer Geschiebeführung.

Lokale Fischpopulationen fehlen gänzlich in der Helle, wobei es fraglich erscheint, ob ursprünglich je Fische den Bachlauf besiedelt haben.

Aufgrund der anzutreffenden Kombination von Morphologie und Vegetation (Fauna) kann die Helle - zumindest in ihrem Oberlauf bis zum südwestlichen Dorfeingang - als überwiegend naturnah ausgebildeter Bach gelten:

  • weitgehend unverbauter Bachlaufes

  • Strukturelemente mit naturnaher, den naturräumlichen Gegebenheiten des Hellentals entsprechender bzw. sehr ähnlicher Morphologie

  • reichhaltig ausgebildete Uferstruktur

  • weitgehend naturnahe, gewässerbegleitende Vegetation (z.B. Auwaldfragmente)

  • Art der angrenzenden Flächennutzung - als Grünland - mit geringem bis mittlerem Beeinträchtigungsrisiko (Schad-/Nährstoffeintrag)

Durch den häufig anzutreffenden Tritt der Milchkühe und Rinder auf den von der Helle durchflossenen Weidenflächen wurde und wird allerdings das natürliche Bachufer und seine Vegetation empfindlich gestört und erheblich verändert.

Unmittelbar am Bachlauf wurden noch bis zu Beginn der 1990er Jahre vielfach Auffüllungen vorgenommen, die das Relief der Helle bis heute nachhaltig veränderten.

Vor allem in ihrem Unterlauf wurde das ursprüngliche Bachbett der Helle anthropogen auf Dauer deutlich verändert und verlegt.

Die Helle wurde gefasst, begradigt, dem Straßenentwässerungsgraben zugeführt, mit reduzierter Wasserführung.

Die letzten 2 km vor der Mündung können daher nur als bedingt naturfern bis naturfern eingestuft werden, bei weitgehend begradigter Linienführung, seltenen bis keinen Strukturelementen mit natürlicher Morphologie (Verkehrswegequerung, Überbauung, Umlenkung).

Die Wassergüte für den Lebensraum des Fließgewässers Helle (naturraumtypische Wasserqualität) wurde 1983 überwiegend der Gewässergüteklasse I (vereinzelt I-II) zugeordnet.

 

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

In einem Bächlein Helle ...

Die auf einer Strecke von etwa 7,5 km das schmale, langgestreckte und beidseits landwirtschaftlich genutzte Hellental durchfließende Helle ist ein überwiegend naturnaher, wechselnd verlaufender kalter Mittelgebirgsbach mit schnellfließendem, klarem, aber nährstoffarmem Wasser.

Die Helle bildet die von Südwesten nach Nordosten verlaufende Längsachse des Hellentales und des schmalen Naturschutzgebietes.

In der Literatur wird der Mittelgebirgsbach auch als

  • „Spölie“

  • „Hellentaler Bach“

  • „Hellegraben“

bezeichnet.

Kritisch zu bewerten ist zudem die Aussage in einer jüngeren topografischen Karte des Weserberglandes „Zwischen Weser und Harz“, worin die Helle gar als „Spüligbach“ ausgewiesen wurde, der im Hellental unmittelbar nach Mackensen fließe und etwa südlich von Dassel in die Ilme einmünde.

Nach LILGE [2] fließt etwa zwei Kiliometer unterhalb von Hellental die Helle in den Spüligbach, der unterhalb von Merxhausen nahe des "Grenzkruges" die Grenze in Richtung Macksensen überschreitet, welche "bis 1802 den braunschweigischen Weserdistrikt von der bischöflich-hildesheimischen Exklave Dassel-Hunnesrück trennte".

In diesem Zusammenhang gilt es auch den "Pfingstbach" im Zusammenhang mit dem Verlauf der Helle hydrogeologisch zu betrachten.

 

Die Helle als Klarwasserbach

Die Helle ist ein Klarwasserbach mit Geröll und Blöcken aus Silikatgestein.

Gegenüber anderen Bächen des Solling-Bundsandsteingebietes, die durch basenarmen Untergrund eine geringe Pufferkapazität aufweisen und durch anthropogene Einflüsse zunehmend versauern, kommt der Helle eine besondere Bedeutung zu, da in ihrem Bachverlauf abschnittsweise Kalkstein mit großem Abpufferungsvermögen vorkommt.

Die Wassertemperaturen der Helle entsprechen denen eines typischen Mittelgebirgsbaches, in Abhängigkeit von der stellenweisen Beschattung.

Geht man „So lang dem Wasser Helle ...“, so stellt man sich im Hellentaler Grund bald die Frage nach dem Quellgebiet des schnellfließenden Baches, denn die eigentliche Quelle der Helle ist im Naturschutzgebiet (NSG) „Hellental“ nicht ohne weiteres sofort auszumachen.

Sie scheint „irgendwie“ und „irgendwo“ aus ausgedehnten Quellbereichen innerhalb von Niedermoor- und Auwaldgebieten des oberen Talabschnittes in Höhen von etwa 420-460 m üNN im ansteigenden südwestlichen Talrand des Hellentaler Grundes zu entspringen (Quellfluren), mit beträchtlichem Zufluss von einigen Quellen zu beiden Hangseiten des hier steil ansteigenden Tals.

Es ist das Gebiet um den Dasseler Mittel-Berg (515 m üNN) sowie zwischen den Talhängen des Großen Ahrensberg (525 m üNN) und der Großen Blöße (528 m üNN), den beiden höchsten Erhebungen im Solling.

Auf dem breiteren Talgrund hat sich im Quartär holozäner Niedermoortorf (überwiegend Bruchwaldtorf) gebildet.

Das „Wasser Helle“ entsteht letztlich durch den Zusammenfluss von zwei Quellbächen im oberen, südlichen Bachtal des heutigen Naturschutzgebietes:

  • Moorbach │ nach Löns: „der sauere Bach“
  • Silikatbach │ nach Löns: „der süße Bach“.

Hier kommen auf vernässtem Talgrund auch kleinere Erlenwäldchen, die überwiegend in den letzten fünf Jahrzehnten entstanden sein und vom ehemals Brachfallen des Areals profitiert haben sollen.

Unmittelbar an der Helle säumen Erlen galerieartig ihren weiteren Verlauf.

Ein oberes, südöstliches Quellgebiet trägt noch heute den Flurnamen „Höllentaler Loch“, ein kleinerer Talabschnitt, den gegenüber dem unteren Hellentaler Grund durch ein kühleres und feuchteres Geländeklima kennzeichnet.

Es ist zudem jenes Gebiet, in dem sich noch heute die für die Hellentaler Trinkwasserversorgung errichtete Wassergewinnunganlage „Henkenborn“ befindet.

Teilweise wurden kleinere Erlenwäldchen entwässert mit der Folge des Aufkommens entsprechend gestörter Bodenvegetation.

Ein Lageplan des Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung von 1963 weist für dieses Gebiet des oberen Hellentaler Grundes insgesamt 6 Quellen aus, wobei zwei wesentliche Zuflüsse in dieser Talregion die abfließenden Bäche aus den beiden pleistozänen Tälern des stark schüttenden Henkenborn und Hasenlöffelborn sind.

1963 wurde erwähnt, dass vom Petersilienplacken, einem längeren Höhenzug am südlichen Westhang, drei ganzjährlich schüttende Quellen von Norden entspringen, die durch Versumpfung und Versickerung nicht recht sichtbar seien.

 

Quellursprungsgebiet der Helle im Hochmoor

Das eigentliche Quellursprungsgebiet der Helle liegt mit etwa 460 m üNN im nordöstlichen Teil des Hochmoorreliktes und NSG Mecklenbruch.

Das hier klare, meist aber durch Huminstoffe dunkelbraun gefärbte, kalte Wasser des Moorbaches unterstreicht zudem auch optisch den seinen natürlichen Ursprung aus der Hochmoorfläche des "Mecklenbruchs" im etwa mittleren Verlauf des Scheitelbruches „Derentaler-Merxhausener-Graben“.

Fichtenforsten stocken in diesem oberen, südwestlichen Talabschnitt auf feuchten bis nassen, teils von Quellfluren durchzogenen, basenarmen Buntsandsteinverwitterungsböden.

Folgte man weiter aufwärts, so erreicht man schließlich ganz das einzigartige Biotop, das bereits 1939 unter Naturschutz gestellte „Mecklenbruch“ nahe des Sollingdorfes Silberborn, im Talsattel zwischen dem Dasseler Mittelberg und dem Langenberg.

Das in Randbereichen entwässerte Sattel-Hochmoor und mit uhrglasförmiger Aufwölbung auf staunassen Windbruchflächen ausgebildete „Mecklenbruch“ ist vor etwa 5.000-4.500 Jahren nach der letzten Eiszeit entstanden und heute mit seinem Kerngebiet von 63 ha das größte Hochmoor des Sollings.

In den Auwäldern und Erlenbruchwäldern rings um die Helle befinden sich teilweise quer zum Bachbett verlaufende kleine, mehrlagige Buntsandsteinsetzungen ehemaliger Eingrenzungswälle von Viehweiden, Sandsteinlesehaufen und Lesesteinmauern.

Es sind inzwischen wichtige und daher erhaltungswürdige kulturhistorische Zeugnisse alter Landnutzungsformen im oberen Hellental.

In etwa 400 Metern üNN Höhe erkennt man auf dem Fahrweg durch ein kleines Fichtenwäldchen, wie auch gelegentlich in der Auenlandschaft des oberen Hellentals freigespültes, fahlgraues sandig-lehmiges Unterbodenmaterial, über dem wasserdurchlässiger Oberboden liegt.

Es handelt sich um dichten, wasserstauenden schweren Unterboden aus Ton- und Schluffstein (feuchter schluffig-toniger Pseudogley), die wasserundurchlässige Schicht des „Mecklenbruchs“ (Malm, Molkenboden).

Auf diesen unterschiedlich stark stauenden schluffig-tonigen Pseudogley-Bodenschichten des oberen Hellentaler Grundes sammelt sich das Oberflächenwasser, um dann in einer Vielzahl kleinerer Quellen sprudelnd zutage zu treten.

Im Bereich des „Hülsebruchs“ vereinigt sich der ehemalige Moorbach mit den zuvor beschriebenen größeren wie kleineren oberen Quellzuflüssen zu einem klaren, kühlen Mittelgebirgsbach.

 

Stark vernässende Quellzuflüsse im oberen Hellental

Dezember 2019

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Im Hellentaler Grund, der etwa an der Holzbrücke über die Helle in Höhe des Petersilienplackens beginnt, durchfließt die Helle in ihrem Oberlauf zunächst quellige Waldsimsensümpfe, dann auch einen ausgeprägten, quelligen Milzkraut-Schaumkraut-Erlen-Quellwald (Alnus glutinosa, Chrysosplenium alternifolium, Cardamine amara) mit Vorkommen der Wald-Hainsimse (Luzula sylvatica).

Es ist, geologisch gesehen, das holozäne Gebiet des Niedermoortorfes über Abschlämmmassen, gesäumt beidseits von Abschlämmmassen-Feinsand-Arealen (steinig-kiesführend) und im Hülsebruch von Fließerde.

In dem Talabschnitt, wo die Helle nach Nordosten den Hellentaler Grund verlässt, befinden sich Neuanpflanzungen von Erlen.

Bachbett und Bachrand sind abschnittsweise gut erkennbar mit groben Steinblöcken und Geröllen ausgekleidet bzw. gestaltet.

Bekannt und nachvollziehbar ist, dass von Wiesenbesitzern einerseits Gestein sowohl aus der Helle als auch von deren Bachrand entfernt als auch Materialaufschüttungen vorgenommen wurden.

Auch nach eigenen mehrjährigen Beobachtungen schwankt sowohl die Wasserführung als auch die Fließgeschwindigkeit der Helle das Jahr über beträchtlich.

Wenn im Hochsommer große Trockenheit und höchste Verdunstung vorherrscht und durch die Vegetationsdecke der Wasserverbrauch recht hoch ist, trocknet die sonst muntere Helle oft über Wochen bis hin Monate fast völlig aus.

Unsichtbar wird dann Wasser nur unterirdisch zu Tal transportiert.

Zum einen besteht wegen des geologischen Untergrundaufbaus die Tendenz, regelmäßig im Sommer gebietsweise über längere Zeit trocken zu fallen.

In den letzten 10-15 Jahren soll das sommerliche Trockenfallen der Helle verstärkt aufgetreten sein.

In Abhängigkeit niederschlagsreicher Jahresperioden (Schneeschmelze, Starkregenfälle) kommt es zum anderen bei potentiell hohem (Oberlauf) bis geringem (Unterlauf) Retentionsvermögen, zu Ausuferungen, Frühjahrshochwässern und örtlich ausgedehnten Überschwemmungen, insbesondere in der breiten Talniederung des Unterlaufes zu Merxhausen hin.

Der ursprüngliche Verlauf des Helle-Bachbettes in der unteren Hellentaler Talsohle lässt sich dann ziemlich gut ausmachen, gerade so, als erinnere uns die Helle gelegentlich hierbei, dass sie jederzeit ihr altes Bachbett wieder erkennt und es für sich dann auch zu nutzen versteht.

Es sollte uns stets daran erinnern, dass auch ein Bach nie seinen ursprünglichen, natürlichen Verlauf „vergisst“ und bedarfsweise auch auf ihn mit natürlicher Stärke zurückgreift.

Im südwestlichen Talgrund fließt die Helle als Mittelgebirgsbach in geschwungenem Verlauf mit mehr oder minder starker Mäandrierung, gabelt sich mehrfach, wobei sie regelmäßig im Spätherbst und Frühjahr größere Überschwemmungsareale bildet.

Plötzlich verschwindet die bis dahin plätschernde Helle lautlos in einem ausgedehnten, von Viehtritt gestörtem Sumpfgebiet durch ein Schwundloch (Bachschwinde), um dann einige Hundert Meter talabwärts wieder plätschernd hörbar ans Tageslicht zu treten.

 

"Verschwinden" der Helle im oberen Hellental

Mai 2008

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Als solche periodisch überflutete Bereiche bestehen vereinzelt mehr oder minder ausgeprägte, beckenartige Erweiterungen des von der Helle durchflossenen Talgrundes, an einer Stelle mit Fragmenten eines Erlenbruchwaldes bestanden.

Diese Überflutungszonen sind teilweise sehr stark durch Viehtritt gestört und sollten künftig der natürlichen Sukzesssion überlassen werden, um langfristig der Entwicklung standorttypischer Erlenauwälder oder Buchenbestände eine Chance zu geben.

Die Helle durchfließt in leichten Mäandern mit niedrigem, strukturreichem Bachufer weitgehend frei von bachbegleitenden Gehölzsäumen rasch das umgebende Nass- und Feuchtgrünland mit kleineren und größeren, teilweise quelligen Feuchtwiesen.

Sie wird hierbei vielerorts von prachtvoll gelbblühenden Sumpfdotterblumen umsäumt.

Beidseits entlang des -Bachbettes der Helle treten mehr oder minder schmale Streifen mit Auelehm-Schluf auf (tonig über Auesand).

Zudem weist der Quellbach Sandsteinblöcke auf, die u.a. von grünen Bach-Quellkrautpolstern gesäumt werden.

Im Bereich einer Furt durch das Bachbett der Helle wurde vor Jahrzehnten eine Buntsandsteinplatte gefunden, die mehrere deutlich ausgeprägte „Rippelmarken“ aufweist, wahrscheinlich ein Hinweis auf die Sedimentation in einer Uferzone.

Das Naturschutzgebiet Hellental weist beidseits eine Reihe von größeren und kleineren Quellfluren auf, wovon einige besonders störungsempfindliche und daher schutzbedürftige Biotope sind.

Besonders landschaftsprägend sind die vielen, über stauenden Tonschichten zutage tretenden Schichtquellen.

Gelegentlich, insbesondere aber dann, wenn ausreichend Niederschlag gefallen ist, plätschern im Hellental aus zahlreich schüttenden Verwerfungsquellen mehrere Rinnsale bis hin kleine Bäche die Steilhänge herunter, wobei einige wenige unter ihnen ganzjährig oder überwiegend nur temporär zur Helle entwässern.

Zwar versickern sie meist oberflächig, führen vielfach aber auch zu weiträumigen Vernässungen.

Dies führt gebietsweise zu ausgedehnten quelligen Feuchtwiesen bzw. im unteren Talbereich zu wertvollen Hangquellmooren und Niedermoorflächen mit Kleingewässern.

Früher nannte man daher das Hellental auch charakterisierend das „Tal der 200 Quellen“.

Das angestiegene Grundwasser fließt im Unterboden entlang wasserundurchlässiger Tonschichten, um an vielen Stellen als Quelle sichtbar zu werden.

Die Bäche entspringen dann an beiden Talhängen in den Wiesen und fließen in Senken meist hinunter zum Talgrund in die Helle, manchmal verschwinden sie aber auch teilweise oder vollständig wieder im Berghang (Bachschwinde), vielfach vernässte Böden (Quellengleye) hinterlassend.

Während ihres Verlaufes in landwirtschaftlich abgezäunten Weidegebieten werden natürliche Ufer-, Sohle- und Biotopverhältnisse der Helle häufig durch massiven Viehtritt naturfern verändert (u.a. Bodenverdichtung), da sie als Viehtränke für Milchkühe und Rinder fungiert.

Im Wesentlichen auf die Siedlungsbereiche Hellental und Merxhausen begrenzt, befindet sich die Helle in einem naturfernen, degradierten Zustand, u.a. durch Verkehrswegequerung, Überbauung und Umlenkung.

An drei Stellen ist die Helle im Bereich von Überfahrten seit Jahren verrohrt.

Die Rohrdurchlässe der Helle beeinträchtigen deutlich die natürliche Fließgewässerfauna (wandernde Tierarten) des Mittelgebirgsbaches.

Gewerbliche oder andere Entnahmen von Oberflächenwasser erfolgen im gesamten Bachverlauf der Helle nicht.

Lediglich zur Wiesenbewässerung ("Fleuen") wurde in früheren Jahrzehnten Wasser aus der Helle und ihrer Zuflüsse durch Stauwehre abgeleitet.

 

Relikte eines alten Stauwehrs aus Sandsteinblöcken

im oberen Hellental zur Wiesenbewässerung

2006/2008

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Etwa in der Mitte des Naturschutzgebietes weist die Helle ein einen längeren Bereich mit nahezu ganzjähriger oder auch nur kurzzeitiger Wasserführung (Trockenperioden im Sommer) auf, zudem eine kartierte Bachschwinde.

Wie hierzu Aktenvermerke des Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung aus dem Jahr 1963 ausweisen, wurde im Sommer 1957 und November 1963 jeweils ein Färbeversuch zur Klärung hydrologisch-hydraulischer Verhältnisse zwischen dem „Hellentaler Bach“ und seinem Wassereinzugsgebiet im Hellentaler Grund durchgeführt.

Hierzu wurde festgehalten, dass in trockenen Jahreszeiten das aus dem Tal der Henkenborn- und Hasenlöffelborn-Quelle abfließende und sich vereinende Wasser in einem (ersten) Schluckloch vollständig in den Untergrund versickerte.

Das anfänglich trockene Bachbett führte danach bis etwa 800 m unterhalb ziemlich gleichviel Wasser, wobei die Wassermenge dann gleichmäßig abnahm, um etwa 950 m unterhalb in einem weiteren (zweiten) Schluckloch vollständig zu versickern.

Von da an war keine Wasserführung mehr vorhanden.

Diese zweite Bachschwinde (etwa 355 m üNN) lag etwa 1.650 m oberhalb der Quellfassung Hellental (Teufelsbrunnen, 300 m üNN) bei einem natürlichen Gefälle des Bachlaufes von 2,3%.

Im Sommer 1957 betrug bei dem damaligen Färbeversuch die Fließgeschwindigkeit - über eine Entfernung von ca. 2.600 m - vom ersten Schluckloch bis zum Teufelsbrunnen etwa 36 Stunden.

Der Färbeversuch vom November 1963 erfolgte zur Feststellung, ob das in der Gemarkung Silberborn entspringende Quellwasser in der Quellfassung von Hellental (Teufelsbrunnen) wieder auftritt.

1991 wurde gutachtlich festgestellt, dass Verbesserungen des ökologischen Zustandes der Helle notwendig sind.[1]

Es sollte der Versuch unternommen werden, die Wasser führenden Helle-Abschnitte zu verlängern.

Würden Wasserentnahmen im Einzugsgebiet der Helle entfallen, so könnte dies mit einer Ausdehnung ständig fließender Helle-Abschnitte einhergehen.

Eine Förderung standortgerechter Gehölzsäume im Uferbereich könnte einen Temperaturausgleich der Helle und zugleich eine Optimierung der Lebensbedingung für die limnische Fauna bewirken.

In früheren Zeiten diente die Helle auch als Reinigungsmöglichkeit, so wurden beispielsweise Jutesäcke für die Kartoffelernte in ihr gewaschen.

 

__________________________

[1] LUCKWALD/WIEBUSCH/VOIGT 1992.

[2] LILGE 1995, S. 33.

[3] RÖSEMEIER 2018 - Masterarbeit Studiengang Geowissenschaften (M. Sc.).

Wiesenbewässerung

Klaus A.E. Weber

 

Element der historischen Kulturlandschaft des Sollings

 

Hangbau-Bewässerung (Berieselung)

Überwachsener "Fleuegraben" am östlichen Talhang des oberen Hellentals

Dezember 2020

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Rieselbewässerung durch „Fleuen“ │ „Flößen“

Im 19. Jahrhundert hat die Wiesenbewässerung eine enorme Verbreitung gefunden

Jede Fläche offener Wiesentäler im Solling, die einen landwirtschaftlichen Ertrag versprach, wurde in früheren Tagen als Wiese oder, wenn möglich und die Flächen nicht allzu feucht waren, zum Ackerbau genutzt.

Die Wiesentäler des Sollings wurden durch Gräben nicht nur entwässert, sondern auch in jahrhundertealter Tradition bewässert (berieselt), damit das Gras während seiner Wachstumsperiode früh über genügend Wasser verfügte.[6]

Dabei sollte die düngende Bewässerung möglichst eine ergiebige Futtergewinnung bzw. Ertragssteigerung erzielen.[1]

Durch das gestaute und gelenkte Bachwasser sollten die Wiesen im Frühjahr rascher vom Schnee befreit und zugleich mit den Schwebstoffen des Bachwassers gedüngt werden.[5]

Im „Sollinger Platt“ nannte man das Bewässerungssystem der geregelten, künstlichen Rieselbewässerung von Grünland (Wiesen)

  • „Fluien“

  • „Fleuen” (Fluten)

  • „Flößen”.

 

Im Hellental verbreitete Wiesenkultur

Bewässerungswiesen mit ehemaligen Bewässerungsgräben über drei Stockwerke

Mai 2008

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Bewässerungswiesen mit ehemaligem "Fleuegraben" am östlichen Talhang

mit Entwässerung in die Helle

April 2006

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Tradition der Hangbau-Wiesenbewässerung

Wie vielerorts wurde früher auch im Hellental das Bewässern - „Fleuen“ genannt - von Hangwiesen mit Oberflächenwasser durch künstlich angelegte Gräben und Wehre betrieben.

Wenige Reste von ehemals künstlichen Rinnenstrukturen der wasserbaulichen Anlagen sind noch heute in der Kulturlandschaft des Hellentals erkennbar.

Das „Fleuen“ war eine ökologisch verträgliche Form der Landbewirtschaftung.

Bei der künstlichen Hangbewässerung wurde vormals während der Bewässerungsperiode Oberflächenwasser von einer möglichst hohen Stelle im Tal von einem Zuflussgraben aus über quer verlaufende Verteilungsgräben in Bewässerungsrinnen geleitet, die parallel zu den Höhenlinien streng horizontal angelegt waren.

Technische Bauwerke waren hierbei Wehre, Schieber und Gräben, die durch schwere Handarbeit regelmäßig gewartet und gesäubert wurden.

Der Betrieb der Bewässerungssysteme ergab oftmals Probleme, die nicht mehr nur durch Absprachen der einzelnen kleinbäuerlichen Wiesennutzer untereinander gelöst werden konnten.

Reste umfangreicher Kunst- oder Wässerwiesen befinden sich beispielsweise auch im südlichen Saarland, in der Nähe des Kurortes Weiskirchen.

Noch bis in die 1940er Jahre hinein erfolgte auch in Hellental die Flößwiesennutzung, wobei bei natürlicher Hängigkeit Wiesen mit Hilfe von Quell- und Bachwasser über ein ausgeklügeltes Grabensystem gewässert und zugleich mineralisch gedüngt wurden (Wässer- oder Rieselwiesen).

Insbesondere waren hierzu die feinerde- und schwebstoffreichen Frühjahrshochwässer der zahlreichen Hangquellen und des Wiesenbaches Helle geeignet.

In den östlichen Hangbereichen, wo die Überschwemmungen der Helle oder das Wasser der zahlreichen Quellbäche beider Talhänge nicht hingelangte, wurden zur Bewässerung und Düngung der schmalen Grünflächenstreifen mehrere quer zum Hang verlaufende Stauwerke mit Leitgräben („Fleue-Gräben“ oder „Fleu-Gräben“) mit wenig Gefälle angelegt.

Dort, wo es hydraulisch möglich war, wurde das Bachwasser hangwärts in die langgestreckten Leitgräben geleitet und mittels einer Reihe von Kerbungen in den kleinen Berieselungsgräben oder -rinnen („Flütten“) durch "Herabrieseln über die unten hängenden Wiesen vielfältig verteilt".[3]

Kleinere Dämme oder Buntsandsteinplatten dienten zum Umleiten des Wassers.

 

Ehemaliges Stauwehr im oberen Hellental

Relikte einer Sandsteinsetzung und eines Dammes

zum Umleiten des Wassers aus der Helle

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Wiesenbewässerung im Hellental

Das „Fleuen“, wie es noch heute in der älteren Generation von Hellental bezeichnet wird, ging zudem mit einer natürlichen organisch-mineralischen Düngung durch die Sedimentation der im Wasser enthaltenen Nährstoffe einher.

Hierzu wurden von Bauern im Solling vielfach regelrechte Bewässerungssysteme in den Wiesentälern angelegt und teilweise noch bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges (um 1939) genutzt.[2]

Darüber hinaus konnten durch das „Fleuen“ zu Beginn des Frühjahrs (im März) der noch vorhandene Schnee auf den Feldern und Hangwiesen zeitiger wegtaut werden.

Nach der Frostperiode war das Quellwasser wärmer als der Boden und somit erwärmte das „Fleuen“ den Boden früher, so dass hierdurch auch die Vegetationsperiode teilweise 14 Tage früher einsetzen konnte.

Das „Fleuen“ mit Sollingwässer erbrachte in der Summe letztlich vermehrt Grünfutter für die ohnehin geringe Viehhaltung, da durch diese Form der Wiesenbewässerung eine zweite Mahd zur Viehversorgung ermöglicht wurde.

Wie vielerorts, so wurden früher auch um Heinade und insbesondere im Hellental für das künstliche Rieselbewässern und Düngen von Hangwiesen mehrere quer zum Hang verlaufende Stauwerke, Dämme und Leitgräben mit wenig Gefälle angelegt oder umgeleitet („Fleuegräben“).

Bei der Hangbewässerung der schmalen Grünflächenstreifen wurde vormals im Hellental während der Bewässerungsperiode Oberflächenwasser von einer möglichst hohen Stelle im Tal von einem Zuflussgraben aus über quer verlaufende Verteilungsgräben in Bewässerungsrinnen geleitet, die parallel zu den Höhenlinien streng horizontal angelegt waren.

Zur natürlichen mineralischen Düngung waren insbesondere die feinerde- und schwebstoffreichen Frühjahrshochwässer der zahlreichen Hangquellen und des Wiesenbaches Helle geeignet.

Das „Fleuen“ war für Bauern wie für Kleinstellenbesitzer stets ein mühseliges Unterfangen.

In dörflicher Gemeinschaftsarbeit wurden die zahlreichen Fleuegräben kunstvoll angelegt.

Um immer wieder aufkommenden Streitigkeiten zu begegnen, wurde in „Fleue-Ordnungen“ genau festgelegt, wer an welchen Tagen wie lange „fleuen“, d.h. seine Wiese bewässern durfte.

Oftmals bestand bei erhöhtem sozio-ökonomischen Druck auch die eine oder andere Neigung im Dorf, „dem anderen das Wasser abzugraben“.

Als in den 1950er Jahren im Solling verstärkt Mineraldünger in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, wurde die jahrhundertealte Wiesenkultur des „Fleuens“ allmählich unnötig und schließlich ganz aufgegeben.

Wenige Reste ehemaliger Rinnenstrukturen der wasserbaulichen „Fleue-Anlagen” sind noch heute an östlichen Hangwiesen des Hellentals gut erkennbar.

„Fleuen“ oder „Flößen“ nannte man diese Art der geregelten, künstlichen Bewässerung von Grünland, einhergehend mit natürlicher organisch-mineralischer Düngung.

Dies brachte vermehrt Grünfutter für die ohnehin wenige Viehhaltung (Kühe, Schafe, Ziegen).

Wie berichtet wurde, seien hierdurch bis zu zwei, ausnahmsweise auch drei Schnitte von Wiesen des „Hülsebruchs“ und des Nordwesthanges eingefahren worden.

 

Überwachsener "Fleuegraben" am östlichen Talhang des Hellentals

April 2007

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Die zahlreich am Westhang in Hellental gelegenen Talwiesen wurden so - mit Abfluss in die Helle am Talgrund - über kleinere regulierbare Berieselungsgräben bewässert.

Heute ist durch die vollständige Verrohrung und den Anschluss an die zentrale Kanalisation der ursprüngliche talseitige Quellabfluss nicht mehr erkennbar, vermutlich einhergehend mit ökologischen Veränderungen in den Niederungen der Helle.

Die in den Häusern und Stallungen anfallende Jauche und den Mist wurde seinerzeit ausschließlich als Düngung für das spärliche Ackerland und für die kleinen Gärten genutzt.

Mineralischen Kunstdünger konnten sich ohnehin die armen gewerbetreibenden Dorfbewohner finanziell nicht leisten.

Da diese natürliche Form der Düngung kostenlos und daher auch sehr begehrt war, kam es bald zum Erlass regelrechter Flößeordnungen, da das bis dahin geltende Gewohnheitsrecht durch eine Vielzahl von Streitigkeiten unter den Wiesennachbarn nicht mehr aufrecht zu erhalten war.

Nach der Verkoppelung durfte ein Wieseninhaber nur an einem bestimmten, vorgegebenen Tag den Leitgraben zu seiner Wiese öffnen - in der Flößezeit vom Peterstag (22. Februar) bis zum 01. Mai. So wurden sukzessive alle der meist quer zum Talhang liegenden, schmalen Grünland-Parzellen tageweise beflößt und hierbei natürlich gedüngt.

Ab 1929 wurden die „Fleuerechte“ in das Wasserbuch eingetragen.

Den das Wachstum begünstigenden, künstlichen „Fleue“-Effekt finden man im Hellental vergleichsweise in den quelligen Feuchtwiesen, wo aus Bergquellen mehrere kleine Bäche das Pflanzenwachstum in dem von ihnen durchflossenen Bereich sichtlich beschleunigen und kräftigen; das Gras wird intensiver grün.

Diese Wachstumsbegünstigung hatte allerdings auch einen Nachteil, die Wiesen wurden teilweise wie guter Ackerboden besteuert.

In den Luftbildausschnitten von 1957 und noch heute kann man in Wiesen am östlichen Talhang („im Mackenschen“) des unteren Hellentals den langen geradlinig imponierenden Verlauf ehemaliger Leit- und Berieselungsgräben ansatzweise erkennen.

Wie der Autor von Führungen im Hellental weis, ist der aufmerksame Beobachter manchmal doch verwundert, dass er die Gräben als bergauf verlaufend wahrnimmt.

Tatsächlich handelt es sich dabei um eine so genannte optische Täuschung, da der Grabenverlauf nur ein sehr geringes Gefälle aufweist und das Hellental mit dem Wiesenweg dagegen aber viel steiler abfällt.

Die Anwendung künstlicher mineralischer Dünger wurde erst in den 1960er Jahren des letzten Jahrhunderts auch im Hellental üblich.

Die Helle verläuft nun wieder ganzjährig „ungestört“ im Talgrund; gedüngt wird, wenn überhaupt, nur noch extensiv mit handelsüblichem Mineraldünge

 

Flößegräben im Dorf

 

Handskizze der Bewässerungsführung (Flößegräben)

zu den dorfnahen Wiesen mit ihren Besitzern in Hellental

1911

Abbildung aus JÜRGENS [4]

 

Noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Wasser des Mühlenteiches, das der oberhalb liegenden, kräftig schüttenden Bergquelle entsprang, in offenen Gräben talwärts geleitet, um verzweigt in mehrere Fleue-Leitgräben - Flößgräben - oberhalb wie unterhalb der alten "Straße von Hellenthal nach Merxhausen" zu fließen.

… ausweislich der Katasterkarten von 1763 und 1792 sowie der Skizzen des Amtsvogts von 1879 und 1888“ sei „die Vorflut für den Hellentaler Dorfgraben über die Wiese von August Eikenberg in den Hellegraben gegangen“ und „das Wasser dort zur Versickerung gelangt.“[7]

1879 führte entlang der Straße nur ein Flößegraben, der dagegen aber 1888 nicht eingezeichnet wurde.

Diese Ausnahme sei aber durch die Verleihungsurkunde vom 23. April 1879 eingetreten, indem für sechs Antragsteller aus Merxhausen ein neues besonderes Flößrecht verliehen worden und deshalb neu an der Landstraße II.0. Hellental-Merxhausen ausdrücklich ein Fllößegraben aber keine kein besonderer Wasserlauf entlanggeführt sei.“[7]

Anderes Wasser sei bis 1879 und auch später niemals an dieser Landstraße entlang geführt worden.

Da sei erst  in sehr viel späterer Zeit geschehen.“[7]

 

Handskizze zum Verlauf des "Flößegrabens"

Aktenauszug [7]

 

In diesem Kontext ist die spätere Verrohrung der Landstraße II.0. Merxhausen-Hellental und die Errichtung eines Fassungsschachtes zu sehen.[7]

 

1928: Vom ‘Fleuen’

Heinrich Sohnrey berichtete im September 1928 in seinem Solling-Werk „Tchiff tchaff, toho!“ anschaulich und eindrucksvoll „Vom ‘Fleuen’“ (im Uslarer Raum) in jenen Jahren des beginnenden 20. Jahrhunderts:

 

Wer zu Beginn des Frühlings“ - so schreibt Hauptlehrer Karl Jünemann zu Schönhagen in seinem hübschen Aufsatz [Anm.: Niedersachen 1921, Nr. 20] - „von der Kreisstadt Uslar aus dem Ahletale die Straße über Schönhagen nach Neuhaus hinaufzieht, wird überrascht durch den vorgeschrittenen Graswuchs, der von dem langgestreckten Wiesenteppich zur Rechten des Weges herüberleuchtet.

In keinem anderen Gaue des lieben Hannoverlandes habe ich um Ostern herum das Gras auf den Wiesen derart entwickelt gesehen wie im schönen Sollingtale.

Diesen Vorsprung vor dem allgemeinen Wachstum zeitigt der Sollingbewohner im Bunde mit der Natur durch seinen unübertrefflichen Fleiß.

Tagtäglich wird den Winter über mit Grepe und Spaten, mit Hacke und Harke auf den Wiesen gearbeitet; sie werden vom Maulwurfs- und Ameisenhaufen gesäubert, das Ungeziefer wird nach Möglichkeit ferngehalten und das Wasser der Ahle und ihrer Nebenbäche in künstlichen „Fleue“-Gräben an die Wiesen herangeleitet.

Kleine Rinnen, in der Mundart Flütten genannt, die auaf der Wiese selbst nach Bedarf immer wieder frisch gestochen werden, verteilen das heran geholte Wasser.

Um letzteres zu zwingen, daß es die Wiese an allen Ecken und Flecken gehörig tränkt, müssen bald hier, bald da kleine Sandsteinplatten oder Bretter in die „Flütten“ [Anm.: Rinnen] gestellt, an andern Stellen kleine Dämme mit der Grebe wieder ausgehoben werden.

Mit den erdenklichsten Mitteln und der eifrigsten Sorgfalt wird gearbeitet, bis die Grasnarbe regelrecht getränkt ist ...

Das „Fleuen“ oder Berieseln der Wiesen mit Bachwasser wird natürlich im Sollinge überall betrieben, ist aber auf den hochgelegenen Holzbergwiesen, wo das Wasser der Bergquellen oft große Schwierigkeit macht, erheblich mühseliger, als in den von stärkeren Bächlein durchschlängelten Untertälern.

Über die Flößerrechte gilt im Allgemeinen die alte Regel, daß das fließende Wasser von denjenigen Anliegern zunächst benutzt werden kann, denen es am ersten zufließt.

Obwohl nun die kleinen Bächlein der Holzwiesen wenig düngerhaltende Stoffe mitführen, spielt sich um das Haben und Nichthaben des Wassers doch oft ein Kampf ab, der gewöhnlich heftige Erregungen mit sich bringt, nicht selten gar zu Feindschaften für das ganze Leben führt.

Ein helläugiger alter Sollinger sagte mir:

Nächst den Wilderern sei das Wasserabgraben oder Abdämmen die größte Leidenschaft im Sollinge.

Sie brächte unter Umständen die besten Freunde und Nachbarn auseinander.

Das Bächlein ist noch klein und dürftig, oft kaum einen Schritt breit; und nur einer von den Wiesenanliegern kann „fleuen“, wenn es Art haben soll.

Da kommt Kreike nach dem Jägeranger, und sieht, daß sein Nachbar Sauer das Wasser allein hat, und das Sauer sich gerade noch auf der Wiese befindet, legt Kreike sich in den Busch und wartet, bis Sauer weg ist. Kaum ist der außer Sichtweite, so macht Kreike sich eiligst daran, ihm das kostbare Wasser abzulassen.

Er lacht sich ins Fäustchen und denkt:

Diese Nacht behälst du sich das Wasser.

Eben hat Ackermann Kreike den Heimweg angetreten, da kriecht Vollkötner Klages aus dem Busche und läßt Kreike das Wasser ab.

Und nach Klages kommt Schuster Pape aus dem Graben und vielleicht noch mancher mehr, so daß der eine nicht nur von dem andern betrogen, sondern auch nach Gebühr und Gerechtigkeit bestraft wird...

In den Untertälern, wo die Bäche schon stärker sind und ein Aufdämmen des Wassers mit Schwierigkeiten verknüpft sein würde, sind überall Stauanlagen in die Bachläufe gebaut, die natürlich nicht unerhebliche Kosten verursachen.

Der Grund und Boden an der betreffenden Stelle muß gewöhnlich mit Buchenbohlen ausgerammt werden, auf die mit breiten Flügeln versehene Kasten von Sandsteinquadern kommen.

Je nach Größe des Staues finden sich in dem querliegenden Grundbaume und dem ebenfalls quer liegenden Schlotbaume oben ein bis fünf Sprossen eingezimmert, die den einzelnen Schütten den Rückhalt geben müssen.

Einige der durch Umbau erneuerten Anlagen sind mit eisernem Windwerk versehen, um das Auf- und Niederlassen der Schütte leichter bewerkstelligen zu können.

Diese Anlagen und die entsprechenden Fleueberechtigungen haben natürlich einen großen Wert, einen größeren jedenfalls, als die Quellen der Holzbergwiesen.

Ist doch durch diese Stauanlagen der Landwirt in die Lage gesetzt, den durch Regengüsse von den beackerten Berghängen herunter geschwemmten Schlammboden wieder auf die Wiesen zu schwemmen, somit die Kosten für anderen Dünger zu sparen.

Nicht zu vergessen, daß er in trockenen Jahren und Jahreszeiten seine Wiesen immer feucht zu halten vermag, wodurch die Dürre für den Bauern im Sollinge weniger empfindlich wird, als in anderen Gegenden.

Gerade dies Berieseln bei der Dürre und im Sommer zwischen der Heu- und Grummeternte hat immer wieder Anlaß zu Streitigkeiten unter den Wiesennachbarn gegeben...

Die alte Flössezeit sollte vom Peterstag (22. Februar) bis 1. Mai dauern.

Nach der Verkoppelung wurde wurde das Flösserecht so geregelt, daß jeder Wiesenbesitzer seinen bestimmten Tag hatte.

Eine besondere Polizeiverordnung des Landrats von Uslar vom 14. November 1913 sucht das Fleuen noch in folgender Weise zu regeln:

1. Bei Frostwetter ist das Bewässern der Wiesen verboten.

Beim Eintritt von Frostwetter muß sofort Fürsorge getroffen werden, daß ein Austritt des Wassers auf die Wiesen verhindert wird.

2. Zuwiderhandlungen gegen dies Vorschriften dieser Polizeiverordnung werden in jedem Einzelfalle mit Geldstrafe bis zu 30 Mark, im Unvermögensfalle mit entsprechender Haft bestraft.

Bei alledem ist jedoch nicht anzunehmen, daß man sich so streng an die gesetzte Zeit hält.

Jedenfalls weiß ich von Eschershausen, daß in der dortigen „Grund“, dem größten und eigenartigsten Wiesental des Sollings, so ziemlich das ganze Jahr gefleut wird...

Übrigens gehe es so schlimm wie in früheren Jahren heute beim Fleuen nicht mehr zu ...

Es würde jetzt mehr gedüngt, hauptsächlich mit künstlichem Dünger, und das Futter hätte darum einen ganz anderen Wert.

Früher freilich wäre für die Wiesen kein anderer Dünger dagewesen wie das Wasser...

Schließlich wäre noch zu bemerken, daß bis zum 31. März 1929 sämtliche Fleuerechte ins Wasserbuch eingetragen sein müssen.

Ob danach nun volle Ordnung und Harmonie auf den schönen Sollingswiesen eintreten wird?

 

____________________________________________________

[1] Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Wiesenbewässerung in Nordwestdeutschland findet sich bei HOPPE 2002.

[2] LICHTENHAHN 2005, S. 5.

[3] SCHUSTER 1864.

[4] JÜRGENS: Dorferneuerungsplan Hellental 1994/95. In Zusammenarbeit mit der Gemeinde Heinade und dem Arbeitskreis für Dorferneuerung in Hellental. Hildesheim/Hellental 1995. Bild 24.

[5] NHB 2020, S. 82.

[6] REDDERSEN 1934, S. 99.

[7] KA HOL 1050.