GLAS │ Ein besonderes kulturhistorisches Erbe

 

Die Entstehung des Dorfes Hellental ist ohne die hoch- bis spätmittelalterliche bis hin neuzeitliche Glasherstellung im Umfeld des Hellentals nicht denkbar.

Allerdings sind hierzu sowohl die archäologischen als auch die archivalischen Quellen recht dürftig.

Glasmacher und ihre Familien stellten jahrhundertelang eine starke, weitgehend in sich abgeschlossene und ihre Betriebsgeheimnisse schützende soziale Gruppierung (Sippe) von produktbezogenen Unternehmern und Hilfskräften dar.

Vielfache und ausgedehnte Wanderbewegungen vollzogen die großen Glasmachersippen, wie die der Familien Gundelach und Wentzel.

Aus sozialhistorischer wie aus genealogischer Sicht ist es bemerkenswert, dass nur Söhne von Glasmacherfamilien als Auszubildende (Lehrlinge) in der Glasmacherkunst angenommen werden durften.[2]

Dadurch war über Generationen hinweg die technische wie manuelle Kunst der Glasherstellung das Privileg bestimmter Familien.

Zum einen waren sie untereinander eng verwandt („verschwägert”), zum anderen bildeten sie als Zunft eine Glasmacherhierarchie.[3]

Hierbei verweist BLOSS in einem Nebenaspekt, aber für Hellental besonders interessant, auf einen möglichen selektiv-generativen Zusammenhang zwischen Glasmacherkunst und Musikalität.

Tätigkeitsbedingt blieben Glasmacher meist unter sich und hatten dadurch kaum Gelegenheit, einen engeren Sozialkontakt zur einheimischen Bevölkerung zu entwickeln.

Bis weit in das 18. Jahrhundert hinein war es daher, bis auf wenige Ausnahmen, allgemein üblich, die Ehepartnerin oder den Ehepartner aus den eigenen Glasmacherreihen zu erwählen.

Diese wurde nach den ersten Jahren im Hellental von den Glasmacherfamilien zunehmend durchbrochen.

Insbesondere die Dorfbewohner*innen des nahe gelegenen Merxhausen sollen mehr und mehr mit der fremden Belegschaft der expandierenden Glashütte Steinbeke „verwoben“ worden sein.

 

Identitätsstiftende Kraft des Glases für die Region [1]

Die Dauerausstellung »SpurenSicherung │ Vom Wald zum Glas zum Dorf« zeigt, dass traditionell manuelle Glasfertigung ein Merkmal charakterisiert: Wissen, Geduld, Kreativität und Teamwork.

 

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Zeitreise durch die manuelle Glasfertigung – ein Immaterielles Kulturerbe der Menschheit

Vor rund 4.000 Jahren beginnt die Kulturgeschichte der manuellen Glasherstellung – neben bronzezeitlichem Glasschmuck veranschaulicht durch die ausgestellten Trink-, Schenk- und Vorratsgefäße.

Die Epochen-Stationen zeigen rund 120 mesopotamisch-levantinisch-ägyptische, etruskisch-griechisch-römische, mittelalterliche und neuzeitliche Form- und Verwendungstypen aus Glas und Keramik – zumeist originalgetreue Nachbildungen.

 

Hellental - Raum historischer Glasherstellung

Das glashistorische Erbe des Hellentals im Glaserzeugungskreis Solling mit seinen zahlreichen Waldglashütten, die Geschichte des Glasmacherortes und späteren Waldarbeiter- und Landhandwerkerdorfes Hellental sowie des gleichnamigen Grünlandtales ist seit jeher eng mit der historischen Holznutzung des Sollingwaldes verbunden.

Im Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen wird in dem historischen Ausstellungshaus Zeugnissen und Spuren von Glasmachern nachgegangen - zugewanderten Glasprofis im Umfeld des Hellen tals, dem Alten Tal der Glasmacher im Solling.

Bei einem Rundgang begegnen Sie den Wurzeln der faszinierenden „heißen Kunst” der manuellen Glasherstellung in dem abgelegenen Grenzraum des Hellentals im ehemaligen Weserdistrikt des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel - als um 1200 im "Aufbruch zur Gotik" [5] die Stadt- und Klostergründungen zu einem erhöhten Bedarf an verschiedenen Glaswaren führten.

In Vitrinen werden die wichtigsten und interessantesten Fundstücke sowohl der mittelalterlichen als auch der (früh-)neuzeitlichen Glashüttenstandorte präsentiert.

  • Vor 800 Jahren │ Frühphase │ Waldglashütten im "hölzernen Zeitalter"
  • Vor 400 JahrenHochphase │ Waldglashütten in Zeiten des Hexenwahns

Wie bei vielen anderen traditionellen Berufen, so war einst sozialgeschichtlich auch der Beruf der Glasmacher von Mobilität und Migration gekennzeichnet.

In dem wald- und wasserreichen Grenzraum des abgelegenen Hellentals, einem alten Kleinraum der Glasherstellung im Solling, erblühte seit dem 12./13. Jahrhundert die faszinierende "heiße Kunst" der manuellen Glasherstellung.

  • Auswahl von Befunden und Funden verschiedener Standorte mittelalterlicher bis neuzeitlicher Waldglashütten im Umfeld des Hellentals

  • Hellental als markanter Ort der Jahrhunderte währenden Glasgeschichte des Sollings - einem Kernraum europäischer Glasherstellung - mit frühesten Zeugnisse des archäologischen Sachguts mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Glashütten im "Alten Tal der Glasmacher".

  • Wanderarbeit von Waldgläsnern prägte einst die mittelalterliche und neuzeitliche Glasherstellung und -bearbeitung im Umfeld des Hellentals.
  • Ein mittelalterliches glastechnisches Highlight ist die Rekonstruktion eines relativ kleinen Glashafens (Glasschmelztiegel) einer Waldglashütte im Hellental um 1200.

  • Ein frühneuzeitliches glastechnisches Highlight ist die in ganzer Länge erhaltene Glasmacherpfeife (Eisen) einer Waldglashütte aus dem 1. Drittel des 17. Jahrhunderts.

  • Vor dem Hintergrund einer originalgetreuen Nachfertigung des Wanfrieder „Tellers mit dem Falkenmotiv“ von 1605 unterstreicht der besondere Bodenfund polychrom bemalter Werrakeramik mit Ritzdekor auf einer frühneuzeitlichen Glashütte weitläufige Handelsbeziehungen und den Wohlstand eines Hüttenmeisters im Hellental.

FORST erklärt: Waldglas – Wie in unseren Wäldern Glas hergestellt wurde │ Blogbeitrag vom 18. Mai 2025

 

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[1] KRAMER 2022d.

[2] nach einer Bestimmung des mächtigen hessischen „Gläsnerbundes”.

[3] BLOSS 1950.