Solling - Einst Kernraum europäischer Glasherstellung

Klaus A.E. Weber

 

Glas und Glashütten der Sollingregion

Von den insgesamt ca. 591 historischen Glashütten in den Mittelgebirgen des Werra-, Leine- und Weserberglandes können nach der groben Periodengliederung von STEPHANN [27] ca. 265 mittelalterliche Glashütten der Phase I 800-1500 zugeordnet werden (Forschungsstand 2019).

Davon sind bislang 99 mittelalterliche Glashüttenstandorte im Waldgebiet des Sollings (37,4 %) lokalisiert worden.

Die ältesten Waldglashütten im Solling sind für das erste und zweite Drittel des 12. Jahrhunderts nachweisbar – im konjunkturellen Kontext mit dem Auf- und Ausbau romanischer Dorfkirchen, Entstehen neuer Märkte und Städte und der vermehrten Gründung von Klöstern und deren lichtmystischen Fensterverglasung.[34]

Wie STEPHAN [32] 2010 hierzu feststellt, stand der zu den wichtigen Glaserzeugungsgebietes zählende Solling „bislang hinsichtlich der Glasforschung ganz im Schatten des benachbarten Hils“.

Nach TACKE [36] sollen „Glashütten am Solling“ historisch zuerst 1397 in schriftlichen Überlieferungen erwähnt worden sein.

Während des 12./13. Jahrhunderts, wie auch erneut um 1400-1530 und dann vor allem im Zeitraum etwa 1600-1900 war der Solling mit seinen Laubmischwäldern und reichen Buchenbeständen eine bedeutende Glashüttenregion im Werra-, Leine- und Weserbergland.

 

9. Jahrhundert

Im Mittelalter waren aus Glas gefertigte Trink-, Schenk- und Vorratsgefäße kostbare Gegenstände des gehobenen Bedarfs

Mit Beginn des 9. Jahrhunderts fertigten Glasmacher erstmals inmitten der holzreichen Sollingforsten Rohglas, wahrscheinlich in Form von Holzascheglas.[33]

Die Rohglasmasse gelangte anschließend zum Standort deskarolingischen Reichsklosters Corvey an der Weser, wo sie weiterverarbeitet wurde.

▷ vergl. wikingerzeitliche Glasverarbeitung im frühurbanen Haithabu

 

12.-14. Jahrhundert

Mit mittelalterlichen Produktionsphasen seit etwa 1100/1150 [30] entwickelte sich dann im Weserbergland ein Kernraum europäischer Glasherstellung, das größte Glasmacherzentrum im nördlichen Mitteleuropa.

Grundsätzlich trifft es zu, dass in den dicht bewaldeten und wasserreichen Höhenzüge der Mittelgebirge Solling, Hils und Vogler mit seinem Umland Homburgwald und Burgberg regional differenziert im 12./13. Jahrhundert Glas erzeugt und zu Fenster- und Hohlgläsern verarbeitet wurde.

Vermutlich im Kontext einer verstärkten Kulturlanderschließung und Holzverknappung wurde um 1150/1200 „zu einem neuartigen Betriebssystem von Haupthütten mit 3 Öfen und Nebenhütten“ übergegangen.[24]

Nach STEPHAN [29] war gerade der Solling dann im 13./14. Jahrhundert „ein besonders wichtiges Glaserzeugungsgebiet“, mit erneuter Konjunktur um 1650.

 

16.-17. Jahrhundert

Im 16. /17. Jahrhundert erreichte das glasproduzierende und –verarbeitende Gewerbe der Waldglashütten seine Blütezeit und stellte eine nicht unbedeutende Einnahmequelle für waldbesitzende Grundherren (Landesherrschaft) dar.

Dabei erlebte nach STEPHAN nach dem 13./14. Jahrhundert die Glasherstellung im Solling in der Zeit um 1590-1650 eine erneute Konjunktur.[31]

Flaschen („Bouteillen“) und Trinkgläser blieben als Luxusartikel zunächst nur vermögenden Haushalten vorbehalten.

Nach und nach versorgten sich auch wohlhabende Patrizier und andere reiche Bürgerschichten mit allerlei Trink- und Scherzgläsern sowie mit emailbemalten Humpen für besondere Anlässe.

Als Glasdekore dienten (Beeren-)Nuppen, farbige Ränder, Glasfäden und -bänder.

Hergestellt wurden zudem prunkvolle Gläser für den Adel und wohlhabende Bürger, Gebrauchsglas für Haushalte und Spezialgläser für Alchemisten und Apotheker.

Neben farbigem Flachglas – als Fensterglas für Kirchen - stellten die künstlerisch versierten Glasmacher in serieller oder Einzelfertigung einfache Trink- und Schenkgefäße her, aber auch technisch diffizile, verfeinerte und ästhetisch reizvolle Hohlgläser zum repräsentativen höfischen und kirchlichen Gebrauch.

 

18. Jahrhundert

Während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts veränderte sich das Glashüttenwesen deutlich, indem technologisch weiterentwickelte und auf größeren Glaswarenabsatz orientierte, ortsfeste Manufakturen errichtet wurden.

Zeitnah nebeneinander wurden 1744 im Auftrag des Herzogs Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel planmäßig drei fürstliche Glas- und Spiegelhütten als Glasmanufakturen („Glasfabriken“) gegründet:

  • im Solling die „Weiße“ Hütte (Fürstliche Hohl- und Tafelglashütte) am "Schornborner Teich" (Schorborn),
  • am Ith die „grüne“ Bouteille-Hütte "unterm Renneberg bey Holtensen" (Holzen),
  • im Hils die Spiegelhütte am grünen Plan (Grünenplan).

 

Transdisziplinäres "Waldglasprojekt" 2014 – 2018

 

Holzkonsumierende Glaserzeugung

Die Laubwald (Buchen, Eichen) abholzenden Waldglashütten trugen einerseits zum "Waldraub" (vornehmlich durch die Pottaschengewinnung) bei, andererseits aber auch zur Schaffung landwirtschaftlicher Nutz- und Siedlungsflächen.

Die sozial-, wirtschafts-, umwelt- und kulturgeschichtliche Entwicklung des im nördlichen Solling gelegenen Hellentals - wie die Gründung des gleichnamigen Bergdorfes selbst – ist eng mit der historischen Waldnutzung im Hinterland des (braunschweigischen) Sollings verbunden.

Der Solling - „Waldgebiet 2013“ - weist heute eine Flächengröße von rund 440 km² auf.

1823 umfasste der braunschweigische Teil des Sollings ein herrschaftliches Waldareal von 12.592,25 ha.[17]

Um die holzwirtschaftliche Nebennutzung der ausgedehnten Sollingwälder [18] und deren ehemals als unerschöpflich geltenden Holzressourcen konkurrierte das traditionelle, energieintensive Spezialgewerbe der ländlichen Glasmacherkunst mit

  • der Waldbeweidung │ Hutewald

  • der herrschaftlichen Jagd

  • der Bau- und Brennholzgewinnung

  • der Salzsiederei

  • dem Erzabbau und der Metallverarbeitung

  • der Meiler-Köhlerei.[19]

Umwelthistorisch gesehen, blieb deren intensiver Holzkonsum nicht ohne Auswirkungen auf das Ökosystem des Sollings.

Die mit den Gewerben einhergehende pionierartige Landerschließung könnte zugleich auch zur Veränderung der Wald-Feld-Grenzen im Hellental mit Entstehen landwirtschaftlich nutzbaren Grün- und Ackerlandes beigetragen haben, wie es die von Johannes Krabbe erstellte „Sollingkarte“ von 1603 nahe legt.[20]

Neben dem traditionellen Waldgewerbe der Köhlerei, so ist auch das alte Glasmacherhandwerk typisch für ein nicht-zünftiges Gewerbe ohne festen siedlungsspezifischen, aber an Rohstoffe gebundenen Standort.

Glasmacher wanderten daher vormals dem Holz nach und legten häufig ihre einfachen Glashüttensiedlungen abgelegen in großer Entfernung zu den nächsten dörflichen oder städtischen Siedlungen an.

Deshalb wie auch durch den Produktionsablauf bedingt, bestand bei den Glasmachern stets eine enge Verknüpfung zwischen dem Familien- und Arbeitsleben.

Erst im 17. Jahrhundert dürfte manche Glashütte bereits einen weiler- bzw. dorfähnlichen Siedlungscharakter entwickelt haben.

Vermutlich wurden die einfachen Wirtschafts- und Wohngebäude auf Grund des zeitlich absehbaren Standortwechsels aus örtlich verfügbarem Laubholz errichtet.[21]

Diese frühen „fliegenden“ oder „Wanderglashütten“ hatten noch nichts mit den späteren neuzeitlichen ortsfesten Manufakturen gemein.[23]

Durch den immensen Holzverbrauch wurden die Glashütten, ursprünglich aus dem Spessart kommend, immer weiter in nördliche Waldgebiete verlegt, schließlich auch in das Weser-Leinebergland und somit in den Solling und in das Hellental.

Die Dauer der Produktion einer Glashütte an gleicher Stelle richtete sich primär nach der grundherrlichen Konzession und dem Verbrauch der distanznah verfügbaren Ressource Holz.

Hauptsächlich der bei der Glasherstellung erforderliche Alkalizusatz in Form von Holzasche (später Pottasche) und der Holzverbrauch zur Ofenfeuerung führten schließlich zu großen Verlusten im Holzbestand der Wälder.

Nach STEPHAN habe eine normal große, Holzascheglas fertigende Glashütte des Mittelalters nach etwa 20-30 Jahren theoretisch in ihrem Umfeld eine Waldvernichtung im Durchmesser von über 1.000 m zur Folge gehabt.

Im Laufe des 13. Jahrhunderts und erneut im 16. Jahrhundert sei im Solling eine Holzverknappung aufgetreten.

Im 18. Jahrhundert wurde durch allmählich weniger werdende Glashüttenbetriebe vornehmlich Gebrauchsglas produziert.

Durch Zusätze von Glasmacherseife, Kalk und Blei waren die Glasmachermeister bestrebt, farbloses Glas herzustellen.

 

Früh-, hoch- und spätmittelalterliche Glashütten im Solling

Folgt man dem DBU-Forschungsbericht [28], so sei es im Mittelalter für das Weserbergland typisch gewesen, dass die Glasmacher im Schwerpunkt Fensterglas und nur in geringem Umfang Glasgefäße gefertigten.

Wie STEPHAN/MYSZKA/WILKE [25] hierzu ausführen, zeitigten zahlreiche Kirchenneubauten und Klosterneugründungen, wie beispielsweise in Amelungsborn, ab etwa 1128 einen erheblichen Bedarf an hochwertigen Fenstergläsern und Lampen.

 

Siedlungen auf Zeit

Ausweislich der exzellenten Karte des Sollings von 1603 ist der Solling im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert ein sehr umfangreiches bewaldetes Gebiet mit damals dominierendem Bewuchs mit Laubbäumen, im Süden mit Eichen, im Norden mit Buchen.[16]

Zudem ist der braunschweigische Anteil im Westen ein wichtiges herzogliches Jagdgebiet.

In diesem ausgedehnten Waldgebiet stellten die Glashütten als „isoliert liegende Industrieanlagen“ eine „stetig wechselnde Erscheinung“ im Glasgewerbe des Sollings dar.[13][15]

Nach neueren archäologischen Ausgrabungen und Untersuchungen konnte im Jahr 2015 am Südrand des Sollings auf Königsgrund eine Waldglashütte des 9. Jahrhunderts (Karolingerzeit) lokalisiert werden - im historischen Kontext mit der Glasverarbeitung in den baubezogenen Corveyer Klosterwerkstätten.[3]

Somit dürfte die Waldglashüttenzeit etwa 300 Jahre älter sein als bislang in der Fachwelt angenommen wurde.

 

Prof. Hans-Georg Stephan (Mitte) und Grabungsleiter Radoslaw Myszka

auf der Grabungsfläche der hochmittelalterlichen Glashütte „Am Wiegelweg“

Holzmindetal │ Dezember 2018

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

9. Jahrhundert

Karolingische Waldglashütte auf Königsgut am Solling

Unter Hinweis auf eine Glaswerkstatt des letzten Viertels des 8. Jahrhunderts in der karolingischen Königspfalz in Paderborn, wurde davon ausgegangen, dass in karolingischer Zeit als Flussmittel Holzasche anstelle der älteren Soda-Kalk-Beimengung eingeführt wurde - jedoch ohne entsprechenden Glashüttenbefund.[22]

Nun konnte die frühmittelalterliche Waldglashütte im Kreickgrund auf Königsgut am östlichen Sollingregion - am Waldrand im Kreickgrund zwischen Bodenfelde und Polier - archäologisch nachgewisen und anhand lokaler Gebrauchskeramik dem 9. Jahrhundert zugeordnet werden.[3][14]

Das Freilegen dieser Waldglashütte belegt, dass bereits in der Karolingerzeit mit der anspruchsvollen Glasverarbeitung in der Sollingreion begonnen wurde.[4]

Es konnten engräumig drei, eher kleine Öfen - Hauptofen als Schmelz- und Arbeitsofen, zwei Nebenöfen (davon ein Kühlofen) - der karolingerzeitlichen Waldglashütte an einem kleinen Bachlauf freigelegt werden.

Ein in Scherben geborgener, aus gelblichem Ton gefertigter Glashafen von 0,75 Liter Volumen wurde geborgen und nahezu wieder komplett zusammengesetzt; daneben fanden sich weitgehend erhaltene, sehr kleine Häfen.

In größerer Anzahl konnten grüne wie auch blaue Glastropfen sowie keine Fragmente Rohglas geborgen werden, ergänzt durch den einzigartigen Fund eines vollständigen, nur an der Oberfläche angegriffenen Glättglases (Glätter) aus grünlichem Glas.

Die frühmittelalterliche Waldglashütte kann in Verbindung mit der nahegelegenen Reichsabtei Corvey/Weser mit karolingischer Hauptaufbauphase (822–885) gesehen werden, zumal das Benediktinerkloster 833 Königsgut in Bodenfelde besaß.[4]

 

Sanft ansteigendes Rumohrtal mit dem Holzminde-Bach

zwischen Neuhaus-Fohlenplacken und Holzminden

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

1. Hälfte 12. Jahrhundert

Nachweis zweier romanischer Glashütten im nordwestlichen Solling

Nach STEPHAN und MYSZKA (2018) habe sich "inzwischen herauskristallisiert, dass im Tal der Holzminde eine in Niedersachsen in ihrer Art und Weise einzigartige frühe Waldglashüttenlandschaft des 12. Jahrhunderts verborgen ist, die europaweit ihresgleichen sucht".

Im Nordwestsolling - Ausgrabungsstellen im Rumohrtal zwischen Neuhaus-Fohlenplacken und Holzminden [1] - konnten die Produktionsstätten zweier hochmittelalterlicher Waldglashütten archäologisch untersucht und anhand der Gebrauchskeramik in die Zeit um 1100-1150 datiert werden.⦋2⦌[16][18]

  • Waldgashütte „Am Wiegelweg“

Die Glasmacher errichteten ihre Glasöfen aus arbeitstechnischen Gründen recht eng beieinander auf einer Fläche von 8,5 × 6 Metern.[24]

Die vorherrschenden gebrauchskeramischen Grundformen und die Herstellungstechnik der Fragmente der traditionell eher grob, reduzierend weich bis hart gebrannten Irdenware weisen in die 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts.

 

Romanische Waldglashütte "An der Holzminde"

Gebrauchskeramisches Fundmaterial

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Als Produktionskeramik imponieren mehrere, unterschiedlich große Glashafen-Fragmente mit variierender Wandungsstärke.

Die hauptsächlich gefundenen, unterschiedlich großen Flachglas-Fundstücke bestehen vornehmlich aus verschieden farbigem Kali-Blei-Glas: (smaragd-)grün, blau, rot, gelb-bräunlich und fast farblos.

In den Waldglashütten um 1100–1150 wurden bleihaltige Holzaschegläser, vornehmlich farbige Fenstergläser, gefertigt.[4]

 

Hochmittelalterliche Waldglashütte „Am Wiegelweg“ im Holzmindetal

Flachglas-Fragment mit „Marmoreffekt“ │ Dezember 2018

Smaragdgrünes Fensterglas ausgeprägten roten Schlieren

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Das Flachglas (Fensterscheiben) ist wahrscheinlich im Zylinderblasverfahren unter Weiterverarbeitung im Streckofen hergestellt worden.

Außerordentlich gut erhaltene Glasfragmente mit "frischer" Farbigkeit und großer Klarheit der Glasmasse legen nahe, dass es sich hierbei um "Kaliglas" (Kaliumcarbonat = Pottasche als Flussmittel) handelt, welchem in hoher Dosierung Bleioxid zugesetzt worden war.

 

Archäologisches Grabungsfeld der romanischen Waldglashütte „Am Wiegelweg“

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Mehr-Ofen-Anlage "An der Holzminde"

Die romanische Waldglashütte an der Holzminde bestand als Mehrofenanlage aus 5–6 technischen Glasöfen:

  • Schmelz- und Arbeitsofen
  • Streckofen zur Fensterglasfertigung
  • Kühlofen
  • Frittofen
  • Metallschmelzofen.

 

Romanische Mehrofenanlage "An der Holzminde"

Glasschmelztiegel auf der Hafenbank der Schmelzkammer mit Feuerungskanal

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

In der hochmittelalterlichen Waldglashütte wurden hochwertige romanische Holzasche-Blei-Mischgläser als Buntglas erzeugt.

So fanden sich im Fundmaterial grünes Hohlglas mit roten Schlieren, qualitativ hochwertiges dünnwandiges hellblaues Hohlglas mit feiner opakweißen Fadenauflage, Glasringe und Glasperlen (Glasköpfe) wie auch grünes iund blaues Fensterglas.

Vermutlich wurde das bunte Fensterglas für das ehemalige Benediktinerkloster mit karolingischem Westwerk - das Kloster Corvey - gefertigt.

Zudem ist für die Zeit um 1100-1200 das kaum eine Tagesreise entfernte Benediktinerkloster Helmarshausen mit seinen Kunstwerkstätten in die Überlegungen einzubeziehen.[24]

 

Rekonstruierte Mehrofenanlage der romanischen Waldglashütte "An der Holzminde“

September 2018

© [hmh, Foto: Christel Schulz-Weber

 

Mehr-Ofen-Anlage „Am Wiegelweg“

Als größter und am besten erhaltener Standort gilt nach STEPHAN und MYSZKA (2018) die Hüttenanlage „Am Wiegelweg“, wobei die Glasöfen eine ähnliche streng geregelte Anlage wie auf der Glashütte "An der Holzminde" ausweisen.

 

Fundmaterial aus der romanischen Waldglashütte "Am Wiegelweg"

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Der Hüttenbetrieb der Zeit um 1120-1150 weist neben dem Schmelzofen mehrere Nebenöfen auf:

  • Frittofen - zur Fertigung eines Vorproduktes - der Fritte,
  • Streckofen - zur Herstellung von Fensterglas im Zylinderblasverfahren
  • Kühlofen - zum langsamen Herunterkühlen der Produkte.

Neben dem mutmaßlichen Schwerpunkt der Produktion auf hochwertigen bleihaltigen Kalium-Gläsern sei auch Holzascheglas hergestellt worden.

 

Mehrofenanlage „Am Wiegelweg“ im Holzmindetal │ Dezember 2018

Innenseitig tief blau verfärbtes Glashafen-Fragment

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Wie bei beiden Waldglashütten sei es "sehr wahrscheinlich, dass die Häufung der ungewöhnlich alten Glashütten und deren Fokus auf der Fertigung von Fensterglas mit dem nahegelegenen ehemaligen Reichskloster Corvey zusammenhängt, welches über reiche Besitzungen im Umfeld und Waldrechte im Solling verfügte".

STEPHAN und MYSZKA (2018) gehen davon aus, dass diese archäologischen Entdeckungen ein "helles Licht auf die Technik der Glasmacher" werfen und "neue Einsichten bezüglich des weltberühmten Kompendiums der technischen Künste, welches wahrscheinlich im nahen Helmarshausen entstand" ermöglichen (Theophilus Presbyter, möglicherweise Rogerus von Helmarshausen: „De diversis artibus“).

Zu den höchsten Leistungen der mittelalterlichen Kunst zählen wertvolle farbenfrohe Bildfenster, wobei die beiden hochmittelalterlichen Glashütten gut 100 Jahre vor den ältesten am Bau erhaltenen Farbglasfenstern in Niedersachsen (z. B. in Bücken bei Bremen, Goslar, Amelungsborn) arbeiteten.

 

1. Hälfte 15. Jahrhundert

Eine spätmittelalterliche Waldglashütte im Solling bei Bodenfelde, die Waldglashütte im Reiherbachtal der Zeit um 1420-1450, gilt als eine „Hütte mit einer Spezialisierung auf Flachglas und einem durchaus respektablen Farbglasanteil“.[35]

 

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[1] Seit 2012 werden Ausgrabungen und Forschungen zu mittelalterlichen Waldglashütten im Solling von Prof. Dr. Hans-Georg Stephan und Radoslaw Myszka als Grabungsleiter durchgeführt; seit 2017 besteht ein neuer Fokus auf frühe Hütten bei Holzminden.

⦋2⦌ KRAMER 2018d, S. 12-15.

[3] STEPHAN 2015a, S. 4-8.

[4] STEPHAN 2020. S. 125.

[5] LEIBER, CHRISTIAN: Überfall auf eine Waldglashütte im Hils bei Grünenplan während des Dreißigjährigen Krieges. In: GÄRTNER, TOBIAS, STEFAN HESSE, SONJA KÖNIG: Von der Weser in die Welt. Festschrift für Hans-Georg Stephan zum 65. Geburtstag. Alteuropäische Forschungen. Arbeiten aus dem Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Neue Folge 7. Langenweißbach 2015, S. 277-290.

[6] Vortrag beim Kulturnachmittag des Heimatpflege- und Kulturvereins Schorborn-Schießhaus am 13. November 2015 in Schorborn: Die Waldglashütten im Nordsolling, Referent: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental.

[7] LEIBER 2017, S. 61-70.

[8] LEIBER 1994, S. 24.

[9] LEIBER 2004, S. 111; ALBRECHT 1991.

[10] HENZE 2004, S. 99; TACKE 1969.

[11] WIRTSCHAFT "Region mit Zukunft" - Hameln, Bad Pyrmont, Holzminden, Springe, Rinteln, Stadthagen, Bückeburg. Ausgabe Juli 2015, S. 7.

[12] KRAMER 2017b, S. 22-23.

[13] REDDERSEN 1934, S. 112-115, 141.

[14] Untersuchungszeitraum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Prof. Dr. Hans-Georg Stephan) 2012-2015/16.

[15] TACKE 1943, S. 22-24.

[16] ARNOLDT/CASEMIR/OHAINSKI 2004, S. 16, 19-23.

[17] TACKE 1943, S. 52.

[18] KOCH 2007, S. 130-143; STEPHAN 2010, S. 133-143.

[19] STEPHAN 2010, S. 133.

[20] Faksimilierte Sollingkarte von 1603 [ARNOLD/CASEMIR/OHAINSKI (Hg.), 2004 [NLA WO, K 202 Blatt 8, 11].

[21] LEIBER 1994, S. 36-37.

[22] BERGMANN 2008, S. 1-3.

[23] TACKE 1943, S. 92.

[24] STEPHAN/MYSZKA/WILKE 2018, S. 309.

[25] STEPHAN/MYSZKA/WILKE 2018, S. 328.

[26] DBU: „Inhalt des Projekts war die modellhafte Bergung, Versorgung und Konservierung umweltgeschädigter archäologischer Kaliumgläser. Archäologen und Restaurierungswissenschaftler wollten gemeinsam Erfahrungen gewinnen und Richtlinien erarbeiten. Die einzigartige Häufung von lokalisierten Waldglashütten im Weserbergland bot eine hervorragende Basis. Bei der Analyse der Fundstellen stand die Frage der Einbettung in die historische Ökologie und die Ressourcennutzung im Wandel der Zeit ebenso im Blick-feld wie die akute Bedrohung der Fundstätten und der hochempfindlichen Waldgläser durch Umwelteinflüsse und moderne Bewirtschaftung.

[27] aktualisiert nach STEPHAN 2022, S. 49 Tab. 1 - zuvor: STEPHAN 2010, S. 507; STEPHAN 2013, S. 6-9; STEPHAN 2014; DBU 2018, S. 24 Tab. 1; STEPHAN 2020, S. 133 Tafel 1; STEPHAN 2022, S. 127 Tafel 1.

[28] DBU 2018, S. 35.

[29] STEPHAN 2010, S. 516.

[30] STEPHAN 2022, S. 128.

[31] STEPHAN 2010, S. 516; STEPHAN 2022, S. 128.

[32] STEPHAN 2010, S. 138.

[33] STEPHAN 2022b, S. 54.

[34] STEPHAN 2022b, S. 57.

[35] STEPHAN 2022b, S. 59-60.

[36] TACKE 1943, S. 92.