Fragen zum historischen Kontext

Klaus A.E. Weber

 

Mittelalterlicher Rippenbecher, restauriert [4]

Stadtwüstung Nienover │ um 1200 [5]

© Foto: Chr. S. Fuchs, NLD, Hannover

 

Es gibt zentrale Fragen zum historischen Kontext beim Blick in das oberflächennahe Bodenarchiv des Hellentals:

Was? │ Warum? │ Wie? │ Für wen?

Waldglashütten zählen zu typischen historischen Kulturlandschaftselemente und -strukturen im Kulturlandschaftsraum "Solling, Bramwald- und Kaufunger Wald" sowie in der Naturräumlichen Region "Weser- und Weser-Leinebergland".[7]

Deren Erforschung umfasst mehrere miteinander verbundene Dimensionen:

  • handwerks-/technikgeschichtliche

  • kulturgeschichtliche

  • kulturlandschaftliche

  • kunsthistorische

  • sozialgeschichtliche

  • umweltgeschichtliche

  • wirtschaftsgeschichtliche

Die Naturräumliche Region "Weser- und Weser-Leinebergland" im Südwesten Niedersachsens (Oberweserraum) kann heute als "ein Kernraum der historischen Glaserzeugung Europas im Mittelalter bei hoher Anzahl im Gelände lokalisierter mittelalterlicher Hüttenplätzen, besonders aus dem 12./13. Jahrhundert, auch aus dem 14./15. Jahrhundert" gekennzeichnet werden.[6]

Das 12./13. Jahrhundert war eine mittelalterliche Epoche der Herrschaft, Repräsentation und Frömmigkeit, geprägt von Burgen, Rittern, Klöstern und aufkommenden Städten.

Kirchen- und Klostergründungen wurden zu sichtbaren Zeichen der Macht und Gottesherrschaft.

In jenem Zeitraum erfolgte der epochale „Aufbruch in die Gotik“ [8] mit technischen Innovationen.

Grundlegende Betrachtungen zur Siedlungsgeschichte und zum Wandel der mittelalterlichen Kulturlandschaft im Oberweserraum finden sich in Veröffentlichungen von STEPHAN [6].

 

Weltliche und kirchliche Grundherren

Nach STEPHAN [12] war die Glaserzeugung in den waldreichen Landschaften des Weserberglandes „eine wichtige Einnahmequelle für die Grundherren, insbesondere wohl für die Landesherrschaften als Herren großer Teile des Waldes“.

Da im Hochmittelalter die Interessen weltlicher und kirchlicher Grundherrschaften siedlungsprägend waren, ergeben sich hinsichtlich der Gründung und des Betriebs hoch- bis spätmittelalterlicher Waldglashütten im Umfeld des Hellentals soll folgenden Fragen zumindest ansatzweise nachgegangen werden:

  • Welchen Anteil hatten Waldglashütten bei der Erschließung, dem Ausbau und der Intensivierung hiesiger Kulturlandschaftsflächen?

  • Wer waren um 1170–1300 die „big player“ als die Waldglashütten im Umfeld des Hellentals gründet und betrieben wurden - und vor etwa 1170 im Solling keine Märkte und Städte vorhanden waren?

  • Wer übte in diesem Gebiet die Grundherrschaft mit den wertvollen Holzbeständen aus?

  • Wer verfügte über eigenes oder fremdes betriebstechnisches Know-how, Waldglas zu erzeugen oder erzeugen zu lassen?

  • Wer waren die Gründer und Betreiber der Glashütten und wem lieferten sie ihre Glaswaren?

  • Waren die hoch- bis spätmittelalterlichen Waldglashütten im Umfeld des Hellentals Klosterglashütten, möglicherweise des in der Nähe gelegenen Klosters Amelungsborn?

Grundsätzlich können hier auch Glashüttenstandorte der nahe gelegenen Mittelgebirge Vogler und Homburgwald in Betracht gezogen werden.

Zu den Grundherrschaften wichtiger sächsischer Adelsfamilien des 10. bis 12. Jahrhunderts siehe STEPHAN [9].

Als große politische und territoriale „big player“ jener Zeit gelten in der hier betrachteten Sollingregion

Im historischen Kontext mit der Glasverarbeitung in den baubezogenen Klosterwerkstätten des Benediktinerklosters Corvey [2] konnte am Südrand des Sollings auf Königsgrund bereits eine Waldglashütte des 9. Jahrhunderts mit dem Fokus auf der Fertigung von Fensterglas lokalisiert werden.[3]

Die im Jahr 822 in einer Weserschleife auf sächsischem Boden gegründete Reichsabtei verfügte seinerzeit über reiche Besitzungen im Umfeld und Waldrechte im Solling.

Die Herstellung hochwertiger Glasprodukte gilt auch als ein Wirtschaftsfaktor des Zisterzienserklosters Amelungsborn im Sollinggebiet.[11]

 

Pionierfunktion für den Ausbau von Ackerland

Wie STEPHAN [10] zur hoch- bis spätmittelalterlichen Raumerschließung am Solling exemplarisch ausführt, hatten möglicherweise Glashütten „Pionierfunktionen für den Ausbau des Ackerlandes im Bereich zwischen Nienover, Dankwardessen und Helmwardessen von 1150-1250“.

Des Weiteren führt STEPHAN hierbei aus: „Abgesehen von einigen Bereichen, in denen Glashütten in der Zeit um 1200 Pionierfunktionen für Rodung und Siedlung erfüllten, sind die sich langsam konkret abzeichnenden Glashüttenregionen wichtige Indizien für im 13. Jahrhundert noch verbliebene, mutmaßlich bewußt geschützte Waldgebiete.

Vor etwa 1170 waren im Solling keine Märkte und Städte vorhanden.

Während der mittlalterlichen Rodungen im 12.-14. Jahrhundert entwickelte sich etwa zeitgleich eine landesherrliche Stadtgründungswelle, insbesondere in Anschluss an landesherrliche Burgen, was letztendlich auch zur verstärkten Nachfrage nach Glaswaren geführt haben dürfte.[1]

 

Grafen von EversteinKloster Amelungsborn ⬌ Edelherren von Homburg

?

Waldglashütten im Hellental = Klosterglashütten?

um 1170 bis 1300 ⦋3⦌

 

Skizze einer möglichen regionalen Beziehungsstruktur

 

Spätestens Ende des 15. Jahrhunderts gelangte Fürstenberg mit seinem ausgedehnten Waldbesitz im Solling in den Besitz der Wolfenbütteler Welfen, wobei sich das Territorium des Amtes Fürstenberg um 1589 u. a. über die Ortschaft Merxhausen am nördlichen Sollingrand erstreckte - und damit auch im Nordsolling das Hellental umfasste.

Zu Gunsten des Amtes Holzminden wurde Mitte des 17. Jahrhunderts das Amt Fürstenberg verkleinert.

 

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[1] STREICH 1996, S. 37.

[2] STREICH 1996, S. 97-101.

[3] STEPHAN 2020, S. 125.

[4] KÖNIG 2009, S. 188-189.,

[5] Abb. aus KÖNIG 2009, Tafel 94 – Rippenbecher, Bef. 535, FNr. 2956, Höhe ca. 18,0 cm sowie auch Tafel 64, 65.

[6] STEPHAN 2017, S. 8-16.

[7] WIEGAND 2019, S. 286.

[8] PUHLE 2009.

[9] STEPHAN 2010, S. 62-63 Abb. 21.

[10] STEPHAN 2010, S. 68-72.

[11] Klosterküster Ulrich Marx: Kleine Baugeschichte des Klosters Amelungsborn.

[12] STEPHAN 2010, S. 133.