Nachhaltiger, klimagerechter Umgang mit dem Bestand

Klaus A.E. Weber

 

Historisches Museumshaus im Nachhaltigkeits-Dreieck

 


 

Erhalt und neue Nutzung des Fachwerkbaus von 1884

Umnutzung zum Museumshaus

Gemäß der Deutschen Stiftung Denkmalschutz vereint das Nachhaltigkeits-Dreieck verschiedene Aspekte der Nachhaltigkeit [1] und verbindet ökologische Faktoren mit ökonomischen und sozialen Aspekten.

Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Nachhaltigkeitsdebatte zeichnet sich das freistehende Gebäudeensemble mit dem 1884 wieder errichteten Fachwerkhaus (Wohnhaus mit Scheune) durch Langlebigkeit sowie durch Reparatur- und Wartungsfähigkeit aus, verbunden mit einer positiven Ökobilanz und Ressourcenschonung.

 

Südwestansicht des Museumshauses

vor und nach der umfassenden Sanierung und musealen Umnutzung [3]

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber │ © Mechthild Ziemer, Stadtoldendorf

 

Revitalisierung eines kulturellen Erbes

Die bauliche Sanierung und Umgestaltung des Gebäudes war eng verknüpft mit seiner inhaltlichen und strukturellen Erneuerung als Museumshaus.

Das in privatem Eigentum zu einem Museumshaus umgewidmete Gebäudeensemble setzte im nachhaltigen Umgang mit unserem kulturellen Erbe bei der umfangreichen Sanierung auf nachwachsende, möglichst natürliche und regionale Baumaterialien sowie auf den sorgfältigen Einsatz traditioneller handwerklicher Techniken von Handwerker*innen der Region.

So wurden auch unter glasgeschichtlichem Aspekt beispielsweise die alten Holzflügelfenster mit durch Holzsprossen unterteilter Originalverglasung (einfachverglaste Sprossenfenster) des Wohnhauses von 1884 als historische Bauteile restauriert und wiederverwendet.

Die gesamten baulichen und technischen Erhaltungs- und Umbaumaßnahmen wurden von dem Eigentümer selbst finanziert, ohne komplizierte Beanspruchung öffentlicher Fördermittel.

 

Tag des offenen Denkmals® 2020 - Wohnbauten und Siedlungen

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Ökobaustoffe

und deren Wiederverwendung

Nutzung vorgefundener Roh- und Baustoffe und regionaler natürlicher Materialien, wie den nachwachsenden Rohstof Holz:

 

Baukalk

  • Putze und Anstriche im Innenbereich

 

Eichen- oder Nadelholz

  • tragende Fachwerkkonstruktion und Lehmausfachung
  • Bauelemente: Dachstuhl, Treppen, Fußbodenbeläge, Klappen, Fassadenverkleidung, Fensterrahmen, Türen und Tore

 

Glas

 

Lehm

  • Wände und Decken

 

Leinölfarbe

  • Holzschutz im Außen- und Innenbereich

 

Mauerziegel │ robuste und beständige Backsteine

  • Mauerwerksbau und Gefachausmauerung

  • Hausschornsteine

 

Sollingsandstein

  • Sockelmauerwerk │ Wandbehang und Fußbodenbelag

  • die ursprüngliche traditionelle Dacheindeckung aus "Sollingplatten" wurde in den 1980er Jahre durch moderne Betondachsteine "Frankfurter Pfanne" der Firma Braas Dachsystem ersetzt

 

Stroh

  • Zuschlag für Lehm

 

"Sollinger Sandsteinplatten"

Mai 2019 │ Juli 2019

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Eichen-Stein-Fachwerk mit schlichtem Backsteinmauerwerk

Mai 2019

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Freigelegtes Außenmauerwerk aus geschichteten Lehm-Stroh-Ziegeln

Mai 2019

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Fachwerkinnenwand mit Lehm-Stroh-Verputz

Juni 2020

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Erhaltungs- und Reparaturmaßnahmen

Handwerklicher, abwechslungsreicher Umbau

Im bewussten Umgang mit den vorgefundenen, teils langlebigen Baumaterialien galt es bei der umfassend eingeleiteten Sanierung und Umnutzung einerseits bei den Baumaßnahmen fachgerecht weitgehend natürliche und regionale Baustoffe zu verwenden und andererseits museumsspezifische Nutzungsanforderungen zu berücksichtigen.

Hierbei waren die denkmalpflegerisch-bautechnischen Feststellungen, Handlungsempfehlungen und das spezifische Sanierungsschema im Inspektionsbericht des Monumentendienst Weserbergland hilfreich.[2]

Verwertbare bestehende bzw. gelagerte historische Bauteile, wie die Kassettentür im Eingangsbereich sowie die Holztreppe, die Flügelfenster mit Holzrahmen und durch Holzsprossen unterteilter Originalverglasung (einfachverglaste Sprossenfenster), die Kassettentüren der Innenräume des Wohnhauses von 1884, das große Scheunentor (um 1900) und ein Stallfenster (um 1930) sowie die Tritt- und Setzstufen der Holztreppe mit Gebrauchsspuren wurden durch reparaturfähige Handwerkstechniken aufgearbeitet, überarbeitet und wiederverwendet.

Die beiden innerhalb der hofseitgen Fassade sekundär eingebauten "Außenfenster" aus profilierten Glasbausteinen aus Klarglas (1960/70er Jahre?) wurden zwar aus bau- und glashistorischen Gründen erhalten, aber von außen durch eine Holzverkleidung verblendet.

Der moderne Garagenanbau wurde entfernt und somit die vorbestehende, gepflasterte Gasse ("Gazze") als privater Weg wieder hergestellt.

Die sekundäre, funktionstüchtige Dachdeckung mit Betonziegeln "Frankfurter Pfanne" aus den 1980er Jahren wurde beibehalten.

Das große Dachgeschoss war in den 1980er Jahren mit einer Dämmung wärmespeichernd ausgegleitet worden.

 

Bautechnisch sanierte Ladeluken im verputzten Dachgeschoss des Wohnhauses

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Neues Nutzungskonzept als Museumshaus

Der private Erwerb des historischen Fachwerkgebäudes (Gebäudeensemble) im Juni 2013 beugte einem drohenden Leerstand und möglichen Verfall der Bestandsbauten vor, wobei zu deren Erhalt, zur Inwertsetzung und zur Beseitigung von Baumängeln und diverser Schäden

  • eine denkmalpflegerisch-bautechnische Bestandsaufnahme mit Untersuchung der Fassaden, des Daches und der Dachaufbauten, des Kellers und der Innenräume des Hauptgebäudes [2]

  • eine innovative Umnutzung der vorhandenen alten Bausubstanz

  • ressourcenschonende Umbau- und Rückbaumaßnahmen

  • Sofortmaßnahmen und schützende Anbaumaßnahmen [2]

notwendig waren.

Kritisch anzumerken wäre, dass die südöstliche Giebelseite mit grauen Faserzementplatten ohne Fehlstellen verschindelt ist, die bei intakter Konstruktion bislang nicht zurückgebaut wurden.

Die in den Folgejahren anhand des Untersuchungsberichts des Monumentendienstes Weserbergland [2] aufgenommene Sanierung und Umnutzung bestehender Wohn- und Wirtschaftsräume zu einem attraktiven regionalen Museum war primär an einem kulturellen, gesellschaftlichen Mehrwert gemeinwohlorientiert.

So werden die sanierten, vollgeschossigen Wohn- und Wirtschaftsräume für Ausstellungs- und Aktionszwecke zu den Themen:Stationen WALD│GLAS│DORF als Wissensspeicher ausgestaltet, um regionales Wissen um Geschichte und Architektur weiterzugeben.

Das nicht ausgebaute Dachgeschoss wird als Ausstellungsraum und als Magazin für Archivgut (archäologische und historische Sammlungsobjekte) genutzt.

Die neue kreative Nutzung als Ausstellungs- und Aktionshaus sichert den langlebigen Erhalt des einmaligen historischen Gebäudeensembles in Hellental und macht es zu einem "Denkmal von morgen".

 

Einfachverglastes Stallfenster im Eisenrahmen um 1930

vor der Sanierug │ Mai 2018

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Klimaneutrale energiekonzeptionelle Maßnahmen

Aktive Reduzierung der Treibhausemissionen

Zur Einsparung von Energie und Emissionen werden unter Berücksichtigung der historischen Bausubstanz energetische Sanierungen durchgeführt und das Gebäudeensembles CO2-neutral betrieben.

Dabei dient im Rahmen einer naturnahen Sanierung die teils großflächige Holzverbauung als CO2-Specher.

Die Wiederverwendung der alten Flügelfenster mit Originalverglasung (Sprossenfenster) erfolgte in Kombination mit den vorgefundenen neuen Fenstern des Wohnhauses.

Dabei wurden wärmespeichernd die "neuen" Fenster ohne Sprossen innenseitig eingebaut, so dass quasi ein doppelverglastes Fenster aufgebaut werden konnte.

Die traditionelle Beheizung des Kücheneinzelofens und der beiden Kachelöfen mit Festbrennstoffen (Kohle, Holz) wurde durch deren Stilllegung eingestellt, hingegen aber die in der ersten Etage vorhandene elektrische Speicherheizung (Nachtspeicherheizung) beibehalten.

 

Bautechnisch sanierte hofseitige Wohnhausfassade

Wandbehang mit Sollingplatten und Holzverkleidung

April 2020

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

CO2-Einsparung durch Stilllegung der Hausschornsteine

Da ohnehin keine Raumbeheizung mit fossilen Brennstoffen erfolgt und nicht zuletzt auch aus Sicherheitsgründen wurden im Juli 2022 die beiden unter der Verkleidung marode gewordenen Köpfe der stillgelegten Hausschornsteine fachgerecht entfernt und zurückgebaut.

 

Abgetragene Backsteine aus der Zeit um 1884

der im Juli 2022 stillgelegten Hausschornsteine

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Regionale Handwerksbetriebe

Auf der Grundlage fachgerechter Beratungen, kreativer Vorschläge und einer sorgfältigen handwerklichen Umsetzung wurde mit regionalen Meisterbetrieben zusammengearbeitet.

 

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[1] Das Prinzip der Nachhaltigkeit gründet sich auf die mitteleuropäische Forstwirtschaft.

[2] Monumentendienst Weserbergland │ Inspektionsservice für regionaltypische Gebäude in der SOLLING-VOGLER-REGION │ Untersuchungsbericht (nach visueller Inspektion) │ Gebäude Lönsstraße 6, 37627 Hellental │ Untersuchungsbereich Hauptgebäude │ Auftraggeber: Dr. Klaus Weber, Sollingstr. 17, 37627 Hellental │ Ausführung: Björn Toelstede, Restaurator im Zimmerhandwerk i. A. │ Juli 2013.

[3] Veröffentlichung der Bildaufnahme vom Juli 2019 mit freundlicher Genehmigung von „Die Stadtfotografen │ Mechthild Ziemer │ Stadtoldendorf“ am 15. Januar 2020.