❻ 17.-18. Jahrhundert

Klaus A.E. Weber

 

Höfische Pracht und Macht - Glas │ Fayence │ Porzellan

 

Barock - Zeitalter der Kontraste

Ausstellung des Schweizerischen Nationalmuseums Landesmuseum Zürich | 16.09.2022 - 15.01.2023:

Barock ist mehr als eine Frage des Stils.

Diese Kulturepoche zwischen 1580 und 1780 ist von großen Kontrasten geprägt:

Opulenz und Innovation auf der einen, Tod und Krisen auf der anderen Seite.

Andauernde Religionskriege und globaler Handel führen zu Machtgewinn und zu kulturellem Austausch, aber auch zu Hungersnöten und Ausbeutung.

Die Ausstellung präsentiert kostbare Objekte aus der barocken Architektur, Gartenkultur, Mode und Kunst und fokussiert dabei auf deren historischen Kontext, um diese schöpferische Epoche in ihrer ganzen Ambivalenz zu beleuchten.“

 

Neuzeitliche Epoche des "großen Theaterspielens"

Durch wachsende Ansprüche bei der adligen und gehobenen bürgerlichen Tafelkultur entwickeln sich Gläser verstärkt zu kostbaren Objekten der Repräsentation – vornehmlich an den Höfen absolutistischer Fürsten.

Als weit verbreiteter Gefäßtypus imponiert der großformatige Humpen, dessen Dekor mit Emailmalerei – neben Darstellungen des Handwerker- und Bürgerstandes - die Einheit, Macht und Ordnung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation beschwor.

Eine besondere Stellung nahmen im 17. Jahrhundert das massive Goldrubinglas und der effektvolle Glasschnitt ein.

Seit dem frühen 18. Jahrhundert kamen - mit Einführung des modischen Konsums der Heißgetränke Schokolade, Kaffee und Tee - konkurrierend Fayence-Tafelgeschirre wie auch solche aus (Hart-)Porzellan als führende keramische Erzeugnisse hinzu.

Neben den Glasmanufakturen entstanden hierbei auch Fayence-und Porzellanmanufakturen.

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts hielt kostbares Hartporzellan an den Fürstenhöfe seinen dominierenden Einzug.

Die Glaskunst, die in der vorherigen handwerklichen Generation für lange Zeit eine große Blütezeit erlebt hatte, wurde nun eher nachrangig.

Hierzu ein eindrucksvolles Beispiel aus dem Kunstpalast Düsseldorf:

֍ Zwischengoldglas-Dose

 

Becher │ Humpen mit polychromer Emailmalerei │ Nachbildungen

Als „Humpen“ gelten recht breite, ausgesprochen voluminöse Glasbecher ohne wesentliche Fußausprägung.

∎ Reichsadlerhumpen mit Pokaldeckel – Quaternionen-Adler ⎸ datiert 1716: Das heilige Römische Reich mit sampt seinen Gliedern Umschrift Pokaldeckel: Gott lasse nichts forthin zu trennen diese Bandt, So steht es wohl um dich, du liebes Teutsches Landt

∎ Kurfürsten-Humpen ⎸ Willkomm-Humpen ⎸16./17. Jahrhundert - Darstellung des deutschen (röm.) Kaisers mit sieben Kurfürsten: CHVR Trier ⎸CHVR Mentz ⎸CHVR Cöllen ⎸CHVR Sachsen ⎸CHVR Branten. B. ⎸CHVR │ Bemen ⎸CHVR Pfaltz

∎ Fränkischer Ständehumpen ⎸datiert 1653 ⎸Wappen der Schlosser/Hufschmiede ⎸Kristallglas │ SPPS * NOSTER * IN * DEO - mit Sinnspruch

∎ Humpen mit Wappen ⎸~ 18. Jahrhundert ⎸ Spessart

∎ Großer Römer │ Willkommbecher │ Beerennuppen │ Grünglas │ 18. Jahrhundert │ Deutschland

 

Fayence-Walzen-Krug (Bierkrug) │ Nachbildungen

Humpen aus „unechtem Porcellain“ mit Zinnmontierung (Reinzinn): ausladender Scharnierdeckel mit Gravur und Kugeldaumenrast

glänzende Zinnoxidglasur mit polychromen szenischen Bemalungen in Schaffeuerfarben (Unterglasurfarben): Manganviolett, Antimongelb, Kobaltblau, Kupfergrün, Eisenrot

∎ Berliner Fayence-Walzenkrug │ Architekturbild: Kirchdorf zwischen Palmen, 13 Farben │ Manufactur Menicus in Berlin │ um 1780

∎ Erfurter Fayence-Walzenkrug │ Musikant in zeitgenössischer Tracht auf Landschaftssockel zwischen Blüten und Blumenstaffage │ unbekannte Manufaktur │ frühes 18. Jahrhundert

∎ Potsdamer Fayence-Walzenkrug │ „unächte Porcellein-Fabrique“ in Potsdam │ um 1750

 

Steinzeug-Walzenkrug │ Nachbildung

∎ Walzenhumpen │ Steinzeug │ um 1700

 

Becher │ Römer │ Nachbildungen

∎ Barock-Becherlein │ Grünglas │ 17. Jahrhundert │ Deutschland

∎ Glastasse mit floral bemaltem Dekor │ farbloses Glas │ 18. Jahrhundert │ Böhmen

∎ Kleine Römer │ glatte Nuppen / Beerennuppen │ Grünglas │ 1624/1625 │ Hils

 

Kelchgläser│ Lauensteiner Trinkgläser │ Nachbildungen

∎ Kelchglas ⎸Stichblase im Fuß │ Region Hessen oder Lauenstein ⎸~ 1735

∎ Lauensteiner Gläser

  • Pokalglas │ blauer Lippenrand │ Empire ⎸um 1800 │ Osterwald

  • Portweinglas ⎸blauer Lippenrand │ Dekor: Spiegel-Monogramm „C“ für Herzog Carl I. │ Osterwald

  • Spitzkelch │ vergoldeter Lippenrand │ Rokoko ⎸ Jh.  ⎸Osterwald

  • Branntweinglas „Goethe-Glas“│ Stichblase im Fuß │ blauer Lippenrand │ Empire ⎸um 1800 │ Osterwald

 

Alpenländische Pilgerflasche

18. Jahrhundert │ Sankt Gilgen

 

Platt- und Kugelflaschen │ Taschentrinkflaschen │ Nachbildungen

∎ Wolfgangiflaschl │ Abbildung: Heiliger Wolfgang, Klause am Falkenstein │ kobaltblaues Glas, Zinn-Schraubverschluss │ alpenländische Pilgerflasche │18. Jahrhundert │ älteste Glashütte des Fürsterzbistums Salzburg (1701-1825) in Sankt Gilgen │ Neuauflage 1994

∎ Barocke französische Trinkflasche „Gourde“ │ Feldflasche, Nabelflasche │ ~ 1720-1730 │ Grésigne, Languedoc

∎ Kugelflasche mit Fadendekor │ Weinflasche │ kobaltblaues Glas │ Dekorfäden am Flaschenhals │ Längsfäden am Gefäßkörper │ ausgehendes 17. Jahrhundert │ Alpenraum , Südtirol?

∎ Kugelflasche „Gutter“ │ doppelt gestalteter Körper │ 16 Rippen vom Boden bis zum Hals │ türkis-blaues Glas │ 17. Jahrhundert │ Niederlande

∎ Zylindrische Flasche │ farbloses Glas mit Milchglasfäden │ 17. Jahrhundert

∎ Miniatur-Weinflasche │ bräunliches Glas │ hoheitliche Glasmarke mit bekröntem „C“ (Carl I.) │ um 1748 │ Hils

 

Ilmenau im Thüringer Wald:

Herstellung von Glas und Porzellan

Porzellanschale von 1973: "700 Jahre Stadt Ilmenau"

© Historisches Museum Hellental, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Weißes Gold und Glas in Ilmenau │ Thüringer Wald

Glas – und ein exzellenter Herzoglicher Hofglasschneider

Der 1723 in Weimar geborene Johann Heinrich Balthasar Sang stammte aus einer namhaften thüringischen Glasschneiderfamilie und siedelte als Glasschneider aus Ilmenau nach Braunschweig über, wo er von Herzog Carl I. 1747 zu seinem Herzoglichen Hofglasschneider berufen wurde.

Es erscheint sicher, dass Sang Glas von der fürstlichen Schorborner Glasmanufaktur in Braunschweig bearbeitete.

1776 kam Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) erstmals in die 1273 gegründete thüringische Stadt, wo er die Porzellan- und Glasherstellung förderte.

1777 wurde in der Bergstadt Ilmenau mit der Porzellanfabrikation begonnen und dauerte bis 2002 an – heute in der ESCHENBACH Porzellan GROUP mit der Marke „Graf von Henneberg“ vertreten (Porzellanwerk Triptis).

Die Ilmenauer Glasindustrie im Thüringer Wald hat eine lange Tradition.

Hier waren bereits über 30 Glashüttengründungen erfolgt, bis in Ilmenau 1675 die erste Hütte unter der Leitung des Glasmachers Elias Wenzel entstand, aber bereits 1679 geschlossen werden musste.

Ihr folgte 1731-1748 die zweite herrschaftliche Hütte.

Ab 1852 produzierte als vierte und erste erfolgreich betriebene Glashütte Ilmenaus die Sophienhütte bis zu ihrer Stilllegung 1991.

∎ Porzellanschale „700 Jahre Stadt Ilmenau“ │ 1973 (DDR)

∎ Goethe-Wasserglas │ 18. Jahrhundert │ Thüringen

 

Schmucklose "Wachtmeister" fürs Schnapstrinken

"Schlichte" Trinkgläser sind per definitionem nach HELLER [3] jene Gebrauchsgläser mit einer einfachen "brauchbaren gefälligen", teils robusten Form, die nur mundgeblasen und mit den Grundformen und Glasmacher-Werkzeugen vor dem Werkofen ohne Applikationen, Schliff oder Bemalung entstanden sind und ggf. Farbbandränder oder Spiralfäden integrieren.

Während der der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand in Norddeutschland mit breitem Formenspektrum ein spezieller Schnapsglastyp als volkstümliches Gebrauchsglas - der beliebte, kompakte und dickwandige "Wachtmeister".[1]

Das abgebildete mundgeblasene, kompakte, 11,8 cm hohe farblose Branntwein-Glas mit Hohlschaft (Blase), dicker, getreppter Fußplatte und trompetenförmiger Kuppa kann dem Solling als Entstehungsort zugeordnet werden, entstanden im Zeitraum um 1800.[1][2]

 

Schnapsglas vom Standardtyp "Wachtmeister"

Höhe: 11,8 cm

norddeutsch/Solling │ um 1800

Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

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[1] HELLER 2020.

[2] vergl. WIELAND 2020 Abb. 17, 18, 25.

[3] HELLER 2021.