Antikes Glas

Klaus A.E. Weber

 

Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast, Düsseldorf

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Antike Luxus- und Gebrauchsgläser

Die "Erfindung" und Entwicklungsgeschichte des künstlichen, amorphen spröden Werkstoffes Glas wird maßgeblich dem Vorderen Orient, Ägypten und der Ägäis zugeschrieben, mit ersten Glasgefäßen des 2. Jahrtausends v. Chr.

Hier wurde Glas wahrscheinlich zufällig entdeckt - beim Brennen von Töpferware durch die Verbindung kalkhaltigen Sandes mit Natron.

Die Archäologie Vorderasiens und Ägyptens belegt die Glasherstellung bis vor etwa 5.000 Jahren - aus den einfachen Grundstoffen Sand, Asche, Kalk.

Die ältesten archäologischen Funde von künstlich erzeugtem Glas – bunte Glasperlen aus ägyptischen Königsgräbern – werden der Zeit um 3500 v. Chr. zugeordnet.

Um 1500 v. Chr. werden in Ägypten, in der Levante und in Mesopotamien mit Hilfe der Kernformtechnik erste Hohlgläser hergestellt.

Die Erfindung der Glasmacherpfeife und des Glasschmelzofens revolutionieren die Glasherstellung und ermöglichen die Fertigung von dünnwandigem Hohlglas und von Flachglas.

Im gesamten Mittelmeergebiet verbreitete sich die Handwerkskunst

  • der Glasschmelze

  • des Glasblasens

  • des Glasformens

  • der glaskünstlerischen Veredelung.

Schließlich verbreiteten die Römer bis etwa 300 n. Chr. die Glasmacherkunst im westlichen und mittleren europäischen Raum, wie es römische Handelsgüter und Handelsrouten nachvollziehen lassen:

 

Römische Handelsgüter - Glas - und Handelsrouten

© Schweizerisches Nationalmuseum, nach A. Buonopane 2011

 

Antike "Glaschemie"

Nachweislich der Tontafeln aus der Bibliothek des Aššurbanipal wurde die bislang älteste überlieferte Anleitung für Glashüttenbesitzer mit Rezeptur für einfaches Glas niederschreiben:[10]

  • 10 mana [11] Sand 
  • 15 mana Alkali 

Alternativ finden sich folgende Mengenangaben in der Literatur:

  • 60 Teile Sand
  • 180 Teile Asche aus Meerespflanzen
  • 5 Teile Kreide

Antike Gläser erwiesen sich in der chemischen Analyse zumeist als Alkali-Kalk-Silikat-Gläser.

Europäische prähistorische, römische und mittelalterliche Gläser lassen sich anhand der prozentualen Anteile von

in verschiedene Gruppen von Alkali-Kalk-Gläsern differenzieren.[1]

Wie KRAMER [2] angibt, habe sich antikes Sodaglas zusammengesetzt aus

  • ~ 45 % Quarzsand

  • ~ 46 % Soda

  • ~ 8 % Kalk.

Zudem konnte Manganoxid (Braunstein) zur Erzeugung des beliebten farblosen Glases sowie Kupfer und Cobalt zur Glasfärbung zugesetzt werden.

 

Antikes Glas - Sammlung Ernesto Wolf: Glas aus vier Jahrtausenden

Antikes Glas wurde

  • kerngeformt und formgeschmolzen

  • gestrichen und gepresst

  • frei und in die Form geblasen

Das historische Landesmuseum Württemberg in Stuttgart verfügt mit der Glassammlung Ernesto Wolf (1918-2003) über eine der bedeutendsten Glassammlungen Europas - mit Gläsern aus vier Jahrtausenden.

Durch den Erwerb der Sammlung Ernesto Wolf zwischen 1991 und 2003 konnte das Landesmuseum seinen beachtlichen Bestand erweitern.

In einem Tonnengewölbe unter dem Alten Schlosses sind rund 700 gläserne Kostbarkeiten ausgestellt.

Somit ist das Haus in der einzigartigen Lage, die Glaskunst von ihren Anfängen in der Antike bis zum 19. Jahrhundert auf höchstem Qualitätsniveau zu präsentieren.

 

Katalog antiker Gläser

erstellt von Margret Honroth [8] anhand des Altbestandes vorrömischer und römischer Glasobjekte der Antikensammlung des Württembergischen Landesmuseums

 

Über einen Kern geformte Gefäße [6]

Von den Anfängen im Vorderen Orient und Ägypten zu Gefäßen des Mittelmeerraumes

  • Mediterrane Gefäße Gruppe I – spätes 6. bis frühes 4. Jahrhundert v. Chr.
  • Mediterrane Gefäße Gruppe II – III – 4. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr.

 

Über einer Halbform abgesenkte Gefäße [7]

- Offene Formen

  • Schliffrillenschalen
  • Rippenschalen
  • Hellenistische und späthellenistisch-frührömische Gefäße

 

Geblasene Gläser [9]

- Geschlossene Formen

  • Fläschchen mit spitz ausgezogenem und tropfenförmigem Boden und Phiole mit spindelförmigem Körper

  • Fläschchen mit röhrenförmigem Körper

  • Kugelförmige Fläschchen

  • Fläschchen mit birnenförmigem und konischem Körper

  • Gebänderte Fläschchen

  • Tierförmige Fläschchen

  • Kohelröhren

  • Aryballoi

  • Flaschen

  • Kannen

  • Vierkantkrüge und Vierkantflaschen (Mercurfläschchen)

  • Formgeblasene Gefäße

- Offene Formen

  • Zylindrische Becher

  • Faltenbecher

  • Umgekehrt konische Becher

  • Doppelkonische Becher

  • Kugelförmige Töpfe, Urnen, Tiegel

  • Kugelförmige Becher

  • Kugelrunder Becher mit geometrischem Schliffsystem

  • Kelchförmig weit geöffnete Becher/Näpfe

  • Becher/Lampe

  • Kugelabschnittschalen

  • Teller

 

Geformte Objekte [5]

- Haarnadel; tordierte Stäbe

- Elemente von Wanddekorationen und Barren für Mosaikschalen

- Astragale

- Spielstein und spielsteinähnliche Einlagen

- Miniaturgefäße

 

"Dunkles Zeitalter"

Der Zeitraum von ca. 1000-800 v. Chr. gilt für unsere Kenntnisse über die antike Glasherstellung als so genanntes dunkles Zeitalter; erst im 8. Jahrhundert v. Chr. ist Glas wieder vielfach nachweisbar.[3]

 

"Schwere" Rippenschalen │ Italien │ 30-60 v. Chr.

Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Fertigprodukte als Luxusgläser

Durch die glashandwerkliche Technik des

  • Gießens

  • Formschmelzens

  • Pressens

  • Absenkens eines Glasfadens

konnten antike Glasmacher dicke, glattwandige Becher und vor allem die beliebten Schliffrillen- und Rippenschalen herstellen, wodurch sich bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. ein breites Spektrum an Formen und Techniken entwickelte.[3]

Dem hingegen gestaltete sich die Herstellung des frühen Mosaikglases aus kleinen buntern, nebeneinander gesetzten und dann miteinander verschmolzenen Glasstücken weitaus komplizierter, ebenso auch die anhand bunter, unterschiedlich aufgebauter Glasstäbe gestalteten Fertigprodukte als Luxusgläser [4], wie

  • Millefiorigläser
  • Reticellagläser
  • Achatgläser
  • Goldbandgläser.

 

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[1] KOCH 2011, S. 16-19.

[2] KRAMER 2021, S. 29.

[3] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 29-31.

[4] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 31.

[5] HONROTH 2007, S. 32-45.

[6] HONROTH 2007, S. 46-135.

[7] HONROTH 2007, S. 136-143.

[8] HONROTH 2007.

[9] SCHLICK-NOLTE in HONROTH 2007, S. 12-31.

[10] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 29.

[11] mana = Gewichtseinheit.