Wege zur Demokratie
Klaus A.E. Weber
֍ Woher kommt die Demokratie?
ARD/SWR planet schule, Sendung vom 15. Oktober 2019
„Wie viele andere Staaten ist die Bundesrepublik Deutschland eine Demokratie, in der politische Entscheidungen von gewählten Volksvertretern getroffen werden.
Die „Herrschaft des Volkes“ hat ihren Ursprung im Griechenland der Antike.
Aber wie ist diese Staatsform eigentlich entstanden?
Erste demokratische Prinzipien unter Solon
Im Jahr 594/93 vor Christus wird Solon in Athen zum „Archon“ gewählt, zum Amtsvorsitzenden.
Mit seiner einflussreichen Stellung hätte er Anspruch auf eine autoritäre Alleinherrschaft in Athen, doch er verzichtet darauf und entschließt sich, Athens Gesetze und Verfassung zu reformieren.
Solon setzt erste demokratische Bestrebungen um, die die Freiheit des Einzelnen, das Gemeinwohl und die politischen Mitbestimmung der Athener Bürger betreffen.
Eine neue Staatsform wird geboren
Nach Solons Reformen bricht in Athen zunächst wieder eine Periode der Tyrannenherrschaft an.
514 vor Christus wird ein Attentat auf den Tyrannen Hipparchos verübt, der Athen regiert.
In aller Öffentlichkeit wird er von Harmodios und Aristogeiton erstochen, die einer Verschwörergruppe gegen den Tyrannen angehören.
Nun muss über eine neue Führung Athens nachgedacht werden.
Der Staatsmann und Politiker Kleisthenes hat die Idee, dass das Volk „Demos“ die Herrschaft „Kratos“ in Athen übernehmen soll.
Aus diesen beiden Begriffen setzt sich der Name der neuen Staatsform zusammen: „Demokratie“.
Kleisthenes gilt als Begründer der „Attischen Demokratie“, der frühen Form eines politischen Systems, das auf dem Prinzip der Volkssouveränität beruht.
Das bedeutet: Nicht ein absoluter Herrscher, sondern das Volk bestimmt über die Verfassung.
Gleiches Stimmrecht - für alle?
Nach Kleisthenes Vorstellung sollen die Bürger Athens Mitglieder der Volksversammlung mit gleichem Stimmrecht werden.
Jeder von ihnen kann sich für ein Amt zur Wahl stellen. Sie sollen regelmäßig zusammenkommen, über gesellschaftliche Belange diskutieren, politische Entscheidungen treffen, Gesetze beschließen und Amtsträger wählen.
Aber das neue Recht gilt nicht für alle. Ausgeschlossen von den Versammlungen sind Frauen, Sklaven und Einwanderer.
Man geht davon aus, dass damals nur etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung am politischen Leben teilnehmen durften.
Das Ende der Demokratie im antiken Griechenland
Antipaotros, der Nachfolger Alexanders des Großen von Makedonien, besetzt 322 vor Christus den Hafen von Athen.
Athen wird Teil des mazedonischen Königreiches.
Staatsform ist von nun an die Oligarchie, die Herrschaft weniger Vermögender.
Die Ära der Demokratie im antiken Griechenland, die bis zu diesem Zeitpunkt fast 200 Jahre gedauert hat, geht zu Ende.
Dass die Demokratie später wieder aufblüht, ist den Schriften des Philosophen und Staatskundlers Aristoteles zu verdanken.
Aristoteles' Schriften
Aristoteles ist eigentlich ein Gegner der demokratischen Idee, denn er betrachtet sie als Herrschaft der ungebildeten Masse und befürchtet, dass die einsichtigen und tugendhaften Bürger in der Minderheit seien.
So könne - seiner Ansicht nach - kein Staat ordentlich funktionieren.
Aber gerade, weil Aristoteles so viele Bedenken hat, schreibt er seine Gedanken über die Staatsform „Demokratie“ nieder; so bleiben sie erhalten und überdauern fast zweitausend Jahre, in denen nicht das Volk regiert, sondern Monarchen und Feudalherren herrschen.
Aufklärung und moderne Demokratie
Im 17. Jahrhundert beschäftigen sich Philosophen wie Immanuel Kant, John Locke, Jean-Jacques Rousseau, und Charles Montesquieu mit einem neuen Menschenbild:
Die geistige Bewegung der „Aufklärung“ entsteht; der Mensch wird als freies und vernunftbegabtes Wesen betrachtet, das über sein Leben selbst bestimmen kann.
Die Philosophen der Aufklärung denken über Staatsformen nach, in denen niemand durch eine Obrigkeit unterdrückt wird.
Die Freiheit des Einzelnen soll gewährleistet sein und die öffentliche Ordnung zugleich aufrechterhalten werden.
Die Ideen der Aufklärung sind die Grundlage für moderne Staaten:
In England wird 1689 vom Parlament die Bill of Rights verabschiedet, ein Gesetz, das die Rechte des Parlaments gegenüber der Monarchie stärkt.
Die erste moderne Demokratie entsteht Ende des 18. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten von Amerika.“
Frühe Freiheitsbewegungen und Demokratieversuche in Europa
Die deutschen Freiheitsbewegungen dauerten von der Französischen Revolution (1789–1799) bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.
Dabei beschribt der „Vormärz“ jene Epoche der deutschen Geschichte, die zwischen der Julirevolution von 1830 und der Märzrevolution von 1848 liegt.
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Aufstände und Übergriffe ⎸ Bürgerwehren ⎸ Demokratische Bestrebungen
Wie EVANS [6] darlegt, waren es in den 1820er und 1830er Jahren bis 1848 „Repressionsregime, vor allem von Metternich in Wien gesteuert, um die demokratisch-revolutionären Bewegungen zu unterdrücken“.
Abbildung Frankfurter Rundschau 2023 [3]
Die Revolutionsjahre in der frühen Demokratiegeschichte
Ein fortwährender Kampf um Demokratie und Freiheit - frühe Demokratieversuche aus ihrer Zeit heraus im Streben nach Gleichberechtigung und Teilhabe
Wer in dem Jahrhundert 19. Jahrhundert „unterwegs ist, lernt bald, dass diese Revolutionen mitten im Raum stehen, dass sie wirklich alles verändert haben.
Die Welt nach 1848 ist eine ganz andere Welt als die Welt davor“.[4]
Einst Residenzschloss der Markgrafen/Großherzöge von Baden
heute Badisches Landesmuseum Schloss Karlsruhe │ Mai 2018
„Revolution! Für Anfänger*innen“
© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber
Revolutionen waren eine „eine Begegnung zwischen alten und neuen Kräften“.[4]
Wie sich auch an der sozialen Frage des 19. Jahrhunderts – Massenarmut und Proletarisierung – zeigen sollte, war im niedersächsischen Raum das bewahrende Moment stets stärker als das modernisierende.
Nur genügend großer äußerer oder innerer Druck förderte die Bereitschaft zu Reformen.[1]
Im 19. Jahrhundert – von der Restauration zur Reichsgründungszeit [2] - entwickelte sich ein langer, heftiger polyvokaler Kampf zwischen Demokratisierung und monarchistischer Herrschaft, wobei die Demokraten die Radikalen jener Zeit waren.
Im Juli 1830 kam es sowohl in Paris als auch in französischen Provinzen zur Revolution („Julirevolution“), einem Aufstand von Bürgern, Arbeitern, Intellektuellen und Studenten gegen die reaktionäre Bourbonen-Monarchie, die unter König Karl X. seit 1824 die Restauration des Absolutismus anstrebte.
Der französische König wurde bei der Julirevolution gestürzt.
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[1] HAUPTMEYER 2004, S. 102 f.
[2] Zusammenfassung bei SCHILDT 2000, S. 751-786.
[3] Frankfurter Rundschau Magazin 2023.
[4] HESSE 2023c: Historiker Christopher Clark in einem Interview mit Michael Hesse.
[6] EVANS in HESSE 2023d.