Glas aus Phönizien/Levante und Mesopotamien

Klaus A.E. Weber

 

 

Vorderer Orient in der Römerzeit

mit Phönizien/Levante und Mesopotamien [15]

 

Anfänge antiker vorrömischer Glaskunst

6.-12. Jahrhundert bis 1. Jahrhundert v. Chr.

Der Ursprung und die Entwicklungsgeschichte des künstlichen, amorphen Werkstoffes Glas wird maßgeblich

zugeschrieben, mit ersten Glasgefäßen des 2. Jahrtausends v. Chr. - prähistorische Glasobjekte, wie mesopotamische, ägyptische und ägäische.

Während Glas uns in der Regel formgeschmolzen begegnet, wuden Fayencen ("Quarzkeramiken") kalt geformt.[12]

Neben Ägypten kannte man auch in Mesopotamien seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. die Glasur und seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. auch Glas als eigenständigen Werkstoff, wobei etwa zeitgleich mit Ägypten gegen Ende des 16. Jahrhunderts v. Chr. Glasgefäße auftreten.[14]

 

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Wandstück mit dem Relief eines schreitenden Löwen │ Ischtar-Tor

Zeit des Nebukadnezar II. │ 604-562 v. Chr.

gebrannte und glasierte farbige Ziegel

Kunsthistorisches Museum Wien, Inv. Nr.: Ägyptische Sammlung, SEM 951

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Glasarbeiten in Form von in Model gestrichenen und gepressten Zier-/Schmuckplättchen (Gewand-, Kopfschmuck) bzw. verschiedenfarbige Glaspasten aus blauem und grünem Glas waren im mykenischen Kulturbereich (etwa 1600-1100 v. Chr.) beliebt, möglicherweise über importierte Rohglas-Barren, die in Phönizien/Levante, Mesopotamien und Ägypten erzeugt wurden.[14][17][18][21][23]

 

Antike Luxus- und Gebrauchsgläser

Die "Erfindung" und Entwicklungsgeschichte des künstlichen, amorphen spröden Werkstoffes Glas wird maßgeblich dem Vorderen Orient, Ägypten und der Ägäis zugeschrieben, mit ersten Glasgefäßen des 2. Jahrtausends v. Chr.

Hier wurde Glas wahrscheinlich zufällig entdeckt - beim Brennen von Töpferware durch die Verbindung kalkhaltigen Sandes mit Natron.

 

Glasmuseum Hentrich Museum Kunstpalast, Düsseldorf

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Die Archäologie Vorderasiens und Ägyptens belegt die Glasherstellung bis vor etwa 5.000 Jahren - aus den einfachen Grundstoffen Sand, Asche, Kalk.

Die ältesten archäologischen Funde von künstlich erzeugtem Glas – bunte Glasperlen aus ägyptischen Königsgräbern – werden der Zeit um 3500 v. Chr. zugeordnet.

Um 1500 v. Chr. werden in Ägypten, in der Levante und in Mesopotamien mit Hilfe der Kernformtechnik erste Hohlgläser hergestellt.

Die Erfindung der Glasmacherpfeife und des Glasschmelzofens revolutionieren die Glasherstellung und ermöglichen die Fertigung von dünnwandigem Hohlglas und von Flachglas.

Im gesamten Mittelmeergebiet verbreitete sich die Handwerkskunst

  • der Glasschmelze

  • des Glasblasens

  • des Glasformens

  • der glaskünstlerischen Veredelung.

Schließlich verbreiteten die Römer bis etwa 300 n. Chr. die Glasmacherkunst im westlichen und mittleren europäischen Raum, wie es römische Handelsgüter und Handelsrouten nachvollziehen lassen.

 

Antike "Glaschemie"

Nachweislich der Tontafeln aus der Bibliothek des Aššurbanipal wurde die bislang älteste überlieferte Anleitung für Glashüttenbesitzer mit Rezeptur für einfaches Glas niederschreiben:[10]

  • 10 mana [11] Sand
  • 15 mana Alkali

Alternativ finden sich folgende Mengenangaben in der Literatur:

  • 60 Teile Sand
  • 180 Teile Asche aus Meerespflanzen
  • 5 Teile Kreide

Antike Gläser erwiesen sich in der chemischen Analyse zumeist als Alkali-Kalk-Silikat-Gläser.

Europäische prähistorische, römische und mittelalterliche Gläser lassen sich anhand der prozentualen Anteile von

in verschiedene Gruppen von Alkali-Kalk-Gläsern differenzieren.[1]

Wie KRAMER [2] angibt, habe sich antikes Sodaglas zusammengesetzt aus

  • ~ 45 % Quarzsand

  • ~ 46 % Soda

  • ~ 8 % Kalk.

Zudem konnte Manganoxid (Braunstein) zur Erzeugung des beliebten farblosen Glases sowie Kupfer und Cobalt zur Glasfärbung zugesetzt werden.

 

Antikes Glas

Antikes Glas wurde

  • kerngeformt und formgeschmolzen

  • gestrichen und gepresst

  • frei und in die Form geblasen

 

Über einen Kern geformte Gefäße [6]

Von den Anfängen im Vorderen Orient und Ägypten zu Gefäßen des Mittelmeerraumes

  • Mediterrane Gefäße Gruppe I – spätes 6. bis frühes 4. Jahrhundert v. Chr.
  • Mediterrane Gefäße Gruppe II – III – 4. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr.

 

Über einer Halbform abgesenkte Gefäße [7]

- Offene Formen

  • Schliffrillenschalen
  • Rippenschalen
  • Hellenistische und späthellenistisch-frührömische Gefäße

 

Geblasene Gläser [9]

- Geschlossene Formen

  • Fläschchen mit spitz ausgezogenem und tropfenförmigem Boden und Phiole mit spindelförmigem Körper

  • Fläschchen mit röhrenförmigem Körper

  • Kugelförmige Fläschchen

  • Fläschchen mit birnenförmigem und konischem Körper

  • Gebänderte Fläschchen

  • Tierförmige Fläschchen

  • Kohelröhren

  • Aryballoi

  • Flaschen

  • Kannen

  • Vierkantkrüge und Vierkantflaschen (Mercurfläschchen)

  • Formgeblasene Gefäße

- Offene Formen

  • Zylindrische Becher

  • Faltenbecher

  • Umgekehrt konische Becher

  • Doppelkonische Becher

  • Kugelförmige Töpfe, Urnen, Tiegel

  • Kugelförmige Becher

  • Kugelrunder Becher mit geometrischem Schliffsystem

  • Kelchförmig weit geöffnete Becher/Näpfe

  • Becher/Lampe

  • Kugelabschnittschalen

  • Teller

 

Geformte Objekte [5]

- Haarnadel; tordierte Stäbe

- Elemente von Wanddekorationen und Barren für Mosaikschalen

- Astragale

- Spielstein und spielsteinähnliche Einlagen

- Miniaturgefäße

 

"Dunkles Zeitalter"

Der Zeitraum von ca. 1000-800 v. Chr. gilt für unsere Kenntnisse über die antike Glasherstellung als so genanntes dunkles Zeitalter; erst im 8. Jahrhundert v. Chr. ist Glas wieder vielfach nachweisbar.[3]

 

"Schwere" Rippenschalen │ Italien │ 30-60 v. Chr.

Glasmuseum Hentrich Museum Kunstpalast, Düsseldorf

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Fertigprodukte als Luxusgläser

Durch die glashandwerkliche Technik des

  • Gießens

  • Formschmelzens

  • Pressens

  • Absenkens eines Glasfadens

konnten antike Glasmacher dicke, glattwandige Becher und vor allem die beliebten Schliffrillen- und Rippenschalen herstellen, wodurch sich bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. ein breites Spektrum an Formen und Techniken entwickelte.[3]

Dem hingegen gestaltete sich die Herstellung des frühen Mosaikglases aus kleinen buntern, nebeneinander gesetzten und dann miteinander verschmolzenen Glasstücken weitaus komplizierter, ebenso auch die anhand bunter, unterschiedlich aufgebauter Glasstäbe gestalteten Fertigprodukte als Luxusgläser [4], wie

  • Millefiorigläser
  • Reticellagläser
  • Achatgläser
  • Goldbandgläser.

 

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[1] KOCH 2011, S. 16-19.

[2] KRAMER 2021, S. 29.

[3] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 29-31.

[4] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 31.

[5] HONROTH 2007, S. 32-45.

[6] HONROTH 2007, S. 46-135.

[7] HONROTH 2007, S. 136-143.

[9] SCHLICK-NOLTE in HONROTH 2007, S. 12-31.

[10] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 29.

[11] mana = Gewichtseinheit.

[12] KOCH 2011, S. 16-19.

[14] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 29-31.

[15] Kartenausschnitt aus SIEGLIN 1903, S. 9.

[16] Levante - in der römischen Orientprovinz Syrien (Sidon = phönikische Stadt).

[17] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 32.

[18] WIESE 2001, S. 89 Abb.51, 94.

[19] Mesopotamien = Zweistromland - Land "zwischen den Flüssen" Euphrat und Tigris.

[20] RICKE 1995, S. 16.

[21] RICKE 1995, S. 20.

[22] Die Levante umfasst die Ostkste des Mittelmeers.

[23] Phönizier, ein semitisches Volk aus dem Libanon, handelten im gesamten Mittelmeerraum u. a. auch mit Glas.