Drangsal und Nöte im Siebenjährigen Krieg (1756-1763)

Klaus A.E. Weber

 

Herzog Carl I. zu Pferd │ im Kriegsjahr 1758

Modell: Johann Christof Rombrich (1731-1794)

Museum August Kestner, Hannover [3]

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Am Vorabend der Französischen Revolution von 1789

Verheerung von Feldern │ Plünderung von Wohnungen │ Mißhandlungen

Im Siebenjährigen Krieg - dem „frühmodernen Weltkrieg" [1][2] von 1756 bis 1763 - kämpft das Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel unter Herzog Carl I. (1713-1780) eng an der Seite seines Schwagers, dem Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786).

Der Kriegsverlauf wirkt sich daher auch auf die innere Sicherheit des Herzogtums aus, wo ab 1757 gegnerische Truppen den Solling durchziehen.

Obgleich permanent miteinander konkurrierend, kämpfen während des Krieges Soldaten aus Hannover und Braunschweig gemeinsam gegen Soldaten der französischen Truppen, die auch Hannover besetzten.

Den verheerenden, globalen Krieg beenden am 10. Februar 1763 der Friedensschluss von Paris und am 15. Februar der Frieden von Hubertusburg.

 

Leute mit Puderperücke, Haarbeutel und Zopf,

Flinten mit Feuersteinschlössern und eisernem Ladestock –

blutigrote, brandqualmige Feuerfluten,

vom Westen zum Osten und vom Osten zum Westen

hingewälzt über das Weserbergland.

 

Frei nach Wilhelm Raabe │ „Hastenbeck

25. Kapitel [1889/1985, S. 199]

 

Die historischen Hintergründe, die zur Entstehung und zu dem wechselhaften, internationalen Verlauf des "Weltkriegs im 18. Jahrhundert" führen, sind sehr komplex.[1][2]

Der "frühmoderne Weltkrieg" gilt als "ein Konflikt mit globalen Dimensionen", der "Kriegsschauplätze und Konfliktlinien in Europa, Nord- und Südamerika, der Karibik, Afrika und Südasien" verband.[1][2]

Die österreichische Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) aus dem Hause Habsburg versucht gegen die Großmachtstellung von Preußen unter König Friedrich II. aus dem Hause Hohenzollern zu mobilisieren, indem sie König Georg II. (1683-1760) von England, zugleich Kurfürst von Hannover, zur Rüstung und Verteidigung im niedersächsischen Reichskreis auffordert.[4]

 

Maria-Theresien-Denkmal

Maria-Theresien-Platz in Wien │ 2019

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Während der Zeit des Krieges wird das unter Herzog Carl I. zu Braunschweig-Wolfenbüttel mit Königreich Preußen eng verbündete Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel 1757/1758 und 1760/1761 durch die französische Armee besetzt.

Nördliche Truppen der französischen Armee sind u.a. auch über das Weserbergland gegen Hannover vorgerückt und haben die kurfürstliche Stadt besetzt.

In der Folgezeit ziehen französische und preußische Truppen - gleichsam „im Wechsel" - auch durch die beschauliche ländliche Sollingregion, einem Aufmarschgebiet insbesondere für französische Truppen.

Zu der kriegsbedingten ökonomischen und finanziellen Krise reiht sich ein agrarkonjunktureller Einbruch mit der Folge eines weiteren Anstiegs der bereits nach 1740 drastisch erhöhten Nahrungsmittelpreise.[6][7]

 

Bettlerin [13] von Johann Christof Rombrich

Fürstenberg │ um 1760/1770 │ Neufassung 2005

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Die Untertanen im Krieg der Fürsten

Unter regionalhistorischer Perspektive skizziert der Historiker FÜSSEL [8] "Alltag und Erfahrung" in Stadt und Land in Südniedersachsen während des Siebenjährigen Krieges.

 

1757-1761 - Schreckenszeit in der Sollingregion

Alle Städte und Dörfer des braunschweigischen Weserdistrikts werden am 20. Mai 1757 verpflichtet, Proviant an die an der Weser stationierten Truppen abzuliefern.

Vom 18. Juni 1757 wird berichtet, dass eine aus nur 38 Soldaten bestehende, bei Corvey gesichtete französische Abteilung, bereits ausreicht, die von Generation zu Generation weitergegebenen Erinnerungen an den Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) zu wecken und die während dieser unheilvollen Zeit gesammelten schlimmen Erfahrungen wieder aufleben zu lassen.

Dabei sollen die Bewohner*innen an der Weser und des weiteren Hinterlandes eine geradezu panische Angst ergriffen haben, so dass sich die herzogliche Regierung veranlasst sieht, ihre Untertanen anzuweisen, Haus und Hof nicht zu verlassen.

Französische Truppen haben 1757 erstmals die Weser erreicht, die sie am 07. und 08. Juli bei Holzminden und Lauenförde überqueren und bei Holzminden ein Heerlager beziehen.

Nur wenige Tage später, am 13. Juli 1757, kommt es bei Arholzen zu einem Gefecht zwischen hannoverschen und französischen Einheiten.

In kleinen Truppen durchstreifen französische Soldaten die nähere Umgebung von Holzminden und damit auch die Sollingregion.

Dabei besetzen sie Gemeinde für Gemeinde und treiben hohe Kontributionszahlungen ein.

So plünden französische Soldaten u. a. auch die herzogliche Porzellanmanufaktur in Fürstenberg.

In der berühmt gewordenen Schlacht vom 26. Juli 1757 besiegt die französische Armee die vereinigte hannoversch-braunschweigische Armee bei Hastenbeck.

Das braunschweigische Land wird durch die französische Armee besetzt.[9]

In der Folgezeit werden daraufhin viele Gemeinden verheert und gebrandschatzt.

Im November 1757 übernimmt Herzog Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel (1721-1792) das Oberkommando und drängt das französische Heer zurück.

Am 27. Februar 1758 räumt die französische Armee das Oberwesergebiet, nachdem es vor Stadtoldendorf zwischen Franzosen und Hannoveranern erneut zu einem Gefecht gekommen war.

Am 01. August 1759 wird die französische Armee bei Minden geschlagen.

Selbstbewusst und stolz singen daraufhin die Braunschweiger am Ende der Schlacht:[10]

 

Hannoveraner und Hessen,

seid auch nicht vergessen,

doch die allerersten für und für,

lust’ge Braunschweiger das sein wir!

 

Auszug aus der Kartereproduktion: Archiv des HGV-HHM

 

"Nõ: 40. PLAN der ACTION, welche d. 15. Aug: 1761. zwischen einem Aliirten Hannöverischen und einem Königlich Französischen Corps bey ERRICHSBURG ohnweit Eimbeck vorgefallen.

Erklaerung derer Buchstaben.

a. Königlich Französisches Corps unter Commando des Vicomte de Belsunce, welches theils bey Wickensen, theils bei Hundesrück [Hunnesrück] gestanden und sich nach Uslar ziehen wollen, das Magazin dasebst zu bedecken.

b. Vorposten deßselben bey und in Markoltendorf, welche von einem Detachement des Lucknerischen Corps attaquiret und mehrentheils zu Kriegs-Gefangenen gemacht worden.

c. Hannöversche leichte Trouppen und Jäger von Freytagischen Corps [Freytag'sche Corps], welche das Belsuncische Corps angegriffen.

d. Aliirtes Hannöversches Corps unter Commando des Generals von Luckner, welches selbigem zu gleicher Zeit in die Flanque gefallen, wodurch das Belsuncische Corps genöthiget worden, sich nach Göttingen zu ziehen."[11]

e. Retraite deßselben durch den Sollinger Wald in die Gegend von Göttingen, auf welcher es von dem gegenseitigen Corps verfolgt worden und wobey das Schweitzer Regiment von Jenner [63e régiment d’infanterie] sehr gelitten und einige hundert Mann zu Kriegs-Gefangenen gemacht worden.

 

1761 - Das Schreckensjahr im Solling

Insbesondere gilt das Jahr 1761 als "Schreckensjahr" für die hiesige Region im Solling, wohin im Frühsommer französische Truppen über die Weser vordringen.[9]

Zu dem Kriegsjahr im Weserbergland sowie zum Gefechtsverlauf bei Neuhaus einschließlich archäologischer Funde wird auf die detaillierten Ausführungen von CREYDT/SCHAMETAT [12] verwiesen

Während das Vorjahr verhältnismäßig ruhig verlaufen war, durchziehen 1761 erneut französische Truppen den Solling.

Die französischen Truppen haben im Frühsommer 1761 bei Höxter über die Weser gesetzt und dringem von dort aus abermals auf braunschweigisches Territorium vor.

Am 05. August 1761 zieht zudem der französische General Belsunce mit 6.000 Soldaten durch den Solling in Dassel ein - und von dort aus nach Einbeck.

Daraufhin kommt es am 14. August zur Schlacht bei Markoldendorf, in welcher der General Johann Nikolaus Graf Luckner (1722-1794), der 1757 als Major in hannoversche Dienste eingetreten war, mit seinem Husarenkorps die französischen Truppen besiegt.

Doch bereits am 19. August ziehen zur Verstärkung weitere französische Truppen über Höxter, den Solling und Dassel nach Einbeck, wo sie 14 Wochen bleiben und plündern.

In der Nacht vom 13./14. September 1761 treffen im Solling auf einem Gefechtsfeld in der Nähe von Neuhaus braunschweigisch-hannoversche und französische Truppen aufeinander.

Brandschatzungen und Plünderungen kennzeichnen die regional überhand nehmende Kriegssituation.

Die Truppendurchzüge und Streifzüge im Land ziehenn jeweils Not und Elend gerade auch in der Landbevölkerung, bei den „kleinen Leuten“, hinter sich her.

In den folgenden Monaten gehen die Wogen des Krieges hin und her, wobei immer wieder die Gemeinden Kontributionen zu leisten haben und insbesondere die Folgen der „Beschlagnahme“ des gesamten Viehs die bäuerlichen Dorfbewohner*innen enorm schädigen.

In jenen Monaten wird den Bewohner*innen der weit umliegenden Dörfer das gesamte Vieh genommen.[15]

Erst Mitte November 1761 kann die französische Armee bis nach Uslar endgültig zurückgedrängt werden.

Ein halbes Jahr später, am 16. Juli 1762, fallen deren letzten Festungen Hann. Münden und Göttingen.

Das Kriegsende am 15. Februar 1763 wird überall mit Glockengeläut und Dankgottesdiensten gefeiert.

Die vielfachen militärischen Truppendurchzüge und Streifzüge ziehen jeweils Not und Elend auch in der Landbevölkerung - bei den „kleinen Leuten” - hinter sich her.

Die damit verbundene landwirtschaftliche und soziale Krise dauert auch nach dem Kriegsende im Braunschweiger Land fort und bedarf dabei auch die Dörfer Heinade und Merxhausen schwer.

In jenen Kriegsjahren trat auch in dem abgelegenen Sollingdorf Hellental eine große Hungersnot auf.

So wird hierfür beispielhaft über den Schulmeister Burghard Ludwig Stempel (1719-1794) in jenen Tagen berichtet, dass er seit drei Tagen keinen Bissen Brot mehr im Mund gehabt habe.[20]

Als nicht unbedeutend sollte es sich während des "frühmodernen Weltkrieges" erweisen, dass Hellental das entlegenste Dorf und damit "sicherste Dorf" des Kirchspiels Deensen war.

Hierher flieht 1761 der Deenser Pastor Carl Friedrich Spohr (1732-1809), als dessen Wohnhaus in Deensen von französischen Soldaten völlig ausgeplündert worden war.

Dabei wurde der Pastor auch gewahr, dass er von den französischen Soldaten als Geisel zur Eintreibung der Brandschatzgelder mitgenommen werden sollte.

Da er, wie er versprochen hatte, seinen Gemeindebezirk aber nicht verlassen will, sucht er Zuflucht im weit abgeschiedenen Arbeiterdorf Hellental, wo er solange bleibt, bis die Brandschatzgelder von Deensen aufgebracht waren.[15]

 

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[1] FÜSSEL 2022.

[2] Vortrag von Prof. Dr. Marian Füssel (Göttingen) am 16. März 2024 in Uslar: "Die besten Feinde, welche man nur haben kann"? Der Siebenjährige Krieg in Südniedersachsen.

[3] gezeigt in der Sonderausstellung „Hausgäste“ im Museum Schloss Fürstenberg vom 21. September 2024 bis 02. März 2025.

[4] Im Jahr 1756, zu Beginn des Siebenjährigen Krieges, wird in Salzburg der weltweit populäre Musiker und Komponist der Wiener Klassik, Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), geboren.

[6] JARCK/SCHILDT 2000, S. 581 f.

[7] HAUPTMEYER 1995.

[8] FÜSSEL 2024, S. 59-69.

[9] JARCK/SCHILDT 2000, S. 581 f.

[10] zit. in HOFFMANN 2004, S. 47 f.

[11] ANDERS 2004, S. 31; RAULS 1983, S. 116 ff.

[12] CREYDT/SCHAMETAT 2020.

[13] KRUEGER 2006, S. 11-13, 73-74: „Wackerhahnsche“ - Sagengestalt, Försterswitwe aus dem Solling und ehemalige Marketenderin.

[14] Auszug aus der Kartereproduktion: Archiv des HGV-HHM.

[15] RAULS 1983, S. 142.

[16] CREYDT 2020c, S. 37-90.

[20] LESSMANN 1984.