Objektgruppe Keramik │ Glashütte "Oberes Hellental"

Klaus A.E. Weber

 

Technische Spezialkeramik

Beerennuppen-Stempel

Als besonderes, weil eher selten auffindbares keramisches Glasmacherwerkzeug trat ein stabförmiger Tonstempel mit Beerennuppen-Negativ an beiden Enden hervor.

Der aus feuerfestem, weiß brennendem Hafenton hergestellte Beerennuppen-Stempel wurde auf dem Schaft von Römern ein dekoratives Muster mit Beeren-Nuppen appliziert.

 

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

∎ Feuerfester Beerennuppen-Stempel aus Hafenton

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

© Dokumentation der Archäologischen Denkmalpflege des Landkreises Holzminden (Kreisarchäologie).

 

Kühlgefäße

Weitere produktionstechnische Relikte sind vereinzelt aufgefundene Boden- und Wandungsscherben von Kühlgefäßen, bestehend aus rötlichem, mit Glimmer gemagertem Ton.

 

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

∎ Auswahl gebrauchskeramischer Fragmente (Abfallhalde)

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Ofenkeramik

Schüsselkachelofen

Bruchstücke einfacher, irdener Schüsselkacheln mit grüner Innenglasur belegen einen renaissancezeitlichen Kachelofen in einem Wohngebäude - Stubenofen der Familie des Hüttenmeisters.

Auch traten Fragmente von Ofenkacheln mit brauner Innenglasur auf.

Da von einer längeren Standzeit eines Stubenofens auszugehen ist [4] , darf durch diesen Beleg eine mehrjährige Produktionszeit der frühneuzeitlichen Glashütte angenommen werden.

 

Gebrauchskeramik │ Irdenware und Steinzeug

Im milchwirtschaftlichen Kontext: Irdene Rahmschüsseln/Käseformen

Mehrere Bruchstücke von Spezialgefäßen irdener unglasierten Rahmschüsseln oder Käseformen (Bodenfragmente mit Löchern) erinnern an die vorindustrielle Milchverarbeitung bei wahrscheinlich landesherrlich erlaubter Viehwirtschaft auf der entlegenen, frühneuzeitlichen Glashütte im Solling.

Demnach wurde aus Rohmilch - wohl primär aus Kuhmilch, ggf. auch aus Milch vom Schaf oder von der Ziege - auf der entlegenen Waldglashütte im oberen Hellental zu Beginn des 17. Jahrhunderts das Endprodukt Käse hergestellt.

 

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

∎ Unglasiertes Bodenfragment einer milchwirtschaftlichen Irdenware

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Neben regional- und zeittypischen Hohlglasgefäßen ist scheibengedrehte, glasierte und bemalte Irdenware als Koch- und Tafelgeschirr, aber auch Steinzeugware zu erwähnen.

Neben glastechnischen Bodenfunden traten bei der nur orientierend erfolgten Untersuchung der Abfallhalde auch gebrauchskeramische Relikte zu Tage:

  • Bruchstücke irdener Haushaltsgefäße - Pottlandkeramik│Duinger Steinzeug,

  • Irdenware der landläufigen "Weser-Keramik"

  • der besonderen renaisancezeitlichen Werra-Keramik│Wanfrieder Irdenware.

Zur Alltagskultur der frühneuzeitlichen Hüttenbewohner im Solling zählte die in Töpferwerkstätten zwischen Weser und Leine in Keramikbrennöfen massenhaft hergestellte „Weserware“.

Insbesondere hervorzuheben sind dekorative irdene Teller, Grapen, Schüsseln und Henkelschalen der "Weserware" und der in den Jahrzehnten um 1600 hergestellten "Werra-Keramik".

 

Malhornware der Renaissance

 

Werra-Keramik │ Wanfrieder Irdenware

Die "Werra-Keramik" gilt als die bedeutendste und aufwändigste Irdenware in der Renaissance - mit Ritzverzierungen und teils qualitätsvoll ausgestalteten Zentralmotiven im Gefäßboden.

Fragmente hochwertiger scheibengedrehter, mahlhorndekorierter und innen bleiglasierter Teller oder Schüsseln der "Werra-Keramik" zeigen unterschiedliche ikonografische Hauptmotive, wobei ein gut erhaltenes Spiegelfragment mit dem Zentralmotiv eines Renaissancetracht tragenden Mannes besonders hervorsticht.

Am ehesten dürfte die "Werra-Keramik" durch den Fernhandel mit keramischen Erzeugnissen zu dem wohlhabenden Betreiber der abgelegenen Glashütte im Solling gelangt sein.

Der Erwerb und Besitz dieser "fremden Produkte" kann als ein Indikator für einen gehobenen sozialen Status gewertet werden.

 

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

∎ Fragmente scheibengedrehter "Werra-Keramik"

Mahlhornware einer unbekannten Töpferwerkstatt

Durch Einritzen der Konturen und vermutlich mit Pinsel ausgeführte Schlickermalerei.

Das Gefäßbodenfragment (Bildmitte) zeigt auf dem Fond als Zentralmotiv

einen renaissancezeitlich gewandeten Mann

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Weser-Keramik

Die fachkeramische Rekonstruktion einer scheibengedrehten Schale der "Weserware" [13][14] zeigt innenseitig in Malhornbemalung ein geometrisches, alternierend gelbliches und dunkelbraunes Dekor auf rötlich-braunem Malgrund.

Zahlreiche Fragmente von Schalen/Tellern mit tyischem Malhorndekor der "Weserware" bedürfen noch der weiteren Untersuchung.

Als regionales irdenes Gebrauchsgut verhandelt, gelangte die Malhornware der Renaissance zu der entlegenen Waldglashütte im Solling.

 

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

∎ Teller der polychromen "Weserware" │ Mahlhornware einer unbekannten Irdenwaretöpferei

restauriert und ergänzt

Die Wandung und der Gefäßboden des Tellers zeigt in polychromer Malhornverzierung

ein alternierendes, geometrisch aufgebautes gelbliches und dunkelbraunes Dekor

auf rötlich-braunem Untergrund.

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Steinzeug

Eindeutig zuordenbar ist hochwertiges Steinzeug aus Duingen (Pottland):

  • einfache Salbtöpfchen/Apothekenabgabegefäße

  • Dose mit Knauf-Deckel

  • Vorratsgefäße

Hervorzuheben ist eine hellbraune Deckeldose aus Duinger Steinzeug (scheibengedrehte henkellose Dose und pilzförmiger Deckel mit Griffknauf aus dem Duinger Pottland) mit Rollrädchenverzierung auf der glasierten Oberfläche.

Ein vollständig erhaltenes Salbtöpfchen, wie auch die Boden- und Wandfragmente weiterer Salbtöpfchen, bestehen aus im Scherben hellem Duinger Steinzeug mit brauner Salzglasur auf der Außenseite.

Zudem traten Topfböden mit brauner Innenglasur auf.

 

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

∎ Dose mit Knauf-Deckel │ Duinger Steinzeug │ restauriert und ergänzt

Die hellbraune, unbemalte Keramikdose besitzt auf ihrer glasierten Oberfläche

eine flächendeckende Rollrädchenverzierung.

© [hmh, Foto: Keramik Restaurierung Lüdtke

 

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

∎ Deckelknauf, korrodiertes Fragment │ ⦰ 37 mm

sich nach oben verjüngende, 5 kreisrund abgedrehte Schleifen

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Waldglashütte "Oberes Hellental" │ 1. Drittel 17. Jahrhundert

∎ Salbtöpfchen (Fragmente) │ Duinger Steinzeug

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Irdenware weiterer Gefäßtypen

Daneben konnten bei den zahlreichen Fragmenten der Irdenware weitere Gefäßtypen von Alltagsgeschirr der renaissancezeitlichen Weserware nachgewiesen werden, wie

  • Grapen (Dreibeingefäße), rollrädchenverziert, geometrisches Malhorndekor
  • Pfannen mit Rohrgriff (Stiel-/Tüllenpfannen)
  • Schüsseln / Teller
  • Töpfe

Wo das Koch- und Tafelgeschirr im Einzelnen ursprünglich getöpfert wurde, ist nur teilweise nachvollziehbar.

 

Glasiertes Kochgeschirr (Weserware der Renaissance) vom Töpferort Bad Münder │ um 1600

Rollrädchenverzierter Grapen mit Malhorndekor │ Pfannen mit Rohrgriff

Schalen mit Malhorndekor

restauriert und ergänzt [2][3]

Präsentation anlässlich der Ausstellung "Aus dem Pottland in die Welt" [1]

Museum Bad Münder

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

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[1] Bad Münder: Sonderausstellung im Museum im Wettbergschen Adelshof vom 01. April - 19. August 2012.

[2] MEIER 2012b.

[3] STEPHAN 2012b.

[4] STEPHAN 2021, S. 46.

[13] STEPHAN 2012b.

[14] STEPHAN 1987, S. 100-110.