Gefärbtes und farbloses Hohl- und Flachglas

Klaus A.E. Weber

 

Gemenge, Dosierung und Temperatur entscheiden

 

Stadtmuseum Gelnhausen

Hessisches Landesmuseum Kassel

Potsdam Museum

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Verunreinigungen der Glasrohmasse durch mineralische Komponenten im Quarzsand verursachten eine grünliche oder gelbliche bis hin auch leicht bräunliche Färbung des Glasendproduktes, die durch Metalloxidbeigaben zudem noch verstärkt werden konnten.

Das gezielte Färben der Glasmasse erfolgte durch Zusatz geringer Mengen von färbender Stoffen, insbesondere von Metall-Ionen/Metalloxiden in der Glasschmelze.[6]

Die Art und Konzentration der Zusatzstoffe sowie auch die Temperatur und Verarbeitung entscheiden über die Farbe, welche die Rohmasse annimmt.[2]

 

Verschieden eingefäbte Glaskrüge │ 16./17. Jahrhundert │ Süddeutschland

Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast, Düsseldorf

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Bis zur römischen Antike wurde Glas von seinen Ursprüngen an auch Rot gefärbt (opakrotes Glas u. a. Beimengung von Kupfer und Einhaltung bestimmter Schmelzbedingungen), wie es der bis heute einzigartige "Lykurgos-Becher" eindrucksvoll zeigt.[1]

 

Farbgläser der Glashütte Lamberts

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Geheime Glasrezeptur

 

(1) Temperatur [3]

  • ca. 560 -580° C  - Erweichungstemperatur

  • ab ca. 850° C  - zähflüssiges Glasgemeinge

  • 1.000 - 1.400° C  - Schmelzpunkt, in Abhängigkeit der Wahl und Menge des Flussmittelzusatzes

 

(2) Färben der Glasmasse

in Verbindung mit der Temperatur durch Zusatz gering dosierter Mengen von Metalloxiden

  • Blei ⟶ gelbes Glas
  • Eisenoxide ⟶ zahlreiche Mischfarben in Abhängigkeit von der Wertigkeit (Fe ³+ │ Fe ²+) - grün-blaugrünes, auch gelbbraunes Glas
  • Gold ⟶ rubin- bis rosafarbenes Glas
  • Kupfer ⟶ grünes, türkisfarbenes oder blaues Glas
  • Kupferoxide und Gold ⟶ rotes Glas (Rubinglas)
  • Manganoxide ⟶ braunes, violettes bis rotviolettes Glas
  • Nickel ⟶ olivgrünes bis braunes Glas
  • Selen ⟶ hellrotes, rosa- bis orangefarbenes Glas
  • Silber ⟶ zitronengelbes Glas
  • Zinnoxid und Antimon ⟶ opak-weißes Glas (Milchglas)

Meistens wurden in Waldglashütten ein Farbgemenge nur in kleinen, topfähnlichen Glashäfen eingeschmolzen, um mit der so erzeugten farbigen Glasmasse Hohlglasgefäße zu veredeln - mit Faden- oder Randauflagen bei Trinkgläsern.[5]

Farbig völlig durchgefärbte Gläser sind in der Regel eher seltener anzutreffen.

 

Kelchglas mit zwei rauchenden Männern

farbloses Glas mit Punkt-Gravierkunst

Dordrecht │ 1776

Rjiksmuseum Amsterdam

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

(3) Farbloses Glas durch Entfärben

In der Antike gelang es nach ECKMANN [7] bereits in 18. Dynastie der ägyptischen Hochkultur zurzeit von Tutanchamun (1. Hälfte 14. Jahrhundert v. Chr.) farbloses, durchsichtiges Glas herzustellen, wahrscheinlich unter Zusatz von Manganoxid (Braunstein).

Berühmt wurde das venezianisch Glas (Venedig-Murano) während des späten Mittelalters aufgrund seiner Dünnwandigkeit in Verbindung mit der Klarheit und Reinheit der farblosen Glasmasse("Cristallo", "Cristallino"), die die muranesischen Glasmacher seit dem 15. Jahrhundert zu schmelzen verstanden.[9]

Vom 16. bis weit in das 17. Jahrhundert war die Glaskunst von Glas im veneziaischen Stil bestimmt.

Später sollten böhmische Glasmacher ebenfalls farbloses "weißes" Glas herstellen können - ein einst streng gehütetes Geheimnis.

Für die Verzierung mittels Schliff, Schnitt und Gravur zu Repräsentationzweckwn wurden in Böhmen neue Kristallglas-Sorten entwickelt.

Diese Kristallgläser waren völlig transparent und klar, trotz des dickwandigen Ausblasens.

Damit eignten sie sich im 18. Jahrhundert vor allem für den qualitativ hochwertigen, barocken Glasschnitt in Hofwerkstätten deutscher Residenzen.

"Durch Zusatz von Kalk und durch ein Überfärben (Entfärben) des Eisenoxydes mit Braunstein, später Nickel, Selen und Kobalt entstand rein weißes 'Kristallglas'", das als   besseres Glas "durch Beimischung von Pottasche und Kalk, zumeist Marmormehl oder Baryt erschmolzen" wurde, wobei das Baryt dem Glas einen besseren Glanz gab.[8]

Durch den Schmelzzusatz von Blei konnte im 17. Jahrhundert das bekannte "Bleikristallglas" in England erzeugt werden.

"Die lichtbrechenden Eigenschaften dieses Glases und sein metallischer Glanz ließen es besonders für den Schliff geeignet erscheinen." [8]

In der Neuzeit wird farbloses Glas durch Zusatz geringer Mengen (Entfärberzusatz) erzeugt:

Die Farblosigkeit von kann auch durch extrem eisenarmen Quarzsand erreicht werden, wie auch durch den Zusatz von Asche (mit relativ hohem, natürlichem Mangangehalt) in einem bestimmten Mischungsverhältnis.[4]

SÜSSMUTH [10] bemerkt hierzu:

Um eine rein weiße Farbe des Glases zu bekommen, müssen die grünfärbenden Eisenoxyde und die gelbfärbenden Kohle- und Tonbestandteile, die in jedem Sande enthalten sind, überfärbt werden.

Das geschieht durch Beischmelzen von Selen, Nickel, Kobalt und Braunstein.

Bei Entfärbungen, wie das Überfärben in der Fachsprache genannt wird, ergeben sich leicht nachträgliche Verfärbungen des rein weißen Glases durch das Sonnenlicht.

Zu stark mit Braunstein überfärbte Gläser werden leicht gelb, mit Nickeloxyd und Selen überfärbte Gläser bekommen einen grauen oder schmutziggelben Stich.

Verfärbungen treten auch auf, wenn als Läuterungsmittel bei der Schmelze zuviel Arsenik beigemischt wird.“

 

__________________________________________________________

[1] KERSSENBROCK-KROSIGK 2001, S. 15-19.

[2] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 25-28.

[3] ALMELING 2006, S. 122.

[4] VOHN-FORTAGNE 2016, S. 190-193.

[5] TSCHIRR 2009, S. 9.

[6] FISCHER 2011, S. 13.

[7] Christian Eckmann, Römisch-Germanisches Zentralmuseum Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie, Mainz │Vortrag am 23. November 2021 │ Museum für Archäologie Schloss Gottorf: Fit for a King │ Tutanchamuns "gläserne" Kissen, "himmlisches" Eisen und Bilder königlicher Macht.

[8] SÜSSMUTH (1950), S. 31.

[9] RICKE 1995, S. 78.

[10] SÜSSMUTH (1950), S. 75.