NACH 1945 │ Zeiten kollektiver Amnesie
SH│OG4
Klaus A.E. Weber
"Alle waren still, so war es eben"
Nach 1945 dominierten das "laute Schweigen" wie auch die Komplizenschaft.
Es beginnt in Deutschland auch jene Zeit der "kollektiven Amnesie" [1], in der der Vernichtungskrieg des faschistisch-nationalsozialistischen Deutschlands kein Thema war - und die Nationalsozialisten noch für lange Zeit allgegenwärtig präsent waren, wohl auch in der hiesigen Dorf:Region.
Man verdrängte und stellte sich gern als "Opfer" dar, während dem hingegen andere hoffend dachten: "Den Nazi-Schweinen geht's nun an den Speck."
Nahe Berchtesgaden entdeckte am 09. Mai 1945 der Buchhändler aus Philadelphia und Angent des Counter Intelligence Corps der US-Armee Georg Allen (1920-1998) die Überreste der Besprechungsprotokolle Adolf Hitlers und seiner SS-Generäle (Lagebesprechungen von September 1942 bis April 1945) - "Ein Fund, der Geschichte schreiben sollte".[4]
„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.“[2]
„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“[5]
2025: „Diese Gesellschaft muss sich der Einsicht stellen, dass die Erzählung von der Überwindung der eigenen Gewaltgeschichte vor allem das war: Eine gut Story.“[3]

Hannoversche Presse │ 3. Jg. Nr. 19 │ 24. Januar 1948, S. 4.
"Der Umgang mit der Geschichte gegen die Nazi-Diktatur hat viele ideologisch gefärbte Variationen durchlaufen."[12]
Die ersten Nachkriegsjahre (1945-1949)
Zumindest zwei Themenfelder kennzeichnen mehr oder minder die Nachkriegszeit in Deutschland:
Überleben nach dem Kriegsende 1945
"Man hat versucht, was zu essen und zu trinken zu bekommen - und ein Dach überm Kopf. Das war das Primäre." [10]
Nach der Inflation um 1923 folgte die schwere Weltwirtschaftskrise von 1929, später 1945 die zweite Inflation und 1948 die Währungsreform.
Improvisation prägte den Alltag für Geflüchtete und Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg.
Überblick beim Freilichtmuseum am Kiekeberg:
- Küche der Heimatvertriebenen
-
Die 1950er-Jahre: Wohlstandbäuche - Vom Verzicht zum Überfluss
Kollektive Unschuld │ Kollektive Amnesie │ Komplizenschaft
Zugleich war es in Deutschland der Jahre 1945 bis 1949 auch ein Leben in Zeiten "kollektiver Amnesie" [1], in der, wie auch in den späteren Jahren
-
nie etwas gefragt wurde
-
nie etwas erzählt wurde
-
man nur Opfer und nie Täter*in war
- scheinbar alles vergessen wurde.
Die neuen Machthaber waren die alten
Fortbestand der Täter*innen-Struktur
Noch in der Studentenzeit des Autors während der 1970er Jahre wurde öffentlich skandierend folgende Slogans verwandt:
- "Das Ordnungsrecht geht alle, alte Nazis drehen dran!" [8]
Denn die so genannte Entnazifizierung war letztlich entgleist und die nationalsozialistische Vergangenheit längst nicht aufgearbeitet.
Der Jurist Hans Luther (1909-1970), der 1942 als Polizeikommandeur der Nationalsozialisten in Bordeaux die Résistance verfolgte und die Erschießung von 70 Geißeln angeordnet hatte, avancierte zum Frankfurter Richter – und vom Kriegsverbrecher zum Historiker.[9]
Der Marburger Jurist Professor Erich Schwinge (1903-1994), Doktorvater von Hans Luther, war trotz seiner NS-Vergangenheit 20 Jahre lang Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät und zeitweise Rektor der Philipps-Universität in Marburg.[9]
Erst nach 76 Jahren sollen 2021 mehrere juristische Standardwerke wegen ihrer nationalsozialistisch kontaminierten Herausgeberschaft umbenannt werden.[7]
ORTNER [7] schreibt über "Deutschlands braune Gesetzgeber":
"... Die Generation der Täter und die ihrer Nachfolger schlossen gewissermaßen einen generationsübergreifenden Pakt: eine Komplizenschaft, die auf konsequente Ausgrenzung, Strafverfolgung und Verurteilung verzichtete: Die Ära Adenauer - der große Frieden mit den Tätern, Mitläufern und Wegsehern.
In Ministerien und Gerichtssälen hielten ehemalige Parteigänger und Funktionsträger (der NSDAP) wieder Einzug, auch in den juristischen Fakultäten.
Alles bekannt - und wird doch vergessen."
„Mein Opa war ein Nazi“[14]
„In den Täterfamilien, so scheint es, lebt stattdessen ein Konglomerat aus Schuld und Scham, Schweigen und Verdrängen weiter.
Bis heute und trotz der 1968er-Bewegung.“
„Bis heute sei die postnationalsozialistische Gesellschaft stark von den Ereignissen der NS-Zeit geprägt“, sagt der Berliner Historiker Johannes Spohr.
„Das zeige sich unter anderem im Weiterleben von Ideologien, die im Nationalsozialismus essentiell waren.
Der Glauben, man habe diese Ideologien überwunden, versperrt den Blick für Kontinuitäten.“
„Nach Hitler. Die deutsche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.“
Das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn ist ein Museum zur deutschen Zeitgeschichte seit 1945.
"Nach Hitler" - Die deutsche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus │ Ausstellung 18. September 2024 - 26. Januar 2026
In der Ausstellung werden die unterschiedlichen Blicke der Generationen auf die nationalsozialistische Herrschaft beleuchtet.
Hierzu ein Zitat von Harald Biermann im museumsmagazin 1.2024:
„Zwischen Verdrängung und Beschäftigung, Betroffenheit und Gleichgültigkeit: Ambivalenzen durchziehen die deutsche Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur seit knapp 80 Jahren. Trotz grausamem Völkermord, verheerendem Weltkrieg und Millionen von Toten verklärte ein beträchtlicher Teil der Deutschen den Nationalsozialismus auch nach dem Ende der Diktatur 1945.
Während Mitte der 1950er Jahre noch knapp die Hälfte der Bevölkerung angab, ohne den Zweiten Weltkrieg wäre Adolf Hitler einer der größten Staatsmänner gewesen, erlangte zugleich „Das Tagebuch der Anne Frank“ große Bekanntheit.
Dennoch entstand in dieser Zeit – personeller und ideologischer Kontinuitäten zum Trotz – eine wehrhafte Demokratie, deren 75-jähriges Bestehen wir in diesem Jahr zu Recht feiern.
Auch in den nachfolgenden Generationen verhielten sich die Menschen höchst unterschiedlich zur nationalsozialistischen Diktatur.
Wie wirkmächtig etwa der lautstarke Protest der 68er-Bewegung tatsächlich war und inwiefern der staatlich propagierte „Antifaschismus“ die Menschen in der DDR persönlich prägte, beleuchten wir ab September 2024 in unserer Wechselausstellung „Nach Hitler.
Die deutsche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus“ im Haus der Geschichte.“
24. Mai 1949
Gründung der Bundesrepublik Deutschland
Die Etablierung der Bundesrepublik war ein Gegenentwurf zum Führerprinzip.[11]
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[1] Begriff von Dr. Angela Jannelli vom Historischen Museum Frankfurt, Kuratorin Stadtlabor "Schwierige Dinge" und Bibliothek der Generationen, in Einbeck am 04. November 2019.
[2] US-amerikanischer Geschichtsphilosoph GEORGE Santayana (1863-1952) in Jütte 1997, S. 11.
[3] Max Czollek (* 1987) / Hadija Haruna-Oelker (* 1980).
[4] DAHMS 2020.
[5] Primo Levi (1919-1987).
[6] Bildquelle: wikipedia.org/wiki/Entnazifizierung.
[7] ORTNER 2021.
[8] "Zeitzeichen" aus dem studentischen Hochschulprotest an der Mainzer Universität zur Mitte der 1970er Jahre.
[9] BÖKEL 2022.
[10] Rolf Hilbert, zitiert in STILLBAUER 2023.
[11] STEINMARK 2023.
[12] zit. in STERNBURG 2023.
[14] WITTENBERG 2024.